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Mittwoch» 18. August 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 381. ♦ 63. Jahrgang.
20 Kilometer von Brest-Litowsk!
DobrqnKa, 20 Rilometer südwestlich von Vrest- LitowsK. erreicht.—Die Russen bet Ronstantqnow über den Bug geworfen. — Zurückgetriebene italienische Angriffe in val Sngana. — Vorgehen stärkerer feindlicher Uräfte an der küsten- ländifchen Front.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 17. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 17. August, mittags:
Ruffifcher Rriegsschauplas.
Ju scharfer Verfolgung des unabläffig weichenden Gegners sind von den K. und K. Truppen die unter dem Kommando des Feldnmrschalleutnants v. A r z stehenden bis Dobrhnka, 20 Kilometersüdwestlich von Brest-Litowsk, vorgedrungen. Eine ruffische Nachhut, die bei Piszczac Stellung gefaßt hatte» wurde von ungarischer Landwehr geworfen. Die vom Erz Herzog Joseph Ferdinand geführten Kräfte sind im Vorrücken ans I a n o w am Bug. General v. K o e v e s hat den Feind in der Gegend von Konstantynow über den Bug geworfen. Nördlich des unteren Bug kämpften im engen Anschluß an deutsche Reiterei österreichisch - ungarische Kavalleriekörper. An der unteren Front bei Wladimir- Wolvnski und in Ostgalizien herrscht Ruhe.
Italienischer Rriegsschauplatzi
Das Feuer der italienischen schweren Artillerie gegen unsere Tiroler Werke hielt gestern tagsüber an. Schwächere feindliche Jnfauterieabteilungen, die in Bal Sngana bis Carzano (nordöstlich Borgo) vorgekommen waren, wurden über den Maso-Bach zurück- geworfen.
An der küstenländischen Front setzten die Italiener ihre Vorstöße gegen unsere Stellungen zwischen dem K r n und T o l m a i n mit stärkeren Kräften fort, wurden aber überall blutig a b g e w i e s e n. Das Plateau von Doberdo stand gestern nachmittag wieder unter ziemlich heftigem Geschützfcuer.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.
*
Näher an Brest-Litowsk heran!
Br. Cholm, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht Fetts. Bln.) Entlang des BugS und zwischen Wlodawa und Kowcl entwickeln sich, wie „Az Est" berichtet, N a chh n t l ü mp f e. In diesem Abschnitt versuchten die Russen neuerdings, den Kampf wieder anfzuneffmen Die Verbündeten gelaugten näher an Brest- Litowsk. Auch östlich Wlodawa hatten wir Erfolge, trotzdem dir Russen hier Verstärkungen <wie Gefangene erzählen) teilweise soqar auf Auwmobilrn heranfnhrten.
vie Räumung Rigas.
Br. Petersburg, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Die Räumung Rigas ist gründlich besorgt worden. Die Russen schafften sogar die Schienen der Straßenbahn fort. Mehrere alte Häuser mit Kupferdächer befinden sich jetzt ohne Dach. Das enorme Denkmal Peters des Großen wurde wegtransportiert. Me Fabriken sind geschloffen.
vie Furcht vor der Bedrohung Petersburgs.
Br. Kopenhagen, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zenf. Bln.) Die russische Regierung hat in einem Geheimerlaß an die Gouverneure angeordnet, daß von jetzt ab alle Kostbarkeiten für gefährdete Orte nicht mehr nach Petersburg, sondern nach Mosk au befördert werden sollen.
Das geräumte Wilna.
Nach glaubhaften Meldungen über London hat Ruß- , land seinen Verbündeten mitgeteilt, daß nun auch mit der Räumung der Stadt Wilna begonnen worden ist. Wilna, die Hauptstadt des gleichnamigen Goiriverne- ments, liegt am Einfluß der W i l I i k a in die W i l i j a, 'einem Nebenfluß des Njemen und ist Knotenpunkt der Eisenbahnen: St. Petersburg-,Warschau, Warschau-
Eydtkuhnen, Warschau-Rowno und hat 200000 Einwohner. Wilna betreibt einen lebhaften Handel in Holz und Getreide und eine gut entwickelte Lederindustrie. Es ist Sitz des Generalgouverneurs und des Kommandos des Militärbezirks sowie des 3. Armeekorps. Im Jahre 1386 wurde diese alte Hauptstadt Litauens und das Land selbst mit Polen vereinigt und kam 1795 bei der zweiten Teilung Polens an Rußland. Im Feldzuge Frankreichs gegen Rußland im
Jahre 1812 besetzte Napoleon I. diese Stadt und organisierte von hier aus den litauischen Aufstand. Der polnische Aufstand des Jahves 1863 brachte Litauen und seiner alten Hauptstadt eine schwere Leidenszeit. Mit Grausamkeiten unerhörter Art gelang es dem vom Aaren Nikolaus I. eingesetzten Generalgouverneur Muvajew die Flammen des Aufstandes zu ersticken. Durch die unmenschliche Art seines Vorgehens zog er sich den gerechten Haß ganz Europas zu, jedoch die Anerkennung seines Fürsten durch die Verleihung des
Grafentitels. Als unvergeßliches Andenken im Herzen der litauischen Bevölkerung wurde ihm von der russischen Regierung nach seinem Tode im Jahre 1898 in Wilna eine Bronzestatue errichtet. Hierdurch wird die dauernde Erinnerung an den Henker Murajew ebenso sicher erhalten in Wilna, wie dies in Warschau ider Fall ist mit dem Denkmal des Grafen Paskewitsch, welcher 1831 für Rußland den polnischen Aufftand niederschlug. Wenn jetzt die Russen notgedrungen Wilna räumen inüssen, so sind sie dazu entschlossen, der bedauernswerten Bevölkerung den Verlust von vielen Millionenwerten aufzubürden und zeigen auch, .daß der Schein einer freiwilligen Räumung nicht aufrcchterhalten werden kann.
In militärischer Hinsicht ist Wilna eine offene Stadt, dessen Schutz die Njemen-Festnng Kowno bildet. Man kann aber annehmen, daß die Russen diesen Brückenkopf durch starke Erdarbeiten im Laufe der langen Kriegszeit ausgebaut haben. Die täglichen starken Angriffe in Richtung Wilkowir gegen Belows rechten Flügel haben bewiesen, daß hier die Russen eine akttde Verteidigung zu führen gedenken. Diese wiederum hängt ab von der Widerstandskraft der Festung Kowno, in dessen Fortsgürtel bereits eine starke Bresche geschlagen wurde. Mit Kowno steht und fällt der Besitz Wilnas.
Graf Bodmer über die Rriegslage.
Wien, 17. Ang. (Jens. Bln.) Ein Mitarbeiter des Wiener „Fremdenblattes" hatte sich an den Grafen^ Bodmer mit dem Ersuchen gewendet, sein Urteil über die Kriegslage abzugeben. Auf diese Anfrage antwortete Graf Bodmer mit nachstehendem Schreiben:
Die schweren Niederlagen der Russen in Polen berechtigen zu der Annahme, daß unser östlicher Gegner am Ende seiner Kraft angelangt und nicht mehr imstand e ist, aus der bloßen Abwehr zu einer kraftvollen Offensive überzugehen. Zieht man gleichzeitig in Betracht, daß es den Franzosen, Engländern und Italienern trotz verlustreichster Anstürme nicht gelungen ist, den Verbündeten tm Osten auch nur einigermaßen eine Entlastung zuteil werden zu lassen, so ergibt sich hieraus ohne weiteres, daß die Verbündeten am Schluß des ersten Kriegsjahrcs mit dem bisher Erreichten vollauf zufrieden sein dürfen und daß es g u t um uns steht.
Voreilig wäre es, jetzt schon in die Erörterung der Fragen einzutreten, wie lange wohl noch dieser gewaltigste aller Kriege dauern wird. Mit vollem Vertrauen dürfen wir aber der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensetzen und hoffen, daß wir wie im Jahre 1871 werden sagen können: „Gott war mit uns, ihm sei die Ehre!"
vie Bedeutung des Nurzec-Uebergangss.
Die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen befinden sich im besten Fortschreiten auf den größten und bedeutendsten Faktor im Festungsviereck. Bei den großen
Schwierigkeiten und Hindernissen, die immer überwunden werden müssen, haben sich alle Truppengattungen hervorragend beteiligt. Aber die Hauptarbeit bei diesem Vordringen und bei Überwindung der Schwierigkeiten fällt doch den wackeren P i o n >i e r e n zu. Als am Sonntag der Heeresbericht meldete, daß in der Gegend zwischen Narew und Bug von den Truppen der Armeen von Scholtz und b. Gallwitz der Übergang über den stark versumpften Nurzec- F l u h erzwungen - worden war, da ahnte man wohl, daß dieser Flußübergang für den Fortgang der Operationen zwischen Narew und Bug eine entscheidende Wendung bedeuten würde. Es hat sich bei der Bezwin- gung dieses Flußüberganges, die natürlich nur durch Brückenschlägen sich erzielen ließ, darum gehandelt, größere deutsche Truppenteile über den Nurzee zu werfen, sich dort festzusetzen und dann sofort angriffsweife gegen die ruM- schen Stellungen vorzugehen. Der Plan ist denn auch glücklich gelungen, da gleichzeitig außer auf der Durchbruchsstelle auch auf der ganzen übrigen Narew - Bug - Front ein starker Angriff enpetzte, der mit sehr starken Kräften durchgeführt worden zu sein scheint. Denn die Russen haben dem Angriff nicht widerstehen können; sie haben ihre gut verschanzten und befestigten Feldstellungen, wie der vorgestrige Tagesbericht dann bereits melden konnte, geräumt und einen beschleunigten Rückzug an getreten. So stehen unsere Truppen bereits auf den bewaldeten Höhen des im letzten österreichisch-ungarischen Heeresbericht genannten Ortes Dobrynka. Dieser Ort liegt weit östlich von Warschau, nur etwa 20 Kilometer südwestlich bcn Brest-Litowsk entlernt. Wenn unsere Truppen sich der Bahnlinie bemächtigen, die' Brest mit Bjelostok verbindet, so ist damit die Festung Brest-Litowsk eines sehr wertvollen Schienenstrages beraubt, und die russische Front, die sich im wesentlichen wohl mit auf diese Linie gestützt har, wird an dieser Stelle weiter zurückgenommen werden müssen, oder ein scharfes Treffen unvermeidlich sein. Wie die Aussichten auf die Gewinnung dieser stärksten und neuzeitlichsten Festung sich entwickeln werden — ob die Russen tatsächlich rcch weiter östlich zurückweichen, wo ihnen dann allerdings die Rokitnosümpfe im Rücken sind, und die Festung mit geringen Verieidigungstruppen einschlixtzen lassen oder ob sie größeren Widerstand vor der Festung leisten wert-en, dürsten Wohl schon die nächsten Tage' ' zeigen.
Koifcr Franz Joseph 85 Jahre alt.
Heute Mittwoch vollendet der greffe Kaiser auf dem habsbvrgischen Throne fern 85. Lebensjahr. Mel Schmerz und Herzeleid hat er in all den langen Jahren über sich ergehen lassen müssen, und dieser furchtbare Krieg ist nicht die kleinste Heimsuchung sür sein Land gewesen. Denn ähnlich wie in Ostpreußen haben die Russen auch in Gcckizion gehaust nrid Mord, Feuersbrünste und Verwüstung 'durch diese Provinz getragen Aber die Schwere des Krieges halt ihn nicht niederzubeugen vermocht. Im Gegenteil soll er. Wie glaubwürdige Zeugen versichern wollen, namentlich durch die großen Erfolge ferner tapferen Heere auf den galizischen und polnischen Schlachtfeldern lander zu neuem Leben erblüht fein, und so nahe ihm persönlich auch das Schicksal vieler Däusern der auf der Wahlstatt verbluteter Krieger gehen mag, so hofft doch auch er :n festester Zuversicht, idatz dieses BlurrnchtniirNstmst geflossen und die Lasten des Krieges nicht vergeblich gewesen fein werden. Er selbst hat ja schon manchen Kampf mstge-
