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Uo. 88. Verlags-Fernsprecher No. 2958. Freitag» freit 27. Fefrkimr. Redaktions-Fernsprecher N». 52. 1903.

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Rückgang der ergNMWsteilerpMtjgen Be­völkerung mReg.-Ke;. und derKMWjesbuden.

Tie neueste Durcharbeitung des staatlichen Materials auf dem Gebiete der Ergänzungssteuer bietet Ober­regierungsrat Georg Evert in seiner ebenso umfang­reichen als interessanten Arbeit „Sozialstatrftische Streif­züge durch die Materialen der Ergänziingsstener-Vcr- anlagring in Preußen", welche in einem der letzten Hefte der Zeitschrift des Statistischen Bureaus in Berlin zum Abdrucke gelangt ist. Diese Darlegungen machen unter anderem auch auf die allerdings außerordentlich befremd­liche Tatsache aufmerksam, daß der ergänzungssteuer­pflichtige Teil der Bevölkerung des preußischen Staats in jedem der bisherigen vier Veranlagungsjahren (1895, 1896, 1897 und 1899) weniger gewachsen ist, als die Be­völkerung überhaupt, d. h. also, daß die ergänzungs­steuerpflichtige Bevölkerung von Jahr zu Jahr einen ge­ringeren Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Im Gesamtstaate umfaßte Jie in den vier ange­zogenen Jahren 14,5 bezw. 13,97, 13,93 und schließlich 13,88 % der Bevölkerung, so daß mithin ein allmählicher Rückgang um zusammen 0,17 % vorliegt. Eine Er­klärung dafür läßt sich zur Zeit noch nicht mit Sicherheit geben.

Dieser Rückgang ist nur in 5 der vorhaiidenen 13 preußischen Provinzen nicht vorhanden, worunter auch unser H essen- N a s s a u. Denn hier nahm der pro- zentuale Anteil der Ergänzungssteuerpflichtigen an der Gesamtbevölkerung in dem in Rede stehendet: Zeiträume von 17,67 auf 18,17 %, also um 0,50 % zu. Allerdings ist diese Zunahme lediglich dem platten Lande zu danken, denn dasselbe nahm von 16,85 auf 17,74, also um 0,89% zu, während die Städte von 18,91 auf 18,75, also um 0,16 % zurückgingen.

Unser R e gier u n gsbezirk W i e s b a d e n aber bietet hinsichtlich der Kopfzahl der ergänznngsftener-

pflichtigen Bevölkerung (a) und ihres Prozentualanteils an der Gesamtbevölkerung (d) folgende Ziffern:

a. b.

1895 . . . 152 416 Mk. 17,45%

1896 . . . 154 740 „ 17,12 %

1897 . . . 154 888 „ 16,67 %

1899 ... 168 229 „ 17,12 %

Die Prozentualziffern ergeben daher für das letzle dieser vier Jahre zwar wieder eine Zunahme, doch bleib: die Ziffer hinter derjenigen bon 1895 immer noch um 1,32 % zurück.

Was nun im besonderen unsere Stadt W i es - baden anlangt, so betrug bei uns die ergänznngS- steuerpfli'chtige Bevölkerung und ihr Prozensiialanteil an der Gesamtbevölkerung:

1895 . . 16 712 'Köpfe oder 23,29 %

1896 . . 16 586 „ „ 22,70 %

1897 . . 16 897 „ „ 22,51%

1899 . . 16 955 ., 21,26%

Die ergänzungssteuerpflichtige Bevölkerung nahm in unserer Stadt tatsächlich also etwas zu, aber, wie die Pro- zentnalziffern ergeben, nicht in dem Umfange, in welchem die Gesamtbevölkerung sich vermehrte. Es wird nach allen Airzeichen sehr schwer sein, die Ziffer von 1895 wieder zu erzielen!

Franks n r t a. M., der andere Stadtkreis unseres Regierungsbezirks, hat gleichfalls einen Rückgang zu ver­zeichnen, wem: auch etwas geringeren Umfangs als wir, nämlich vor: 17,10 aus 15,14, also um 1,96 %, obwohl die absoluten Kopfziffern der ergänzungsstmerpftichtigen. Bevölkerung auch hier wuchsen, nämlich von 31 892 im Jahre 1895 ans 41 605 im Jahre 1899.

Gaiiz abnorme Verhältnisse zeigt Kassel, wo der Anteil der Ergänzungssteuerpflichtigen an der Gesamt- bcvolkerung von 11,48 ans 16,14% stieg. Auch H a n a n weist eine Vermehrung aus, wenn auch nur geringfügigeren Umfangs, nämlich von 15,30 aus 15,82 %. '

Scheidet man den R e g i er nngsbezirk W i e s - bade n nach Stadt und Land, so zeigen die Städte einen Rückgang von 19,38 aus 18,07, während das Land ein Vorwärts von 15,71 auf 16,12 % bietet.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 26. Februar.

Tagesordnung: Petitionen und Fortsetzung der

Etats-Beratung. — Uber eine Petition der Handels­kammer zu Mülheim a. Nh., welche sich gegen das Ver­langen nach Erlaß eines Gesetzes über den Verkehr mit Honig richtet, beantragt die Petitions-Kommission Über­gang zur Tagesordnung. — Das Hans beschließt dem­gemäß. — Ferner wird Übergang zur Tagesordnung

beschlossen über eine Petition, betreffend Verwendung des Fonds zur Förderung der Seefischerei. — Eine Petition, betreffend Verhütung rwn Milzbrand-Ver­giftung, wird dem Reichskanzler als Material über­wiesen, desgleichen eine Petition, welche die Vorschriften über die Vorbildung zum Studium der Zahuheilkunde abgeändert wissen will, und zwar wird dieselbe zur Be­rücksichtigung überwiesen. — Eine Petition, betreffend Abänderung des Gebührentarifs für den Nordostsee-. Kanal, wird debattelos durch Annahme des bezüglichen Gesetzentwurfs für erledigt erklärt. — Nach Erledi­gung weiterer Petitionen ohne allgemeines Interesse setzt das Haus die Beratung des Kapitels Reichsversiche­rungsamt beim Etat des Reichsamts des Innern fort. ~ Hoch (Soz.) weist hin ans die Überlastung des Reichsversicherungsamtes, namentlich mit Arbeiten auf dem Gebiete der Unfall-Versicherung. Redner klagt dann über die häufig ungerechtfertigte Unfallrenten- Herabsetzung. Bei den Verhandlungen vor dem Schieds­gericht werde den Arbeitern eine Reiseentschädigung jetzt in der Regel nur noch gezahlt, wenn sic Nachweisen, daß ihr persönliches Erscheinen vor dem Schiedsgericht durch­aus nötig sei. Dabei werde sehr oft gegen die Be­treffenden entschieden mit der Motivierung, sie hätten cs nicht einmal für notwendig gehalten, persönlich zu er­scheinen. — Abg. G a m p (Reichsp.) weist die gestrigen Angriffe des Abg. Rösickc-Tessan auf die Rechte zurück betreffs deren Verhalten zur sozialen Gesetzgebung. Die Landwirtschaft habe genau so viel und vielleicht noch mehr Interesse an der Verringerung der Unfälle, wie die Industrie. — Abg. v. Jadszewski (Pole) rügt es, daß bei der Tiakonissen-Anstalt in Posen die Schwestern meist nicht des Polnischen mächtig sind, so daß dieselben, wenn sie als Krankenschwestern tätig seien, sich nicht mit den Kranken verständigen könnten. Ähnlich liege die Sache mit den Ärzten an den Versicherungs-Anstalten. - r - Abg. Crüge r - Wiesbaden lfreis. Volksp.) wirft der schlesischen Versicherungs-Gesellschaft vor, daß sic im Gegensatz zu den anderen Anstalten der Wohnungsfrage ganz ablehnend gegenüberstehe und gar keine Kapital- Darlehen für solche Zwecke hergebe. — Abg. Schräder lfreis. Ber.) verbreitet sich ausführlich über die sozialen Versicherungsgesetze, dabei wiederholt den Freunden des Abg. Ganip vorwerfend, daß dieselben den betreffenden Gesetzen Widerstand geleistet hätten. Es sei das beson­ders bei der Arbeiterschntz-Gesetzgcbnng der Fall ge­wesen. — Abg. Stadthag ei, (Soz.) geht gleichfalls ans die Versicheruiigs-Gesetzgebl'.ng ein, die, so behaup­tet er, nicht entfernt in ausreichendem Matze für Leben und Gesundheit der Arbeiter besorgt sei. Das Reichs- versicherungsamt stelle sich immer viel zu sehr auf den Standpunkt der Arbeitgeber. So weit die ganzen Ver- sicherungsgesetze einen verständigen Gedanken enthielten, seien die Sozialdemokraten die Väter desselben. (Lachen rechts.) Nur die Verschlechterungen der sozialpolitischen

Doktor Wollmar und seine Schülerin.

Rvman von Arthur Sewctt.

(15. Fortsetzung.)

In der echten Weiblichkeit liegt immer ein gewisser aristokratischer Zug, vielleicht tritt bei Gabriele hier ern leiser Hauch von Hochmut hinzu. Nirgends jedenfalls stfenbarte sich das Eigentümliche dieser Madchengestalt lichtbarer, als hier in der Wohnung der Kunstreiter. .

Zu lange hat Gabriele ihres schweren Amtes nicht nehr zu warten. Die elastische Natur der Knnsiretterm, chr muskulöser Körper und ihr gesundes Blut zeigen ihre Macht: viel schneller, als der besorgte Arzt gedacht hatte, wholt sich Miß Ellida. Die Heilung der Kopfwunde, ans deren Pflege Gabriele ihre ganze Sorgfalt verwandt hat, ümmt einen günstigen Verlauf. Das Rückgrat ist zwar immer noch sehr geschwächt, aber eine Besserung wird auch oier unverkennbar. Die Kranke darf das Bett verlassen. Tä wagt Ellida die Frage, mit der sie so lange innerlich Irrungen, vor der sie gezittert diese ganze Zeit hindurch und die sie doch nie getan hatte: „Herr Gehermrat be­sinnt sie mit scheuer Stimme, „werde ich nun auch meiner

Arbeit erhalten bleiben?" ,

Eine kurze Panse, die Ellida eine Ewigkeit runkt dann aicbt der Geheim rat eine ausweichende Antwort.

Herr Koralli wiederholte dieselbe Frage imt ver­zweifeltem Angenauffchlag, da zuckt er die Achseln. -perr Koralli gerät außer sich, rauft sich die Haare um nennt sich einmal über das andere den Unglücklichsten aller Menschen, wem: seine Tochter nickst mehr arbeiten uird den alten Vater und die kranke Mutter ernähren tonne.

Ellida aber erbleicht, beißt sich ans die Opvm^nitd spricht dei: ganzen Tag fein Wort mehr. 9an :jacnt Koralli behält ihre Fassung, ia, über dos Elmicho > ch

Besicht huscht ein leiser Frendcnschnnmer. 06 gleicht "> diesem Augenblick die Hoffnung m ihr aufstelgt daß dws alles eine wunderbare Fügung Gotte-.- sei, den heiße­sten Wunsch ihres Herzens zu erfüllen und ihre Tochter «anz von: Cirkus zu entfernen?

Inzwischen aber war der Tag heran gekommen, an dem Doktor Mollinar zum ersten Male seine Schülerin Wiedersehen sollte. Miß Ellida lag aus der Chaise­longue in einem weißen Negligekostüm, mit kleinen, blauen Schleifen drapiert, das keineswegs neu und noch weniger ganz sauber war, ihr aber trotz alledem reizend stand. Die Füßchen, bis an die Zierlichen Knöchel sichtbar, ruhten in etwas abgetragenen Pantoffeln von rotem Atlas, die Haare waren au* ihren Wunsch sorgsam ge­brannt, was sonst nur des Abends im Cirkus geschah. Der Doktor aber, als er sie so vor sich sab, aus dem bleichen Antlitz einen matten schmerzlichen Zug, wie er ihn sich in diesem Gesichte nicht hätte vorstellen können, mußte ai: ihre Worte denken in der letzten Stunde. Uird wirklich kam sie ihm vor, wie sie damals sagte: Wie ein gefangener Vogel, der die Flügel nicht mehr rühren kamt, der deshalb auch nicht mehr zwitschern und singen will. Sic aber streckte ihm die Hand entgegen.

„Endlich! Endlich! Weiu: Sie wüßten, wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe diese ganze schreckliche Zeit hindurch."

Und als sie das mit erstickter Stimme sagte, fielen zwei heiße Tränen auf seine Hand herunter. „Aber jetzt", fuhr sie dann fort und lächelte ihm wieder glück­selig zu, „jetzt werden Sie öfter zu mir kommen, nicht wahr? Und all die schönen Sackten wieder mit mir lesen. Wir habeit setzt ja Zeit, so viel Zeit."

Und der Doktor kan: öfter und las mit ihr, was sie wollte, und sie nahm es mi: allem, was er mit ihr be­sprach, ernst und gewissenhaft und zeigte in ihrem Fleiß eine Energie und Ausdauer, wie sic solche niemals in ge­sunden Tagen gehabt hatte. Auch in ihrem Verhalten zu ihren Eltern hatte sie sich.ganz geändert Wie wahr waren die Worte geworden, die ihr damals der Doktor gesagt hatte!

Ihm zu gefallen, war ihr größtes Bestreben. Ihre Wildheit schien sie gaiiz abgelegt zu haben. In ihrer Schwäche lag ein Liebreiz, der ihn bestrickte und ihn immer stärker machte in seinem Glauben.

Aber daß die große Mühe, die sie sich ihm gegenüber gab, die Entsagung, die sie sich anserlegte, nichts anderes war als ein schmerzlicher Zwang, unter dem. ihr Herz blutete, ob er das nicht merkte, nicht merken wollte?!

„Es gibt doch eine Brücke zwischen den beiden Welten, die du für unüberbrückbar hältst", sagte er eines Tages zu Gabriele, nachdem sie eine tätige Zeit kaum miteinander gesprochen. ,,«ic heißt Durchbildung des Geistes und des Geniüts."

Sie verzog die Lippen. „Durchbildung des Geistes und Gemüts, wo sie das ganze Wesen eines Menschen erfaßt, ist zweifellos eine große Macht, wo sie aber nur so äußerlich angezwnngen wird, ist sie ein leeres Wort Ich dachte, hierüber wären wir uns eigentlich schon lange einig."

„Und du meinst, eine, solche innere Erfassung sei bei diesem Mädchen nicht möglich? Du irrst!, sage ich dir. Gerade diese letzten Tage haben mich eines arideren bk> lehrt."

„Gewiß! Jetzt, wo sie nicht weiß, ob sie überhaupt je öen Fuß wird zrirücksetzen können in ihre Welt, sucht sie Fühlung zu bekommen auch mit der unseren. Gib dem Vogel die Freiheit wieder, und du wirst sehen, wie er dir fortfliegt hinüber in seine Welt, um niemals wieder zu- kehren."

„Mit ihr ist nun einmal nicht zu reden", sagte sich der Doktor iiiid ärgerte sich, daß er trotz seines Vorsatzes doch noch einmal versucht hatte, dieses Thema zu berühren.

Gabriele hatte in weiblichem Gefühl tiefer gesehen. Nicht nur der Wunsch der Frau Koralli war ihr offenbar geworden, den Anlaß dieser Krankheit zu benutzen und ihre Tochter von, Cirkus zu entfernen, sie hatte gemerkt, wie dieser Wunsch in der letzten Zeit eine ganz bestimmte Richfting gnoinmm hatte, und das empörte sie. Nur noch selten ging sie in das Haus der Kunstreiter. Traf sie dort einmal mit dem Toktor zusammen, so trat sie ihm gerade so fremd gegenüber, wie der ganzen Familie Koralli, als gehöre er bereits ihrer Welt mit an. Nur zu Ellida war sie nach wie vor freundlich und gütig. Er ober allein merkte, welch eine Überwindung auch das sie