i s-— Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, l«==:=3 |
Nr» 190. Dienstag, 17. Nugust. *915.
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üfl. Fortsetzung.)
^ant^en. (Mmi verboten.)
Erzählung von Horst Bodemer.
Fräulein Würmeling hatte sich in den Schreibtischsessel recht erschöpft fallen lassen. Ihr ganzer Schlachtplan war über den Haufen geworfen worden, weil ihr Neffe sie nicht auf dem Bahnhof empfangen hatte. Solche Aufregungen, wie ihr der Jung neuerdings machte, war sie nicht gewohnt. Das heißt, >das sffmmte nicht ganz. Der Heini hatte sie einfach auszuschalten versucht — ihr Heini! Das war die bitterste Pille, die sie ihr Lebtag hatte schlucken müssen. Keine Mutter konnte doch den Jung mehr lieben als sie. Sie, die die Hände über ihn gehalten, irachdem er früh die Eltern verloren. Und wenn nicht auf einer Postkarte, die man ihr neulich von einen: Liebesmahl geschickt, der Oberleutnant von Rauschend erg in Gedichtform geschrieben:
Hat man Geld, so ist das fein, fimm ein armes Mädel frei'n.
Hat man dazu noch 'ne Tante,
War' os doch die größte Schande,
Sie «rist nicht ins Portemonnaie,
Denn Liebeskummer, oer tut weh!
Und darunter stand auch noch: Der Heini weiß Nichts davon! ... In Herzensangelegenheiten Geheimnisse vor ihr, der Jung', konnte es ein größeres Mißtrauensvotum überhaupt geben? . . . Und der Leutnant Kollenbusch hatte mit sehr zittriger Hand noch darunter geschrieben: Emmi Böhmer heißt sie . . . Da war sie schleunigst zum nächsten Auskunftsbureau gelaufen, und was das berichtet hatte, ja, da sollte ein Mensch kein Herzklopfen bekommen . . . Und wie sie nun so verzweifelt an dem Schreibtisch ihres Neffen saß, wurden mit einem Male ihre Augen groß. Da standen eine Menge Photographien, die sie früher nicht gesehen hatte, und ein ganzer Stoß lag aufgeschichtet vor der Mappe. Froh war sie, als Herr Angrabeit endlich gegangen war, hastig führte sie die Bilder vor ihr spitzes Näschen, immer dieselbe junge Dame entdeckte ihr Auge, bald allein, bald in einer Gruppe anderer Herrschaften. Also die war es! Nun, sie konnte sich sehen lassen, wahrhaftig! Und wenn die Vermögensverhältnisse nicht so traurig wären, würde sie sicherlich schon verheiratet sein. Die und ihr verwöhnter Heini! Ach, wenn das hübsche Mädchen nur arm wie eine Kirchenmaus tväre, hätte es noch sein mögen, aber ... O, sie hatte sich ganz genau zurechtgelegt, was sie dem Jung sagen würde.. Nein, nein, ein Leben ist lang, das mußte er doch einsehen! Und daß sie nicht zu spät gekommen war, wußte sie nun, sonst hätten Angrabeits gratuliert! . . . Gratuliert, es war zum Lachen! . . .
Herr Angrabeit war zu Karolek, der getreuen Masurenseele, in den Stall gelaufen und hatte gesagt:
„Das gnädige Jrailainchen ans Düsseldorf is da, geh' du rauf zu ihr, ich sattle ab und schütte Futter! Und sag meiner Frau, du sollst den Kaffee rauftragon, es is besser so!"
Karolek riß den Mund auf, ein Strahlen lief über fein Gesicht, die Hände rieb er sich am Hosenboden ab, wrang dabei von einem Bein aufs andere.
„Ise sich die Möglichkeit, 'rr Angrabeit! Frailaiw chen, gnädiges, aus Dü — Düsseldorf ise sich da?"
„Lauf los, Kerl, die „Senta" Hab' ich gut varsorjt die Tage, muß heute noch geritten Warden, keilt wie toll!"
Die „Senta" war eine bildhübsche, junge Fuchsstute, die der Leutnant Klevenich noch nicht im Dienste gebrauchen konnte.
Karolok rannte los, an den Kaffee von Frau Angrabeit dachte er mit keinem Atemzug, desto inren- siver arudie schöne Zeit, die nun anbrechen würde, und an das Trinkgeld beim Abschied. Da würde wieder ein Goldstück fällig, für das er schon Verwendung hatte.
An der Tür des Wohnzimmers schlug er die Sporen zusammen, nahm die Hände an die Hosennaht, drückte die Brust heraus, als stände er vor einem hohen Vorgesetzten.
„Gutten Tag, gnädiges Fvailain, ise sich das aber große Fraide for Karolek und vor 'rrn Leitnant!"
„Guten Tag, Karolek, kommen Sie einmal ein bißchen näher heran!"
Ter marschierte an ihre linke Seite, neben den Schreibtisch, und machte ein ganz verschmitztes Gesicht.
„Photollgraphiert 'rr Leitnant neievdings, immer Fvailainchen, gnädiges, Bemmcr in Laupischkeim. Serr scheenes Gntt, serr scheenes Mädchen! Karolek äse sich immer dabei! Photollgraphiert mit! Muß sich machen Fremdenzimmer, wo sich gnädiges Fvailain aus Düsseldorf schlafen duster — ganz duster!" der schmutzige Zeigefinger der rechten Hand fichr belehrend hoch. „Muß sich dann anbrennen rrotte Latern! Rrotte Latern! Dann wird gebadet Frailainchen, gnädiges Bemrner auf Bild!"
Er wollte noch weiter erzählen, aber Fräulein Würmeling fragte, wann denn der Herr Leutnant käme.
„Ise sich noch beim Futterschitten, Schwadronsstalll Psardchen so rangenommen, der 'rr Oberst, nicht zu sagen! Gedrückt auch welche! Müssen Kerls kühlen , und kriegen Strafwache und Schimpfe, nicht zu sagen, gnädiges Frailainchen! Und will 'rr Leitnant finf Uhr reiten nach Laugischkeim auf „Senta". Neies Pfard- chen, scheenes Psardchen, aber keilt tull!"
Da erhob sich Fräulein Würmeling.
„Gehen Sie gleich in die Kaserne, Karolek, und sagen Sie dem Herrn Leutnant, ich sei da und er möchte doch recht bald kommen!"
„Ise sich 'rr Leitnant fertig mit Dienst, macht er Laufschritt, wen sich Karolek sagt: gnädiges Frailainchen aus Düsseldorf. .
„Ja, ja, gehen Sie nur!"
Mit einem lauten Juchzer trampelte Karolek die Holztreppe hinunter . . .
In Fräulein Würmeling waren die mütterlichen Gefühle erwacht. Der arme Jung hatte zwei Nächte 1 im Freien gelegen und nichts Rechtes zu essen hatte er natürlich auch nicht bekommen. Da war sie ja gerade
