j Der Roman. <
(g-- Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, t» - ^
Nr. 191.
Mittwoch» 18. Kugust.
1915.
(2. Fortsetzung.)
„Das Tantchen."
<Nachdruck verboten.)
Erzählung von Horst Bodemer.
Heini Klevenich ging nicht mchr in Gedanken versunken auf der Stallgasse spazieren. Er machte große Augen und entdeckte allerlei „Schweinereien". Semen Arger schimpfte er sich vom Herzen, und die beiden Kerls, die ihre Pferde gedrückt hatten und nun kühlen »nutzten, bekamen noch ein Donnerwetter extra . . . Daß auch gerade Tantchen hatte kommen müssen und noch dazu ganz unerivartet, das ließ gewisse Schlüsse zu. Also gab es einen kleinen Tanz, vielleicht sogar mrt Tränen. Egal, er setzte den Dickkopf auf, ritt um fünf nach Laupischkeim und verlobte sich. Für arme Mädchen schwärmte Tantchen gar nicht, das wußte er.ganz genau. Bei ihren: letzten Besuch war sie mit allerlei „Vorschlägen" an ihn herangetreten, und wieviel Dukaten die natürlich alle sehr hübschen und furchtbar liebenswürdigen und kerngesunden Mädchen mit in die Ehe brachten, das hatte sie auch ganz genau gewußt. Ja, am Nhein, da steckte Geld! . . . Wer er ließ sich nicht einwickeln, i Gott bewahre! Die Emmi Böhmer hatte er lieb und ein kerngesundes, tüchtiges Mädel war sie, da streckte nran sich eben für den Anfang ein bißchen nach der Decke, ganz enterben würde ihn Tantchen schon nicht, wenn auch seine beiden verheirateten Schwestern, die es gar nicht so nötig hatten, dann ein bißchen reichlicher „bedacht" wurden. Und im übrigen mochte Tantchen getrost und voller Zuversicht leben, so lange es ihr auf dieser Gotteswelt gefiel! . . .
,Leini, Heini", das kleine Fräulein Würmeling fiel ihrem Neffen um den Hals, sobald er die Wohnung betrat.
„Guten Tag, Tantchen, das ist mal eine Überraschung! Ja, warum I-ast du's eigentlich so entsetzlich eilig gehabt, und nun laß mich, bitte, endlich los, du machst dich ja ganz staubig! Ich will mich schleunigst waschen und umziehen!"
Schritte polterten auf der Trappe, ein hartes Po'chen, Herr Angvabeit trat ein, in jeder Hand einen Markt- korb. Aus dem einen lugten zwölf Flaschen Marcobrunner, aus dem anderen fünf silberne Sekthälse.
„Juten Tag, Harr Leitnant! Da bring' ich die Stärkung, einstweilen langt es woll? Und dm Rest schaff' ich in den Kaller!"
Heini Klevenich lachte.
„Unterhalten Sie sich einstweilen mit meiner Tantel Nebenan wird ein reickchaltig.es Frühstück auf mich warten, ich will mich nur schnell ein bißchen proper machen! . . . Ka—ro—>lek I Ka—ro—lek!"
„Ei jawiß Harr Leitnant, ward ich!"
Karolek fiel ins Zimmer, schleunigst verschwand Heini Klevenich mit seinem getreuen Burschen . . .
Tantchen verspürte aber nicht die geringste Lust, sich jetzt mit Herrn Angvabeit in ein längeres Gespräch ciirzulassen. Also diesen trunksesten Ostpreußen am rechten Ende angepackt l
„Haben Sie vielen Dank! Auf Sie ist doch immer Verlaß! Zwei Flaschen Marcobrunnet brauch ich jetzt Mr, die anderen haben Sie wohl die Jüte mit in den
Keller zu schaffen! Und eine sowie eine Masche Sekt, die ziehen Sie sich mit Ihrer juten Frau zur Feier des Tages nur selbst zu Jemüte!"
Solches „Jemüteziehen" hatte doch wenigstens noch einen Sinn! Herr Angvabeit bedankte sich schön und war froh, als er die Tür wieder im Riicken hatte. Denn daß in der nächsten Stunde nicht der Segen zu einer demnächst stattfindenden Verlobung erteilt wurde, das war sonnenklar! Da brauchte man nur dom sonst so lustigen Fräulein Würmeling ins Gesicht zu sehen.
Die hatte im Eßzimmer den Frühstückstisch gedeckt »nit all den schönen Schlemmevsachen. Sie wußte ja ganz genau, wo alles stand. Nun lief sie aufgeregt um den Tisch herum und wartete auf ihren Neffen. Wie lange der zum Umziehen brauchte. Und dabei half ihm noch der Karolek. Diese Leutnants waren doch eine verwöhnte Gesellschaft! . . . Ein bißchen anders hatte sie sich den Cnipfang heute Vovgestellt, wenn sie auch bitterernst mit ihrem Neffen reden mußte! Auf der langen Bahnfahrt hatte sie sich einen Kriogsplan zurecht gelegt, der war nun freilich nicht mehr anwendbar. Da wurde ihr doch etwas ängstlich zumute. Und als sie gerade darüber grübelte, wie sie dem Heini am besten diesen dummen Gedanken aus dem Kopfe treiben könnte, trat er ein, geschniegelt und gebügelt, im funkelnagelneuen Überrock.
„Hab' ich nnr's doch gedacht, Tantchen! Die reine Bescherung! Und einen Mordshunger halb' ich auch!"
Fräulein Würmeling sah ihn ängstlich an. Sagte ihr Liebling denn nicht mchr? Nein, der stand da mit einer dicken Wulst über der Nasenwurzel und zog sich nervös seinen Überrock glatt, obgleich der saß wie angegossen. Und warum sie gekommen war, das schien er auch ganz genau zu wissen.
„So nimm doch Platz, Heini, und iß, du mußt doch janz ausjehungert sein. Ich Hab' schon im Speisewagen zu Mittag jejessen!"
Er setzte sich, aß wenig von den köstlichen Speisen, aber ein paar Gläser Marcobrunner trank er hastig... über dieses Fräulein Böhmer mit ihm sprechen wollte sie nicht ohne weiteres, er mochte von ihr zu roden anfangen. Denn daß er herausgefühlt hatte, warum sie gekommen war, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Sie ging also ans Umwegen auf ihr Ziel los. Anscheinend seien von den schön geschlissenen Gläsern eine ganze Anzahl kaput gegangen und ein paar angeschlagene Teller habe sie auch entdeckt, Meißener Porzellan sei so schrecklich teuer, und einen Haushalt zu unterhalten, koste heutzutage eine ganze schreckliche Menge Geld.
Während sie das sagte, zuckte Heinis Oberlippe, auf der ein kurzgehaltener, blonder Schnurrbart lag, ein paarmal nervös, über sein geschorenes Haar fuhr er sich mit der flachen Hand und schließlich tot er das Schlaueste, lvas er tun konnte, er lachte hellauf. Frei« lich, es klang ein bißchen nervös.
