Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Uo. S>9. Morgen Ausgabe.
Samstag, den 28. Februar.
81. Jahrgang. 1903.
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- . . „„man mnf! die TFciber besser erziehen!"" — „Man „mg die Männer besser erziehen", faßte der weise Mann . . .
Nietzsche.
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(34. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Noman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
Als sie, was sie gewünscht, erhalten hatten, wurde Tee aufgetragen.
Elsa legte die Nersekleider ab, während sie ihre Handtasche öffnete, um eine Schreibmappe herairszunehmen, und sagte in gleichgültigem Tone:
„Hier ist ja eine italienische Oper in der Stadt, nicht wahr?"
„Ja", antwortete das Mädchen in einer Mischung von südspanischem und französischem Dialekt. „Zwei der vornehmsten Künstler wohnen hier im Hanse."
„So? Welche denn?"
„Ifun, er heißt etwa wie Dessa oder Dussa und soll Tenor sein. ^Ein heiterer und freigebiger Herr. Er hat seine Frau bei sich. Sie ist Primadonna, sagt man."
„Seine, seine Frau!-" die Schreib moppe entfiel
Elsas Hand und ihre Stimme zitterte.
„Wie sieht sie aus?"
„Es ist eine große blonde Dame mit blauen Augen. Sie wohnen gerade hier eine Treppe höher. Heute abend singen sie in den „Hugenotten". Übrigens behaupten einige, daß es gar nicht seine Frau sei. Der Portier er- zählte mir gerade heute, daß er mit einer anderen Sängerin verheiratet sein soll, die viel berühmter ist, als die Sängerin hier. Aber ich weiß nun wirklich nicht, wie es sich damit verhält; diese Art Leute nehmen es ja nicht so genau."
Elsa hörte nichts mehr; cs sauste vor ihren Ohren und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Im nächsten Augenblick lag sie bewußtlos am Boden.
Die Majorin und das Dienstmädchen hatten die größte Mühe, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen. Sie lösten ihr die Kleider und badeten das Gesicht 'mit Essig.
Als sie endlich die Augen aufschlug, wußte sie in: ersten Augenblick nicht, wo sie war, aber sobald sie die Freni.de sprechen hörte, stand die Wirklichkeit wieder vor ihr.
„Bitten Sie den Wirt die Rechnung auszufertigen. Ich reise sofort!"
„Aber Sennora, Sie sind ja krank", rief das Dienst- mädchen erschreckt ou£, „und in einem solchen Wetter!"
„Du mußt dich auf jeden Fall ausruhen und einige Stunden schlafen", bemerkte die Majorin.
„Bringe:: Sie die Rechnung. Schaffen Sie mir einen Wagen", befahl Elsa in einem Tone, der keinen Wider- spruch gestattete.
Das Mädchen verschwand lautlos.
„Fort aus diesem Hause!" stöhnte Elsa mit flammenden Augen und brennenden Wangen, wie im starker: Fieber. „Widersprich mir nicht! Mich dünkt, das ganze
Hotel ist von der Pest angesteckt! Ganz Madrid ist ein Schmntzloch! — Fort! So weit, so weit wie möglich! — Und mit einem solchen Menschen habe ich zusammen gelebt! — Welche bodenlose Schande! Welckie Erniedrigung! Ich werde sie niemals von mir abwaschen können! Mein eigener Gatte!"
„Kind, Kind, beruhige dich!" bat die Majorin, die in diesem Augenblick ebenso verzweifelt wie Elsa selbst war.
_ Draußen wütete ein furchtbares Wetter. Aber Elsa ließ sich nicht abschrecken. Die Stimmung der Natur entsprach ihrer eigenen, Sie fühlte ein Verlangen, barhaupt hinauszueilen, hinaus in die Finsternis und den Strrrm, gleichgültig wohin.
Eine Stunde später hatten sie Madrid verlassen.
Als sie nach Barcelona tainen, war ihre ganze Barschaft zu Ende. Aber der schwedisch-norwegische Konsul verschaffte ihnen mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit die Mittel, daß sie die Reise fortsetzen konnten.
Rach einer vierundzwanzigstündigerr Eisenbahnfahrt blieben sie schließlich in der Nähe von St. Remo. Es war ein kleines Fischerdorf, das selten oder niemals Besuch von Ausländern erhielt. Auf der Station erfuhren sie, daß der Doktor im Orte kürzlich gestorben und daß sein möbliertes Haus zu vermieten sei. Einer der Eisenbahnbeamten begleitete sie und die Sache wurde schnell geordnet: sie zogen noch an demselben Tage dort ein.
Die Kamnrerjungfer und der Chinese verpflichteten sich, sowohl den Haushalt als die Aufwartung zu besorgen, denn Elsa hätte es nicht ertragen, fremde Ge- sichter um sich zu sehen. Der bloße Anblick eines Menschen peinigte sie schon.
Am folgenden Morgen suchte sie alle die kleiner: Gegenstände, Noten und Schmucksachen, die Deska ihr gegeben hatte, zusammen und schickte sie ihm nach Madrid, aber ihm gn schreiben, konnte sie sich nicht entschließe::, so widerwärtig war er ihr geworden.
Die Majorin mußte sich bemühen, einen kleinen Brief zusammenzusetzen, worin sie ihm rnitteilte, daß Elsa seine Verhältnisse kenne, und daß sie infolge besser: jedes weitere Zusammenleben mit ihm für eine Unmöglichkeit ansehe.
Sie gab keine Adresse auf. Elsa wünschte keine Erklärung, wollte keine Antwort.
IX.
Es war ein hellrotes Steinhaus mit grünen Türen und Fensterläden, das Elsa jetzt bewohnte. Die Möbel waren dürftig, aber die Teppiche und Gardinen hatten warme, bunte Farben. Ein Piano war nicht zu Verfügung — der Besitzer hatte wahrscheinlich der Musik nicht gehuldigt. Allein Elsa meinte, sie werde Wohl aus lange Zeit hinaus keines Jnstrrrmentes bedürfen.
Rings um das Haus ging ein Garten, in dem Purpur- rosen, schwarze Weintrauben und goldener Mars nebeneinander wuchsen. Vor dern Hause glitzerte das lang« blaßgelb« Strandufer, wo die Fischer ihre Netze unter Singen und Schelten aufzogen. Die Sonne stand immer leuchtend am unumwölkten Himmel.
Elsa saß während des ganzen Tages auf der Steinbank vor der Tür; gleich der: Pflanzen und Blumen sog auch ihr Körper Lebenskraft aus dem sonnigen Licht. Aber das Herz drinner: war erfroren. Hier regte sich keine warme Empfindung, hier herrschte nur Gleichgültig
keit gegen sich selbst wie gegen die ganze Menschheit, ein idiotischer, gedankenarmer Zustand, der fast an Stumpfsinn grenzte.
Tie Majorin hörte sie eines Tages vor sich hinflüsternr „Der Anfang war ein herrlicher Traum, das Ende ein Martyrium! —" Ein langer, tiefer Seufzer folgt« diesen Worten; ober dann erwähnte sie mit keinem Worts wieder der Vergangenheit, welche ihr solche Enttäuschung gebracht hatte.
Die schwedischen Zeitungen kamen regelmäßig zwei« mal in der Woche an. Elsa las sie von Anfang bis zu Ende — sogar der: politischen Teil und die Bekanntmachungen, — das heißt die Augen glitterr über dis Zeile::, ohne daß die Seele folgte. Die italienischen Musikzeitungen wurden nur von der Majorin geöffnet« Diese verfolgte noch mit Interesse die .Kunstnachrichten« obgleich auch für sie die Künstlerlaufbahn. welche ihrev Pflegetochter soviel Leider: gebracht, allen Glanz verloren hatte. Elsas Unglück, an dem sie sich nicht ohne Schuld fühlte, ging ihr tief zu Herzen; in fvenigen Monaten alterte sie unr Jahre. Auch materielle Sorgen blieben nicht aus.
Wie hatte Elsa gearbeitet, welche Opfer waren gebracht worderr, und doch stand sie nach auf demselben Punkt wie am Beginn! Riesige Summen waren durch ihre Hände gegangen und verschunderi. Alles verschwunden! Und nur deshalb, weil sie wahnsinnig genug gewesen war, sich mit diesem Mann zu vereinigen, dessen Vergangenheit durchaus keine Bürgschaft für eine glückliche Zukunft bot. l>kun mußten neue Auswege gefunden! werden, urn die fehlenden Mittel zu dem Allernotwendig- stenß;:: erschwingen. Sich an Freunde oder Verwandte in Schweden zu wenden, war unmöglich. Alle glaubten, daß Elsa ein großes Vermögen besitze, und in diesem Glauben mußte:: sie auch erhalten bleiben, denn das Talent ohne Geld bedeutet in unseren Tagen nichts, und die Majorin war klug genug, um dies einzusehen.
Der einzige Ausweg aus dieser augenblicklichen^ Verlegenheit war, alle kostbaren Trophäen Elsas, als: Fächer, Pelze, Teppiche rc. auf einer Kunstauktion im Hotel Drouot verkaufen zu lassen. Dieses wurde augeriblicklich zur Ausführung aebracht und ihrer Not war dadurch abgeholfen.
Eines Vormittags, als Elsa wie immer auf der Bank saß und auf das Meer hinausstarrte, kam die Majorin mit einer Mnsikzeitung in der Hand herausgestürzt. Sie zeigte auf die erste Seite, wo mit fetten Buchstaben gedruckt stand:
„Die große Oper in Madrid ist vorgestern vollständig niedergebrannt. Mehrere von den mcstretenden Künstlern wurde:: von dem Rauch erstickt, unter anderem müssen wir :nst tiefer Trauer den berühmte:: Tenor Samuel Deska nennen —"
Elsa blieb reglos wie eine Marnwrstatue. Sie fühlt» nichts. — Es war, als gelte es einem fremden Manne« Sie laS den Bericht zu Ende. Unter den Umgekommonen war auch die ungarische Sängerin. Sie waren gerade im Begriff gewesen, das große Duett im vierten Akt der „Hugenotten" zu singen. — Das Bild dieser Frau erhob sich gleich einer unübersteiglichen Scheidewand zwischen dem toten Sänger und seiner Gattin. '(Fort!, so'gi.)
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