Berlage mm Mesbaüener Tagklatt.
Uo. 97. Morgen-Ausgabe.
Freitag, den 27. Februar.
51. Jahrgang. 1903.
-t -u.
Glaubt ihr, man könne kästen vom Gemeinen?
Mau muß es hassen oder ihm sich einen?
Grillparzer.
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- ■ _ Oft*
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(33. Fortsetzung.)
Dir Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
Elsa konnte stundenlang mit den Händen in dem Schoß sitzen und ihr Auge auf eine kleine rote Blume m dem Teppich richten, während sie unablässig einen und den leiben Gedanken verfolgte.
Daß ein unerlaubtes Verhältnis zwischen TeLka und der Ungarin bestehe — nein, das konnte sie nicht glauben!
Das. hieße sich selbst brandmarken.-Nein, nein,
es pt sicher nur meine eigene kranke Phairtasie. Er ist launenvoll, leichtsinnig, vergißt, daß die Welt stets die ftc Bedeutung jedem Schritte gibt, der vom unsäglichen abweicht. Ich bin müde, rrervös. Er lang- weilr sich bei mir, bedarf der Zerstrerlung. Aber wenn er mich noch liebte, so würde er jedenfalls hier sitzen und meine Gesellschaft der aller anderen vorzieherr. Eine Frau sollte nicht nötig haben, ihre Zuflucht zu den Kunst- gnfjen der Koketterie zu nehmen, um ihren Mann zu fesseln. Ein Herz und eine Seele — heißt es nicht so? . Es flog ein mattes Lächeln über ihre farblosen Lippen.
Ach, das erreichen zwei Menschen wohl nie!
So grübelte sie weiter, bis ihr der Kopf schmerzte und der ganze Körper zitterte.
Ain Tage vor Deskas Abreise kam der Sekretär von Mailand zurück, wo er sich längere Zeit anfgehalten hatte, um mit dem Agenten das Geschäft abzuschließen. Er packte die Koffer, verbrannte Briefe :c. Am nächsten Morgen sollte der Tenorist nach Barcelona abreisen, aber Elsa mußte in Baden-Baden zurückbleiben. Er war die ganze Nacht aufgeblieben, im Morgengrauen kehrte er hnm, weckte seine Frcnr und küßte sie auf beide Wangen.
„Stehe nicht auf!" sagte er, „ich muß sofort reisen. Kaffee habe ich bereits im Speisesoal bekommen. Addio carina."
„Mußt du jetzt schon abreisen? Wie spät ist es?"
„Es ist sechs Uhr. Ich habe keine Sekunde mehr zu verlieren. Lebe wohl!" — Und er entfernte sich.
Elsa blieb in schwerem Halbschlummer während des ganzen Vormittags liegen. Erst als sie aufgestanden war, wurde sie sich seiner Abwesenheit bewußt und sie empfand sie fast als eine Aufheiterung. Sie telegraphierte an demselben Tag an die Majorin und bat sie, sobald als möglich nach Baden-Baden zu kommen.
Elsas Pflegemutter kam sofort. ES war ihr langst schon ausgefallen, daß Elsa me in ihren Briefen den Namen ihres Mannes nannte; jetzt gaben ihr einzelne abgerissene Worte derselben ein deutlicheres Bild der Lage und als sie endlich das Ganze zu verstehen vermeinte, ward sie äußerst erbittert. Sie lief mit erhobenen Armen im Zimmer umher und schlug nervös auf den Tisch.
„Der abscheuliche Mmsch!" sagte sie, „hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, würde ich hierhergekommen sein und längst ihm den Text gelesen haben. Nicht einen einzigen Tag würdest du Erlaubnis bekommen haben, unter demselben Dach mit ihm zu leben!"
„Aber Mama, er ist doch mein Mann!" wandte Elsa ein.
„Ach, dummes Geschwätz! Dein Mann! Was bedeutet das, wenn er dich nicht mit der Achtung behandelt, die man seiner Frau schuldig ist."
„Wahr, wahr!" murmelte Elsa.
„Eine Bagage ohne Spur von Erziehung", schalt die Majorin weiter; „es ist ja für eine gebildeten Menschen unmöglich, mit solchen „Künstlern" umzugehen oder sich gar mit ihnen in ein näheres Verhältnis einzulassen! Pflicht, Verantwortlichkeit, Ehrgefühl, sind ja Worte, deren Bedeutung sie kaum verstehen. Sie müßten, Gott helfe mir, alle zusammen von der Erde vertilgt werden."
„Beruhige dich, liebe Mama! Ereifere dich nicht!" bat Elsa ganz erschreckt über die Erregung der Majorin.
Nach Verlaus einiger Wochen kani ein Brief folgenden Inhalts an:
„Liebe Frau!
Wie Du siehst, sind wir jetzt in Barcelona. Die Theatersaison hat begonnen. Ich bin nach Verdienst ausgenommen und ausgezeichnet worden und halte meinen Ruf als vornehmster Tenor der Welt ausrecht. Die übrige Gesellschaft ist mittelmäßig, aber das Publikum bezahlt auch nur, um den berühmten Deska zu hären. Die anderen Sänger existieren nur auf dem Zettel. Ich wohne in dem vornehmsten Hotel der Stadt, dem „Kouri- nental".
Das Essen hier ist jämmerlich wie überall, man traktiert uns mit Meerschnecken und anderem Gewürm, und der Wein ist so dick wie Syrnp. Ich muß mich deshalb wie gewöhnlich an den Champagner halten. Die Spanierinnen sind die schönsten Frauen der Welt. Man wird versucht, sich zu verlieben, wenn man nur über die Straße geht. Nun muß ich fort nach der „Bontigue", um zu arbeiten und dm Geldbeutel zu füllen. Allah war groß, aber Deska ist größer.
Addio franciulla!
Dein Samuel."
Elsa schämte sich fast, diese Epistel ihrer Pflegemutter zu zeigm.
Es fand sich nicht eine einzige Frage darin über ihrm Gesundheitszustand, obgleich er wußte, daß ihr eine schwere Stunde bevorstcmd.
Aber die Majorin nahm selbst dm Brief und las ihn. Ms sie geendet, riß sie ihn m tausmd Stücke und warf diese in dm Kamin, ohne ein Wort zu sagm.
Der nächste Brief kam von Madrid und zeigte ungefähr denselben Stil und Inhalt wie der erste.
*
Gegen dm Herbst bekam Elsa ein Söhnlein, daS zwei Stunden nach der Geburt starb. Auf ihrm Wunsch ging sofort ein Telegramm an Deska ab, der umgehend ant- wartete:
„Liebe Frau! Ich beglückwünsche Dich, daß die Katastrophe wohl überstanden ist! Es war ein Glück,
daß der Kleine ebmso schnell verschvxmd, wie er kam. meinerseits entfliehe, wenn ich Kindergeschrei höre. Eure Sängerin hat nur Schaden davon und in neun Fällen von zehn kostet es ihr die Stimme. Arrangiere es nun so, daß Du sobald als möglich wieder frisch bist! Unser« Truppe verläßt Europa in sieben Wochm, aber es würde kaum für Dich ratsam sein, die lange Reise über den Ozean zu wagen. Ich wünsche daher, daß Du das Aner-- bieten des Jnrpresario abschlägst und lieber ein wenige! anstrengmdes Engagammt für dm Winter annimmst.
Dein Samuel."
Es war, als ob eine Eiskruste sich um Elsas Herz gelegt hatte. Der ganze Ton seines Briefes war gleichgültig, rücksichtslos. Er wollte sie nicht mit auf die Reis« nehmen, also war es wohl eine andere, die er vorzog.
Die italienischen Musikzeitungen hatten von längere? Zeit die Namen aller der Sängerinnen mitgeteilt, neben welchen Deska in Barcelona auftrat. Nach der Ankunft in Madrid war die Truppe verstärkt worden und auf dev neuen Liste stand auch der Name der Frau Jokay.__
Elsa wurde von einem rasenden Verlangen ergriffen», sobald als möglich gesund zu werden und wieder in Wirksamkeit zu treten. Sie mußte nach Madrid, um mit eigmm Augm zu schauen, was dort vorging. Es war» als gelte es die Rettung ihres Lebens.
„Der Doktor behauptet, daß du die Stimme verlieren kannst, lvenn du dich nicht wmigstens drei Monate ruhig verhältst", wandte die Majcrin ein.
„Ruhe nicht für den Körper allein, sondern vor allem für die Seele habe ich nötig", antwortete Elsa. .
„Mein Gemüt ist von einem Fieber ergriffen,_ das alle meine Glieder erbeben macht. Ich muß Klarheit in der Sache haben, die mich Pemigt."
Die Majorin mußte schließlich nachgebcn, obgleich sie stöhnte und seufzte vom Morgen bis zum Abend.
„Ach", wiederholte sie, „hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, was das Küvstlerleben eigentlich zu sagen hat!"
Elsa sprach kaum ein Wort während der ganzen langen Reise. Die herrlichen Küsten des Mittelmeeres und Kastiliens großartige Naturpracht gingen an ihr unbemerkt vorüber.
Alles wollte sie ihm verzeihen, nur nicht dieses einzige. Daß er mitunter mürrisch und heftig war, das war ja entschuldbar in diesem bewegten und aufregenden Leben, Nur ein Verhältnis unl der ungarischen Sängerin würde sie ihm niemals verzeihen können.
Aber nein! Sollte sie sich zu solchen Verdächtigungen gegen ihren eigenen Gatten herablassen? Es war sichen nur das lose Leben hinter den Coulissen, das auch aus sie, gewirkt batte, so daß sie Böses von allen, sogar von dem !chr Nächststehenden glaubte. So grübelte ihr Gehirn unaufhörlich während der ganzen Reise.
Eines Abends spät in Regen und Wind langten sie in der spanischen Hauptstadt an und nahmen Aufenthalt im Hotel „Kontinental". Elsa hatte das Gesicht hinter einem dichten Schleier verborgen. Sie hatte einmal in Madrid gesungen, wo ihr Name auf aller Lippen gewesen wav und besorgte deshalb ängstlich, wieder erkannt zu werden» Die Majorin führte das Wort und bat um zwei groß« warme Zimmer. (Fortsetzung folnt.)
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