Mage nun Mesbaüener Tagblatt.
Mo. SS. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 26 . Februar.
31 . Äabeairna. 1903 .
i n f He Srfabrnrtfl ift, datz dem Pessimismus zu wehr- '* otS* ute U'emals andere verfallen als schadhaftes Z Menschen. Wilhelm Jordan. £
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( 82 . Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Nvman von E. SchSyeu.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.
Das Dessert lvcrr serviert und mehrere der Gäste Men sich schon zurückgezogen. Da erhob Deska sich plötz- üch und ging zu dem Baron hin:
„Lie sind ein unverschämter Schlingel!" sagte er in rohem und hesstgem Tone. „Glauben Sie vielleicht, daß S-re sich Freiesten gegen nreine Frau erlauben dürfen, tveil sie am Theater ist? Wer ich werde Sie lehren, daß Sre sich irren!" Und seine breite Hand berührte die Wange des jungen Mannes.
Der Russe erhob sich, bleich im Gesicht und zitternd
.chOrn. Seine Hand fuhr nach dem Säbelgrifs. Es blinkte rn der Luft. ^
Doch,der Tenorist sprang zur Seite und die Waffe «reichte ihn nicht. Alle anwesenden Offiziere erhoben sich und umringten ihren Kameraden, während DeSka Elsa den Arm bot und verschwand.
. . fl"® Stunde später kamen die Sekundanten deS Barons zu Deska hinauf und verabredeten Zeit und Waffen.
®laß bleich vor Schreck auf dem Sofa in ihrem Schlafzimmer. Lite schämte sich seiner Roheit imd zitterte vor den inoglichen Folgen.
Nachdem die Sekundanten sich entfernt hatten, hatte Deska ein langes Zwiegespräch mit Malitzka und trat dann vor seine Gattin. „Dcis ist alles deine Schuld, wißen " aS±C Cr ' selbst deinen Ruf zu schützen
„Das braucht weder du noch irgend ein anderer mich zu lehren! antwortete sie. „Wer was habt Ihr bc- stimmt? Du imißt einen oder den anderen Ausweg finden, um den: Duell zu entrinnen. Es wäre ja Sünde, einer so lächerlichen Geschichte wegen wie diese, das Leben W 'vagen. Es ist deine Pflicht und Schuldigkeit, den Baron um Entschuldigung zu bitten."
„Entschuldigung!" rief er mit weit aufgerissenenAugen „Nein, dann kennst du mich nicht! Samuel Deska ist vor alleni Kavalier!"
„Was gedenkst du denii zu tun?"
„Du sollst es hören. Malitzka ist zum Doktor Berni- koff gefahren Ich schickte ihm tausend Rubel und dafür schveibt er ohne Schwierigkeit ein Attest, daß ich krank bm und unmöglich während der nächsten Zeit aufsteten kann."
»Wer weshalb das?" fragte sie überrascht.
„Ja, dann kann ich reisen! Und das ist die einzige Rettung für mich. Sobald ich das ärztliche Attest habe, brauche ich dem Theater keinen Schadenersatz zu leisten. Gortschakosf will sich übermorgen mit mir schlagen, aber da bin ich schon weit über Rußlands Grenzen hinaus. Ich will mich nicht schlagen, dazu habe ich mein Leben zu
lieb; aber weigere ich mich, mich zu stellen, dann ermordet er mich."
Elsa war empört. „Diese Handlungsweise war unritterlich, feige."
„Hast du die Geschichte gelesen von der jungen Tänzerin, die gestern fiel und das Bein brach?"
„Stein!" antwortete Elsa, tonlos, wie im Traume.
„Nun, ich werde dir die Gechichte erzählen! Die russische Primadonna soll eifersüchtig auf die Italienerin gewesen sein, weil diese die Gunst des Direktors erlangt hat. Und gestern abend soll die Russin einen der Maschinisten gedungen haben: er ließ die Stellage herab- stürzen, auf welcher ihre Nebenbuhlerin in den Wolken schwebte. Die arme Kleine ist für ihre Lebenszeit ein Krüppel."
„Entsetzlich!" rief Elsa, die kaum ihren eigenen Ohren trauen wollte.
„Ja, siehst du, so geht es in Rußland. Fort von hier! Geld können wir überall verdienen!"
, Elsa verspürte wenig Lust zu dieser Flucht. Sie wünschte hier zu bleiben und ihre Wirksamkeit am Theater fortzusetzen. Sollte sie üun wiederum ihren Verpflichtungen sich entziehen, so würde es ihr eine bedeutende Summe Geldes kosten und sie bei allen italienischen Jm- pressarien in Mißkredit bringen. Wer andererseits konnte sie nicht gut Zurückbleiben, ohne zu fiirchten, daß ihr Name mit dem des jungen Barons in Verbindung gebracht würde. Daß ihr Mann ohne alle Ursache den fremden Offizier beleidigt batte, würde man kaum glauben; so entschloß sie sich auch nach einiger Überlegung, ihrem kranken Mann zu folgen, wie sitz an den Theater- direktor säpsteb.
Während ihres Petersburger Aufenthalts hatten sie zusammen ungefähr hunderttausend Rubel verdient. Die Hälfte dieser Summe mußte Elsa als Entschädigung für ihren Kontraktbruch opfern.
Am nächste,: Tage war alles geordnet, und bevor der Abend sein Dunkel über die Stadt breitete, hatten sie Petersburg verlassen.
VIII.
Deska und seine Gattin verbrachten das ganze Früh- jahr und den Sommer in Baden-Baden, wo Elsa in einigen Konzerten in dem prachwollen Kursaal austrat. Ihr Gatte durfte nicht singen, um nicht von dem Jm- presario in Rußland zur Verantwortung gezogen zu toerden, der an seine Krankheit zu glauben gezwungen ge- wesen war. Wer diese Untätigkeit wirkte wie Gift auf seine Gemütsstimmung: er ward oft ungeduldig und
heftig, besonders wenn seine Frau singen sollte.
Elsa hatte den Namen, mit welchem sie berühmt ge- worden war, behalten, was ihm mitunter zu derÄußerung Veranlassung gab, daß ihre Che im Grunde nichts zu bedeuten habe. Er verbarg auch nicht, daß er seine Ehe zu bereuen beginne und als eine groß« Dunrmheit betrachte.
Deska hatte niemals gemeint, daß die Liebe auch gegenseitig Pflicksten auferlege. Er hatte Frauen aller Nationen und aller Gesellschaftsklassen geliebt, von Chorisünnen und Kammerjungfern bis zu adeligen Damen. Daß er so Tränen und Verzweiflung aus seinen Weg säte, daran dachte er kaum ein einziges Mal. Er wechselte so unaufhörlich dm Aufenthaltsort: er flog weiter, zu neuen Triumphen und neuen Abenteuern.
Er hotte sich ebenso plötzlich in Elsa verliebt, toi« in alle anderem und wenn er sie allein ohne Schutz getroffen hätte, würde er sich wahrscheinlich niemals ehelich ge* Kunden haben. Die stete Anwesenheit der Majortn wav Schuld an allem; die angelegte Fessel begann ihn zu schmerzen.
Es kamen täglich Telegramme von Agenten, die ihm Engagements in den verschiedensten Ländern anboten, und es wurde bald ein Kontrast mit einem bekannten Amerikaner abgeschlossen. Deska sollte in Barcelona Madrid und Lissabon für fünfzigtausend Francs im Monat austreten und dann ein ganzes Jahr in Südamerika für eine doppelt so große Summe. Man trug seiner Gattin dieselben Bedingungen an, sie wagte aber nicht, das Anerbieten anzunehmen, da sie nicht sicher sei, daß sie zu jener Zeit aufzutreten imstande sein würde.
Elsa fühlte sich gesundlich nicht wohl; aber der Tenorist war nicht der Mann, der sich bei dem Gedanken freute, durch neue Bande an sein Weib gefesselt zu wer- ' den. Er floh mehr und mehr ihre Gesellschaft. Als Vorwand genügte ihm ihr Verlangen, daß er das starke Veilchenparfiim, dessen Geruch sie zu belästigen begann, nicht mehr gebrauchen möchte. Allein dieses Opfer dünkts ihn viel zu groß und so hielt er sich denn fern. Sie saß vom Morgen bis zum Abend allein, und nicht genug damit, sie haste auch noch jeden Tag die Demütigung, ihn in Gesellschaft mit einer ungarischen Sängerin, Frau Jokal), welche in der Oper während der Badesaison cmf- trat, gehen oder fahren zu sehen. Es war eine hohe, üppige Gestalt von ungefähr vierzig Jahren, mit gelb gefärbtem Haar und bemaltem Gesicht. Sie wohnte i in Kurhause, und Elsa hatte sie mehrfach im großen Speisesaal getroffen. Hier trat sie sehr laut und prahlend auf, lachte, daß es im ganzen Raum wiederhallte, trank und rauchte usie ein Mann. Die seinen Damen zogen sich zurück, wenn sie sich zeigte. Zu ihrem Schrecken hörte Elsa, daß Deska dieses derbe Frauenzimmer mst „du" anredete, und daß sie im ganzen genommen, alte, gute Freunde zu sein schienen. Ihre Frage über dm Ursprung ihrer Bekanntschaft wollte er nicht beantworten. Bald darauf mußte sich Elsa entschließen, in ihrem Zimmer zu speisen, während ihr Mann fortfuhr, an der Tabl« d'hote seine Mahlzeiten einzunehmen. Er bedurft« heiterer Gesellschaft. — Eines Tages forderte er fiel auf, daß sie die Ungarin und einige andere Künstlerinnen zu einem frohen nächüichen Feste einladen sollte. Da Elsa sich widersetzte, mußte der Plan aufgegeben werden, Deska aber wußte sich schadlos zu halten; m der Musik- Halle wie im Lesezimmer, im Speisezimmer, wie im Lanzsaal, am Brunnen und in der Galerie — überall sah man ihn an Frau Jokays Seite.
Elsa zeigte sich nur einmal des Tages öffentlich« wenn sie ihre gewöhnliche Ausfahrt unternahm Sanft hielt sie sich zu Hause in ihren Zimmern und nahm niemand an. Zu wiederholten Malen schrieb sir lange« aufrichtige Briefe cm ihre Pflegemutter, aber — st« wurden nicht abgesandt. Einmal bereute sie bitter, datz sie den Warnungen und Bisten derselben nicht Gehör geschenst, sondern sich mit diesem Manne verheiratet hatte, dessen wahre Natur sie erst jetzt kennen lernt«. Dann aber wollte sie nicht gerne die Majorrn betrüben« indem sie ihr ihren Kummer beichtete.
(Fortsetzung folgt.)
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