1. Beilage mm Wiesdaüener TagblaN.
Uo. 101. Morgen-Ausgabe.
Sonntags den 1. Mär;.
81. Jahrgang. 1903.
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Wic's innen, so ist'« draußen auch.
Ist'« innen liebt und hell.
So dünkt die Well Dir lieb und schön.
Sin reicher Freudenquell.
Wer Nacht und Trug im Busen hegt,
Sieht immer Nacht »nd Trug;
Wer Gott im tiefsten Herzen trägt.
Sieht ihn im Weltenbuch.
RitterShan».
(35. Fortsetzung.)
Dre Sängerin.
Roman von E. Schöycn.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.
Es war Sonntag Abend. Scharen von festlich gekleideten Bauern aus den umliegendenDörfern ivanderten den Berg hinan, um dem Gottesdienst in dem alten Kloster beizuwohnen. Elsa wünschte auch dorthin zu gehen. Es war lange her, daß sie ihren Fuß in eine Stirere gesetzt hatte. Bernhard hatte ihr dies stets aus Besorgnis vor Zug und schlechter Luft verboten.
Das Meer lag wie fließendes Gold im Feuer des Sonnenunterganges. Aber nun tauchte die brennende Kugel in der Ferne ins Meer hinab und die Farbenpracht des Himmels wurde von der herabsinkenden Dtmkelheit gedämpft und verhüllt.
Auf dem Felsenabhang neben dem Kloster lag die kleine Kirche, die mit ihren Hunderten von Lichtern die Arrdächtigen heranwinkte. Sie glich in der Ferne einem grcurschimm ernten Stein mit glitzernden Öffnungen.
Elsa und die Majorin traten in die Kirche ein. Längs der Wände standen kleine Altäre mit roten Pfeilerit und Heiligenbildern aus Holz in Blau und Gelb, orientalischen Draperieen, sowie Figuren, umwimden mit Immortellen. Der Hochaltar, hoch oben hinter dem breiten, vergoldeten Gitter, war mit duftendenBImnen geschmückt, während eine Sammlung von Herzen aus Messing, Silber ititb Gold unterhalb der breimenden Wachslichter erglänzte. Auf den Bänken inneichalb des Gitters saßen alle Nonnen in weißerr Gewändern und mit weißen Schleiern vor dem Gesicht.
Elsa wurde in eine sonderbare weiche Stimmung versetzt beim Anblick dieser Menge, welche vor den Betstühlen oder mitten im Chor rmd in allen Gängen und Ecken kniete. Die Nonnen vor dem Altar begannen zu singen. Eine hohe Frauenstimme antwortete vom Orgelchor über der Eingangstür. Welches Gefühl in dieser Stimme, welche Macht in diesem Vortrag«! Die reinste Seele atmete rn diesen bald weichen und flehenden, bald starken und stegesgewissen Tönen. Elsa wurde so er griffen, daß sie rmwillkürlich in die Kniee sank. Sie preßte die Hände gegen ihre Augen, lauscherrd — und dann geschah etwas, das für ihre ganze Zukunst entscheidend wurde.
Während die Orgel in mächstgen Harmonien brauste, erinnerte sie sich ihrer Kindheit, da sie noch mit ihrem alten Großvater in der Kirche saß. Er hatte immer ge
sagt, wenn sie die Psalmen recht schön singe, so sei das dem lieben Gott der beste Dank für all' das Gute, was er im Laufe der Woche zugewandt habe. Und dann hatte sie mit voller .Kraft gesungen, um sicher zu sein, daß Gott sie höre und seine Hand über sie breite.
Jetzt, nach Verlauf so vieler Jahre, fühlte sie dasselbe Bedürfnis laut hinauszusingen, was in ihr sich regte, ihre Not zu klagen und um Hülfe zu flehen. Ihre Seele war lange tot und kalt gewesen — jetzt wachte sie auf, fetzt schmolz sie in Wehmut und Tränen dahin.
Elsa und die Majorin waren die letzten, welche die Kirche verließen. Als sie Arm in Arm den Berg hinab- sttegen, sagte Elsa:
„Der Kirchengesang ich doch die höchste Musik. Ich begreife nicht, warum ich das früher niemals gefühlt habe. Ich möchte Nonne sein, blos um dort stehen zu dürfen und zu singen, während die Menschen in der Kirche im Gebet knieen Das ist Musik! denke dir nur Mama, welcl^e herrliche Aufgabe es ist, die Seelen wahrhaft zu Gott zu erheben!"
„Ganz g ein iß", antwortete die Majorin. „Viele müde Herzen vermögen kaum der Predigt zu folgen, aber der Rttrsik folgen sie, weil sie mildert und ttöstet."
In demselben Abend begann Elsa eine Kirchenarie zu singen.
Da faltete die Majorin entzückt die Hände. „Etwas Schöneres hat man nie gehört. Es ist wahrlich Sünde, mit einer solchen Gabe sich von der Welt abzusperren. Ae Welt harret deiner. Tie Menschen hal>en ein Recht auf dich!"
Am folgenden Morgen telegraphierte Elsa nach Mailand und erbat sich Bachs und Palästrinas Kirchenmusiken, und um in deren Geist einzudringen, begann sie auch sich in religiöse Schriften zu verliefen. Die alte Bibel mit den messingmen Beschlägm. die einzige Erbschaft von ihrer Mutter, hatte sich stets in ihrem Koffer befundm. Jetzt lag sie fast immer zwifchm ihrm Händen aufge- schlagm. Sie las von David, dem ersten großm Kirchensänger, und sein Beispiel gab ihrer Zukunft ein neues Ziel. Sie sah ihn mit der Harfe sitzen und vor dem düsteren Saul spielm. — Und Davids Gesang verjagte die Schatten der Seele deS Königs. Die Worte begeister- tm sie. Hier ist die höchste Aufgabe des Gesanges, dachte sie: die Schatten von den mit Krimmer beladenen Seelen zu verjagen, Entsetzen vor dem Bösen, Liebe zum Guten zu erwecken! „Wie konnte ich Fried«, und Freude er- wartm, ich, derm Strebm darauf hinaus ging, meinm persönlichen Ehrgeiz zu befriedigm?" Eines Morgens trat die Majorin in das Schlafzimmer, während Elsa noch im Bette ruhte. Sie hielt ein Buch in der Hand; ihr Gesicht glänzte wie die Sonne. „Mama", sagte sie, „Gott hat mir meinen Beruf gezeigt! Wie David will ich singen, um ttaurige Herzm zu heilen! Von jetzt an ist mir meine Kunst eine heilige Mission!"
Elsa hatte sich selbst wieder gefunden.
*
Elsa schrieb einen langen Brief nach Pari?:
„Geehrter Herr Bernhard!
Ich reiche Jhnm die Hand zur Versöhnung. Lasim
Sie das, was uns trmnt«, jetzt vergessen sein, da di»
Person nicht mehr ist, welche die Ursache unseres Zer» würfnisfes toar. Ich meinerjeits sehe sehr wohl ein, >vaÄ ich Jhnm zu danken habe, und daß ich wohl niemals dm Ramm erlangt hätte, dm ich jetzt besitze, wenn Sienich! mein Ratgeber und meine Stütze gewesen wären. D a ich krank und in schwerer Sorge war, habe ich seit längerer Zeit nicht singm können. Indes hat mein« Stimme wedm ihre Farbe, noch ihre Kraft und Ausdauer verloren. Ich fühle mich imstande, meine Arbeit wieder aufzunehmen«
Aber nun tonten Sie wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wmn ich Ihnen mitteile, daß ich nie mehr auf dem Theater auftreten will. Währmd der langm Zeit, bie rch hier in der Einsamkeit verbracht Habe, habe ich gelernt, ernster zu urteilen.
Niemand hat die Aufgabe des Bühnmgesangs höhm gestellt als ich. Aber gerade deshalb hat vielleicht auch niemand mehr als ich den Unterschied zwischen denr, nne er gepflegt wird und wie er fein müßte, gefühlt.
Die Privattheater sind nur Geldspettilationen, wie jede andere, und um die Lrtaatstheater steht es wohl noch schlimmer. Sie wissm am besten, was für Erfahrungen ich da gemacht habe.
Eine feinere Natur wird niemals in dieser Atmosphäre atmen können, ohne jede Stunde des Tages sich ve- jchämt zu füblm. Diese Kunstausübnng. welche du: höchste Freude des Künstlers, die Feststunden m seinem Leben ausmachen sollte, sie ward im Gegenteil zu eurer Qual oder zu der reinen Kornödie.
Aber es ist doch mein fester Glaube, daß es mir nicht nur gestattet, sondern auch eine Pflicht ist. mein Talem zu nützen. Deshalb will ich zu singen fortfahreir, aber ich will mich darauf beschränken, in Konzerten und m Kirchen zu singen, aber gewiß niemals mehr eine .irmee Von dressierten Claqueuren unterhalten. Xsw trnll etwas Gutes, etwas Großes unter den Menschen vollbringen und deshalb wird mir eine einzige Träne eines ergriffene Hörers stets teuerer sein, als der lärmendste EntquslaD- mus. Ich suche nun einen Unternehmer, der eine Konzert- Tournee durch Europa. Amerika, Australien und andren arrangiert. Haben Sie nicht selbst Lust, so suchen Sw, bitte, für mich einen anderen Impresario der, wre Sw, alle Sprachen spricht iind die Verhältnisse m fast allen diesen Ländern kennt."
Einige Tage später erhielt Elsa Antwort von Bernhard:
.Ich nehme das Anerbieten an und komme in zw« Tagen. Aber wenn ich darauf eingehe, der Leiter diesen Jagd noch dem Ideal zu sein, so ist es nur, weil ^hr Name schon fest steht. Vor einigen Jahren noch wurde ich geantwortet haben: Die Erfahrung hat mich Öfjeort* u«s notwendig ist, um das launenhafte Kind, das Publr- knm zu fangen. Man muß entweder dem Lorbeer ent» sagen oder auch die Mittel anwenden, die notwendig sind, um ihn zu gewinnen. Jetzt indessen stehen Si« nm schon bekränztem Haupte da. dank meiner genügen Person-- und es liegt nun ganz bei Ihnen selbst, m wie weit sw Trium-pbe'feiern oder verschmähen wollen/
(Fortsetzung folgt.)
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