51. Jahrgang.
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Morgen-Ausgabe,
Wohnungselend in den Großstädten.
Fm Voltigen Jahre ist in der Zeitschrift des Preußi- schon Statrstischen Bureaus eine Arbeit über die kleinen Wohnungen in einer Reihe preußischer Städte erschienen, die merkwürdigerweise nur geringe Beachtung in der Presse gefunden hat. Und doch handelt es sich dabei um emen der beachtenswertesten Versuäie, ton schwierigelt Problem einer vergleichenden Wohnungsstaftsttk gerecht ßu werden. „Sie Schwierigkeiten eines solchm Vergleichs bestehen zunächst in den allgemeinen Schwierigkeiten, die sich jeder Wohnungsstaftsttk eiftgegenstellen. Zu jeton Vergleich gehört ein gemeinsamer Maßstab und dieser sich hier nur außerordentlich schwer finden. Im gewöhnlichen Leben würde man sich wundern, wenn eilt Kaufmann mit zwei Ellen von verschiedener Länge messen wollte. Bei der Statisftk und namentlich bei der Wohnungsstaftsttk sind wir aber tatsächlich auf solche verschiedene Maßstabe angewiesen, wenn wir nicht aus jeden Vergleich überhaupt verzichten wollen. Ein derartiger Maßstab ist z. B. das Ziinmer. Ein Zimmer kann em Dachfenster oder 6 Fenster Front haben, in beiden Fällen erscheint es in einer Stattstik nach der Zmrmerzahl mit demselben Werte. Ein gemeinsamer Maßstab könnte hier vielleicht der Kubikraum sein. In- dessen bedarf es keiner weiteren Ausführung, daß ein Ausmessen von etwa 400 000 Wohnräumen, wie sie z. B. m der Stadt Leipzig vorhanden sind, nur sehr schwer durchführbar ist. Nr,r bei einzelnen Wohnungeü oder Gruppen von solchen braucht übrigens ein Ausmessen stattzufinden. Leider sind aber die Bedenken mit dieser Schwierigkeft noch nicht erledigt. Vielmehr herrscht auch noch m der Festsetzung des Maßstabes zwischen dm ein- zelnen Städten die bunteste Mannigfaltigkeit. Man hat geglaubt, in der Heizbarkeit der Zimmer ein charakteristisches Unterscheidirngsmerkmal zwischen eigentlichen Wohnzinnnern und kleineren Nebenzimmern (Kam- mern 2C.) zu erhalten und so ist der unglückliche Begriff des heizbaren Zimmers in die Wohnungsstaftsttk herein- geraten, obgleich es auf der Hand liegt, daß dadurch die grundsätzlick-e Schwierigkeit der Gewinnung eines ge- eigneten Maßstabes nicht beseiftgt wird, wohl aber die Verwirrung auf das äußerste gesteigert werden muß. Auch zwischen heizbaren Zimmern bestehen dieselben Unter- schiede wie zwischen Zimmern überhaupt, denn heute kann schließlich jedes Zimmer, etwa durch einen Petroleum- ofen, zu einem heizbaren gemacht werden. Das schlimmste aber ist, daß nunmehr alle anderen, darunter vielleicht die für die Familie wichtigsten, Räume unter der farblosen Bezeichnung „Zubehör" verschwinden. Eine Wohnung lnit einem heizbaren Zimmer und Zubehör kann alles
Feuilleton.
Der Pairenl im Osten.
Eine Berliner Hochbahn-Geschichte von Julius Keller.
I.
„Pardon, mein Fräulein! Hab' ich Ihnen wehe getan?"
Der junge Mann fragt das überaus ängstlich, während er sich als überzähliger Stehpaffagier nur krampfhaft an der von der Decke niederhängenden Schlinge fcst- hält, „aber man komnit hier wirklich so leicht ins Straucheln ..."
„Bitte sehr," gibt das hübsche Mädchen mit leichtem Erröten zurück, „ich habe gar nichts gemerkt."
„O, — Sie sind sehr liebenswürdig, mein Fräulein."
Der Zug hält am Halleschcn Tor. Der Platz neben der jungen Dame wird frei. Der Stehpassagier nimmt ihn ein, während er höflichst fragt:
„Darf ich mir gestatten?"
„Bitte sehr," sagt sie freundlich und nickt ein ganz klern wenig. Er sitzt nun sehr bequem, scheint sich aber nicht sonderlich viel daraus zu machen.
„Sie fahren täglich Hochbahn, mein Fräulein?"
„O ja, mein Herr."
„Wohl geschäftlich?"
„O nein, mein Herr."
„Also — zum Vergnügen?"
„O nein, mein Herr."
„Hm ... Ja, ja . . . sehr nützlich, die Hochbahn — kehr nützlich," murmelt er ein wenig betroffen und doch bemüht, das Gespräch nicht so ohne weiteres einschlum- ftiern zu lassen. Dabei arbeitet sein Geist unausgesetzt, me Fragestellung möglichst geschickt weiter zu spinnen: denn sie gefüllt ihm, gefällt ihm riesig, die schlanke, eben- waßlge Gestalt, die leuchtenden blauen Augen, das reizende Blondhaar und das ganze natürliche, unbefangene und doch leis schüchterne Wesen .... Seine reelle Absicht, demnächst eine Bekanntschaft fürs Leben zu machen, hat eine ganz bestimmte Richtung erhalten
„Da machen Sie wohl Studien hier auf der Hoch-
mogftche sein, sie kann neben dem heizbaren Zimmer noch drei geräumige Schlafräume und eine Küche, oder nur eine Dachkammer enthalten. Vielfach wird unter Zubehör von der die Fragebogen ausfüllenden Bevölkerung noch etwas ganz anderes verstanden, so daß man auch nicht einmal auf eine richtige Ausfüllung rechnen kann. Auch die erwähnte preußische Statisftk läßt er. kennen, wie wenig die Wohnungsstaftsttk durch die Ein- teilung der Wohnungen nach der Zahl der heizbaren Zimmer gefordert worden ist. Wir werden noch darauf zurückkommen.
Ein viel geeigneterer Maßstab, allerdings weniger für eine Beurteilung der Wohnungen nach chrem Zu- stände, als für eine Beurteilung der Belastung der äme- ren Klassen durch die Verhältnisse des Wohnungsmarktes, ist der Mietpreis. Hier haben wir einen allgemeinen und überall gleichen Matzstab vor uns. Nur muß Sorge ge- tragen werden, daß die Mietpreise der abvermieteten Wohnungen und die der Restwohnungen der Aftermieter überall nach gleichen Grundsätzen zum Ansatz gebracht werden Leider bringt hier die erwähnte preußische Statistik keinen Fortschritt, da die Wohnungen von weniger als 260 Mk. Mietwert nicht näher spezialisiert werden, _ Gerade diese Wohnungen sind aber die wichtig- sten! Sie machen in vielen Städten mehr als die Hälfte aller Wohnungen überhaupt aus. Zwischen den einzelnen Städten bestehen darin allerdings die auffälligsten Unterschiede. So waren z. B. in Prozenten aller Wohnungen vorhanden:
Wohnungen
m u n t e r ü S e r
.... 250 Mk. Mictwert
Köln a. Rh. (1897).. 54,4 % 45 6 %
Hannover (1900).. 38 2 fi s
Charlottenburg (1900) . 24 8 " 752 "
Essen (1900) .......... 64',4 ' "
HE a. S.65,7 „ si,3 "
.05,8 „ 34,2 '
Kiel . 578 422
Flenöburg.. 70^9 " U',l "
Hannover und Charlottenburg haben also einen"auf- fallenden Mangel an billigen Wohnungen, was allerdings zum tol durch die Nachbarschaft großer Fabrikstädte (linden, Berlin 2 c.) zu erklären ist. Immerhin ist es z. B. für Hannover m hohem Maße bedenklich, daß der dieser Wohnungen in den 10 Jahren von gefator is00 '^0,9 auf 38,2 % aller Wohnungen
~ der interessantesten Teile der preußischen L>tatsiftk besteht in einer Untersuchung der „übervölker- Wohnungen. Hier tritt das llngeeignete des ge- wahltm Maßstabs nach der Zahl der heizbaren Zimmer deutlich zu Tage. Als überfüllt wurden nämlich die- 'erngen Wohnungen angesehen, in denen, wenn sie gar kein heizbares Zimmer oder ein solches mit oder ohne Zubehör enthielten, 6 und mehr Personen, und wenn sie
zwei heizbare Zimmer enthielten, 11 und mehr Personen wohnten. Die Nebenräume sind also nicht berücksichtigt Eine Wohnung, die nichts weiter als ein einziges, nicht heizbares Zimmer enthielt, galt erst als überfüllt, wenn sie 6 oder mehr Personeii zum Aufenthalt diente, wäh- rend z. B, eine Wohnung mit einem heizbaren Zimmer, Küche und drei nicht heizbaren Zimmern, also eine Wohnung, welche tatsächlich 6 Wohnräume enchielt, bei 6 Bewohnern ebenfalls als überfüllt galt. Von den Wohnungen ohne heizbare Zimmer waren daher nach der Stattstik nur wenig überfüllt (in Berlin im Jahre 1890 inmnerhin noch 1826, Am Jahre 1900 noch 328) In Wirklichkeit wird aber eine solche Wohnung schon bei wer Bewohnern für überfüllt gelten müssen und die Zahlen würden dann hier viel größer fein, während von den Wohnungen, bei denen das Zubehör aus mehreren nicht heizbaren Zimmern besteht, manche ausscheiden könnten Diese Bedenken müssen zum Verständnis der folgenden Tabelle, die ein wahrhaft trauriges Blld von der über- füllung großstädtischer Wohnungen gibt, hervorgehoben werden. Es waren nämlich vorhanden:
Die anae-
übervöikerte Wohnungen mit
führten tibcr»
» *5? «S
Ult
und
betragen in Promille
bahn?" fragt er endlich. „Sind vielleicht gar — Dich- terin?
„O nein, mein Herr."
„Das ist aber wirklich merkwürdig... Ich hab' Sie nun schon täglich gesehen — und Sie mich gewiß "uch- Sehen Sie, ich fahre, weil ich muß ... Ich bin nämlich Arzt . . . Allerdings erst im ersten Stadium... Ich fange erst an und hoffe noch auf Kundschaft. . . Und nun Hab' ich da draußen im Osten wie durch Zufall emen Patienten erhalten . . . Gott, es ist nichts Be- deuterlöes, aber langwierig . . . Ich halte es für meine Pfttcht, ihn täglich zu besuchen. Man kann als wirklich praktischer Arzt gar nicht vorsichtig genug sein . . . Wenn die Patienten nur halb so vorsichtig wären . . . Sehen Sie, darum fahre i ch täglich . . . Aber - wenn man's n t ch t nötig hat — und das scheint bei Ihnen der Fall zu sein, gnädiges Fräulein, wie?"
„ doch, mein Herr," sagt sie, und nun blitzt es schelmisch in ihren Augen. Sie merkt seine Absicht, ohne verstimmt zu werden. Seine Neugier macht ihr anscheinend Spaß, und sie lächelt still vor sich hin. Wie könnte man ihm auch böse sein, er ist ja bei aller Keckheit so bescheiden!
„Sehen Sic da drüben!" ruft er plötzlich, „das grobe rote Haus mit den hübschen Balkons in der zweiten Etage, da wohnt mein Patient."
Sie blickt seiner Hand nach und fährt leicht zu-
8--«" «L/K!" " 60 " 6 « w
„Ja, dort rechts — im zweiten Stock — bei der lieben Mutter. . . Eine sehr schöne Wohnung . . . Ach, wie schade! — Schon am Ziel ... Ich muß hinaus . . . Empfehle mich, gnädiges Fräulein. Auf Wiedersehen "
Damit eilt der nette junge Mann mit dem interessanten Gesicht und den liebenswürdigen Manieren aus ? t e ™ und sie blickt ihm mit gespanntem Ausdruck
uv a lebhafter Verwunderung nach . . .
Am anderen Tage um dieselbe Zeit.
Drei Züge^ hat er schon abgewartet an der Station Bülowstraßc. der interessante junge Mann, ohne ein- zusteigen. Da hüpft ihre schlanke Gestalt die Treppe
R nW mcTir 11 otcr mehr NUNgNI ? E0I Sipe
Bewohnt B'wohue-u
Berlin. 27 792 485 469 769 60 2
Breslau. 7 060 196 100 874 70 9
Köln. 268 53 74 405 4 3
Frankfurt a. M. . . 460 77 59 731 8 9
Hannover .... 8 238 149 51 808 65 4
Magdeburg ... 4 501 69 53 768 85 0
Charlottenburg . . 1 723 51 43 799 405
Königsberg ... 5 302 124 35 910 1811
Essen (jctz. Umfang) 19 13 36 084 0 9
Altona. 2 001 75 37 687 55,1
Halle. 8 390 75 35 209 98 4
Barmen. 4 399 108 31 828 148 4
Pose» . 2 961 87 24154 126,2
Kiel. 473 24 21 740 22,9
Schöneberg ... 896 8 23 365 38,7
Rixdors. 1890 36 22 408 85 9
Görlitz. 813 8 21809 37,6
In Königsberg wäre hiernach mehr als ein Siebentel aller Wohnungen überfüllt, in Barmen ebenfalls. Auch m Posen, Halle, Rixdorf, Magdeburg, Breslau, in Berlin und anderen Städten waren immer noch mehr als 6 % aller Wohnungen überfüllt!
Im auffälligen Gegensatz zu diesen Städten stehen Köln, Frankfurt a. M. und Essen, wo die Verhältnisse recht günstig zu liegen scheinen. Nun ist allerdings zu bedenken, daß zu den heizbaren Zimmern auch das so- genannte Zubehör hinzukommt, von ton man allerdings mcht, weiß, woraus es im einzelnen Fall besteht. In Berlin bestand es bei 229 880 Wohnungen mit einmn heizbaren Zimmer in 170 023 Fällen nur aus einen Küche, tn 27 211 Fällen in nicht heizbaren Zimmern, in Breslau bei 47 907 Wohnungen mit einem heizbaren
herauf und eilte dem eben einfahrenden Zuge zu. Nun hat s auch der Herr Doktor plötzlich eilig. Mit wenigen Schritten ist er dicht hinter ihr, steigt hinter ihr ein und nimmt an ihrer Seite Platz. Er ist furchtbar verwundert, als er ste plötzlich erblickt ...
„Guten Tag, mein gnädiges Fräulein . . . Nein, dieser Zufall... Es ist, als ob wir uns immer Segnen sollten . . . Stört Sie, daß ich hier sitze?"
„O nein, mein Herr!"
„Sie fahren — wieder nach — nach dem Osten?" „Jawohl, mein Herr."
„Nicht möglich."
„Gewiß ... Zu meiner Tante."
~ SU Jbrer Tante! Zu Ihrer Frau Tante . .
Sehen Sie wohl, also doch eine Notwendigkeit. Ich hab' es mir gleich gedacht. . . Von den lieben Eltern zur lieben Frau Tante, die gewiß — leidend ist! . . . Stauben Sie nicht, daß ich aus beruflichem Interesse spreche, mich etwa aufdringen will . . . aber — ich habe immer so meine Kombinationen und weiß gar zu gern, ob ste richtig sind. . . Ihre Frau Tante ist sicher lei. dend, nicht wahr, und deshalb besuchen Sie sic täglich?" „Nein, mein Herr," antwortete sie und er schwieg .Dann aberschien sic plötzlich Mitleid ob seiner Ratlosigkeit zu empfinden und fuhr rasch fort:
r ., "^«e Tante ist ganz gesund, aber alt und schwäch.
flu alles, eine gute treue Person, ist leider erkrankt, Tante möchte gern bis zu ihrer Genesung ohne Ersatz auskommcn, und da fahr' ich täglich hm, um ihr ein bißchen in der Wirtschaft zu helfen."" J „SSie? — Sie verstehen etwas von der Wirückiakt gnädiges Fräulein?" fragte er überrascht und enihusias.
Alles^"^ nötörI ^' Mbin Herr — alles, nicht bloß etwas.
14 j/'sFw ® VftEich alles? — Das ist aber großartig. Und dieser Opfermut für die liebe Frau Tante." P & „D, ich tu' es ja so gern."
„Sie tun cs gern! — Das hört man heuizntage leiten von jungen Damen, sehr selten! — Meistens leben sie nur dem vergnügen . . . Da wären Sie ja gerade etwas für einen strebsamen jungen Mann. . . Aber
