Li. Jahrgang.
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U0. 102. Verlags-Fernsprecher No. 2988.
Montag» der» 2. Mär;.
Redaktions-Fernsprecher N». 82. 1903.
Abend-Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 28. Februar.
Das Haus erledigt zunächst wieder eine Anzahl Petitionen nach den Vorschlägen der Petitions-Kommission. — Es solgt die Beratung des Post-Etats. — Staatssekretär K r ä t k e sührt aus, daß den Erfahrungen des Vorjahres entsprechend und in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage die Einnahmen diesmal relativ niedriger hätten veranschlagt werden müssen. Gleichwohl seien an Personal-Ausgaben eingestellt worden, was nur immer als notwendig habe angesehen werden müssen. 5000 neue Beamten- und Unterbeamtenstellen seien ein- gestellt, darunter allerdings nur 2000 neue Assistentenstellen statt 5000, wie er das ursprünglich gewollt habe. Die Zahl der Hilfsarbeiter betrage jetzt 8000, davon aber nur 1400 wirklich dauernde Hilfsarbeiter. Dem vorliegenden Anträge, die Zahl der Oberpost-Assistenten noch um tausend über den Etat hinaus zu erhöhen, könne nicht entsprochen werden. — Abg. Hug (Zentr.) äußert Wünsche materiellen Inhalts und persönlicher Natur. — Abg. Eickhoff (freist Volksp.) sührt ans, trotz der augenblicklichen schlechten Gesamtlage der Reichsfinanzen habe man keinen Anlaß, speziell hinsichtlich des Post- Etats trübe in die Zukunft zu schauen, umso weniger, als der ungünstige letzte Abschluß dieses Spezial-Etats mitverschuldet ist durch Ausgaben für umfassende Fern- sprech-Anlagen. Diese Fernsprech-Anlagen sind durchaus rentable Kapitals-Anlagen und er halte es deshalb auch für richtig, daß dieselben in dem neuen Etat aus dem Ordinarium in das Extra-Ordinarium und auf Anleihe genommen seien. Redner empfiehlt dann durchgängig vierteljährliche Gehaltszahlungen und rügt es, daß die Aussichten der höheren Beamten auf Beförderung jetzt so sehr schlechte seien. Umso schlimmer wäre cs, wenn sich eine Nachricht bestätigte, daß neuerdings mehr Juristen in die höhere Laufbahn einbezogen werden sollten. — Abg. Singer (Soz.) kann das ganze System der Stellenzulagen nicht gut heißen. Die Klagen über den unzureichenden Wohnungszuschuß seien berechtigt. Die Neuregelung des Zuschusses müsse aber allgemein für alle Beamten erfolgen. Bedauerlich sei, daß der Staatssekretär die vorjährigen Wünsche des Reichstags in dem neuen Etat nicht genügend berücksichtigt habe. Das platonische Wohlwollen des Staatssekretärs nütze den Beamten nichts, wenn es nicht in die Tat umgesetzt werde. Redner rügt dann noch die Fortdauer der Maßregelung von Unterbeamten unter Eingriff in ihre staatsbürgerlichen Rechte. — Staatssekretär Krätke erwidert, er stehe auf dem Standpunkte, die Unterbeamten sollten nicht unnütz aufgehetzt werden. Er dulde das laicht und sei verantwortlich für Aufrechterhaltung der Disziplin. (Lebhaftes Bravo rechts.) — Abg. Stöcker
(wildlib.) wünscht Erhöhung des Anfangsgehaltes der Landbriefbvten und beschwert sich über zu umfangreichen Sonntagsdienst an einzelnen Orten. — Staatssekretär Krätke bittet, ihm diese Orte zu nennen. Er werde dann die Sache untersuchen. Herrn Eickhoff gegenüber müsse er bestreiten, daß bureaukratisch verwaltet werde. Was die Nachricht wegen Einstellung von Juristen anlange, so erkläre er, daß er nicht daran denke, die Karriere der höheren Beamten auf solche Weise noch immer zu verschlechtern. — Abg. Müller-Meiningen (freis. Volksp.) moniert es, daß seine vorjährigen Anregungen, zu postalischen Abmachungen mit der Schweiz zu gelangen in der Richtung einer Verkehrsverbilligung, noch immer nicht Beachtung gesunden haben. Weiter rügt Redner es, daß Unterbeamte die Privatwohnung des Postamts-Vorstehers reinigen müßten. Einer, der sich dessen geweigert habe, sei wegen Gehorsams-Verweigerung bestraft worden. — Staatssekretär Krätke entgegnet, von einem solchen Falle sei ihm nichts bekannt. Er wiirde cs für vollständig ungehörig halten, wenn Unterbeamten eine solche Privatarbeit zugemutet werde und gar noch, wenn er sich weigere, bestraft werde. — Abg. Kirsch (Zentr.) plädiert für Erweiterung des Ortstaren-Rayons für verschiedene größere Orte. — Abg. Graf O r i o l a (nat.-lib.) bespricht die Lage der Unterbeamten. — Abg. Werner (Antts.) kritisiert die Lage der Landbriefträger. Deren' Anfangsgehalt müsse erhöht werden. — Abg. Lenzmann (sreis. Volksp.) wünscht, daß die noch fehlenden 1000 Assistentenstellen in den Etat eingestellt würden. — Staatssekretär Krätke erwidert, nicht finanzielle Rücksichten, sondern lediglich Rücksichten auf den Dienst hätten veranlaßt, daß nur 2000 Stellen eingestellt seien. — Der Titel Staatssekretär wird genehmigt und auf Antrag Müller- Sagan (freis. Volksp.) die Assistenten- re. Titel der Budget-Kommission überwiesen. — Montag 1 Uhr: Fortsetzung. — Schluß 7 Uhr.
*
Berlin, 28. Februar. Der S e n i o r e n-K o n v e n t des Reichstags trat heute mittag vor Beginn der Plenarsitzung zusammen. Allgemein wurde die Ansicht vertreten, daß der Etat kaum bis zum 1. April sertiggestellt werden kann. Es soll aber versucht werden, dies zu ermöglichen. Am 28. März soll der Reichstag in die Ferien gehen und am 21. April wieder zusammentreten. Alsdann sollen noch vor Schluß der Session die Krankenversicherungs- Novelle und das Phosphorgesetz zur Erledigung kommen.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 26. Februar.
Im Abgeordnetenhause wurde heute zunächst die Interpellation, betreffend Beseitigung der Notstände in den Stromgebieten, namentlich der unteren Oder, Spree, Havel und Elbe, beraten. Nach Begründung derselben durch einen konservativen Abgeordneten verlas Minister
Budde eine Erklärung, wonach die Regierung das Bor. handensein von Notständen in den betreffenden Stromgebieten anerkennt und die Wünsche zur Beseitigung der. selben teilt. Sie hoffe, möglichst schon im nächsten Jahr« die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen zu können. Hierauf wurde in die Besprechung der Interpellation eingetreten. Nach Erledigung der Besprechung wurde eine zweite Interpellation Beumert und Genossen (uat.-lib.), betreffend die Ausführung des Dortmund- Rhein-Kanals (Emscher Linie), vom Abgeordneten Schmieding (nat.-lib.) begründet. Minister Budde verlas eine Erklärung, in der es heißt, daß es allseitig bekannt sei, daß die Staatsrcgiernng die baldige Ausführung des Dortmund-Rhein-Kanals als Teilstrecke des Rhein-Weser-Elbe-Kanals als notwendig ansehe. Was die Frage anlange, ob die Vorarbeiten so weit abgeschlossen seien, daß die zu wählende Linienführung feststehe, so müsse er erwidern, daß eine Linienführung noch gar nicht endgültig festgestellt sei. Auf der bisher in Aussicht genommenen Linie seien inzwischen sehr viele neue Werke angelegt worden und deshalb habe er eine neue Prüfung über die zu wählende Linie angeordner. Es habe deshalb auch noch nicht mit dem Grunderwerb vorgegangen werden können. Auch diese Interpellation wird von mehreren Abgeordneten besprochen. Hierauf folgt die zweite Beratung des Etats der Bauverwaltung. Die Einnahmen wurden nach kurzer Debatte genehmigt, bei den Ausgaben vertagte sich das Haus auf Montag 1 Uhr. Interpellation, betreffend Erlaß des Erzbischofs Korum in Trier über die dortige paritätische höhere Mädchenschule.
Deutsches Deich.
Die Kanalfragc.
ll. B e r l i n , J. März.
Die gestrige Kanaldebatte im Abgeordnetenhause gab dem Minister Budde die Gelegenheit, in wohlformulierten Erklärungen mitzuteileii, was nicht erst mitgeteilt zu werden brauchte. Es war und ist selbstverständlich, daß die wasserwirtschaftlichen Verhältnisse in den Gebieten der Oder, Spree, Havel und Elbe der unvermeidlichen Besserung unterzögen werden müssen, und ebenso selbstverständlich bleibt es, daß die Staatsregierung am Mittellandkanal festhalten muß. Sie wiirde sich auch bei den Gegnern der Kanalpolitik mir allen moralischen Kredit bringen, wenn sie ein gründlich durchgearbeitetes Unternehmen, dem seinerzeit die kräftigsten und stolzesten Worte mit auf den Weg gegeben worden sind, plötzlich fallen lassen wollte. Inden« also der Verkehrsminister beide Interpellationen sachlich nicht unbefriedigend beant- wartete, tat er scheinbar, was nur irgend zu tun war. In Wahrheit jedoch tat er — und mit ihm die gesamte Regierung — herzlich wenig. Denn wenn irgendwo und irgendwann der Anlaß geboten war, die Kanalpvlitik zum Angelpunkt der Wahlpolitik der Regierung zu machen und alle Welt mit schärfster Deutlichkeit wissen zu lassen.
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewctt.
(17. Fortsetzung.)
Und warum? Weil die Welt, in der er groß geworden war, mit ihrei, knechtischen Gesetzen, mit ihrer philiströsen Moral sich zwischen ihn und sie gestellt hatte, weil vor ihrem gestrengen Tribunal das „Einmal nicht gllt, das ihm die begehrenden Lippen so verführerisch zu- geslüstert hatten, weil „Einmal" hier heißt: Für immer! Und gut!War er dieser Welt und ihrem unerbittlichen Gesetz auch so rettungslos verschrieben durch Erziehung und Gewohnheit, daß es auch für ihn hier nur ern „Entweder Oder" gab, war ihm dies auch klar gewordeii m dem Augenblick gerade, da sich ihm dieses Mädchen ganz zu eigen geben wollte — warum trotz alledem ließ er sie gehen, warum hielt er sie nicht, und war es ailch für immer? Ja, für immer!
Liegt denn wirklich das Glück des Lebens, das einzige erstrebenswerte, nur im alten Hergebrachten? Koniite er sich nicht eigenes aufbauen mit starker Haird? War er nicht Mannes genug, die Fesseln zu zerreißen, die ihn und seine heiligsteri Menschenrechte an diesen blutlosen Schemen banden, das die Gesellschaft hieß? Hatten nicht schon Ungezählte in viel höherer Lebensstellung ein Gleiches gewagt und es nie bereut?
Und gerade sie! Entstammte sie nicht einer Mutter, die zu den besten Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft gehörte, war sie nicht durch Erziehung und Unterricht hinausgehoben über ihre Berufsgenossen? Und wenn er sie heiratete, durfte er nicht hoffen, sie bei einer dauern- den Vereinigung und bei völliger Trennung von der Sphäre, in der sie bis jetzt gelebt, immer weiter emporzuheben zu der Höhe eines neuen Lebens?
Ein fester Entschluß reifte in diesem Augenblick in seinem Herzen. Freilich, ein schönes Gesicht würden sie machen, der Direktor Wöhrmann und die Kolles^" nn>
nnd der Geheimrat Scherler mit seiner hochmütigen Frau,
und seine arme ringlückliche Mutter und — er hielt plötzlich inne und wurde sehr nachdenklich.
Soviel aber war klar: Nicht der geliebten Mutter Trauer, nicht des Vaters ernste Gestalt, die ganze Gesellschaft nicht mit ihren eherneir Gesetzen stand in diesem Augenblick so zwischen ihm und dem fast gefaßten Vorsatz, als eine andere, als Gabriele. Und dennoch! —
Als er in das Eßzimmer trat, fand er Doktor Baumann bei den Damen. Frau Mollinar lud ibn ein, zum Abendbrod bei ihnen zu bleiben, weil er noch einige neue Stücke mit Gabriele auf dem Klavier durchspielen wollte, und er nahm mit sichtlicher Freude an. Bei Tisch kam das Gespräch auf Miß Ellida. Es war das nur möglich, weil ein Fremder anwesend war.
Zwischen Fritz und den Damen galt es sonst ivie eine schweigende Verabredung, niemals diesen Namen in den Mund zu nehmen oder ihn gar zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen.
„Welch ein Segen", sagte Doktor Buumann zu Gabriele gewendet, an die er vorzugsweise seine Worte richtete, „daß dieses Mädchen ihrem Beruf erhalten bleibt, was hätte sonst aus ihr werden sollen?"
„Was aus so vielen anderen Mädchen wird, die weit weniger tüchtig sind, eine gute Hausfrau."
. Frau Mollinar blickte entsetzt auf ihren Sohi«, und der erschrak einen Augenblick über seine eigenen Worte. Jetzt aber, da er sie einmal gesprochen, richtete er sein Auge mit einem festen, trotzigen Ausdruck auf Gabriele.
Die nahm feinen Blick auf. „Der arme Mann", sagte sie sehr ruhig, „der eine Ellida heiratet, wenn er nicht selbst Kunstreiter wäre."
„Du meinst, einen anderen Mann könnte sie nicht glücklich machen?"
„Warum nicht? Melleicht sehr! Auf vier Wochen."
„Und warum nicht länger?"
„Weil sie ihm nach spätestens vier Wochen eines schönen Tages davonlaufen und in ihren Cirkus zurück-
„Das käme auf einen Versuch an!" erwiderte er mit
hartem Trotz.
Doktor Baumann war gegangen und Fritz hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen, da schlich sich Frau Mollinar mit wankendem Schritt in die Fensternische und sank vor dem geliebten Bilde in ihren Sessel, legte die Hände vor dasGesicht und weinte laut und herzzerreißend. Gabriele legte beschwichtigend die Hand auf die Schulter der gebrochenen Frau, aber sie sprach dieses Mal kein Wort. —
„Cirkus Brotti-Wellhoff in dem neuerbauten Cirkus vor dem Berliner Tor. Große Gala-Monstre-Vor- stellung. Ehrenabend und erstes Wiederauftreten nach schwerer Krankheit von Miß Ellida Koralli, der größten Parforcereiterin des Kontinents."
So steht es in den Zeitungen verkündet, so prangt es in RiesenlÄtern von allen Anschlagsäulen der Stadt. In dm Cigarrenläden und den kleineren Buchhandlungen sind BÜder von Miß Ellida ausgelegt. Frau Brstti, verwitwete Wellhofj, geborene Schipassi, hatte die Reklametrommel kräftig gerührt, denn alles, was die Kasse betraf, war ihre Sache, sie verstand sich darauf. Am Vormittag hatte sie mehrere bunte Atlaschleifen von früherm Blumengeschenken aus der Korallischm Wohnung Holm lassen und ein paar billige Kränze dazu machen lassen, der übliche Blumenregen sollte nicht fehlen, und er ivar in solchen Fällen ohne große Kosten zu habe««, inan mußte das Geschäft nur kennen.
Gabriele hatte einnial der kranken Ellida in einer schwachen Stunde, in der auf Genesung wenig Aussicht war, das Versprechen gegeben, im Cirkus zu fein, falls sie noch einmal auftreten würde. Sie mußte ihr Wort einlösen, so schwer es ihr auch jetzt wurde. Der Doktor war durch keine Zusage gebunden. Er war seit seinen frühesten Kinderjahren, wo ihn einmal ein Onkel beim Schützenfeste in der Kreisstadt in eine Heine Kunstreiterbude geführt, niemals wieder in einen: Cirkus gewesen. Die Schaustellungen dort stießen ihn ab, :md für Pferde batte er kein Interesse. Auch Ellida hatte er nie reiten
