Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
Uo. A3. Morgen-Ausgabe.
Mittwochs den 25. Februar.
51. Jahrgang. 1903.
Je mächtiger man ist, desto eher ist man verpflichtet, gerecht zu sein und stet! bleibt Ehrlichkeit die vorteilhastcste Politik. Taine.
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(31. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
Elsa erhob sich und ging ins nächste Zimmer. Sie wollte nichts sagen, so lange der Fremde anwesend war, aber ihre Wangen brannten und sie rang mühsam nach Lust.
War es nicht derselbe Mann, der in Paris versichert batte, daß er niemals sich eines solch«: Humbugs bediene? Elsas Achtung vor seinem Charakter schwand mehr und mehr.
Deska sollte zuerst auftreten und Elsa erst einige Page später. Als der Abend kam, solgte sie ihm nach dein Theater und nahm Platz in der Künstlerloge, von wo man durch ein Stahldrahtnetz auf die Bühne sehen konnte. Sie befand sich in großer Spannung. Deska hatte nämlich seine Kwäfte sparen wollen und daher in dm Proben nur mit halber Stiinme gesungen, und noch an demselben Morgen hatte er darüber geklagt, daß ihm der Hals brenne.
Während der zwei ersten Akte ging alles gut- Der wohlbekannte und beliebte Tenor wurde mit einem Beifallssturm begrüßt, der später, so oft sich eine Veranlassung dazu bot, erneuert wurde. Nrm kam die große Arie, worin er das hohe C wiederholt anschlagen sollte; die Zuhörer saßen in atemloser Spannung. Aber die Sstmme brach, — er nmßte aufhören. Er wurde ver- tvirrt, vergaß Text und Noten, das Orchester spielte weiter —■ — schließlich, nachdem er zwölf Takte pausiert hatte, setzte er aufs neue ein. Die Zuhörer saßen stumm vor Schrecken, nicht eine Hand rührte sich. Die Äaque verhielt sich schweigend, aus Furcht Unwillen zu erwecken. Elsa stand das Herz still vor Angst. Gleich, nachdem er die Bühne verlassen hatte, eilte sie aus der Loge in seine Garderobe. „Was in aller Welt ist dir passiert?" fragte sie. * 1
„Das Klima hier ist für Wölfe und Bären, aber nicht stlr ehrenhafte Leute!" grollte er. Und er rannte im Zimmer auf und ab, wütend wie ein wildes Tier in seinem Käfig. „Ta sitzen sie und gaffen einen an, statt in die Hände zu klatschen; hatten sie denn Ursache, nicht Ku applaudieren, weil ich einige Takte nicht gesungen hatte? Sie hatten es ja früher gehört, was ich zu leisten vermochte. Ein solches Pack!"
DeSka trank eine Flasche Champagner und nahm mit schaumender Wut die Arbeit wieder auf.
CS ging während des übrigen Teils des Abends gut und alle Blumen, welche er nach der großen Arie bekommen sollte, erhielt er nun nach dem letzten Mt.
Als sie ins Hotel zurückkamen, wünschte Deska init den übrigen Gästen im Speisesaal das Wendessen einzu- nehmen. Elsa nmßte sich darin finden, obgleich es ihr
peinlich war, sich in diesem großen Versammlungslokal zu zeigen, wo sie sofort das Ziel aller Blicke wurde.
Sie nahinen Platz an einem der kleinen Tische, würben aber bald von fünf bis sechs russischen Offizieren umringt, die ebenfalls aus dem Theater kamen.
Deska erzählte von seiner Erkältung, welche die Ursache seines kleinen Mißgeschicks gewesen sei, und alle versicherten ihm in der liebenswürdigsten Weise, daß niemand darauf Gewicht gelegt habe.
Mitten während der Mahlzeit entstand draußen plötzlich ein gewaltiger Lärm. Alle eilten ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe. Ein flackerndes Gewimmel von roten Lichten:, ein unruhiges wogendes Glanzmeer walzte sich über den offenen Platz vor dem Hotel heran. Unter dem Licht und dem Rauch bewegte sich eine dichte wogende Menge. Es warm die Fackelträger und die Zuschauer in grauen Röcken, breiten Kragen und Pelzmützen. Me von der Kälte geröteten Gesichter erhielten eine Rem- brandtsche Beleuchtung in dem starkenSchein des brennen- den Pechs. Plan schwenkte die Fackeln und erhob sie gegen das Hotel.
„Samuel Deska lebe hoch!" ertönte es von Hunderten von Lippen.
Der Tenorist öffnete das Fenster, aber es. tvar sein Sekretär, welcher das Wort ergriff und den Bürgern der Hauptstadt für die großartige Huldigung dankte, der Sänger wagte es nicht, selbst in der eiskalten Nachtluft zu sprechen.
„Traktieren Sie sie mit Champagner! Auf meine Kosten! So viel, wie sie trinken können!" rief Deska dem Oberkellner zu. „Ter ganze Weinkeller des Hotels soll heute Nacht geleert werden!"
Er sei zu entzückt, gerührt bis zu Tränen über diesen schöner: Empfang, der ihm in seinem geliebten Rußland bereitet worden sei. „Petersburg ist die herrlichste Stadt auf der Welt!" rief er, indem er das Glas erhob. Me anwesenden Russen fühlten sich natürlich sehr ge- schmeichelt und nun begann das Fest sehr heiter zu werden. Me Champagnerpstopsen krrallten in die Luft und widerhallt«: gegen Dach rmd Wände. Die gelber: Tropfen perlten im Glase und der Schaum benetzte Tafeltuch und Servietten. Deska sang den ersten Vers der russischen Nationalhymne. Offiziere und Civilpersoner: stimmten aus voller Kehle ein, ja sogar die Kellner blieben mit der Flasche in der Hand stehen und schrieen mit.
Elsa zog sich bald zurück. Sie sollte nach zwei Tagen singen und mußte daher vorsichstg sein. Ms Deska viel später zu if»r hrnaufkam, war er noch so gerührt über alle diese Huldigungen, daß ihm die Augen t'chergingen.
„Das war rvirklich ein fürstlicher Fackelzug! Ein großartiger Augenblick!"
„Ja, freilich, wenn du nur nicht selbst, ihn bezahlt hättest!" antwortete Elsa.
„Was ich ihn selbst bezahlt?" wiederholte er. „Das hatte ich ganz vergessen! Aber ich bin nicht so kleinlich, daß ich alles nach dem Pfennigwert abwäge."
Neidisch! Meses seltsame Wort hatte sich in Elsas Gemüt eingeschlichen. Wenn sie sang, war Deska selten anwesend, um sie zu hören. Er blieb entweder in seiner Garderobe sitzen oder streifte hinter der: Coülissen umher und machte den Tänzerinnen die Cour. Mitunter
bot er ihnen Wein ar: und walzte unter Scherzen und Lachen mit ihnen umher. Elsa kam wiederholt vorüber und wurde Zeuge dieser kleinen Scenen. Sie fühlte sich verletzt, aber sprach sie darüber, dann nannte er sie prüde und verbat sich jede polizeiliche Aufsicht.
Es konnte ihrer Aufmerksamkeit auch nicht entgehen, daß er nie ein Wort für ihre Kunst hatte und kaum Zeit fand, die Zeitungen zu lesen, in welchen sie bis zum Himmel erhoben wurde. _
Wenn das Sängerpaar in derselben Oper auftrat und das Publikum beide nach den Duetten hervorrref, wollte Deska sich kaum zeigen. Wer nach seinen eigenen Solonummern blieb er stets auf der Scene, um mit twf«: Verbeugung«:, Lächeln und Handküssen für den Beifall der Zuhörer zu danken. Sollte Malitzka Recht haben? War der Tenorist wirklich neidisch auf seine eigene Frau.- Malitzka lachte, ein heimtückisches Lache::, dem Znchen einer Schlange gleichend, dom: wieder an das Geschrei der Nachteule erinnernd, kalt und Unglück verheißend.
„Ich sähe es am liebsten, ivenn du nicht wieder aufträtest", sagte Deska eines Tages, als Elsa den ganz«: Vormittag im Bett bleiben mußte. .
„Wenn einer von uns arbeitet, ist es ja genug, Meine Frau hat nicht nötig, Brot fürs Haus zu schaffen." , „Bitte mich. Reichtun: und Pracht zu opfern, mich m Kattun zu kleiden und in Holzschuhen zu gehen — das würde ich tun können", antwortete Elsa; „aber büre mich niemals darum, meiner Kunst zu «rtsagen, das wurde für mich schlimmer als der Tod sein! Ich kann nnch kerner Zeit erinnern, da ich nicht gesungen hätte. Der Gesang war die einzige Freude meiner Kindheit, er hat m:r «ne zweite Mutter, ein Heim verschafft — er ist es, dem :ch alles zu verdanken habe!" , .
In: Ton ihrer Worte lag eine Kraft und Klarhert, die ihre Wirkung nicht verfehlten. .
„Ja, ja, tue, wie du willst", antwortete er, rndem er sein Halstuch am Spiegel zurecht rückte. Dann be. gann er zu pfeifen und sagte nichts mehr.
Aber Elsa glich einer Blume, von der an jedem Tage ein Blatt abgerissen wird. _ Ä , ,
Unter den Offizieren, d:e :hre Mahlzeüen :m Hotel einnahmen, befand sich auch ein junger Leutnant, Baron von Gotschakotf. Er erwies Elsa große Aufmerksamkeiten, schickte ihr Blume:: ins Theater und war :hr allzeit ein unterhaltender Tischkavalier..
Da seine Worte nur die tiefste Ehrerbreümg und Be- wunderrmg atmeten und er außerdem in der besten Be- deutung des Wortes ein gebildeter Mann'war, fand Elsa auch großes Vergnügen in seiner Gesellschaft. Deska las nie etwas — er kannte keine Schriftsteller, nicht d:e Ge- schichte irgend eines Landes. Er war ungebildet w:e ein neapolitanischer Lazzaroni. Seine Frau, Ivelche «ne all- seitige Erziehung g«:ossen hatte, :nußte schlwßlrch ine Leere seines Gehirns bemerken. Es kamen Tage, wo sts in Gesellschaft chres Mannes sich langweilte und wünchte. daß er etwas anderes als nur Noten gelernt hätte.
Eines Tages bemerkte Elsa, daß Malitzka lächelnd ihrem Mann etwas ins Ohr flüsterte, während ein kalter Blick unabläsig über sie und den jungen neben ihr sitzew- I den Baron hinglitt.
(Fortsetzung folgt.)
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