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Wiesbadener Tsgblatt.

_ ,, , . «s- Jahrgang. Verlag: Lanaaaffe 27. Anzcigcn-Preiö:

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nachsterschcmendcn Ausgabe wird kerne Gewahr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ko- 88.

Verlags-Fernsprecher No. 2353.

Samstag» den 21. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1903.

Abend-Ausgabe.

Politische Uebersrcht.

Es regnet, wenn es regnen will, es regnet feilten Lauf! Nach diesem Motto spielt sich die Etats­debatte im Reichstage ab, die sich „nimmer erschöpfen und leeren will", und nicht viel weniger aus­giebig ist die Etatsdebatte im preußischen Abgeordneten­hause. Man spricht, insbesondere im Reichstage, längst nicht mehr zum Hause, sondern aus dem Fenster heraus. Was jetzl im Reichstage gesprochen wird, das sind bereits unverfälschte Wahlreden. Sind wir doch nicht mehr ganz 4 Monate von den Neuwahlen entfernt, und das Interesse der Parlamentarier gilt nicht mehr dem der­zeitigen Arbeitsmaterial, sondern der Zukunftsmusik der Neuwahlen, welche jede Partei sich gern möglichst sinfo­nisch gestalten möchte.

Die Etatsdebatte im Abgeordnetenhause, bei der die Fälle Löhning und Endell-Willich eine sehr eingehende Berücksichtigung erfahren hatten, hat unterdes in den politischen Ereignissen selbst eine bemerkenswerte Fortsetzung erfahren. „Es rast der See und will sein Opfer haben". Die Verhandlungen des Abgeordneten­hauses hatten unzweideutig ergeben, daß der O b e r - Präsident der Provinz Posen, Herr v. Bitter, durch die beiden erwähnten „Fälle" in starker Weise belastet worden ist. So konnte es denn' nicht Wunder nehmen, daß das Posener Klima sich als zu rauh für Herrn v. Bitter erwies und dieser von den bekannten „Gesundheitsrücksichten", dieser Influenza der hohen Beamten, befallen wurde, die ihn zum Rücktritt zwangen.

Es waren ebensowenig die üblichen Gesundheits­rücksichten, welche den überraschenden Rücktritt des bayerischen Minister-Präsidenten von Crailsheim herbeigeführt haben. Der Fall Crails­heims ist das Schlußglied m der Kette, die mit dem Fall des Kultusministers v. Landmann begann. Ob das bayerische Zentrum freilich Grund hat, über den Ministerwechsel, dessen intellektueller Urheber es ist, zu triumphieren, das wird sich erst in der Folge zeigen.

Triumphiert haben die Verbündeten Mächte endlich in Venezuela, wenn der Triumph auch mäßig ist. Schwer genug hat es gehalten, mit dem unbotmäßigen Präsidenten Castro und seinem Protektor, dem amerika­nischen Gesandten Bowen, fertig zu werden, aber zum Schluß ist doch so viel erreicht worden, als angesichts der sehr komplizierten und heiklen Situation zu erreichen war. Wenn wir auch, ebenso wie England und Italien, bisher statt Geld und Goldeswert nur venezolanische Zusagen haben, so sind diese doch immerhin durch einige Garcmtieen verstärkt. Viel Vergnügen oder gar Ruhm war bei der venezolanischen Affäre ohnehin nicht zu holen und wir wollen froh sein, wenn sie erst einmal völlig erledigt sein wird.

Das Zusamnrengehen Deutschlands und Englands in der Venezuela-Affäre ist zwar durch die Umstände geboten gewesen, aber es ist, das ist ja ein offenes Ge­heimnis, weder in Deutschland noch in England sonder­lich populär gewesen. Das ist auch in dcrAdreß- d e b a t t e hervorgetreten, die in dieser Woche im englischen Unterhause stattgefunden hat. Immerhin muß anerkannt werden, daß bei aller Reserve doch ein wesentlich anderer Ton gegenüber Deutschland angeschlagen wurde, als cs in der englischen Presse üblich ist. Ein schärferer Ton ist dagegen im englischen Unterhause gegen Rußland angeschlagen worden, dessen unermüdliches Vordringen in Persien Gegenstand der intensivsten englischen Sorge ist. Aber mit Parlaments- reden werden die Engländer das Vordringen Rußlands nicht aufhalten. Wenig erfreulich ist nach den Dar­legungen der englischen Regierung auch die Lage in China, wo die gegenseitige Eifersucht der Mächte noch immer den Hauptfaktor bildet, der eine völlige und be­friedigende Regelung der verworrenen Verhältnisse ver­hindert.

In erfreulichem Gegensatz hierzu ist es dagegen gelungen, die Mächte in Bezug auf eine andere Frage von hervorragender internationaler Bedeutung einiger­maßen unter einen Hut zu bringen. Die seit 25 Fahren schwebende makedonische Frage soll jetzt endlich ihrer Lösung entgegengeführt werden. Das von Öster- reich-Ungarn und Rußland entworfene Resormprogramm für Macedonien würde eine gewisse Sicherheit dafür bieten, daß den heillosen Zuständen in diesem, von der Türkei cursgefogenen Lande ein Ende gemacht wird und dort einigermaßen Ordnung geschaffen wird. Aber freilich, „was nützt der Mantel, wenn er nicht gerollt ist!"

Alles wird darauf ankommeu, ob die Pforte das Reformprogramm nicht bloß offiziell acceptiert, sondern in loyaler Weise durchführt. Das abör lvird nur ge­schehen, wenn die Mächte, die ja in dieser Frage eine erfreuliche Einigkeit bekundet haben, dem Sultan, der gern verspricht, aber ungern etwas hält, auf die Finger sehen. Den Teufel halte, wer ihn hat!

Deutscher Reichstag.

Berlin, 20. Februar.

Eingegangen ist die Novelle zum Kranken-Verfiche- rungsgcfetz. — Die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern wird fortgesetzt bet dem Titel kosten der Maßregeln gegen die Reblaus­krankheit in Verbindung mit der Resolution Blanckenhorn, welche Maßnahme:: gegen die von Elsaß- Lothringen her drohende Reblaus-Gefahr fordert. — Abg. P r e i ß (Elf.) versichert, daß in Elsaß-Lothringen alles Erdenkliche geschehen, um die dortige Reblausseuche einzudämmen. Das bewährte Ausrottungs-Verfahren iverde nach Möglichkeit angewandt. Die elsaß-lothringi­sche Verwaltung tue durchaus ihre Schuldigkeit. Außer­

ordentliche Maßnahmen gegen die Reblaus in Lothringen zu treffen, würde Sache des Reiches sein. — Abg. Bau- m a n n (Zentr.) erklärt vom Standpunkte des unter­fränkischen Weinbaues die größten Schutzmaßregeln für erforderlich. — Abg. D c i n h a r d t (nat.-lib.) fordert ebenfalls gründlichen Schutz gegen die Verseuchungs-- gefahr im Interesse der rheinischen Weinbaugebiete. — Abg. Wetterle (Elf.) bemerkt, das Reich müsse ange­sichts der schlechten Finanzlage Elsaß-Lothringens hel­fend eingreifen. — Geheimrat Halloy (Els.-Lothr. Bevollmächtigter) erklärt, seit einer kurzen Reihe von Jahren habe Elsaß-Lothringen zur Bekämpfung der Reblaus 2y 2 Millionen Mark ausgewendet. Nichts sei vernachlässigt worden, aber die Erfolge hätten nicht den gemachten Anstrengungen entsprochen. — Abg. Cahensly (Zentr.) bittet um möglichst einmütige Annahme der Resolution Blanckenhorn. — Abg. Müller- Sagan (freis. Volksp.) äußert sich in dem­selben Sinne. Nötigenfalls müßten vom Reiche auch materielle Mittel zur Bekämpfung der Reblausgesahr bewilligt werden. — Abg. Lücke (Bund der Lanöw.) wünscht rücksichtsloses Vorgehen. Eventuell solle Loth­ringen eine Anleihe aufnehmen. — Die Resolution Blanckenhorn wird hierauf gegen die Stimmen der Elsaß- Lothringer angenommen. — Bei dem Titel: Förderung des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Unter­stützung wissenschaftlicher, technischer und ähnlicher all­gemeiner Fragen auf dem Gebiete der Landwirtschaft wünscht Abg. Herold (Zentr.) vermehrte statistische Publikation über die einschlägigen Verhältnisse, Getreidc- preis-Bewegung, Frachtsätze, Valuta-Bewegung re. im Auslande. — Abg. Snedekum (Soz.) kann nicht ein- sehen, warum man für eine solche rein landwirtschaftliche Korporation Reichsgelöcr bewilligen solle. — Staatssekre­tär P o s a d o w s k y bemerkt, er habe schon früher er­klärt, daß es wünschenswert wäre, wenn eine solche ge­naue Statistik durch eine Vereinigung beschafft werden könnte. Eine solche Vereinigung der verschiedenen Inter­essengruppen bestehe eben bis jetzt nicht, und er habe auch keinen Fonds für diesen Zweck. — Abg. F r e e s e (freis. Ver.) verbreitet sich über das Verbot des Ternnnhanöels. Wenn die Landwirtschaft sich jetzt nicht genügend über den Preis unterrichten könne, so seien die Agrarier selbst daran schuld. Wenn dieselben nun eine Vereinigung wünschten behufs Preisstand-Publikation, so wolle er, Redner, bemerken, daß die Hauptsache dabei für die Agrarier die sei, daß sie die Preise stabil machen wollten. Dieser Wunsch werde aber nie erfüllt werden können. Die Herren würden auch nie erreichen, daß sie ihre Preis-Ermittelungen so rasch an den Markt bringen könnten, daß die Landwirte rasch davon Gebrauch nrachen könnten. Er hoffe zuversichtlich, daß noch die Zeit komme, wo der Terminhandel wieder eingeführt werde. (Bravo links, Rufe rechts: Nein!) — Abg. Herold (Zentr.) betont, daß zu der gewünschten Vereinbarung auch Handel und Industrie hinzugezogen werden sollten. — Graf Schwerin- Löwitz (kons.) weist darauf hin, daß in Paris bereits eine solche internationale statistische

Doktor Wollmar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

(10. Fortsetzung.)

Die Nebeneinanderstellung von ihm und Helmar war in diesem Zusammenhang nicht gerade schmeichelhaft für jhn. Dennoch hätte er das Gespräch gern fortgesetzt. Aber da kam die alte Therese und trug in den derben Händen eine fehr zierliche Visitenkarte.

„Dr. Ferdinand Baumann, wissenschaftlicher Ober­lehrer an der Viktoriaschule" stand darauf, und als Gabriele den Namen las, da sah er znm ersten Male wieder seit langer Zeit das warme Leuchten in ihren blauen Augen.

„Ein alter Jugendgespiele, wir haben schöne Tage mit- einander verlebt. Me der jetzt Wohl aussehen mag!"

Ferdinand Baumann war dein Doktor der Liebste unter seinen Kollegen. Ein frischer Mann von guten Manieren und vorurteilsfreiem Blick. Und obwohl er «jünger und erst seit'einem Jahr an der Viktoriaschule langestellt war, hatte sich zwischen den beiden Männern ein herzliches Freundschaftsverhältnis gebildet. Der Doktor war deshalb sehr erfreut, als er gelegentlich von den alten Beziehungen seines Kollegen zu Fräulein Hell- wig gehört hatte.

Herr Baumann kam seitdem öfter in das stelle Haus seines Freundes, und da er gleichfalls mit feiner Mutter zusammenlebte, die Gabriele gut kannte, so machte diese, ihrerseits der alten Dame einen Besuch und verbrachte tzinige Abende dort.

Wenn Frau Mollinar dann allein war und die treue Genossin vermißte, die ihr unentbehrlich geworden, lächelte ihr Sohn darüber. Seine Gedanken wurden jetzt durch etwas ganz anderes in Anspruch genommen. —

Frau Koralli batte ihrer Tochter gegenüber keine Schwierigkeiten mehr, sowie es sich um den Unterncht beim Doktor handelte. Nachdem Ellida eine Zeit lang zu

verschiedener und unregelmäßiger Zeit getommen war, hatte man sich auf zwei bestimmte Wochentage um vier Uhr geeint. Und mit dem Glockenschlag vier betrat Ellida das Arbeitszimmer ihres Lehrers, und wentl die große Wanduhr in der Nebenstube mit^den langgezogenen surrenden Schlägen den Schluß der Stunde verkündete, dann flog über ihr hübsches Gesichtchen der Schatten des Bedauerns, und das Stumpfnäschen kräuselte sich in Un­mut: aber ihn zu äußern, wagte sie nicht.

Überhaupt erwies sie dem Doktor seit jener Unter­redung in ihrer Wohnung einen Respekt, wie ihn noch kein anderer Mensch von ihr erfahren hatte. Sie be­mühte sich mit einem fast rührenden Eifer, ihre ursprüng» liche Wildheit in: Zusammensein mit ihm abzulegen, ihr heißblütiges Temperament zu zügeln. Und wenn ihr dieses dann und wann doch einmal einen Streich spielte, dann ertrug das verwöhnte Kind jede Zurecht- weisung von ihm mit einer Demut, die ihrem Wesen bisher fremd gewesen war.

Doktor Mollinor aber war sparsam und vorsichtig mit diesen Zurechtweisungen; er ließ der jungen Blüte ihre natürliche Entfaltung, nur ab und zu suchte er einen gar zu wild rankenden Trieb behutsam zu stutzen. Niemals aber schulmeisterte er wieder an ihr herum, niemals griff er da ein, wo es nicht unumgänglich not- wendig war. Auch aus der geistigen Bildung dieses Mädchens strich er alles Systematische. Die Bücher, die er sie zu Hause lesen ließ, waren aufs sorgfältigste für sie ausgewählt. Es waren BUder großer Helden aus der vaterländischen Geschichte oder leicht verständliche Werke aus der Literatur, die ihrer Auffassungsgabe angemessen waren und ihrer Phantasie den Flug in edlere Regionen öffneten. Und wenn Miß Ellida des Abends durch die Arena auf ihrer Diana gerast war und sich erschöpft in dem primitiven Bretterverschlag, der ihre Garderobe genannt wurde, umkleidete, dann bevölkerte sich dieses Gemach mit lauter Helden und Rittern ans der Geschichte und Dichtung, und in ihrem

Mittelpunkt sah t; c die gedrungene Gestalt, das strenge bleiche Antlitz ihres Lehrers, und im Stillen zählte sie die Tage, da sie wieder in seine Arbcitsstube treten durfte.

Rastlos arbeitete der Doktor an dem vorgesteckten Ziele: das Mädchen des Cirkus immer mehr in die Welt der Bildung einzuführen, in der er zu Haufe war uird die er für die allein lebenswerte hielt. Er hatte mit Direktor Wöhrmann darüber gesprochen, wie es möglich wäre, eine Hebung seiner Schülerin auch im täglichen Leben anzubahnen.

Da gäbe es nur ein Mittel, fwtte der verständige Schulmann geantwortet. Man müßte sie mit Menschen aus anderen Kreisen in Berührung bringen. Das Vor- teilhafteste wäre es, wenn es gelänge, ein jüngeres Mädchen unserer Gesellschaftsklassen zu finden, das sich der kleinen Zigeunerin annähme. Freilich wird das nicht leicht halten. Denn jene Dame müßte sehr ver­ständig sein, viel Takt und Geduld, vor allen: aber vor­urteilsfreie Herzcnsgüte besitzen. „Ich mutz doch einmal unter unfern jüngeren Lehrerinnen Umschau halten, vielleicht Fräulein Bockelmann."

Der Doktor aber hatte kaum ihren Namen gehört; ein ganz anderer Gedanke war sofort in ihm aufgetaucht. Die Tainc, die der Direktor im Auge hatte, stand vor ihn:. Gabriele! Niemand war zu dieser Mission ge­schaffen wie sie! Er wollte mit ihr sprechen, wollte sie bitten! Sie bitten? Das freilich wurde ihm nicht leicht. Drei lange Tage kämpfte er mit dem Entschluß. Einige Male machte er den Ansatz — sein Anliegen anszu- sprechen — aber ein unbestimmtes Gefühl schloß ihm fofort wieder den Mund.

Gabriele hatte immer noch die kühle, unnahbare Art ihm gegenüber, und es dünkte ihm wenig angenehm, jetzt eine abweisende Antwort von ihr zu erhalten.

Endlich, es :nar ein Abend kurz vor dem Essen, die Mutter war noch einen Augenblick in die Küche gegangen, Gabriele und er waren allein in der Wohnstube, da faßte

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