S1. Jahrgang.
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|I(I, 86. Berlags-Fernsprecher No. 2SS3.
Donnerstag» den 26. Februar. Rebakti-ns.Ferniprecher N-.s 2 . 1883.
Abend-Ausgabe.
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Deutscher Reichstag.
Berlin, 25. Februar.
Bei Beginn der Sitzung find im ganzen 8 Abgeordnete anweseild. — Zur Beratung steht noch immer das Kapitel Reichsgesundheitsamt vom Etat des Reichsamts des Innern. — Abg. Zw i ck (freis. Volksp.) wendet sich gegen das Borfäure-Verbot. Dieses Verbot sei nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch wirtschaftlich von bedauerlicher Tragweite. Redner geht dann ausführlich auf Angriffe in der Presse ein, denen er wegen seiner ebenfalls gegen das Borsäure-Verbot gerichteten Rede vom 20. Oktober ausgesetzt gewesen sei. — Abg. O e r t e l- Sachsen (kons.) führt verschiedene Autoritäten an, die die Gefahr der Schädlichkeit der Borsäure nachgewiesen hätten. Übrigens sei der Zusatz von Bor nicht notwendig zur Konservierung von Fleisch, auch nicht für Frankfurter Würstchen, die nach Angabe des Abg. Zwick ohne Borsäure garnicht gemacht werden könnten. — Abg. Deinhardt (nat.-lib.) hält das Verbot für gerechtfertigt. Dasselbe müsse aufrecht erhalten werden. — Staatssekretär Posadowsky führt aus, wenn das Reichsgesundheitsamt erkläre, das Verbot sei gerechtfertigt, dann müsse sich die Regierung darnach richten. Nicht nur Arzte, sondern auch Pharmakologen hielten das Verbot für angezeigt. An dem Borsäure-Verbot werde die Regierung festhaltcn, so lange bis nachgewiesen sei, daß die wissenschaftlichen Unterlagen, auf welche sich das Gutachten des Reichsgesundheitsamtes stütze, unhaltbar seien. — Abg. Langerhans (freis. Volksp.s weist darauf hin, daß der Mensch viel stärkere Giftstoffe als Borsäure zu sich nehme, z. V. Tabak und Alkohol, ohne daß man ein Verbot für nötig halte. Was 30 Jahre zugelassen worden sei, könne man ohne Besorgnis auch noch weitere 30 Jahre ertragen. — Abg. O e r t e l (kons.) meint, es stehe jedem Menschen frei, ob er sich mit Tabak und Alkohol vergiften wolle oder nicht, aber er, Redner, wolle sich mit Borsäure-Fleisch
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(14. Fortsetzung.)
Von drüben her aus dem Salon klang Doktor Baumonns welche Baritonstimmc, Gabriele begleitete ihn. Und als er nun durch die geöffnete Tür ihre lichte Gestalt erblickte, mit dem Frieden, der ausgeglichenen Harmonie in den stillen Zügen, da kain es einen Augenblick über ihn, als müßte er 311 ihr treten und ihr sein ganzes. Herz ausschütten mit all' der Oual und Beledenheit, die ihn niederdrückte. Er lächelte über sich selbst. Sie wäre die Richtige dazu! In der Tat, der Direktor hatte Recht, er war heute sehr uervös und die unmännliche Schwäche nahm überhand.
Doch wie, was war das?! War es etwa auch eine Wirkung der erregten Nerven, ein böser Streich, den die unablässig arbeitende Phantasie ihm spielte? Oder war es keine Sinnestäuschung, was er deutlich jetzt zu vernehmen meinte: Das Rollen eines Wagens über das
holperige Pflaster da draußen, das plötzlich unmittelbar vor deni Hause verstummte, dann das Läuten der Hausglocke nicht laut gerade, aber doch vernehnilich genug für seine geschärften Sinne und nun etwas, das sich anhorte wie ein klagender Jommerrus aus menschlichem Munde.
Er steht auf, er blickt uni ficli, es muß ein Irrtum gewesen sein, denn kein anderer scheint etwas Gleichco gehört zu haben. Die Unterhaltung zwischen den Kollegen wird weitergeführt, unbeirrt klingt Doktor Baumanns schmeichelnde Stimme aus dern Nebenzimmer, in derselben ruhigen Haltung sitzt Gabriele am Klavier.
Er setzt sich wieder .doch horch, zum zweiten Male geht die Klingel, aber mm so laut, so gellend, so schreiend, daß alles von den Sitzen cmporfährt, Doktor Baumann seinen Gesang jäh abbricht und Gabriele erblassend vom Klavier aufspringt, was ist geschehen?
Schneller als das erschreckte Dienstmädchen rst Fntz die Treppe heruntergeeilt und hat die Haustur geöffnet '— ein funkelnder Stein glitzert ihm aus dem Dunkel ent-
nicht vergiften lassen. (Heiterkeit.) — Abg. Müller- Meiningen (freis. Bolksp.) verbreitet sich über die schablonenhafte Behandlung der Genußmittel-Frage, über welche nicht nur die chemische Industrie, sondern mit Recht auch die Presse Klage führe. Gegen alle gesund- heitsfchüdlicheu und betrügerischen Mittel mutz aufs schärfste vorgegangeu werden, aber vollständig harmlose Mittel, wie Brusttees und einfache Hausmittel, sollten nicht mit derselben Schablone verfolgt und auf die Liste gesetzt werden. Wie kommt es, daß man Richters Pain- Expeller auf diese Liste gesetzt hat? Es handelt sich da nicht um ein Geheimmittel, wie schon ans dieser Envc- lcppe hervorgeht, iRedner zeigt dieselbe vor.) Ganz harmlose Hausmittel bilden die Ingredienzien dieses Pain-Expeller. Ich lege auch die übrigen Richterschen Mittel auf den Tisch des Hauses nieder. Die Geheimmittelliste hat sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen. Wenn die Liste für die Presse somit wertlos war, so ist durch öen neuesten Erlaß des Kultusministers eine bureaukratische Kurzsichtigkeit bewiesen und die Lage für die Presse noch nachteiliger geworden. Der Erlaß schafft ein konzessioniertes Kurpfuscherwesen. Der zweite Teil dieses Erlasses bezieht sich auf die Presse und ist besonders bedenklich, denn es handelt sich um Kautschukbestimmungen. Wie soll ein Redakteur z. B. entscheiden, ob die Wirkung eines Mittels dem dafür geforderten Preis entspricht? Die Presse hat sich einmütig auf den Standpunkt gestellt, daß mit diesem Wirrwarr endlich ein Ende gemacht werden muß. Es gibt nur ein Mittel: Die reichsgesetzliche Regelung dieser Frage, die Schaffung von Reichsmedizinalgerichten. Nicht der Redakteur soll haftbar sein für die Aufnahme von Inseraten, sondern der Inserent.— Staatssekretär Graf Posadowsky: Was die Ge
heimmittelliste anbetrifft, so werden, sobald diese Liste festgestellt ist, die Schwierigkeiten, die jetzt vorgekommen sind, nicht mehr existieren. Der Redakteur braucht dann bloß nachzusehen, ob das Mittel zugelasscn ist, oder ob es in der Geheimmittelliste steht. Ob Pain-Expeller auf die Verbotliste gesetzt werden soll oder nicht, kann ich jetzt noch nicht entscheidein darüber wird sich der Ausschuß im Bundesrate schlüssig zu machen haben. Selbst wenn man später einmal an eine gesetzliche Regelung der Frage denken sollte, so würde ich es doch für richtig halten, erst einmal eine solche Liste zu eröffnen und zu sehen, wie sich die Sache in der Praxis bewährt. Wir werden nicht zu scharf vorgehen. Die Leute, die bekanntlich nicht alle werden, werden auch durch solche Listen nicht geschützt werden können, aber wir werden unter allen Umständen gegen die Geheimmittel vorgehen, die gesundheitsgefährlich sein können und gegen diejenigen, mit denen offenbar Schwindel getrieben wird. — Abg. O e r t e l: Es muß möglichst bald Wandel geschaffen werden und ich stehe grundsätzlich auf dem Standpunkt des Herrn Müller, daß eine reichsgesetzliche Regelung das beste sei. So lange wir aber diese noch nicht haben,sollte
gegen. Bor ihm, bleichen, verstörten Gesichts steht eine kleine männliche Gestalt.
„Servus, Servus, Herr Mollinar", und dieses „Servus", das ihn so manches' Mal belustigt, es klingt heute so gebrochen, so todestraurig, wankend ist Herr Koralli in das Haus getreten. Der Doktor starrt ihn eine Weile an, keine Frage, kein Laut kommt von seinen Lippen, er weiß Alles! Eins nur soll ihm der Kunstreiter sagen.
„Lebt sie?" ringt es sich von seinem bebenden Aknnde.
Da zuckt Herr Koralli die Achseln. „Gott allein weiß es, bleich, bewußtlos, blutend liegt sie da, ein Bstd des Jammers, wie es kein zweites gibt. O meine Tochter, meine Ellida, du Stütze meines Alters, du mein Alles!" Und durch allen Schmerz klingt die Emphase des Komödianten, der gewöhnt ist, immer darzustellen.
„Ter Schurke, der Franpois", schäumte er dann auf. „Er ist schuld an allem. Aber mit der Peitsche habe ich ihm das Gesicht zerrissen, daß er dreiWochen nicht arbeiten soll! Doch nun schnell nach oben, Herr Doktor, ein junger Arzt ist bei Elli, er war gerade im Eirkus. Er traut sich aber nicht, die Sache allein zu übernehmen. Er hat mich bergeschickt, sein Chef soll hier sein, ich soll versuchen, den Herrn Geheimrat zu holen, du mein Gott, wenn er nur kommen wird, jetzt in der Nacht."
„Das wird er, ich rufe ihn sofort herunter!"
Ter Doktor kehrte mit dem Geheimrat zurück. Ter informiert sich mit wenigen Fragen. „Und immer noch bewußtlos?"
„Immer noch, Herr Geheimrat."
Da macht der Arzt ein sehr bedenkliches Gesicht. Er zieht rasch seinen Mantel an und besteigt mit dem Kunstreiter den Wagen. „Ich bringe Ihnen morgen Bescheid, Herr Doktor, gute Nacht."
Die Pferde ziehen an, schwerfällig rumpelt der Wagen über das holperige Pflaster. Der Doktor steht einen Augenblick in der Haustür und sieht ihm nach, dann kehrt er zur Gesellschaft zurück. Ter ist natürlich alle Stimmung vergangen, das Unglück der armen Kunstreiterin findet herzliche Teilnahme. Ein jeder ist erschüttert, am tiefsten die alte Frau Mollinar. Daß diese Geschichte,
endlich die Liste erscheinen. So können die Dinge kaum länger sortgehen, wie sie jetzt sind. Selbst der vorsichtigste und gewissenhafteste Redakteur steht zwar nicht mit einem Fuße im Zuchthause, aber er muß immer eine Hand im Portemonnaie haben, um alle Geldstrafen zu zahlen. Die Verfügung des Kultusministers ist nicht bloß kaut- schukartig, der Redakteur hat auch gar niemand, der ihm diese Ausdrücke erklären kann. Selbst der beste Mediziner und Chemiker ist nicht immer dazu in der Lage. Übrigens hat der Abg. Müller-Meiningen mein Kopfschütteln mißverstanden. Ich wollte nur seine Ausführungen über das Gesundheitsamt mißbilligen. Ich habe, zum Reichsgesundheitsamt verhältnismäßig das meiste Vertrauen von fast allen Reichsämtern. — Abg. Müller- Meiningen: Das Beispiel des Pain-Expeller ist besonders typisch für die Art und Weise, wie das Reichsamt des Innern vorgeht. Das russische Ministerium hat sich dahin ausgesprochen, daß sich dieses Mittel seit 35 Jahren als das beste Einreibungsmittek gegen Rheumatismus bewährt hat. — Abg. v. W a l ö 0 w- R eichenstein (kons.) äußert seine Genugtuung über die Tätigkeit der biologischen Abteilung im Gesundheitsamt. — Auf eine Anfrage des Abg. Schmidt- Frankfurt a. M. (Soz.) erwidert Staatssekretär Posadowsky, der Reichsgesundheitsrat habe sich bisher mit der Wohnungs-Hygiene noch nicht befassen können, weil er zur Zeit mit anderen Arbeiten überlastet sei. Di« preußische Regierung sei gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines Wohnungsgesetzcs beschäftigt und dieses werde eine geeignete Grundlage für die Beratung des Reichsgesundheitsrates bilden. — Damit ist das Kapitel Gesundheitsamt erledigt. — Beim Kapitel Patentamt entstehen nur unwesentliche Erörterungen. — Beim Kapitel Reichsversicherungsamt bittet Präsident Graf Ballest rem, sich bei den noch zur Debatte stehenden Titeln möglichst kurz zu fassen und sich nur auf Sachen zu beschränken, die wirklich auf die betresfendcn Titel Bezug haben. — Abg: Schmidt-Marburg (Zentr.) beschwert sich darüber, daß in der Breslauer Heilanstalt dev Schlesischen Versicherungsanstalt nur evangelische Diakonissinnen tätig seien und auch die katholischen Kranken zu pastorieren versuchten. Ferner gebe dieselbe Versicherungsanstalt Gelder auf Hypotheken an evangelische Darlehensnehmer zu billigerem Zinsfüße als an katholische Stifte. — Staatssekretär Posadowsky entgegnet, nach den vorliegenden Berichten werde wöchentlich zweimal katholischer und zweimal evangelischer Gottesdienst daselbst abgehalten. Allerdings fänden auch täglich Abendandachten statt, und dn meine er, daß der Takt es erfordern sollte, auf keinen Kranken irgend welchen Druck auszuüben, an der Andacht einer anderen Konfession teilzunchmen. — Abg. R ö s i ck e - Dessau (freis. Ver.) meint, im Krankensaal sollten überhaupt Andachten nicht gehalten werden. EI müsse dies in anderen Räumen geschehen. — Abg. Molkenbuhr (Soz.) bringt einige Spezialwünsche
die ihr viele Sorgen und Schmerzen bereitet, so enden würde, das hätte sie nie gedacht.
Frau Direktor Wöhrmann hat sogar die Kränkung vergessen, die der Doktor ihr mit dem Tischplatz ange- ton. Sie reicht ihm die magere Hand und sagt einige teilnehmende Worte, auch die Frau Geheimrat und ihn Fräulein Tochter fühlen sich dazu verpflichtet. Nuv Gabriele schweigt. Diese gesuchte und ihm gegenüber; etwas wunderbare Teilnahme ist dem Doktor furchtbar. Er atmet auf, als sich endlich die Gesellschaft entfernt., Er sagt den Frauen gute Nacht; seine Mutter küßt ihn , heute, was sonst zwischen ihnen nicht Sitte ist. Gabriele hat noch immer kein Wort für ihn gesunden, auch jetzt nicht, als er ihr gute Stacht wünscht. So flüchtig wie immer streift die zarte Hand die seine.
Als Gabriele aber eine Stunde später zur Ruhe geht, findet sie nicht tvie sonst den schönen Schlaf der Jugend, und daran war nicht nur das Unglück der Miß Ellida schuld.
Am nächsten Tage kam der Doktor eiliger als sonst von der Schule nach Hanse. Schon von fern sah er von der Tür das elegante Gefährt des Geheimrats stehen. Ter Arzt saß am Familientisch im Wohnzimmer und sprach eifrig mit den Damen. Als Fritz eintrat, entstand ein kurzes Schweigen.
„Nun, Herr Geheimrat, wie steht es?"
Ter Arzt zuckte die Achseln. „Ta läßt sich wenig sagen, lieber Doktor. Sie ist furchtbar gestürzt, das arm« Kind, ich fand sie noch bewußtlos, als ich kam. Kollege Zettler war in Verzweiflung. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zu sich kam. Tann untersuchte ich: eine offene Wunde am Kopf, nicht an sich gefährlich, aber bedeutender Blutverlust und eine starke Erschütterung des Rückgrats. Innerliche Verletzung habe ich noch nicht fest- gestellt."
„Ist der Zustand bedenklich?"
„Leicht ist er nicht, aber vorläufig habe ich noch nicht ernstere Bedenken, freilich, wissen kann man nie —"
„Und sie wird ihrem Beruf erhalten bleiben, wenn sie gesund wird?"
