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Sl. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Pre' durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Pit Hmdtrt-Wrt uni Her WIMM.

Unser Pariser Korrespondent schreibt uns: Als

Vorspiel zu dem eigentlichen Humbert-Prozeß, der vor den Geschworenen verhandelt werden wird, fand bekannt­lich vor einigen Tagen vor der neunten Pariser Straf­kammer der Verleumdungsprozeß des Bankiers Cattam gegen Therese Humbert und ihre Familie statt, welcher mit der Freisprechung der Angeklagten endete, denen nicht nachgewiesen, lverden konnte, daß sie wider besseres Wissen gehandelt hätten, als sie Cattani des Wuchers bezich­tigten. Die „große Therese", wie sie hier allgemein ge­nannt wird, verließ stolzen Hauptes den Sitzungssaal, in welchem ihr Gegner mehrere recht schliinme Viertel- stündchen durchgemacht hatte. Gegen diesen Ausgang des Handels läßt sich nichts einwenden., denn der Kläger erhielt nur das, was er verdiente, und war offenbar sehr schlecht beraten, als er den Prozeß einleitete, anstatt sich damit zufrieden zu geben, daß eine frühere Klage, welche die Humberts wegen Wuchers gegen ihn angestrengt hatten, vom Gericht zurückgewiesen worden war. Seltsam war es allerdings zu beobachten, daß sich gleich vom ersten Verhandlungstage an eine ausgesprochene Sympathie für die Angeklagten des Publikums bemächtigte, ein Umstand, der es nicht völlig ausgeschlossen erscheinen läßt, daß später, wenn Theresens Schicksal m der Hand der Geschworenen ruhen wird, die größten Überraschungen unserer warten. Eine Freisprechung derselben wäre m der Tat wohl das tollste, was die französische Recht­sprechung, die mit der deutschen keinen Vergleich aushalt, uns bieterr könnte. , _ , ,,

Auch Justizminister Vallä ist aus den Debatten dev Cattani-Prozesses nicht ganz unbeschädigt hervorge^ gangen Er war der ehemalige Sachwalter Cattanis und das zahlreiche Publikum trug während der mehrtägigen Verhandlungen offen eine höchst feindselige Haltung gegen ihn zur Schau. Der bekannte Rechtsanwalt Henri Robert, der gewandte Verteidiger der Huniberts gab seinem früheren Kollegen manche bittere Pille zu schlucken. „Die Politik", rief er aus, „ist ein schwerer Schaden für hie Rechtspflege geworden. Der Klient wählt heutzutage einen Advokaten, nicht weil er Talent hat, sondern weil er Deputierter oder Senator ist. Auch Cattam wählte Balls nicht wegen seiner juristischen Fähigkeiten, son­dern weil er Senator und ministerfähig war. Es ist außerordentlich beklagenswert, daß man sagen kann, der französische Justizminister ist der Hüter der Jnteresten eines Cattani geblieben." Viel weiter gingen dre An­griffe der Valld feindlich gesinnten Presse, m welcher man kurzer Hand die Demission desselben verlangte Nach unserer Meinung sind die gegen ihn gerichteten Anklagen nur zum Teil begründet. Er verteidigte ferner Zeit

Cattani, wie jeder andere Advokat es getan haben wurde. Er ist freilich ein sogenannter politischer Rechtsanwalt gewesen, den der Bankier nur nahm, weil er ihm großen Einfluß auf die Richter zutraute. Aber Cattani inachte ich sicher eine zu große Vorstellung von den von Balle zu erwartenden Diensten. Es gab eine Zeit, wo der Ern- lluß der Therese Huinbert viel größer war als der sermge. Damals streßen Cattani und Valld auf bedeutenden Widerstand bei den Richtern, als sie gegen die Humberts Vorgehen wollten. Die Verfolgung rückte _ nicht vom Flecke, die Voruntersuchung wurde^ nachlässig geführt. Balls geriet darüber in so gereizte Stimmmrg, daß er, nachdem er Justizminister geworden loar, dm General­staatsanwalt Bulot seines Anrtes entheben wollte. Das Blättchen tvendete sich im Humbert-Handel erst, als Therese die Flucht ergriff, der berüchtigte Geldschrank m der Avenue de la Grairde Armee leer gefunden wurde und die Gaunerei allen, in die Augen sprang. Jetzt wollten plötzlich verschiedene Richter die Familie nicht mehr kennen und einzelne, die sie früher beschützt hatten, erklärten sogar, sie niemals gekannt zu haben. Nunmehr erst konnte Ballä erreichen, daß sich die Justiz, die bisher durch Theresens Einfluß förmlich gelähmt erschieii, etwas schneller in Bewegung setzte.

Wenn also in allen Zwischenfällen der Prozedur gegen die Humberts und in ihrer plötzlichen Flucht sicherlich manchen richterlichen Beamten ein verdienter Vorwurf trifft — worüber der Hauptprozeß vielleicht einige Aufklärung bringen wird — was die Person des Justiz- Ministers anbelangt, wüßten wir nicht, wodurch die giftigen Angriffe eines Teils der hiesigen Presse ihre Rechtfertigung fänden. Immerhin hat Heirri Robert in seinen oben zitierten Ausführungen auf einen Krebs­schaden der französischen Rechtspflege hingewiesen. Der „politische Advokat" spielt hier zir Lande eine zu große Rolle und viele Richter zeigen den Angeschuldigten ein freundliches oder finsteres Gesicht, je nachdem sie bei ihneir politischen Einfluß vivaussetzen oder nicht. Dre politischen, gerichtlichen und gesellschaftlichenBeziehungen, über welche Therese Hunchert verfügte, trrrgen ihr viele schuldhafte Gefälligkeiten und manchen verdächtigen Bei- stand ein. Nur so wurde es ihr möglich, während vieler Jahre viele Millionen stehlen zu können. Auch in Zu­kunft werden andere Gauner von der Eirrmischung der Politik in die Rechtsprechung Nutzeii ziehen. Daß im allgemeinen der französische Richter viel mehr nach „oben" schaut als anderwärts bei der Fällung seiner Urteile, ist eine bekannte Tatsache. Für einzelne Minister ist die Verfolgung der Verbrecheii und Vergehen eine Waffe oder ein Schild geworden, deren sie sich bedienen, um ihre Gegner anzugreifen oder ihre Freunde zu ver­teidigen. Der Richterstand dürfte wohl oft über die un­würdige Rolle seufzen, die man ihn zu spielen zwmgt. Wenn die Richterwelt im Humbert-Handel schon manche Einbuße ihres Ansehens zu verzeichnen hatte, so droht ihr jetzt eine neue Gefahr, falls sich die Geschworenen zur

Milde gegen die „größten Gauner des Jahrhunderts wie oben angedeiitet — hinreißen ließen. Man spricht daher davon,' den Prozeß anstatt vor die Geschworenen vor das Zuchtpolizeigericht zu verweisen, was angängig wird, wenn man einzelne Anklagepunkte fallen läßt.

Doktor Mollinar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

(16. Fortsetzung.)

Und die Frau Direktor hatte durchaus nicht über­trieben. Ter Cirkus war schon zu lange in der Stadt. Selbst die beliebte Wasserpantomime, die man sogleich nach Ellis Erkrankung auf das Repertcnr gesetzt und dre der Herr Direktor mit aller Sorgfalt einstudiert hatte, zog nicht mehr. Da war es Zeit, das Zelt abzubrechen und in einer anderen Stadt wieder aufzubauen.

Miß Ellida aber kümmerte sich wenig um die «sorgen des Herrn Chefs und seiner Mutter. Rstt großer 2Uls- dauer machte sie vormittags ihre Übungen, jeden Tag dehnte sie sie etwas länger aus, und erst als sie die alten Kräfte wieder fühlte, erlaubte sie dem beglückten Direktor, den Tag ihres Wiederauftretens bekannt zu machen und die nötige Reklame dafür in Szene zu setzen. Kaum war dies geschehen, da waren auch schon die Emtrittskarten für ihren ersten Abend vergeben. Das traurige Geschick des jungen Mädchens hatte in der ganzen Stadt Teil­nahme erregt, bei ihrem ersten Wiederauftreten wollte man nicht fehlen.

Niemand aber freiite sich auf diesen Abend mehr als Ellida selber. Sie war nicht der gefangene Vogel mehr, der seine Flügel müde hängen ließ, die zwitschernde Lerche war sie, die ihre frohlockende Stimme ertönen ließ und freudetrunken in der Freiheit sich tummelte. .

Nur wunderbar, manches Mal hielt sie plötzlich inne im fröhlichen Gesang und twirde ernst und nachdenklich.

es aeschah, bafe ihr Tränen dann in die Äugen stürz- ten, bis sie, ebeiiso schnell und unvermittelt meist, wieder trällerte und lachte.

Stiller aber urid nachdenklicher als sie war seit ihrer völligen Genesung ein anderer geworden. Niemals hatte Frau Mollinar ihren Sohn so teilnahmlos gesehen für alles, was um ihn vorging, niemals Direktor Wöhrmann

Deutscher Reichstag.

Berlin, 27. Februar.

Zunächst werden zehn Petitionen ohne Debatte nach den ^Anträgen der Petitions-Kommission erledigt. — Alsdann beginnt die erste Lesung der Novelle zum Krankcn-Versicheruiigsgesetz. — Staatssekretär Posa- dowsky begründet die Vorlage. Dieselbe fülle dre bisher bestehende Lücke zwischen Kranken-Versicherung und Invaliditäts-Versicherung aus, indem sie dre Kranken-Unterstützung erst mit Ablauf der 26. Woche nach Beginn der Krankheit enden lasse. Aber noch zwei weitere Aufgaben erschienen den verbündeten Regie­rungen dringend nötig, nämlich die Verlängerung der Wöchnerinnen-Unterstützung von vier auf sechs Wochen, und außerdem Beseitigung der hygienisch nicht aufrecht zu erhaltenden Maßregel, wonach zur Zeit den Ge- schlechtskranken ein Krankengeld noch nicht gewährt wird. Eine Anzahl weitgehender Wünsche seien zurückgestellt worden, weil dadurch ans ein Zustandekommen des Ge­setzes noch in dieser Session gar keine Aussicht gewesen sein würde. Eine spätere Aufgabe werde es sein, alle drei Gesetze: Kranken-, Unfall- und Invaliditäts-Ver­sicherung, in ein einheitliches Arbeiter-Fürsorge-Gefetz zu verschmelzen. Die erste Frage sei in der Vorlage un­berücksichtigt geblieben, denn sie sei noch so streitig, daß bei Berücksichtigung derselben die Hoffnung aus das Zu­standekommen der Vorlage in dieser Session hätte aus- gegeben werden müssen. Man möge dieses Gesetz ledig­lich als eine Etappe betrachten aus dem Wege einer fort­schreitenden sozialen Reform. Es werde ein schöner Ruhm für diesen Reichstag sein, wenn er auch diese Re­form der Kranken-Versicherung durchsetze. Es sei bas der strengste Wunsch der verbündeten Regierungen. — Abg. Gamp (Reichsp.) bedauert, daß die erste Frage in der Vorlage nicht geregelt sei. Es sei ein Skandal, wie gerade von den unter sozialdemokratischer Leitung stehenden Krankenkassen akademisch gebildete Arzte be­handelt würden, i Lachen bei den Sozialdemokraten.) Er bitte um Verweisung der Vorlage an eine Kommission. — Abg. Spahn (Zentr.) hofft, daß die Vorlage noch in dieser Session erledigt werde und hält eine kommissarische Beratung nicht für notwendig, da diese aber einmal be­antragt sei, bitte er die Kommissions-Mitglieder, schnell zu beraten. Was den zweiten Hauptpunkt der Vorlage anlange, oB int § 6a die Worte „geschlechtliche Aus- schweisungen" gestrichen werden sollen, so solle man doch Abstand nehmen, dies zu beschließen. Der Verlängerung der Wöchnerinnen-Unterstützung stimme er zu. — Mg. Molkenbuhr (Soz.) findet, daß die Vorlage nicht

Es war am Abend vor Ellidas Auftreten. Nur wenrge Vorstellungen sollten dieser noch folgen, daun ging der Cirkus weiter. Heute wollte sie zum letzten Male zu ihrem Lehrer kommen, die Abschiedsstunde sollte es sein.

Frau Mollinar und Gabriele waren ansgegangen, Besorgungen zu machen, beim das Weihnachtsfest war imhe.

- Der Doktor hatte einen vergeblichen Versuch gemacht, wenigstens die Blutter zu Hause zu behalten. Der Ge­danke, mit Ellida allein zu sein, war ihm eigentümlich, fast ängstlich — heute gerade.

Da draußen lag der dichte Schnee ans Straßen und Häusern/ Sein bläulicher Schein erfüllte das Zimmer mit Dämmerlicht. Nachdenklich saß der Doktor an seinem Schreibtisch. Ta trat Miß Ellida ein.

Sie hatte heute nicht energisch geläutet wie sonst. Die Tür mußte offen gewesen sein, er hatte von ihrem Eintreten nichts gemerkt. Stumm reichte sie ihm die Hand entgegen, kein herzliches Wort der Begrüßung wie sonst. Wohl wollte sie sprechen, aber die Lippen brachten es nur zu einem Stammeln. Dann legte sie schnell das Jacket ab. In einem neuen, etwas auffallenden, aber nicht geschmacklosen Kleide stand sie vor ihm.

„Eine Anzahlung vom Herrn Direktor für die guten Einnahmen." Der scherzhafte Ton mißlang ihr, die Stimme wollte nicht gehorchen, und das Lächeln, zu dem sie sich zwang, war schmerzlich. Auch der Doktor blieb still. Aber bei ihm fiel es nicht auf. Es war seine Art so. Er lud sie nur mit einer Handbewegung zum Platz- nehmen ein. Und als sie sich nun ihm gegenüber auf den Stuhl am Schreibtisch setzte, da stand lebhaft vor seinem Geiste jenes erste Mal, da sie in dieses Zimmer getreten war und ihm gerade so gegenüber gesessen hatte.

Und nun das letzte Mal! Vorbei damr alles wie ein kurzer, wunderlicher Traum! —

Er nahm das Buch, das sie heute beenden wollten, und begann zu lesen. Aber er merkte bald, daß sie gar- nicht bei der Sache war. Unverwandt waren die dunklen Augen auf ihn gerichtet mit einem Ausdruck, der ihn immer wieder zu ihnen hinzog und dem er doch geflissent- lich auswich.

„Es lohnt heute nicht mehr", sagte er schließlich und legte das Buch bei Seste. -

„Nein". erwiderte sie tonlos, „es lohnt nicht mehr."

„Wann geht Ihr Cirkus fort?" fragte er endlich.

„In fünf Tagen."

„Wohin?"

Weit, weit von hier, ach, so furchtbar weit!" Sie gab den Kampf auf. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie hemmte ihren Lauf nicht mehr.

„Fräulein Elli", sagte er da mit weicher, gütiger Ssimme, „Sie sind das wunderbare Mädchen doch ge­blieben, als das ich Sie kennen lernte. Ich meinte, Sie wären glücklich. Sie dankten Gott von ganzem Herzen, daß Sie Ihrer Kunst erhalten bleiben."

„Glücklich, ja, gewiß! Und doch, ich hätte es mir ni« gedacht, daß es mir so furchtbar schwer werden könnte, zu scheiden, vielleicht auf Nimmertviedersehen von dieser Stube, in der ich so froh gewesen, von Ihnen, der Sie so gut gegen mich gewesen sind, wie nie ein anderer Mensch."

„Sie werden neue Freunde finden."

„Wie Sie, niemals!" rief sie mit einer Leidenschaft, so emporlodernd plötzlich, daß sie ihn erschrecken machte. „Und nun wieder hinaus in die Fremde, nun Zigeunerin wieder."

Sie ist aufgestanden, ihre Hand stützt sich auf die Lehne seines Schreibsessels, der fchlanke Körper zittert ihm ent­gegen.

Schwül und bang wird es dem Doktor. Er bleibt wie gebannt unter dem brennenden Blick, er entzieht sich ihm nicht mehr.

„Und doch, Fräulein Elli", sagte er mit unruhiger Sftmme und macht einen schwachen Anlauf, in einen ' leicbten Ton zu fallen, „Sie haben es mir ja selbst ein-