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Wiesbadener Tagblstt.

si. Jahrgang

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Verlag: Langgasse 27.

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nachfterschcmendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ' y cmgcrcuyrer Anzeigen zur

83. Verlags-Fernsprecher No.

Mittwoch - den 25. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1803.

Kiopgen-flusgabe.

Zlürr Öen Monat März

auf das

„Wiesbadener Tagbiatt"

abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Verlag Langgasse 37, bei de» Ausgabestellen, den Zweig-Grpeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen deutschen Urichspostanstalte«.

UmMe durch die mkm KllltipK.

Bon 21. Moeglich.

Die Statistik, wie sic gegenwärtig in den Kultur­staaten der alten und neuen Welt betrieben wird, ist noch immer ein Gebiet, dem von der einen Seite das größte Mißtrauen, von der anderen eine überschwängliche Be­wunderung entgegengebracht wird. Beide Parteien sind bis zu einem gewissen Grade im Recht. Das von den Zweiflern so oft benutzte Wort: „Mit der Statistik läßt sich zur Not alles beweisen", kann nicht ohne weiteres abgelehnt werden. Mit dem wirklichen Wesen neuzeit­licher Statistik hat es aber tatsächlich nichts zu schaffen. Denn die heutige Statistik hat sich zu einer Wissenschaft emporgearbeitet, die weiter nichts bezweckt, als ein mög­lichst umfangreiches Zahlenmaterial auf glaubwürdige Weise zusammen zu tragen. In welcher Zlrt sie betrieben wird, kann man z. B. an der belgischen oder der deutschen Berufs- und Gewerbestatistik deutlich ersehen. Mit einem achtunggebietenden Aufwande von Intelligenz, Arbeits­kraft und Kapital hat man hier den ungeheuren Menschen­körper des Gcsaintstaates bis in die entlegensten Gebirgs- dörfer und Heiöcgehöfte zu fassen gesucht und seine Ar- beits- und Erwerbsverhältnisse schwarz auf weiß ziffern­mäßig festgehalten, sie einesteils zergliedernd bis in die einzelnen Bestandteile der Familien, anderenteils wieder zusammenfasscnd nach Berufsgattungen, nach Stadt und Land, nach dem Illtcr, nach den Geschlechtern rc. Stuf diese Weise ist in Deutschland bei der Berufs- und Gewerbe­zählung von 1882 mit Hilfe eines besonderen Kapitals von 1 152 590 Mk. und eines weiteren Zuschusses von 820 000 Mk. ein fein detailliertes Zahlenmaterial ge­wonnen worden, das im großen und ganzen unantastbar genannt werden muß. Was mit diesem trockenen Mate­rial geschieht, wie es von den Personen, die sich speziell mit volkswirtschaftlichen und sozialphilosophischen Erörte­rungen befassen, nach den verschiedensten Richtungen ver­arbeitet wird — das ist allerdings eine neue Sache, ein Ding für sich. Bei dem ungeheuren Material ist eine um­fassende Kontrolle aller Schlüsse, die aus den Zahlenreihen gezogen werden, sehr schwierig, und viel wissenschaftliches Unrecht läuft unbesehen mitunter bei jenen, welche die Statistik für ihre Sonderzwecke ausräubern und zurecht­stutzen. Ein ganzes Menschenleben voll ernster wissen­

schaftlicher Arbeit reicht kaum aus, um ein so gewaltiges

Zahlenmaterial, wie es z. B. durch eine Berufs- oder Volkszählung gewonnen ibird, bis in die letzten Winkel durchzudenken. Daher ist es wohl angebracht, allen statisti­schen Slnsführungen, die irgend etwas von einem Partei­standpunkte aus beweisen sollen, ein wenig Mißtrauen entgegenzubringen.

Ilndererseits gibt es aber auch eine Reihe von statisti­schen Ergebnissen, die unanfechtbar sind, weil sie nicht nur auf dem grundlegenden Zahlenmaterial beruhen, son­dern auch durch Heranziehung der Begleitumstände eine Bekräftigung finden. Von solchen unumstößlichen Resul­taten soll hier die Rede sein.

Das wichtigste Gebiet aller Zählungswiffenschaft — so darf man die Statistik wohl nennen — ist die Bc - völkerungs statistik. Aus ihr sind besonders auf die Sterblichkeitsverhältnisse, die allgemeine Lebensdauer, die Ubervölkcrungssrage, die nationale Wehrkraft rc. inter­essante Ergebnisse hervorgegangen. So hat man gefunden, daß das weibliche Geschlecht viel weniger der Sterblich­keit ausgesetzt ist als das männliche,' daß ein neugebore­nes Mädchen eine um 3 bis 4 Jahre größere Lcbcns- aussicht hat als ein Knabe,' daß viele Berufe in unleug­barer Weise lebcnverkürzenü wirken, z. B. der Beruf des Bergmanns, des Eisenschleifers, des Bäckers, des Arztes: daß die Sterblichkeit am schlimmsten bei den Kindern im ersten Lebensjahre wütet: daß die Lebensaussicht in Süd­deutschland, besonders in Bayern, weit geringer ist als in Norddeutschland,' daß die Industrie an sich die Sterb­lichkeit ihrer Angehörigen nicht ungünstig beeinflußt, sondern hierzu erst gelangt, wenn die ökonomischen Zu­stände unzureichend und die Arbeitszeiten übermäßige sind,' daß trotz der andauernden allgemeinen Besserung der Sterblichkeitsznstände die Gefahr einer Übervölkerung nicht besteht.

Neben diesen Bevölkerungsfragen beansprucht die Statistik des wirtschaftlichen Lebens die größte Beachtung. Er hat sich ergeben, daß das Volkseinkommen trotz schlechter Wirtschaftsjahre andauernd steigt: daß sich dementsprechend die Lebenshaltung der Familien mehr und mehr ausbessert: daß Deutschland in Bezug auf den Sparsinn seiner Bewohner von Dänemark und der Schweiz bedeutend übcrtroffen wird: daß die Anlage öffentlicher Verkehrsstraßen in England fünfmal, in Belgien und Österreich doppelt so hoch ist als bei uns: daß die Ausdehnung des deutschen Eisenbahnnetzes noch nicht halb so bedeutend ist wie in den Industrie- und Bergüauländern Belgien und Luxemburg: daß die deutsche Handelsflotte, berechnet nach dem Tonnengehalt, nur % der englischen beträgt, aber doch noch etwas größer ist als die der Vereinigten Staaten, und doppelt so groß wie die französische: daß der deutsche Hafenverkehr y 4 vom eng­lischen und nur die Hälfte vom nordamerikanischen und dem der Niederlande umfaßt: daß das deutsche Postwcsen, neben dem von Großbritannien und der Schweiz, an der Spitze sämtlicher Kultnrstaaten steht, bemessen nach der Anstaltenzahl pro Quadratkilometer: daß der Briefver­kehr Großbritanniens aber bedeutend höher ist als der deutsche: daß man unser gegenwärtiges Zeitalter eigent­lich buchstäblich das „goldene" nennen kann, weil z. B. in dem einen Jahre 1892 mehr Gold produziert wurde,

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wie in dem ganzen besonders reichen Jahrfünft 1871 bis 1875 oder 1851 bis 1855: daß in Frankreich mehr als doppelt so viel Gold- und Silbcrgeld auf den Kopf der Bevölkerung kommt als in Deutschland und Groß- britantlien zusammen,' daß der Deutsche neunmal so viel Kaffee, aber nur ein Fünftel'so viel Tee verbraucht wie der Engländer: daß Deutschlands Baumwvllverarbeitnng und Spindelzahl weit größer ist, als die des gesamten

übrigen Festlandes von Europa.

So könnte man seine statistischen Spaziergänge nn- gemessen fortsetzen. Aber schon die eben gegebene Aus- lcse gewährt uns einen interesianten Einblick in den Auf­bau und die Wechselbeziehungen der Kulturnationen und lehrt uns zweierlei: einmal, daß wir Deutschen in viel­facher Beziehung, besonders in den Sterblichkeits- und Wohlstandsverhältnisscn, manchem anderen Staate weit nachstehen, zweitens aber, daß sich in den lebten fünfzig Jahren die heimische Bolkskrast und Intelligenz in einer fast unerwarteten Schärfe gesteigert hat, so scharf, daß wir nicht nur den niit Riesenschritten vorwärts drängenden Nordamerikanern bisher die Spitze boten, sondern auch unserem Hauptgegner auf wirtschaftlichem und intellek­tuellem Gebiet, England, den Vorrang unter den Natio­nen ernstlich streitig machen. Das weiß man „Über den Wassern" ganz genau, und die Zeit wird entscheiden, ob unsere heimische Energie sich bereits zum größten Teil ausgegeben hat, oder ob der im Boden unseres Volks­wesens schlummernde Fonds noch weitere Schätze enthält, von denen wir heute Lebenden vielleicht erst einen Bruch­teil ahnen, gerade so viel, als uns die mvdcrne Statistik enthüllt.

Ausland.

Die Sterblichkeit in Italic!,.

Da alljährlich Hunderte und Tausende von Deutschen erholungssuchend nach Italien gehen, ist cs gewiß von Wichtigkeit, über die gesundheitlichen Ser* hältnisse des Landes möglichst genau aufgeklärt zu tverdeu. Einen bestimmten Maßstab, wenn auch allge­meiner Art, gibt dafür die Sterblichkeit der Bevölkerung. Seit 1885 werden gute „statistische Berichte darüber her­ausgegeben, die allerdings etwas langsam bearbeitet werden, so daß jetzt erst der Nachweis für 1900 zur Veröffentlichung gekonunen ist. Die mittlere Sterblich­keit im ganzen Land betrug in diesem Jahr 28,8 auf je 1000 Einwohner, eine ziemlich hohe Verhältniszahl, die tnit Ausnahme von Rußland, Österreich-Ungarn und Spanien ungünstiger ist als die aller anderen Länder Europas. Freilich muß das Jahr 1900 ein besonders schlechtes gewesen sein, weil die Sterblichkeit in den vor­ausgegangenen drei Jahren, 1897—99, nur zwischen 21 und 22 auf das Tausend zu stehen gekommen war. Gegen die noch weiter zurückliegende Zeit ist jedenfalls eine ganz erhebliche Besserung eingetreten, denn in der Zeit 1885—87 belief sich die Sterblichkeit noch auf 26 bis 28 vom Tausend, so daß jetzt also infolge der hygie- nischen Verbesserungen über 200 000 Menschen jährlich weniger sterben als vor 15 Jahren. Das Jahr 1900 ist nach den vorläufigen Ermittlungen ebenfalls wieder

Feuilleton.

Nmigunterschiede.

London, im Februar 1603.

Daß die englische Hauptstadt nicht nur, soweit ihr Aussehen in Frage kommt, sondern auch in Bezug auf das Leben, welches sich in ihren Mauern abspielt, sich von den Städten des Kontinents bedeutend unterscheidet, ist keine Frage. Die insulare Lage des Landes hat vielleicht dazu beigetragen, dem Charakter des Briten etwas Ab­geschlossenes zu geben, ihm ein ganz bestimmtes Gepräge aufzndrücken, das sich besonders in einer hochmütig er­scheinenden Absonderung bemerkbar macht. Diese zeigt sich nicht nur Ausländern gegenüber, sondern tritt fort­während im Verkehr der Engländer unter einander selbst zu Tage und hat einen Kastengeist herausgebilöet, wie er in kleinen deutschen Provinzialplätzen vielleicht, in den Metropolen anderer Staaten sonst aber nicht zu finden ist. Und als das Absonderlichste erscheint, daß dieser Kastengeist sich nicht etwa nur unter den besser ge­stellten Klassen bemerkbar macht, nein, auch unter den einfacheren, ja noch iin ausgeprägteren Maße zu finden ist. Das Eastcnd besitzt so gut seine sozialen Rangstufen, wie der sashionable Westen: cs gibt dort, wie gesagt, noch zahlreichere Sprossen auf dieser Leiter.

Wenn im Auslande vom Ostende Londons gesprochen wird, dann meint man allerdings, daß dort ausschließlich das Elend und die bitterste Armut herrschten, die alle gleichmachten. Man vergißt eben, daß dieser Stadtteil ein riesiger ist, daß über 1V 2 Millionen Menschen ihn be­leben, unter denen es natürlich auch Tausende und Abertausende gibt, die auskömmlich ibr Vrod verdieueu und ein geordnetes Dasein führen. Das; diese sich über den .oft allerdings ohne ihre Schuld rn tresste Not Ver­

sunkenen erhaben fühlen, ist selbstverständlich. Der britische Charakter hat aber veranlaßt, daß selbst unter den „Vornehmeren" dieses Bezirks noch eine große Ver­schiedenheit in der Stellung vorherrscht und daß zwischen der arbeitenden Zlrmut und dem verzweifelten Elend ein so tiefer Abstand sich bemerkbar macht, wie zwischen dem vornehmen Lord und dem kleinen Angestellten in den anderen Vierteln der Stadt.

Die „Gesellschaft" des Eastcnd beginnt da, wo die des westlichen Londons endet. Der shop-keeper, der in letzterem verächtlich als lower middle dass bezeichnet wird, bildet die Aristokratie von Mile End und Commer- cial Road. Und wie es unter den Peers Herzögc, Marquis, Grasen, Vicomtes und Barone gibt, findet man auch eine vollständige Hierarchie unter den Ladenbcsttzcrn des Ostens. Der Manufakturwarenhändler ldrapei), der Besitzer eines Putzladens (millinery) oder eines Pvsamentierwarengeschäftes (haberdashery) schaut auf öie anderen herab, während der Kolonialwarenhändlcr (grocer) sich hoch über den oihnan oder chandler er­haben dünkt, die ungefähr die gleichen Ilrtikel verkaufen, aber billiger und manchmal auch unter anderen Namen.

Heiraten zwischen Kindern von Arbeitern und Shoptccpern finden denn auch sehr selten statt und würden von letzteren als direkte Mesalliance betrachtet werden. Der Maschinist und andere Schiffsarbeiter wiederum betrachten den docker als tief unter ihm stehend, trotzdem letzterer immer noch zu „den oberen Klassen" dcS Eastcnd gehört. Der Grund-Snob gedeiht dort fast noch bester als im übrigen London: diesen Menschen, die sonst so wenig Freuden kennen, scheint es eine ganz besondere Genugtuung zu sein, auf andere hcrabschcn zu können.

Die Erwägung, was der Nachbar sagen und denken könnte, beeinflußt die Handlungen der Eastenber denn auch in einem geradezu erstaunlichen Maße. Wenn ein

Mitglied der Familie krank liegt und an seinem Auf­kommen gezwciselt wird, dann erscheint besonders schmerzlich der Gedanke, daß das Begräbnis vor sich gehen wird ohne die Entfaltung des geringsten Pompes, wie man ihn in diesen Klaffen versteht, und man hat Fälle gekannt, wo Geld, das von wohltätigen Personen für die Pflege des Kranken gespendet worden, seiner Bestimmung nicht zugewendet, sondern für ein „anstän­diges" Leichenbegängnis beiseite gelegt wurde. Einen Dahingegangencn auf öffentliche Kosten begraben zu lasten, gilt für die Hinterbliebenen als eine Schande, wie es auch als eine solche betrachtet wird, Armenunter, stützung zu empfangen. Nach außen hin den Schein wahren, das ist hier ebenso das Bestreben, wie in den anderen Gegenden der Metropole.

Natürlich machen sich derartige Bestrebungen jedoch nur bei den respektableren Bewohnern des Eastends geltend, Rangstufen gibt es aber auch bei den anderen, in den „sliims", wo das Elend vegetiert, dem sonst alle gesellschaftlichen Eigenschaften abhanden gekommen zu sein scheineu, dem Decenz, Sauberkeit unbekannte Be- griffe sind, in den Bcrbrechervicrteln, wo das Laster als ein Verdienst und die brutale Kraft als die höchste Tugend gilt. Selbst dort blickt der „Mightmob", der Geld hat, Champagner trinkt und bei den Nennen wettet, auf den Armen, dem sein „Gewerbe" kaum so viel einbringt, um davon „anständig" leben zu können, mit Verachtung herab und hält es unter seiner Würde, sich mit ihm ab- zugebcn, es sei denn, daß er ihn für einen „sob" braucht, bei welchem dem „Aristokraten" natürlich' der Löwen­anteil zufällk. Immer diese Unterscheidungen, die wobl überall sich bemerkbar machen, nirgends aber so tief ein- gewurzelt scheinen, wie beim Engländer, und selbst bei ihm nicht verschwinden, wenn er auf eine Stufe sinkt, die man als die unterste Sprosse der Leiter betrachten müßte, so daß ein Hinabsehen von da gar nicht mehr möa- UH ist. H. L a n d.