si. Jahrgang.
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N-. »4.
Ro. -M. Mittwoch, itn 25. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. SS. 1903.
Abend-Ausgabe.
Mi»K IcsuDipng oder Heturtfilog.
Seit dem 1. Januar d. I. sind die zwischen den deutschen Bundesregierungen vereinbarten neuen Grundsätze über die Handhabung des bedingten Strafaufschubs in Kraft. Dieselben hatten im wesentlichen das zusammengefaßt, was bisher in Deutschland bei der Ausführung der bedingten Begnadigung üblich war, brachten aber eine Neuerung insofern mit sich, als sie gleichsam den Übergang von der bedingten Begnadigung zur bedingten Verurteilung durch die Bestimmung anbahnten, daß in allen Fällen eine Äußerung des die Strafe verhängenden Gerichts über die Bewilligung des bedingten Strafaufschubs herbeigeführt werden soll.
Als wir im Dezember v. I. diese damals angekiindigte Reform besprachen, hoben wir ihre Bedeutung in Bezug auf die Überführung der bedingten Begnadigung in die bedingte Verurteilung hervor, indem wir darauf hin- wiesen, daß die bisher mit der bedingten Begnadigung gemachten Erfahrungen, insbesondere so weit es die jugendlichen Verurteilten betrifft, so außerordentlich ermutigend seien, daß der Versuch als nach jeder Richtung hin gelungen bezeichnet und deshalb endlich an die Durchführung der bedingten Verurteilung gegangen werden könne. Tenn es muß immer wieder betont werden, daß, als vor acht Jahren in Deutschland die bedingte Begnadigung eingeführt wurde, dies ausdrücklich als ein Experiment bezeichnet wurde, welches lediglich zu dem Ziveck ausgeführt werde, um die Probe auf das Exempel der bedingten Verurteilung zu machen.
Daß diese Probe gelungen, und daß es mithin an der Zeit ist, die bedingte Begnadigung durch die bedingte Verurteilung zu ersetzen, welche alle Vorzüge jener Institution hat, während sie von ihren Nachteilen frei ist, zeigt auch die jetzt dem Reichstage, wie alljährlich, zugegangene Denkschrift des Reichsjusüzamts über die Durchführung der bedingten Begnadigung in den deutschen Bundesstaaten. Die Denkschrift ergibt, daß die bedingte Begnadigung seit der Einführung dieser Institution bis zum 31. Dezember 1902 in 62 268 Fällen angewendet worden ist. Und zwar hat diese Anivendung in steigendem Maße stattgefunden, da allein auf das letzte Jahr 11 413 Fälle entfallen.
Die Frage, in wie vielen von diesen Fällen sich die bedingte Begnadigung bewährt hat, läßt sich nicht mit apodiktischer Bestimmtheit beantworten, da ein großer Teil der Fälle in der Schwebe ist; d. h. die Bewährungsfrist ist in diesen Fällen noch nicht abgelaufen, während
die Zahl der eingetretenen Rückfälle selbswerständlich voll gerechnet wird. Für den preußischen Staat wird die Der- hältniszahl der endgültigen Begnadigungen auf 73,2 pCt. berechnet, doch kann diese Zahl unter Berücksichtigung des soeben erwähnten Umstandes und bei Berechnung des Durchschnitts fiir ganz Deutschland auf mindestens 73 PCt. geschätzt werden.
Noch günstiger stellt sich dies Ergebnis, wenn man es nur in Bezug auf die jugendlichen Verurteilten betrachtet, die ja bei dieser Maßnahme vorwiegend in Betracht kommen. Von den Fällen, in denen die bedingte Begnadigung überhaupt Anwendung gefunden hat, entfallen 79 PCt. aus die jugendlichen Personen. Die Anwendung des bedingten Strafaufschubs auf die Jugendlichen hat jetzt schon so weitAngenommen, daß nahezu in jedem vierten Falle die Strafvollstreckung ausgesetzt und in jedem fünften Falle die Strafe auf dem Gnadenwege endgültig erlassen wird. Die hier gemachten Erfahrungen sind in der Tat auch ganz besonders günstig, denn in rund 80 pCt. aller Fälle, in denen die bedingte Begnadigung jugendlichen Verurteilten gegenüber in Kraft trat, ist ein Erfolg eingetreten, d. h. die Verurteilten konnten nach Ablauf der Bewährungsfrist endgültig begnadigt werden.
Spricht dieser erfreuliche Erfolg für die bedingte Begnadigung bezw. Verurteilung, so spricht dafür nicht minder ein Mißerfolg, der bei der Anwendung der bedingten Begnadigung hervorgetreten ist. In den Fällen nämlich, wo der bedingte Strafaufschub auf jugendliche Personen angewendet wurde, die schon riickfällig waren, trat in 43 pCt. der Fälle ein Mißerfolg ein; d. h. die be- dingt Begnadigten wurden vor Llblauf der Bewährungsfrist rückfällig. Wir sagten schon, daß dieser Mißerfolg für das Jnsütut des bedingten Strafaufschubs spricht, denn es zeigt sich eben hierbei, wie dringend notwendig es ist. die Jugendlichen vor der ersten Berührung mir dem Gefängnis zu bewahren. Und dies ist eben der Hauptzweck des bedingten Strafaufschubs, dessen Durchführung ebon noch viel konsequenter gehandhabt werden muß, als es bisher der Fall ist.
Ties wird freilich in völlig zureichendem Maße und mit vollem Erfolge erst dann geschehen können, wenn das Provisorium der bedingten Begnadigung durch das Definitivum der bedingten Verurteilung ersetzt sein wird, bei der nicht, wie bei uns die Justizverwaltung, sondern das verurteilende Gericht, welches ja hier, weil es die Tatsachen leie die Personen am zutreffendsten zu beurteilen vermag, die zuständigste Instanz ist, den Eintritt des bedingten Strafaufschubs verfügt. Auf die Berechtigung und die dringliche Notwendigkeit der Umwandelung dieser Reform des bedingten Strafaufschubs kann gar nicht oft genug hingewiesen werden. Dr. j. P.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 24. Februar.
Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats üeS Rcichsamts des Innern, Kapitel Reichsgesundheitsamt. — Abg. Paasche (nat.-lib.) äußert sich über die Frage der Sperr-Maßregeln bei Maul- und Klauenseuche. Zu wünschen sei, daß möglichst bald ein neues Viehseuchengesetz eingebracht und alsdann auch die Instruktion zur Ausführung desselben einer Revision unterzogen werde. Wo es ohne Härten nicht abgehe, sollten eventuell die Kosten auf den Staat übernommen werden. — Abg. Suedekum lSoz.) bemängelt die Abwehr-Maßregeln gegen die Milzbrandgesahr in Bürsten-, Pinsel- rc. Fabriken als unzulänglich. Die Gefahr sei umso größer, als die zu verarbeitenden Materialien vielfach für Heimarbeit vergeben werden. In Leipzig, Zittau, Lüneburg, Schleswig und Liegnitz seien seit Jahresfrist Arbeiter in Hutfabriken, in Gerbereien ec. an Milzbrand erkrankt und gestorben. Offenbar würden die Schutzbestimmungen nicht genügend in ihrer Ansführung überwacht. Pflicht des Reiches sei es, für bessere Kontrolle zu sorgen. — Abg. Wehl lnat.-lib.) legt der Regierung ans Herz, mit einer Revision der bestehenden Vorschriften recht vorsichtig zu sein, damit nicht die Lage für die Weißgerbereien noch schwieriger werde, als sie ohnehin durch die Gerbstoffzölle des neuen Zolltarifs schon sei. Redner ver- breitet sich hierauf über Verseuchungsgefahr durch Wild- häute, dabei behauptend, daß die Gefahr bei deutschen Häuten viel größer sei als bei Wildhäuten. — Abg. H offmann-Hall fsüdd. Volksp.) äußert sich in ähn- lichem Sinne wie der Abg. Sucdekum. Gegen Milz, brand könne man nicht vorsichtig genug sein. Gegen die Maul- und Klauenseuche müßten dieselben Maßnahmen getroffen werden wie gegen die Rinderpest, d. h. Tiers in den gefährdeten Bezirken müßten allesamt getötet werden. — Staatssekretär Posadowsky sucht nachzuweisen, daß bei Maul- und Klauenseuche die strengen Maßregeln ungemein segensreich gewirkt hätten. Eine Novelle zum Viehseuchengcsetz sei in Ausarbeitung, und da würde die Sperrsrage nochmals erwogen werden. Was den Milzbrand betreffe, so würden noch heute, namentlich in kleineren (Gerbereien, die Häute in fließen, dem Wasser gereinigt und feststehe, daß daS eine Gefahr in sich schließe. Er werde deshalb auch erwägen, waS etwa in dieser Hinsicht zu geschehen habe. Von inländischen Häuten sei bis jetzt noch kein Milzbrandfall bekannt geworden. — Abg. Münch-F erber (nat.-lib.) plädiert dafür, daß Essigessenz dem freien Verkehr ent. zogen werde wegen der damit verknüpften Gefahr. — Staatssekretär Posadowsky erwidert, es schwebten in dieser Frage Erwägungen, eine Einigung sei aber noch nicht erfolgt. — Abg. B a u m a n n fZentr.) befür.
Doktor Wollmar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(13. Fortsetzung.)
Er war allein. Er wußte, daß seine Mutter auf ihn wartete, aber er vermochte nicht einen Fuß in das Wohnzimmer zu setzen. Er hörte sie nebenan sprechen mit Ofabriele, er merkte, wie diese ordnend und aufräumend hin und her ging, aber er hörte und merkte das Alles wie in einem Halbschlafe. Etwas Unbeschreibliches lastete auf ihm, ein Druck, ein Furchtgefühl, dann wieder ein Empfinden, das nichts mit Sorge nud Furcht gemein hatte, das vielleicht ein glückliches gewesen wäre, wenn es nur nicht so schwül, so lähmend gewesen wäre, wie der Blick von Miß Ellida, dieser unvergeßlich stichende Blick. War er unberührt von ihm geblieben? War er gefeit gegen die Versuchung, wenn sie in solcher Gestalt M ihn herantrat?
„Und schließlich, könnte nicht einmal eine Stunde kommeil, wo ich nicht mehr geschützt sein wollte, wo ich mich seihst nicht mehr schützen wollte?" Warum hörte er jene Worte immer wieder, und genau in dem eigentümlichen Tone, in oem sie gesprochen wurden?
Und wie? Wenii auch in seinem Leben, das bisher so ruhig, so unbewegt durch Versuchung und Leidenschaft dahuigeflossen war, die Stunde einmal schlageil sollte, wo auch er sich nicht mehr schützen konnte, nicht mehr schützen wollte, wo er frei sein wollte und ungehemmt? Er erschrak. Solche Gedanken waren ihm noch nie gekommen. Die fremde Welt hatte immer mehr Gewalt ober ihn gewonnen. Stückweise eroberte sie sein Leben. Zum crstm Mal trat die Stunde an ihn heran, wo ihm bange ward auf der Bahn, die er bis setzt so sicheren Fußes gegangen war. Tic Tür öffnete sich, das Antlitz seiner Mutter schaute in das Zimmer hinein, so fragend, so bekümmert.
Richtig! Heute war ja die Gesellschaft, die sie alle Jahr einmal gaben, um den kleinen Kreis ihrer Bekannten bei sich anfzunehmcii. Wie hatte er sonst der Mutter geholfen, wie air jede Kleinigkeit gedacht, das einfache Fest zu verschönern. Die Tischordnung, die Besorgung und das Ausschreiben der Tischkarteir, das alles
war sogar seine ausschließliche Sache gewesen. Und heute? Nichts hatte er besorgt, an nichts gedacht? Das fragende, traurige Antlitz der Mutter war ihm ein Sttch ins Herz. Kein Wort des Vorwurfs kam von ihren Lippen, aber dieses Schweigen traf ihn um so tiefer.
„Gleich, liebste Mutter, ich komme sofort." Eine Stunde wenigstens blieb ihm noch, da konnte er noch
manches gut machen.-
*
Er trat in das Eßzimmer, die Tafel stand fertig gedeckt. Blumen waren sogar über den ganzen Tisch verbreitet, keine teuren und künstlich gezogenen, sondern anspruchslose, dazu Herbstlaub in verschiedensten Farben, gelb uiid rot und grün, zwischen ihm das ernste Dunkel kleiner Tannenzweige, so hübsch zusammengestellt, daß kein Kunstgärtner der Welt eL hätte schmnckvollcr machen können, und so einfach zugleich!
Und siehe! Da lagen selbst die Tischkarten schon auf den Gläsern, und als er nun näher trat, da merkte er, daß es lischt die üblichen aus der Papierhandlung gekauften waren, sondern eigenhändig gemalte, 'ofjne größere Kunst, im Gegenteil recht dilettantmhaft, dafür aber auch garnicht aufdringlich, von einer so schüchternen Zierlichkeit vielmehr, daß er sie aufmerksamer besehen hätte, wenn ihm lischt immer noch gar zu viele andere Gedankeil durch den Kopf gegangen wäreil.
„Also malen kann sie auch", murmelte er vor sich hin, „wo sie nur zu allem die Zeit hernimmt? Ich dachte, die gehörte ausschließlich ihrem Studium!"
Und iilmitten der Tischkarten, von zierlicher Hand ge- schrieben, die Namen der Gäste.
„Oho, also auch die Tischordnung hat sie gemacht! Das ist ein Eingriff in meine Hausherrenrechte. Mer heute mag es ihr hingehcn. Ich bin froh, daß ich mich mit dem Kram nicht zu beschäftigen brauche."
„Er wollte sich die Plazierung nicht einmal ansehen. Mer eins interessierte ihn schließlich doch: Wen sie sich wohl zu ihrem Herrn ausgesucht hatte?
Er ging schnell um den Tisch herum und überflog die einzelnen Namen. „Richtig! Fräulein Gabriele Hellwig Herr Doktor Banmann! Dachte ich's nlir doch! link was für eine Zeichnung sie ihm gewidmet hat! Wo st. mich wohl hingesetzt haben mag, natürlich möglichst ent-
I gegengesetzt, und meine Dame — aha, Frau Direktor Wöhrmanll! Ich danke ganz gehorsamst, verehrte Jugend- gespielin und Hausgenossin, _ für diesen Beweis deines Wohlwollens. Ich werde mir aber mit deiner gütigen Erlaubnis eine etwas jüngere und reizvollere Dame aufsuchen. ^ So ohne weiteres zu Tisch kommandieren, wie es dir gefällig ist, lasse ich mich nicht. So, wir werden diy Sache schon machen!"
Und er fing an, die Namen, die auf den Tischkarten standen, etwas aufmerksamer zu lesen. „Fräulein Scherler, das wäre so etwas! Ein bischen eingebildet auf den Ruf ihres Vaters, aber wenigstens sehr niedlich und amüsant. Mir ist heute ein wellig Aufmunterung nötig. So, wir wollen die Karten mal vertauschen! Der Ge- helmrat Scherler führt dann Mama und Mertens dis Frau Direktor. So, auch das wäre gemacht."
Er hatte durch seine verschiedenen Umlegungen einige Verwirrung in die sorgsam Zusammengestellte Tisch- ordnung gebracht. Er fühlte es wohl auch, daß die ur- spruugliche besser gewesen war, aber ganz allein sollte Gabriele doch nicht alles gemacht haben! Hatte sie doch schon so genug getan!
Er trat aus dem Eßzimmer iit den „Salon" Dev war ihm verhaßt und ungemütlich seit langer Zeit. Er wurde nur geöffnet, wenn einmal eine Visite kam odey sie einige Gäste bei sich sahen, sonst bewohnteil Mutter und Sohn ausschließlich das Eßziinmer, das zugleich Wohnstube war. Der Salon verdiente seinen Namen nur wenig. Er war dürftig eingerichtet: einige steife, hoch- lehnige Sessel mit verblichener rotseidener Polsterung, ein mögllchst iinbequomes Sofa, ein altertümliches Pianino, das erst benutzt wurde, seitdem Gabriele hier war, und ail dem der Stimmer vier Stunden arbeiten mußte, um es wenigstens notdürftig in Ordnung zu bringen. Es war ihm immer peinlich gewesen, seine zum Teil verwöhnten Gäste in diesem „Salon" zu enip- fangen,
Aber heltte?! er traute seinen Augen nicht! Ta war nichts Neues hineingekommen, höchstens einige Bilder an der kahlen Wand, die sonst in der Eßstubc hingen, und !iber der steifen Flügeltür eine gestickte Stoffdrapierulig, 'ber die Möbel waren so vofleilhaft umgestellt. der Tisch vom Sofa weitergeriickt in die Mitte des Zimmers hinein,.
