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Wiesbadener Tmlilstt

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BerlagS-Fernfprecher No. 2953.

Dienstag, den 24. Fedruar.

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Deutscher Reichstag.

Berlin, 23. Februar.

Tagesordnung: Zweite Beratung des Etats des Melchsamts des Innern, Kapitel Reichsgesundheitsamt. Hierzu sind zwei Resolutionen beantragt. Eine Reso­lution Baumann-Blanckenhorn und Genossen will die Wiederholung der schon früher beim Weingesetz ange­nommenen Resolution, die Überwachung des Verkehrs mit Nahrungs- und Genußmitteln nach einheitlichen Grundsätzen, sowie durch Anstellung besonderer Beamter geregelt wissen. Eine Resolution Sachse (Soz.) will den in Westfalen bereits bestehenden Ausschuß zur Be­kämpfung der Wurmkrankheit im Bergbau-Revier von Reichs wegen unterstützt wissen. Abg. A n t r i ck (Soz.) erklärt, daß er niemals aus bloßer Skandalsucht seine Beschwerden über die Zustände in Krankenhäusern vor­gebracht, sondern stets vorher geprüft habe. Hinweisen müsse er heute wiederum darauf, wie oft in Berliner Krankenhäusern wegen Ubersüllung Kranke abgewiesen werden müßten. Noch schliminer sei es in verschiedenen Vororten Berlins. Auch in Köln beständen auf diesem Gebiete ganz unzulängliche Zustände. Dort herrsche ein großer Arztemangel, was leicht erklärlich sei, wenn man bedenke, daß in einer Annonce des Kölner Magistrats ein Assistenzarzt für ein dortiges Krankenhaus gesucht worden sei mit einem Gehalt von nur 900 Mk. Aller­dings sei hinzugefügt gewesen, der Arzt könne sich dort als Spezialist ausbilden. Redner führt noch verschiedene llbelstände, die in Kölner Krankenhäusern herrschten, an und bringt auch solche von Berliner Krankenhäusern zur Sprache, ferner Vorkommnisse im städtischen Kranken­hause zu Altona und in der Privat-Krankenanstalt des vr. Pintschovius im Harz. Auch auf die Verhältnisse in Cottbus geht Abg. Antrick ein. Im wesentlichen seien seine Schilderungen dieser Angelegenheit im vorigen Jahre noch lange nicht der Wirklichkeit nahe gekommen, wenn er auch zugeben müsse, daß er sich in einem Punkte

geirrt habe. Ein neues Krankenhaus sei in Cottbus unter allen Umständen erforderlich. Staatssekretär Posa- d o w s k y will eine Äußerung des Vorredners, daß viel­fach in Irrenhäuser:: Kranke mißhandelt würden, nicht unwidersprochen lassen. Solche Fälle kämen ja gewiß vor, es seien aber Ausnahmefälle und die Verwaltungen treffe daran keine Schuld. Auf alle vom Vorredner an­geführten Fälle könne er unmöglich eingehen. Wegen Cottbus wolle er aber Mitteilen, daß der ihm vorliegende Bericht wesentlich anders laute. Abg. Schräder sfreis. Ver.) bemerkt, daß die Verhältnisse in den Krankenhäusern gegen früher schon besser geworden seien und dieser Erfolg sei nicht zum mindesten der stärkeren Öffentlichkeit zu verdanken. Von seiten des Reiches be­dürfe es aber noch einer schärferen Aufsicht auf diesem Gebiete. Das Pflege-Personal müsse besser ausgebildet werden und den geprüften Pflegern und Pflegerinnen müssen gewisse Rechte cingeräumt werden, z. B. die Qualifikation zur Anstellung als Oberwärter, Ober­schwestern. Abg. H o f f m a n n - Hall (südd. Volksp.) bezeichnet die Wärterfrage als die allerschwierigste und bemängelt die niedrigen Gehälter nicht nur des Wärter- Personals, sondern auch der Arzte. Wie notorisch der Notstand in Arztekreisen, zumal im Zusammenhänge mit dem Krankenkassengesetz, sei, darüber lägen traurige Schilderungen von ärztlicher Seite vor. Charakteristisch für diese Zustände sei der Kurpfuscher-Prozeß Narden- kötter. Abg. Langerhans (freist Volksp.) ver­breitet sich über die Ausbildung des Wärter- und Wärterinnen-Personals und über die llberfüllnng der Krankenhäuser, die darauf zurückzuführen sei, daß die Krankenkafien zu sehr geneigt wären, auch leichte Kranke ins Krankenhaus zu schicken. Abg. S t n g e r (Soz.) hofft, daß das Reichsgesundheitsamt und die Regierungen alles tun würden, um den llbelständen in den Kranken­häusern abzuhelfen. Mg. Lenz mann (freist Volksp.) kann die Ausführungen des Abg. Antrick, so weit sie die Zustände in Köln betreffen, tm wesentlichen bestätigen. Redner erneuert sodann die schon im Vor­jahre von dem Abg. Müller-Sagan vorgebrachten Be­schuldigungen gegen das von Professor Schwenningen geleitete Grotzlichterfelder Krankenhaus, daß dort an öiphthcriekranken Kindern eine neue Heilmethode an­gewandt werde mit dem Erfolge, daß die Diphtherie- Sterblichkeit in Grotzlichterfelde fünf- bis sechsmal größer sei als in anderen Krankenhäusern um Berlin. Abg. Sachse (Soz.) begründet seine Resolution. Abg. Hil­beck (nat.-lib.) verbreitet sich über die Ausdehnung und Ursache der Wurm-Epidemie im Ruhrgebiet. Er emp­fehle, einmal die Berieselung der Gruben einzustellen, um zu sehen, ob dieselbe die Ursache der Epidemie sei. Handclsminister Möller bedauert die große Aus­dehnung der Krankheit. In allernächster Zeit werde eine Kommission zusanrmentreten, um alle getroffenen Maß­nahmen zu kontrollieren. Stellenweise werde der Ver­such gemacht werden, die Berieselung einzuschrünken.

Sie ganz abzuschaffen, werde niemand wünschen, wer nur einmal die Folgen einer Explosion mit angesehen habe. Die Bewilligung von Mitteln, wie die Resolution Sachse es wolle, sei überflüssig. Die Zechen würden alles tun, um die Epidemie zu beseitigen, aber die Arbeiter könnten ebenfalls das Ihrige dazu tun, indem sie die Abortkübel auch wirklich benutzten. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Beratung. Schluß ey 2 Uhr.

Preußischer zandtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 23. Februar.

Im Abgeordnetenhause begann heute die zweite Lesung des Eisenbahn-Etats. Minister Budde teilte mit, daß er bestimmt hoffe, dem Hause in allerkürzester Frist eine Nebenbahn-Vorlage machen zu können. Es fehle noch die königliche Ermächtigung zur Einbringung der Vorlage. Alsdann entwickelte der Minister sein Programm: Er habe durch die Zeitungen erfahren, daß er eine Programmrede halten würde. Er sei kein Freund von Programmreden,- dieselben seien leicht gefährlich. Da aber auch in diesem Hause so etwas wie eine Programm, rede von ihm erwartet werde, so wolle er eine halten, aber eine ganz kurze. Er sei gewillt, die Leitung der Eisenbahnverwaltung nach den alten bewährten Gesichts­punkten zu führen, die in diesem Hause seit Jahrzehnten nicht nur Billigung, sondern auch Anerkennung gefunden haben. (Bravo.) Damit sei seine Programmreöe eigent­lich zu Ende. Er ivvlle aber noch einiges hinzufügen. Als er im Juni v. I. sein sorgenvolles Amt übernahm, habe er sich in derselben Lage befunden wie sein Amts­vorgänger, als er das Amt übernahm. Es war eine Zeit der niedergehenden Konjunktur, aber jedesmal sei die Krisis bald überwunden worden und die Rente der Eisenbahn sei in den letzten Jahren des vorigen Jahr­hunderts auf 7 pCt. gestiegen, wie sie jetzt wieder auf 6,3 pCt. gefallen sei. Unter diesen Umständen sei es klar gewesen, wie er bei der Aufstellung des Etats zu ver­fahren habe. Maßgebend für ihn mußte fein der Grund­satz: Kein Optimismus bei der Abschätzung der Ein­nahmen, sondern Schutz der Einnahmen und möglichste Ersparnis bei den Ausgaben. In den letzten zehn Monaten seien die Einnahmen wieder um 27 Millionen gestiegen, so daß zu erwarten sei, daß der Einnahme­ausfall von 43 Millionen, den der Finanzminister bei seiner Etatsrede in Aussicht gestellt habe, nicht unerheblich! vermindert werde. (Bravo.) Bezüglich der Personen­tarife bat der Minister noch um Schonzeit, um die Frage der Vereinfachung studieren zu können. Auch nach seiner Meinung besteht hierin das Wesen einer Reform der Personentarife und nicht in einer Herabsetzung. Eine ähnlicheverständige und vorsichtige Tarifpolitik", wie er es nannte, will der Minister bei den Gütertarifen' einschlagen, d. h. er will zwar hier und da, namentlich im

Acktor Wollmar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

(12. Fortsetzung.)

Ob Gabriele am Ende nicht so Unrecht hat? Ob ße Beide niemals zusammen passen köirnten, sie lind diese Kunstreiter?"

Und als er diese Frage vor sich hinmurinelte, wurde ihm zu seinem Erschrecken klar, daß er sich die ganze Zeit über, wo er zu arbeiten wähnte, mit den Worten be­schäftigt hatte, die Gabriele zu ihm gesprochen, daß er sie und Miß Ellida zusammengestellt und in allem Ernste berglichen hatte. Und hatten diese beiden, scheinbar so entgegengesetzten Gestalten denn nicht Manches gemein­sam, wenigstens für ihn? Wenn ihn zu dieser Reiterin am meisten das Natürliche und Ursprüngliche hinzog, konnte er leugnen, daß Gabriele auch viel Natur und Ursprünglichkeit in ihrem Auftreten und ihren Ansichten Zeigte? Was bei der Kunstreiterin urwüchsig, manches­mal fast wild sich offenbarte, das sah er hei Gabriele ruhig und abgeklärt in Ausdruck und Inhalt. Und wodurch? Durch nichts anderes als durch die Macht der Erziehung und der Bildung, keiner äußerlichen, schabionisierten, tvie er sie stets verworfen, sondern einer freien, selbständige, von der Gabriele erst vor kurzem sa überzeugt zu ihm gesprochen hatte.

Nun wohl! Konnte er dasselbe nicht auch bei seiner Schülerirr erreichen? War er nicht auf dem besten Wege dazu? Er durfte nur nicht nachlasserr, durfte nur den Mut rricht verlieren!

Und er verlor den Mut nicht. Ja, er versuchte es wgar, seinen Schützling noch einmal mit Gabriele zu­sammenzuführen. Als nach dem Schluß einer Stunde da draußen wieder ein sehr unfreundliches Wetter war, lud er Miß Ellida zu einer Tasse Kaffee ins Wohn­zimmer, wo die beiden Tamm gerade um den Familien­usch saßen. Aber er hatte wenig Glück mit seinem Ver- silckie. Gabriele war eisig und unnahbar, und die Kunst- Leiterin war hier auch ganz anders als ihm gegenüber

in seinen Unterrichtsstunden. Sie trat den beiden Damen, insbesondere aber Gabriele, mit einer so stolzen Zurückhaltung, einem solchm Selbstbewußtsein gegen­über, daß der Doktor sie kaum wieder erkannte, sich im Stillen aber über ihr Auftreten freute. Sie war hier ganz Künstlerin, ganz die gefeierte Dame des Cirkus.

ötur einmal, als Frau Mollinar sie gerade mit sehr ernstem Blick ansah, flog ein Nmuderbares Lächeln über ihre Lippen, und als die Dame hierüber sehr ungehalten war, denn das Gespräch drehte sich durchaus nicht uin heitere Dinge, und dies wohl in einer etwas entrüsteten Miene zu erkennen gab, da lachte ihr das ungezogene Mädchen grade ins Gesicht, so daß Frau Mollinar empört das Zimmer verließ und der Doktor, der währmd des kurzen Vorgangs Qualm ausgestandm hatte, einmal über das andere seinen törichten Einfall verwünschte, seine Schülerin zu dieser Kaffeestunde eingeladen zu haben.

Sie haben meine Mutter schwer gekränkt, Fräulein Elli", sagte er nach der Bemdigung der nächstm Stunde zu ihr. .

Seien Sie mir nicht böse, lieber Herr Doktor, nur nicht wieder böse! Es hat mir so leid getan, ich konnte aber nicht anders. Ich mußte immer daran denken, daß die Madame zum Aufpassen hierher gekommm war, und als mir das einfiel, da grade machte die Madame eine so strenge auspassende Miene. Und da mußte ich, ja, ich mußte lachen! Ich will auch nie wieder mit in Ihre Wohnung kommen. Ich gehöre nicht dahin, ich iveitz das ja, nie wieder!"

Sie hatte die letzten Worte mit so eigentümlicher Stimme gesprochen. Der Doktor blickt erstaunt auf. Da sah er, wie ihr die hellen Tränen über das Antlitz liefen.

Das ergriff ihn, und in seiner Verlegenheit brachte er das Gespräch auf Gabriele. Er erzählte von ihren Arbeiten und dem Examm, das sie in nächster Zeit machen wollte.

Und dann wird sie einmal Lehrerin, nicht wahr?" fragte Ellida und tupfte mit einem seidenen Tuche ihre

Tränen ab.Und unterrichtet Tag für Tag die kleinen Kinder, nein, das wäre nichts für mich."

Ein Jeder malt sich anders die Welt, ein Jeder anders sein Glück. Für Sie, Fräulein Elli, gibt es kein größeres als Ihre Kunst und dm Beifall, den sie Ihnen einbringt."

Das ist eben meine Arbeit", sagte sie einfach.Was aber das Glück betrifft, so könnte ich mir noch ein anderes denken, vielleicht." Sie war nachdmklich geworden; ein stiller Ernst lag auf ihrem Antlitz, der diesem sonst nicht eigen war.

Diese Eitelkeit", fuhr sie dann fort,wie Sie immer denken, das ist es nicht, was mir dm Cirkus so lieb macht. Es ist etwas ganz anderes, die Freiheit ist es! Die schöne, goldene Freiheit!"

Ihre Augen leuchteten auf, ihre Züge hatten etwas Verklärtes.Ja, diese Freiheit, die ich. erst so recht schätzen und lieben gelernt habe, seitdem ich in Ihre Welt eingetreten nein, Sie dürfen mir nicht böse sein, lieber Herr Doktor. Darf ich denn nicht ein einziges Mal offen zu Ihnen sprechen? Sie sind so gut, so groß. Ich habe Sie so lieb, so lieb, tote ich nie einen Menschen gehabt, meinen Vater nicht, meine Mutter nicht."

Mit bebender Stimme hatte sie es gesprochen, und doch mit einer Natürlichkeit, als sagte sie etwas Selbst, verständliches.

Aber die Welt", fuhr sie lebhaft fort,die Welt, in der Sie lebm, in der Sic glücklich sind, die liegt weitab von der meinen, «ic ist so mg, so gefesselt wie ein Gefängnis. Keinen Fuß kann man in sie setzen, gleich muß man fürchten anzustoßen, kein Wort darf man sagm, gleich tut man wehe."

"Aber wenn Sie einmal zurück müßten in diese enge Welt?" J

Müßten?! Wer wollte mich zwingen?!"

Nun, es könnte Ihnen irgend etwas zustoßen, wie so manchem Artisten."

Sie schwieg einen Augenblick, dann lächelte sie.Was Sie für ein Schwarzseher sind, Herr Doktor! Daran habe ich noch in meinem ganzen Lehen nicht gedacht.