Wiesbadener Tsgblstt.
Li Jahrgang.
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^0. 87. BerlagsOernlprecher No.
Kamstag» -en 21 . Februar.
Rebaktivus-Fernfprecher No. 82.
1803 .
gü©B«gi©i 3 -M&isgafb©.
Zur Fuge auf der BalKlmhulbinset.
Di« Nachrichten über . die ntacedonrsche Bewegung jwechseln fast ununterbrochen, ein Zeichen für die Unsicher- iheit der dortigen Zustände. Unter solchen Umständen hat die türkische Regierung alle ihr erforderlich erscheinenden
militärischen Maßnahmen getroffen, und wenn auch neuerdings im offiziösen Preßäußerungen eine Mobilmachung in Abrede gestellt wird, so wird dabei bod) mehr oder weniger unumwunden zugegeben, daß gewisse militärische Vorsichtsmaßregeln nicht nur getroffen sind, sondern daß sie auch noch erweitert werden sollen.
Unter diesen Umständen ist es empfehlenswert, einen Blick auf die Karte der Balkanhalbinsel zu werfen, welch letztere in Kürze vielleicht wieder ebenso plötzlich der Schauplatz ernster Ereignisse wird, wie dies im Frühjahr
Feuilleton.
Wiener Brief.
Das neue Jahr scheint unter .'einem günstigeren Stern zu stehen als das verflossene, denn durch den Ausgleich mit Ungarn hat sich der innerpolitische Himmel stark aufgehellt. Handel und Industrie versprechen sich viel für die Zukunft, die Börse, welche anscheinend dem Marasmus verfallen war, zeigt neues Leben, die 5turse steigen, und da beim Börseaner die Devise gilt „leben und leben lassen", ist gegründete Aussicht vorhanden, daß endlich wieder einmal „Geld tmter die Leute kommt". Daß die Wiener guter Laune sind, merkt man am besten an den überfüllten Vallsälen und Restaurants, an den gesteckt vollen Konzertsälen und an der vergeblichen Bemühung, ohne Vormerkgebühr eine Theaterkarte zu erlangen. Im Burgtheater sind mit Monna Banna" von Maeterlinck, und dem „Sinnen Heinrich" von Gerhart Hauptmanu Werke wirklicher, aber sehr moderner Dichter eingezogen, die auch breitere Schichten des Publikums anlocken,- die eigentlichen Stammgäste des Burgtheatcrs, die zum großen Teil den oberen Zehntausend angehören, sind mit der neuen Richtung, welche die Modernen in die Bühne, in das sogenannte Comtessentheatcr einläßt, nicht sehr einverstanden, was auch ganz begreiflich ist, denn die Comtcsserln müssen seither so manchen Abend statt in ihrer Rurgtheaterloge zu Hause verbringen. Auch im Bolksthcater gibt es keine Müdchenstücke; „Dnbarry", dessen Inhalt an Frivolität so manches bisher Dagewcscnc in den Schatten stellt, beherrscht seit Monaten das Repertoire, abwechselnd mit dem französischen Lustspiel von Capus: „Die beiden Schulen", das durch sein wildelendes Sujet, fernen geistreichen Dialog und die nicht minder geistreich ersonnenen Toiletten der Frau Obilon das Publikum anzieht. Auch alle anderen Bühnen' Haben mehr oder weniger frivole, aber nicht erwähnenswerte Zugstücke, infolgedessen jenes
1897 der Fall war. Wir geben deshalb unseren Lesern verstehend den Abdruck einer solchen Karte, aus der alles Überflüssige der bessern Übersichtlichkeit halber fortgelassen ist, während die politischen Territorialverhältnisse und die Lage der Garnisonorte, sowie die Eisenbahnverbindungen deutlich zu erkennen sind.
Es ist Tatsache, daß die Türkei ihre materiellen Streitkräfte im allgemeinen und die Kriegsbereitschaft der Truppen des zweiten und dritten Korps (Adrianopel und Saloniki) zu vervollständigen sucht. Diese Vorbe
reitungen dauern schon seit Monaten, nämlich seit September v. Js., zu welcher Zeit das Bandenunwesen, in Sandschak Serres (Vilajet Saloniki) begann, zu dessen Unterdrückung der größte Teil der damals einberufenen sechzehn Redifbataillone verwendet wurde. Als. dann der mit dieser Aktion betraute Konmmndcnst der neunten Nizam-Division (Serres), Ibrahim Pascha, meldete, daß er seine Aufgabe als beendet betrachte, wurde Marschall Omer Ruschdi Pascha (Chef des Generalstabes im Kriege gegen Griechenland 1897) an Ort und Stelle gesendä,
um diese Angabe zu prüfen rmd! gegen das Bandenunwesen geeignete Maßregeln vorzuschlagen. Seine Anträge bezogen sich in erster Linie auf Ergänzung öer Wege und Telegrapßenlinien, Errichtung von Blockhäusern^ sowie einige Änderungen, d. h. Verstärkungen den Truppenverteilung im türkisch-bulgarischen Grenzgebiets und andere Tetailvorkehrungen, so zum Beispiel Ergänzung der Munition und der sonstigen Kriegs- ausrüstungs-Bestände in dm Depots.
Diese Maßregeln erfuhren nun in den letzten zwei Monaten infolge der regen Propaganda und der offenen Vorbereitungen der macedonischen Coinstös, sowie infolge der maßlosen Sprache der bulgarischen Presse verschiedens Ergänzungen. Es wurden für drei verschiedene Eventualitäten alle nötigen Maßregeln bezüglich desUmfanges partieller Mobilmachungen ec. durchberaten und be- schlossen. Diese Maßregeln sollen dazu dienen, die Kriegsbereitschaft der Türkei, die infolge ihrer Finanzlage und anderer interner bekannter Verhältnisse in> mancher Beziehung zu wünschen läßt, zu ergänzen.
Aus der kurzen Aufzählung der vorstehenden, von offiziöser Seite selbst angeführten Tatsachen geht zur Genüge hervor, wie kritisch die Lage auf der Balkanhalbinsel zur Zeit einmal wieder ist. Und dabei steht der erfahrnngs- mäßig dem Ausbruch von Feindseligkeiten günstige Frühling nahe vor der Tür.
Ministerpriisident Emile Combes.
Unser Pariser Korrespondent schreibt unterm 18. Februar:
Emile Combes ist eine derjenigen Erscheinungen, welche deutlich zeigen, wie sehr sich der Stoff, aus dem Staatsmänner bestehen, im Laufe der Zeit verschlechtert hat. Er zählt zu den Größen des jetzigen Radikalismus, aber die Nachbarschaft erhöht ihn und wollte man chn an dem Maßstab messen, der früher an Staatsmänner angelegt wurde, dürfte er bedenklich zusammenschrumpfen und kürzer werden. Er gewinnt durch die Unzulänglichkeit der anderen und ist nur relativ groß unter den Kleinen. Er ist das Haupt -einer Partei, die mit Goblet ihre letzte wirkliche Größe verloren hat.
Als Combes im Juni vorigen Jahres die Nachfolge Waldeck-Rousfeaus antrat und dabei bescheiden zu verstehen gab, daß sein Ehrgeiz sich nicht so west verfliege, diesen ersetzen zu wollen, verursachte das Austauchen dieses bish-er wenig bekannten Politikers einiges Erstaunen und manche fragten: Warum du und nicht ein anderer? Daß das Licht Emile Combes bis dahin nur in einem engen Kreise geleuchtet hatte, mußten seine Anhänger zug-eben, aber gerade dieser Umstand, erklärten sie, gäbe demselben die Anwartschaft auf die Lenkung der Geschicke des Landes, denn ein alter weiser Rat laute: Frankreich, mißtraue den Individuen! Wenn Combes schließlich kein Staatsmann sei, so wäre er dafür unbestreitbar eine eiserne Seele, ein Mann von
Publikum, das reinen Kunstgenuß sucht, in die Kvuzcrt- siile flüchtet. Die beiden Geiger, Jan Rubelik- und Bronislaw Hubermann, ringen dort abwechselnd um die Gunst der Menge, während sich die Konzcrtbesucher tatsächliche ihre Plätze erkämpfen müssen. Trotz des tosenden Beifallssturmes, den Rubeliks virtuoses Spiel erregt, hat Hubermann durch seine künstlerisch durchgeistigte Auffassung den Sieg davongetragen, so daß ihn seine Begleitung beim Verlassen des Konzertsales vor den Musikenthusiasten, die wie in guten, alten Zeiten die Wagenpferde des Künstlers ausspannen wollten, nur schwer schützen konnte. Neben den beiden Künstlern, welche die Kinderschuhe erst kürzlich ausgetreten haben, macht sich aber noch ein winziges Bürschchen, — der kaum zehnjährige Florigel v. Reuter als Violinvirtuose in der Wiener Gesellschaft so bemerkbar, daß seine Konzerte jedesmal ausverkauft sind. Die Musikverstündigen prophezeien dem kleinen Schweizer — Florigel v. Reuter kommt aus Genf — eine großartige Zukunft. Der Kleine, der nicht nur den Bogen zum Erstanncn sicher führt, ist auch am Klavier zu Hause, somit ein Wunderkind im schönsten Sinne des Wortes.
Es würde zu weit führen, alle jene, die in Wien geigen, spielen und singen, zu erwähnen, cs machen sich ja viele angenehm bemerkbar, aber ihr Spiel wird insgesamt von der Tanzmusik, die an allen Ecken und Enden allabendlich erklingt, übertönt. Der Höhepunkt der Elitebälle ist wohl überschritten, denn der Ball bei Hofe — des Kaisers Hausball, — sowie der Hofball, der Jndnstriellenball und der Ball der Stadt Wien, die vornehmsten FaschingSfeste der Residenz sind vorüber. Auch der „Rarrcnabend", das lustige Faschingsfest des Münnergesang-Bereins, ist unter der Devise „Moderne Völkerwanderung" bereits zu seinen Vätern heimge- gangen. Aller Humor, den der Wiener besitzt, kommt am 'Rarrcnabend, der von der besten bürgerlichen Gesellschaft besucht wird, zur Entfaltung. Der Sophien- saal, in dem der Ball alljährlich stattfindet, war diesmal in einen Bahnhof umgewandelt, von dem aus vier Züge
nach „Wo's hin woll'n" abgingen. Der gesamte Vorstand des Männergesang-Vereins empfing, als Gepäck-, träger verkleidet, die Besucher, welche teils einzeln, teils in Gruppen einzogen. Mit ohrenbetäubendem Lärm, denn die meisten Gruppen kamen mit der eigenen „Musi", so die „Europamüden Schulkinder", „Barnum und Bailcy", von der Fee-Reklame geführt, „Auswandernbe Hausierer und Blumenverkäuferinnen", „Wanderndes' Antomatenbüffet", „Weltdraher", „Wundergiegerl", „Rumänische Auswanderer" ec. zogen ein. Für eine „Landstreichergruppc" hatte man ein eigenes Gefängnis installiert, in welche man baldigst eine „Madame Hum- bert", eine „Reformöame" und noch viele andere „Landstreicher" einsing. Um Uhr begannen die Vorträge des Männergesang-Vereins, die jubelnde Heiterkeit erregten,- erst um 2 Uhr konnte man in der ruhelosen Bahnhofsgesellschaft ein Stückchen Platz für den Tanz erobern, welcher bis zum frühen Morgen währte, da die -Anwesenden den Anschluß zum Nachhausesahren versäumten. Mit dem Narrenabend hat sich jedoch die Faschingsfreude noch keineswegs ausgelebt. Das Künstlerfest, im Zeichen „Der Keramik" stehend, verspricht sehr- anziehend zu werden, Frauenheimball, Weißer Kreuzball, Thcrrstanisten-Picknick, die Bälle der verschiedenen Nationalitäten und Gewerbe, die Masken-, Bauern- und Gschnasbülle und Inst but not least die Hausbälle verlangen alle ihr Recht. Der Berichterstatter hat noch lange, mühselige Nächte vor sich, denn auch im Februar findet die Ballfreude kein Ende, man tanzt in Wien meist bis in den grünen Frühling hinein, jede Coterie, jede Clique und jede Vereinigung, seit neuestem auch jedes Theater, macht sich im Nachfasching erst durch einen wohltätigen Zwecken gewidmeten Tanzabend bemerkbar. Für die oberen Zehntausend ist nach Beendigung der Hofbälle die Saison vorüber: der Hochadel und mit ihm jene, die in der Lage sind, den Härten des hiesigen Winters entfliehen zu können, eilt nach der Riviera, aber der Faschingstrubcl erleidet durch deren Abwesenheit kaum eine Einbuße, da es meist das Alter und die
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Balkan-Halbinsel
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