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51. Jahrga«-.

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Ms. 87. Berlags^ernsprecher No. 2888.

Freitag, den 27. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

^lorfge5n«flusffafe©5

.Lemdürme?- und Fachdiplomuten.

Die diplomatische Vertretung Deutschlands ist in letzter Zeit eingehend besprochen worden, weil die Diplomaten verschiedentlich unliebsames Aufsehen er- regten. Es wrirde bekannt, nach welchen Prinzipien die deutsche Regierung ihre Divlomaten ernennt, als der tieue deutsche Gesandte in Peking ausplauderte, daß er, zum Vertreter des Deutschen Reiches an einer so wich­tigen Zentrale der internationalen Politik wie Peking ernannt, vom Chinesenvolk nicht mehr wüßte, als er einst als Schulknabe erlernt hatte! Es erreate unerfreu. liches Aufsehen, als der neue deutsche Gesandte in London in Hamburg vor seiner Abreise eine Rede hielt, die sich onhörte, als käme er als Gesandter Englands nach Deutschland und nicht umgekehrt. Zum Gaudium Deutschlands residierte lange in Wien der berühmte Eulenburg, Phili der Abweseride genannt, der zwar sein hohes Gehalt einstrich, aber in Wien fast nie sich aufhieit. Die Ungeschicklichkeiten des neuen Gesandten in Washing- ton, Speck von Sternburg, sind noch in aller Erinnerung. Sehr oft zeigte sich, daß die Diplomatenstelleir Sinekuren- Pöstchen sind, die die Regierung dem Adel reserviert. Dazu kommt der Assessorismus, die bekannte Schulung auf juristischem Wege, die die Anwärter auf die Tiplo- matenposten von den Realien, Kanfmannsbildung und praktischem Wissen fernhält; eine forsche Erziehung in den nobelsten und feudalsten Korps gilt dafür desto mehr. Daraus werden dann unsere „Fachdiplomaten".

Anders isr es bekanntlich im diplomatischem Dienst der Vereinigten Staaten. Mr. Gilson Willets, ein be­kannter amerikanischer Publizist, der sich gegenwärtig in Berlin auf der Durchreise nach Rußland befindet, hatte eine längere Unterhaltung mit einern Mitarbeiter des „Berl. Tagebl.", worin er u. a. über amerikanische Diplomaten sich misließ, die er wie folgt charakterisierte:

T-ie Empfindungen Amerikas, erzählte Mr. Willets, standen während der ganzen Dauer der Ereignisse in Venezuela auf dem Gipfelpunkte der Nervosität. Trotz der Hetzereien der ultrajingoissischen Presse ist Deutsch­land dort so angesehen, daß eine Entwickelung der An- gelegenheit, so wie sie die gelbe Presse ersehnte, niemals zu befürchten war. Die Art und Weise, wie der Bevoll­mächtigte Venezuelas, Mr. Bowen, seine diplomatische Ausgabe behandelt hat, mag ja in Europa ein wenig er­staunt haben. Aber man muß doch bedenken, daß die amerikanische Regierung über kein geschultes diploma­tisches Korps verfügt. Der amerikanische Diplomat von heute mag nod) gestern als Privatmann in seinem Ge­schäftskontor gesessen haben. Man darf sich da nicht Wundern, wenn er seinen Hut tief in den Nacken setzt, eine mächtige Cigarre in den Mundwinkel steckt, die Hände tief in die Hosentaschen vergräbt und in dieser Haltung „diplomatische Geschäfte" abwickelt. Er betrachtet

eben eine diplomatische Aufgabe als ein „Geschäft", das er möglichst rasch und mit möglichst großem Vorteil für die Interessen, die er vertritt, zu erledigen hat. Für die feinen Nuancen des diplomatischen Berufs hat er frei­lich kein Verständnis. Man hat das Vorgehen Bowens mit „Hemdärmeldiplomatie" bezeichnet. So sehr auch dieser Ausdruck belacht worden ist, so zutreffend ist er. Der Amerikaner ist eben vor allen: Geschäftsmann, der auch die Diplomatie als Gesck)äft betrachtet, und mit dem­selben Feuereifer an eine diplomaüsche Ausgabe gehl, wie der Arbeiter, der seinen Rock abwirst und die Axt ergreift. Man könnte eine Parallele ziehen und den Mann des „streuuous Ute", der rastlosen Tätigkeit, Mr. Roosevelt, als den „Hemdännelmann" unter den Präsidenten bezeichnen.

_ Da ist also :n Amerika zum Unterschied von unserem gesellschaftlich feudalen, aber praktisch wenig brauch­baren Fachdiplomatentum doch ein großer Vorzug zu verzeichnen. Weiter farm man auch eher das welt­männische Wesen des Fachdiplomaten als den praktischen Sinn des „Hemdärmeldiplomaten" binzugewinnen. In einer Nummer des vorigen Jahres stellte die „Zukunft" Betrachtungen über die deutschen Fachdiplomaten an, an die wir uns jetzt erinnern, und aus denen folgendes wiedergcgeben sei:

Unsere Diplomaten sind weder dazu erzogen noch auch geneigt, sich eifrig um das Zelleuleben fremder Wirtschaftsorganismen zu kümmern. Gewöhnlich wissen sie nicht einmal zu Hause Bescheid, ahnen nichts von den Bedingungen der Produktion und des Absatzes, halten alles Bankgeschäft für höheren Schwindel und können nur verbindlich lächeln, wein: sie von Valuta und Arbi­trage, von einem geplanten Pool oder einer drohenden Geldknappheit hären. Sie sind im stände, sich in drei Sprachen korrekt auszudrücken, haben gute Manieren, sind in: Völkerrecht, das unter den wissenschaftlichen Dis- ziplinei: die Astrologie ersetz: hat, einigermaßen bewan­dert und geben sich Mühe, den Klatsch der Hofgesellschaft brühwarm in die Heimat zu befördern. Herr von Radowitz kennt vielleicht die ökonomische,: Ursachen, die in Spanien bald zum offenen Bündnis zwischen Anar­chisten und bürgerlicher: Republikanern führen werden; nur ein gläubiges Herz aber wird einen: Fürsten Radolin zumuten, er solle wissen, warum Frankreichs Massen- industrieen auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind, oder dem Skalden und kingmaker in Wien, er solle die wirtschaftliche Bedeutung bosnischer und dalina- sinischer Bahnanschlüsse ermessen.

Nimmt man noch dazu, daß trotz des gesellschaftlich forschen Auftretens diese deutsche Diplomaten in ihren vielen überflüssigen Reden auch genug undiplomatische Ungeschicklichkeiten sich geleistet haben, so möchte man schon einen tüchtigen Einschlag des Hemdärmel-Diplo- matentumS sich wünschen. Zweifellos trägt diese Art der diplomasischen Vertretung Deutschlands die Haupt- schuld au den Mißerfolgen unserer auswärtigen Politik. (Rhein.-Wests.. Ztg.)

Geistesarbeit.

Mit der Bewertung der Arbeit eines uneigennützige» Forschers von seiten der Negierung beschäftigt sich eines der letzten Hefte des „Freien Wortes" (Frankfurt a. M.).

„Es handelt sich hier um einen Vorgang, der ver­dientes Aufsehen erregt, weil er den weitesten Kreisen des deutschen Volkes einen Einblick in die Denkweise unserer Behörde gestattet und Zustände enthüllt, die man tatsächlich für unmöglich gehalten hätte. Dieser Vorgang knüpft sich an einen der hervorragendsten Dozenten au der Universität Berlin, der zwar nur den bescheidenen Titel eines „Privatdozenten" führt, der aber dennoch bisher als bahnbrechender Forscher, erfolggekrönter Schriftsteller und vor allem als charakterfester Lehrer der Heranwachsenden Generation der Universität, an der er seit Jahren wirkt, mehr Ruhm verschafft hat, als gar manch wohlbestallter Ordinarius, der sich vielleicht über seinen uubeamteteu Kollegen hoch erhaben dünkt. Dieser „Privatdozent" ist Di-. Iastro w , früher langjähriger Herausgeber der „Sozialen Praxis", jetzt Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Der Arbeitsmarkt". Di\ Jastrow hatte vor 4 bis 5 Jahren die fruchtbare Idee, die Schwankungen des Arbeitsmarktes zu registrieren, indem er für die Ware „menschliche Arbeit" die gleiche Berichterstattung geben wollte, wie sie für andere Ware von jeher üblich ist. Um die Tragweite dieser Idee zu ermessen, sei hier nur darauf hingewiesen, daß ein rich­tiges Bild von der Lage des Arbeitsmarktes streiklustige Arbeiter verhindern wird, in einen Streik cinzutreten, wenn sie aus der Statistik erkennen, daß in ihrer be­treffenden Branche viele unbeschäftigte Kräfte vorhanden sind, daß andererseits die Erkenntnis von einem Mangel an Arbeitskräften die Arbeitgeber für Lohnerhöhungen genergt machen und so Streiks verhindern wird. Ob­wohl man in volkswirtschaftlichen Kreisen daran zwei­felte, daß es dem Berliner Gelehrten gelingen werde, sein Ziel zu erreichen, gelang es I>r. Jastrow durch sein organisatorisches Talenr, seinen Fleiß und durch außer­ordentliche pekuniäre Opfer, seine Ausgabe glänzend zu losen. Lerne Zeitschrift „Der Arbeitsmarkt" rang sich zu solcher Anerkennung durch, daß die deutsche Presse di" Jastrowschen Zahlenreihen als stehende Rubrik zu bringen genötigt war. Jetzt, wo der Herausgeber endlich oie fruchte seiner bahnbrechenden Leistungen ernten sollte — entschloß sich auf einmal das Kaiserlich statistische Amt, das System Jastrow selbst anzuwenden und durch seine Abteilung für Arbeiterstatistik eine Monatsschrift heranszugeben, welche genau den gleichen Zweck verfolate

s ,S>er ^öeitsmarkt". Ohne sich zur richtigen Zeit mit der ersten Autorität auf dem heregten Gebiete ins Einvernehmen zu setzen, ging das Kaiserlich statistische Amt über den „Privatdozenten" einfach zur Tagesord­nung über, und überläßt cs ihm, seinen „Arbeitsmarkt"

Schuldigkett getan.' ^ * öt K ’ iCÖer eiumftI feittc

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für med,t und Unrecht vorhanden ist. Unseres Erachtens wird die Behandluna ^astrows sehr bedenkliche Folgen haben, die hoffentlich im Reichs-

Femtü'torr.

Der gsrMiienjM an kr bretoniföjcn Me.

Von Henri Beluront.

Ein großes Elend ist bekanntlich über die Bewohner der schönen bretonischen Küste gekommen, und ganz Frankreich wird jetzt für dieselben gesammelt. Ern win­ziges Fischchen oder vielmehr die Abwesenheit dieses launenhaften kleinen Tieres ist schuld daran, daß Tau­sende von Menschen sich dem Huugertode nahe sehen und demselben sicher anhcimsallei, werden, wenn nicht ihre wohlhabenden Landsleute für sie cintrcten. Glücklicher­weise ist Frankreich reich genug, um in bösen Zeiten für einen Teil seiner notleidenden Kinder zu sorgen, wenn es auch Gaben, wie die des großen Freundes, des Zaren, der Geld für die armen Fischer gesandt hat, mit Dankbarkeit aeccptiert.

Nicht nur in Frankreich jedoch, sondern in allen Ländern, wo der Gourmet gedeiht, wird es mit Betrüb­nis vernommen worden sein, daß die Sardine in so ge­ringen Mengen gefangen worden ist, daß ihr Preis ein sehr hoher geworden und nur Leute mit wohlgefüllten Taschen sich öfter den Luxus gestatten können, diesen Leckerbissen auf ihrer Tafel zu sehen. Aber ein neues Vorkommnis bildet dies nicht. Wie bereits gesagt, ist die Sardine ein launenhaftes Geschöpf, auf das man sich durchaus nicht verlassen kann. Alle 15—20 Jahre befindet sie es für gut, sich rar zu machen, dann kehrt sie im ge­wöhnen Überfluß zurück an die Stätten, wo man sie mit so großer Freude begrüßt. Manchmal dauert die Periode der Knappheit sehr lange, 10—15 Jahre, ja noch mehr gehen darüber hin, und an der östlichen Küste Schottlands ist die Sardine im Laufe des vorigen Jahr, bunderts immer seltener geworden und schließlich fast vollständig verschwunden. Bor l' Jahren fehlte sie ganz »nd in der Bretagne, dann kam sie reichlich zurück,

um dieses Jahr knapp zu werden, was vielleicht wieder der Anfang vvm Ende ist.

Die diesmalige Unbeständigkeit der kapriziösen Sar­dine hat aber Veranlassung gegeben, Untersuchungen anzustellen, um den genauen Grund ihres wechselvollen Erscheinens festzustcllcn, und so weiß man jetzt, weshalb auf sie so wenig zu zählen ist. Wie fast jedes zarte Wesen, ist auch die Sardine für Temperaturschwankungen sehr empfindlich und sucht mit Vorliebe Wasser aus, das eine laue Temperatur anfweist. Im Winter begibt sie sich daher ins offene Meer, welches wärmer ist als das Wasser an der Küste, das sich durch die Berührung mit letzterer abkühlt, im Sommer dagegen nähert sie sich dem Lande, wo nun das Wasser wärmer ist und auch mehr Nahrungsstoffe für sie enthält. Denn unter dem Ein­flüsse der Hitze vermehren sich die Organismen, die ihr zur Speise dienen.

Die Sardine lebt von Plankton, wie Hensel den aus winzigen Lebewesen bestehenden Auftrieb des Meeres nennt, nach dem griechischen Worte plankto«, umher- gctricbcn. Das temporäre oder definitive Verschwinden der Sardine ist also nicht, wie behauptet worden, direkt der Vernichtung des Seegrases znzuschreibcn, das so viel herausgcholt wird, um in verschiedenster Weise Ver­wendung zu finden, indirekt könnte sie aber dazu bei­tragen. Durch die Wegnahme des Seegrases nimmt man vielen Tieren, deren Eier und Larven das Plankton bilden, ihre Zufluchtsstätte und tötet sie dadurch. Das Fischchen kommt aber an die Küste, um Wärme und Nahrung zu finden; wird ihm mittelbar diese genommen, dann hat es keinen Grund mehr, sich dahin zu begeben.

Die Sardine ist nämlich unglaublich gefräßig. Unter­suchungen haben gezeigt, daß sich in den Eingeweiden einer einzigen gegen 20 Millionen Infusorien be­fanden. Wie man sieht, ein ausgezeichneter Appetit! Außerdem bewiesen dicke Nachforschungen aber, daß die Sardine voi mgsweise aus hoben, Meere lebt, den» die betreffenden Infusorien waren vvn den Arten, die man

nur oa ftnvet. Die früher herrschende Meinung dast die Sardine etn Wanderfisch sei, der vom Pol nach ö«n uguator oder vom Aauatvr nach dem Pol zieht ist länast als falsch erkannt Sie macht nur klein? Reisen vom effenen „teere nach der Küste und wieder zurück, je nach der Jahreszeit, der Menge des Plankton und der Te^k peratur. Denn auch letztere übt, wie erwähnt, einen großen Einfluß auf sie ans. Tie Sardine ist frostig sie liebt kalte Luft- oder vielmehr kalte Wasserströme nicht und diese ihre Abneigung liegt ihren Bewegungen Grunde. En: kühler Sommer, wie der von lg02 es ge- weien, ist also durchaus nicht dazu angetan, sie an die Küste zu locken, sic bleibt im offenen Meere, wo cs wär­mer ist und wo die Tafel sich auch dann für sie als reich­licher be,etzt erweist.

Es ist wahrscheinlich, daß nun, da genau die Lebens­weise der Sardine, erkannt und festgestellt worden, wes- halb sie an der Küste so oft nicht in die Erscheinung tritt oerFang des Fischchens nun eine vollständige lkniwand' lung erfahren wird. Der Tag ist wohl nicht mehr ^ -ine m.t allen modernen Einrichtungen versehe Flottille hinansziehk. um die Sardine zu suchen stat tste wie gegenwärtig, vergeblich zu erwarten; wo nroste Schiffe sie aus dem Atlantischen Ozean, nicht wtt wtzt zu 5000 oder 0000, sondern zu 50 000 bis 60 000 sierbei- hoken und s.c dann keine Rarität, ja wohl kein Luxus­artikel mehr fern wird. ^-uxus-

Betreffs der Fischchen wäre das Problem so all^ dings gelöst, wie aber betreffs der Fischer, dtt von dem K listenfange leben? Denn nur ein kleiner Teil derselbe» wurde wohl Verwendung finden können, wenn derFanö auf neuer Ba,is geregelt wird. Sie würden eben imt Los der vielen Arbeiter zu tragen haben, denen üe? moderne Fortschritt ihr Brot genommen, und die desbalb in anderen Beschäftigungen ihren Lebensunterhalt sucken müssen, welche hoffentlich dann weniger schwer nnd nickt so unsicher sind, wie die jetzige Art des SardinenfangeS sich erweist. '