■l. Jahrgang.
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101. «erlagS^er»I»rech»r
Margen-Ausgabe.
Politische Uebersiitt.
In dieser Woche ist bei uns viel, sehr viel debattiert worden, und es ist zum Teil mehr, zu>i Teil weniger Grund hierzu vorharrden gewesen. Die Kundgebung des Kaisers über das von Professor Delitzsä angeschnittene - Thema „B a v e l u n d B i b e l", das Prozranmi des I Eisenba.nrministers Herrn Budde, die Affäre !«s Bischofs .Korum M Trier und der Ministerwechsel ft Bayern haben hinreißenden Anlaß zum Diskutieren ind Debattieren geboten Aber noch mehr als über alle die e Dinge ist bei der Etatsberatung im Reichstage gendet worden, obwohl w-der die vorgeschrittene Session, noi) auch die Sache selbst enen Anlutz oder die Berechtigung dazu gaben, die Debatte in so endloser, ermüdender und im wesentlichen doch fruchtloser Weise auszuspinnen.
Die Art, wie der Etat des Reichsamtl, des Innern im Reichstage, man möchte sagen zerredet worden ist, gemahnte häufig cm das Wort: „Getretener Quark wird breit, nicht stark!" Besagte Redewut, d-ren Bazillus zu entdecken einem Jünger des Professors ^ock Vorbehalten bleibt, hat die Situation im Reichstage Zu einer sehr prekären gestaltet. Man will die Session, «m den Parteien Zeit tzU den Wahlvorbereitungen zu lasen, denn schon Anfang Zlpril schließen, aber es ist noci gar nicht abzusehen, 'wie bis dahin auch nur die dringlichsten Aufgaben, vor cÜem der Etat, erledigt werden soll
Auch im preußischen Ableordneten- hause rückt die Etatsdebatte nur lcngsam vorwärts. Ter Mnister der öffentlichen Arbeiten lat sein Herz und sein Programm enthüllt, aber sein Herz gefüllt uns besser als sein Programm, von dem wir jedoch hoffen, daß er es noch revidieren wird. Denn Herr Bürde steht, wohl ir. dem Bestreben, nicht zu schnell mit *m Alten cnrszu- räuriien, den notwendigen Tarifreformer doch allzu ängstlich gegenüber. Eine freigebigere Ham" hat Herr Budde, cms dem übrigens bei seiner Stellung zu den Tarif- refomren wohl mehr die Besorgnisse dcs FinanzministerZ sprechen, bei der Sekundärbahrworlag: bewiesen, die in dieser Woche dem Abgeordnetenhause zugegangen ist. Einm sogenannten „großen Tag" vird das Abgeorü- neterrhariZ zu Beginn der nächsten W-cke zu verzeichnen haben, denn am Montag soll die Inte pellation über den Schulerlaß des streitbaren Bischofs K rum in Trier z.ir Derhandlnng kommen, und man dar' darauf gespawrt sein, wie sich die Regierung zu dem Zischof stellen und Mir das Zentrum sich in diesem Falle ^erhalten wird.
So günstig sind die Chancen oes Zentrums in Pc'-nßen jedenfalls nicht wie in Bayern, wo die Zelürumspartei sich des Sieges über las Kabinet Crcils-
Sonntag» den 1. War;.
heim richrnt — und rühmen kann. Denn darüber Hilst alles Adleugnen und darüber helfen alle offiziösen Ver- tirschungsversuche nicht hinweg, daß der Ministerpräsident Gras Crailsheim gegangen ist, weil er sich der Angriffe des Zentrums nicht mehr zu erwehren vermochte. Es hieße ja über das Ziel hinausschießen, wenn man behaupten wollte, daß der neue Ministerpräsident Freiherr v. P o d e w i l s nunmehr nur das ausführende Organ des Zeittrums sein werde. Daß aber der Eiirfluß des Zeittrums in Bayern eine gewaltige Verstärkung erfahren hat, uitd daß es in Zukunft auf eine weit stärkere Berücksichtiguitg seiner Forderungen rechnen kann, das zeigt schon die Ernennung des Staatsrates W e h n e r zum Kultusminister und die ungeheuere Freundlichkeit, mit welcher die ultramontane Presse deit „neuen Herrn" vom Kultus begrüßt. Im übrigen steht es bereits fest, daß die Veränderungen iin bayerischen Kabinett damit noch nicht ihr Ende erreicht haben.
Das haben übrigens die Vorgänge in Bayern mit denen in Venezuela gemeinsam, daß sie nämlich ihr Ende noch nicht erreicht haben und auch leider nicht so bald erreichen werden. Tie Abwickelung der Tinge geht dort mit venezolanisäfer Gemächlichkeit vor sich, Und kein Tag vergeht ohne Protokoll, so daß man die Befürchtung hegen könnte, der amerikanische Unterhändler Bowen werde demnächst von einer Art Pendant zumTropenkoller, vom Protokoller befallen werden. Vom Standpunkt der Friedensbewegung mag es ja ganz erfreulich sein, daß in dem venezolanischen Konflikt weit mehr Tinte als Blut geflossen ist, aber es wird jedenfalls noch viel von diesem „ganz besonderen Saft" der Diplomatentmte aufs Papier fließen, bis wir unser gutes Geld von Castro und seinen Leuten wiederbekommen haben.
Wir wollen nur hoffen, daß bis dahin eine andere wichtige internationale Frage ihre befriedigende Regelung gefunden hat, die m a c e d o n i s ch e. Tie nwcedonischen Rewnuen gleichen zur Zeit noch den Summen, die wir von Venezuela zu bekommen haben: sie stehen nämlich auf dein Papier. Ob die Durchführung der Reformen sich so glatt arllassen wird, wie es zur Zeit die Diplomaten aller Orten verkünden, das wird mair immerhin ab- warterr müssen. Jedenfalls werden es die Mächte hierbei an einigen kräftigen Winken mit dem Zaunpfabl nicht fehlen lassen dürfen, denn wer bei der verlotterten Paschawirtschaft unter dem Halbmond etwas erreichen will, der muß derb zugreifen. _
Deutsches Deich.
Oberpräsident ». Waldow.
L. 33 e r I i n, 27. Februar.
Posen hat endlich seinen neuen Oberpräsidenten,' es ist der bisherige Regierungspräsident von Königsberg, Herr v. Waldow. Die Ernennung wirkt allgemein als
Feuilleton.
Berliner Mmrnungzbüüer.
Von Paul Lindenbef.
rmittwoq . . . unt «a« t»It weiter! — Auswüchse «»serer igk-it. — Luxus. — Der Bühnenbail »ni> das Feji Ser fioti. — Die Hans Thoma - Ansstcllnia. — Seit den Neo- Ifiouiste«". — Sine Japan. A»sp-l!««g. — Ans dem Theaterleben.
Fastnacht ist vorüber u r d Aschermitt- h auch, aber das bildet keine Grenze im Ver- ungskalender der Reichshauptßadt. Viel nah ist ledigen vom Unterhaltungsprogramm des Wi >ters, nur die Reihe der privaten Festlichkeiten scheint venig abzuebben — man ist allmählich des Tcfelns, dcrns, Tanzens, Courschneidens innerhalb der lichen Pfähle überdrüssig geworden, und das ist ein ommener Vorwand für die, die sich um ihre geselligen flichtungen herumdrücken wollen: „Ach, alles ist
matt und müde, wir warten lieter noch ein bischen", sie warten, bis der Frühling ins Land zieht und dann erst recht froh ist, wenn esi mit Einladungen )ont wird. Ein Winter in Berlin hätte der dop- Reiz, wenn nicht die Flut der gesellschaMchen reuungen, die in ein paar Wmhen zusammen,repretzt en, gar zu erdrückend wäre,- es gibt ja garnichts eres, als wie in einem angeregten Kreise einige nnige Stunden zu verleben, das ist ein Jungbad en ganzen inneren Menschen aber diese Gesckig- en masse mit dem Zusamnenpferchen möglichst und meist garnicht zueinander passender Personen rchtbar. Und welche Opfer, mit oder wider willen, ie häufig den Gastgebern auf, denn gerade in diesem t wird trotz der schlechten Ze ten beträchtliche Ver- ndung getrieben und sucht einer den andern zu bieten: nicht nur wird die Ausschmückung der Tafeln Zimmer mit Blumen — auch wenn sie in manchen en von den Gärtnereien bloß geborgt und am näch- Tag wieder abgeholt werden' — immer kostbarer. ,ern man widmet auch den Dcmen allerlei niedliche
Geschenke oder veranstaltet für sie eine besondere Verlosung mit hübschen Gewinnen, ganz abgesehen von den Kotillon-llberraschungen, die bei einem kürzlich hier von einem hohen Offizier gegebenen „kleinen Hausballe" auf weit über tausend Mark geschätzt wurden. Von der Verteilung von Brillantringen, -Broschen, -Krawattennadeln, sowie Schecks nach dem Muster der Vierhundert in New-Iork hat man noch nichts gehört — dann bitte ich auch um eine Einladung, denn da f ü r kann man sich schon mal den Magen verderben!
Von den in letzter Woche stattgefunöencn großen öffentlichen Festlichkeiten seien der Bühncnball und der Ball der Sezession erwähnt, beide zahlreich besucht, beide vergnügt und in gewissem Sinne auch ausgelassen. Ter zu wohltätigen Zwecken veranstaltete Btthnenball hat sich seit Jahren bereits bei uns sein Bürgerrecht — obwohl sogenannte bürgerliche Elemente am wenigsten auf ihm zu finden sind — erworben: nach endlosen mnsikalischen und deklamatorischen Darbietungen folgte um Mitternacht der Tanz und damit fing das eigentliche Vergnügen an, denn erst um diese Zeit stellten sich die Besucherinnen ein, die derartigen Festen die rechte Würze verleihen: die Damen vom Theater. Stern bei Stern konnten die übrigen Sterblichen bewundern, und auch an Sternchen fehlte cs nicht, sogar nicht an Irrlichtern. Daß diese Feeen aus Thaliens Reich sich für den Mittelpunkt der — sagen wir bescheiden Berliner — Welt betrachten, kann man ihnen nicht verargen, wenn man sieht, wie der letzten Brettl-Diva gehuldigt und ihr oft recht eigentümliches Tun und Lasten mit so liebevoller Aufmerksamkeit beobachtet wird, als ob cs sich um eine der ersten Größen am Kunsthimmcl handle. Und die Kleine entwickelt doch bloß himmlischen Durst und ein so „einnehmendes" Wesen, daß sich mancher Kavalier dabei gänzlich vcrausgibt!
Neu und eigenartig war der S e z e s s i o n s b a l l, den die auf die Sezession eingeschworenen Maler, Bildhauer und Zeichner in den wunderhübsch dekorierten Räumen des Hauptgebäudes unseres Zoologischen Gartens am Fastnachtabcnd veranstaltet hatten. Die größte Überraschung bereiteten einem die Veranstalter selber,
RedaktiouS^ernspreckier No. 52. 1003.
Überraschung, denn gerade auf diese Kandidatur war niemand verfallen. Herr v. Waldow kann natürlich als unbeschriebenes Blatt nicht bezeichnet werden; er ist selbstverständlich von stramm konservativer Gesinnung, aber er ist doch niemals besonders hervorgetrctcn, und namentlich dem Bündlertum gegenüber soll er sich bisher ziemlich reserviert verhalten haben. Seine Ernennung ist ohne irgendwelche Erregung aufzunehmen. Weder im guten noch im schlimmen wäre ein Anlaß auffindbar» aus der kühlen Beobachtung herauszutreten. Möge Herr v. Waldow sehen, wie er sich in den verfahrenen Verhältnissen der Provinz Posen zurechtzufindcn ver» mag. An guten Ratschlägen wird es ihm ja nicht fehlen. Die Vorkämpfer der Ostmarkenpolitik werden von ihm die größte Entschiedenheit in der Bekämpfung des Polen- tums fordern, das Agrariertum wird ihm zu verstehen geben, daß er ohne ein gutes Verhältnis zu dem mächtigen Herrn Endell verloren sein werde, und wenn er noch weiter herumyören will, welche Verhaltungslinie man ihm empfiehlt, so gerät er vielleicht auch auf den Professor Delbrück, der seit Jahren nicht aufgchört hat, die gegenwärtige Polenpolitik der Regierung in Grund und Boden zu verdammen. Was man auch von den Ratschlägen Delbrücks halten mag, pikant jedenfalls sind sie. In den „Preußischen Jahrbüchern" sind sie zur Auswahl angegeben. Ihrer zwei sind es: „Entweder das Amt anzutreten mit dem Phlegma jenes österreichischen Ministers und sich als erstes gute Pensionsbcdingungen zu sichern, oder aber zu fordern, daß ihm die Freiheit gegeben werde, sobald er sich durch eine letzte Probe überzeugt, daß es so nicht gehe, das ganze System über Bord zu werfen und statt der Jllusionspolttik eine wahre Realpolitik mit deutlichen und erreichbaren Zielen zu treiben, wie sie auch allein der Würde und Ehre dcs deutschen Nationalcharakters entspricht". So Delbrück. Es ist nur eine Stimme unter vielen, und da Herr v. Waldow cs schwer haben dürste, allen Ansprüchen gleicherweise gerecht zu werden, so entscheidet er sich vielleicht dafür, seinen eigenen Ratschlägen zu folgen, wobei man nur wünschen und hoffen kann, daß sie etwas taugen und zum Wohl der geplagtesten aller preußischen Pro- vinzen ausführbar sind. — Was die übrigen Veränderungen in den höheren Verwaltungsämtern betrifft, so werden sie durch die eine Tatsache hinlänglich charakterisiert, daß der eifrige Begünstiger dcs Agrarkonscrvatis» mus, Herr v. Brandenstein in Hannover, wirklich d»s Regierungspräsidium in Magdeburg erhalten hat. Es ist hiernach nicht mehr erlaubt, auch nur von der Andeutung eines Systemwcchsels zu sprechen: »«an hat es lediglich mit einem Hin und Her von Verletzungen und Neuernennungen zu tun, die allesamt d->s Bestimmend«: haben, daß das Wesen des hcrrschen-en Systems völlig unverändert bleiben soll. Konseroativ bleibt Trumpf, und Konservativ und Agrarisch und blutsverwandt. Wer seine Freude an ausgetüfteltcn Nuancen hat, mag sie in der Untersuckung eines Mehr oder Weniger an Ge.
die sich teilweise bisher geberdet hatten, als ob unseres Erdballs freudenreiche Seiten für sie nicht beständen und sie sich nur mit tiefstem Leid und dem Jammer der Bedrängten und Verlorenen beschäftigen müßten. Und siehe da, sie entpuppten sich als erfindungsreiche Fest» arrangeure und liebenswürdige Wirte, die alles taten, um den in gedrängter Fülle Erschienenen ein Stückchen ungetrübten Karnevallebens vorzusctzen. Die Ausstattung des Hauptsaales, die fünfzehn „braune Lappen" gekostet haben soll, war eine ebenso originelle wie farbenprächtige und es fehlte nicht an witzigen Verspottungen der Führer der sezcssionisttfchen Bewegung. Nicht minder witzig war die mimische Darstellung der feierlichen Eröffnung der 151. Sezessions-Ausstellung, an der auch ein gekröntes Haupt mit seinem Hofstaat teiluahm, denn längst überwunden waren die Sympathieen für den Klassizismus, veraltet die Anerkennung der Renaissance, o, die Moderne war sehr hoffähig geworden! Und man konnte die Huld des Fürsten ihr gegenüber begreifen, wenn man die vielen allerliebsten modernen Erscheinungen im Saale betrachtete, reizende Frauen und Mädchen, die diesmal ihre Köpfchen gehörig angestrengt hatten, um etwas Apartcs in der Kostümierung herauszufinden. Und das war vielen von ihnen gelungen, wennschon sich's manche Evaschwester bezüglich der Gewandung mehr wie bequem gemacht und sich in die Zeiten zurückgcdacht hatte, in denen man in paradiesischer Unschuld mehr auf Form wie auf Gewandung gab! Aber das beeinträchtigte die Lustigkeit nicht, „au eoatiollenr", und als der Aschermittwoch heraufdämmerte, ging es noch hoch her im „Zoo". Später sollen sich die Affen daselbst gewundert haben übcr die außerordentliche Konkurrenz, die ihnen über Nacht erstanden war, und Professor Gibson, der große Kenner der Afsensprache, er hätte vor den Käfigen der langgeschwänzten Kletterer an jenem Morgen erstaunliche Dinge hören können über das seltsame Gebaren verschiedener aufgeputzter Menschenkinder. „Wir wirkliche Affen sind doch viel vernünftiger", soll ein ergrauter Schimpanse zu seinen aufmerksam horchenden Jungen gesagt haben, „jene Leutchen da versuchen stolz auf zwei Beinen zu gehen und kön-
