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|la. 86. Verlags-Fernfprecher No. 2953. Freitag, 20. FeirkUNr. RebaktiouS-Ferusprecher N°. 52. 1903.
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Die Deformen in Makedonien.
„Spät erklingt, was früh erklang." Mt den Reformen, welche vor genau einem Vicrteljahrhundert der Berliner Kongreß vom Jahre 1878 der Pforte auferlegte, soll jetzt endlich Ernst geinacht werden. Nun ist man freilich, was die türkischen Reformen betrifft, im Laufe der Jahre etwas skeptisch geworden. Wie oft ist nicht in diesen 25 Jahren seitens der Mächte an die Pforte die Aufforderung ergangen, den Artikel 23 des Berliner Vertrages, welcher die Durchführung der Reformen für Macedonien festsetzte, endlich zur Ausführung zu bringen, und wie oft hat nicht die Pforte dies in bindender Weise versprochen! Aber das Papier ist in der Türkei noch ge- duldiger als anderswo, und auf diesem Papier sind besagte Reformen bisher stehen geblieben.
Diesmal aber handelt es sich wirklich uin eine ernsthafte Aktton in größerem Stil. Österreich-Ungarn und Rußland haben ein geineinsames Reformprogramm für Macedonien ausgearbeitet, welches bereits die Zusttm- mung der deutschen Regierung gefunden hat und nach erfolgter Zustimmung aller Signatarmächte des Berliner Vertrages der Pforte als bindendes Programm, dessen schleunige und gewissenhafte Ausführung die Mächte fordern, überreicht werden wird.
Was den Inhalt des Resormprogramms betrifft, so handelt es sich hierbei nur um Reformen finanzieller und administrativer Natur, während die Oberhoheit derPforte in Macedonien in keiner Weise angetastet wird. Der wesentlichste Punkt des Reformprogramms besteht darin, !daß die Zehnten-Eingänge der drei Mlajets Maoe- doniens für diese Landesteile selbst verwendet werden sollen, während nur der Überschuß der Pforte zufließt. Bisher lagen die Dinge so, daß der Zehnt, dessen Eintreibung zudem einer Ausplünderung der christlichen Bevölkerung gleichkam, zum größten Teil in die Taschen der türkischen Beamten und des Sultans floß. Diesem Raubsystem soll ein Ende gemacht werdeir, und zwar hat man zur Durchfichrung der Rcformmaßnahmen einen Trick erdacht, der uns freilich selbstverständlich erscheint, für die Türkei a&et sensationell wirken wird: Die Verwaltungsbeamten sollen nämlich regelmäßig ihr Gehalt empfangen! Das war bisher nicht oder wenigstens nicht regelmäßig der Fall, und so waren die Beamten darauf angewiesen, sich selbst die Taschen zu füllen. Zwecks gesicherter Durchführung dieser Reformen soll ein besonderer Gouverneur für Macedonien ernannt werden, der frei- lich kein Christ zu sein braucht, obwohl es sehr wünschenswert gewesen wäre, wenn die Mächte dies durchgesetzt hätten, der aber immerhin mit einer gewissen Selbständigkeit der Pforte gegenüber ausgestattet werden soll.
Es fragt sich nun, wie weit diese Reformen, die sich
m der Theorie ganz schön ausnehmen, in der Praxis zur Durchführung gelangen werden. Es hängt dies von drei Dingen ab; einmal von dem guten Willen der türkischen Regierung, zweitens von dem Verhallen der mace- dänischen Bevölkerung und drittens von der Haltung Bulgariens, welches bisher die Rolle des Hechtes im Karpfenteich der macedonischen Frage gespielt hat. Was den letzten Punkt betrifft, so hat sich ja die bulgarische Regierung frestich nicht dem eigenen Triebe, sondern der Nötigung durch die Mächte folgend, dazu verstanden, die macedonischen Comitös aufzulösen, wobei es freilich die Hauptmatadoren, wie Sarafow, ins Ausland hat entwischen lassen. Bulgarien verdient nach dieser Richtung hin sehr wenig Vertrauen, denn mit der Unterdrückung der macedonischen Cornitss hat es schon allzu oft Komödie gespielt. Jedenfalls werden die Mächte ein scharfes Auge auf Bulgarien iyabm müssen, damit die weitere Schürung der macedonischen Agitatton vermieden wird.
. Die zweite Frage ist die, ob es gelingen wird» die zur Zeit wieder in Macedonien herrschende Gärung so wett zu dämpfen, daß eine ordnungsmäßige Durchführung der geplanten Reformen möglich gemacht wird. Das wird nicht leicht sein, denn Macedonien ist unbestritten das komplizierteste aller Balkangebiete. Die 2y 2 Millionen Einwohner Macedoniens stellen ein buntes Völkergemisch aus Bulgaren, Türken, Serben, Albanesen, Rumänen und Griechen dar, die sämtlich von nattonaler Eifersucht gegen einander erfüllt sind und in ständigen Fehden gegen einander leben. Dazu kommt, daß die Zeit für die Einführung der Reformen nicht günsttg gewählt ist, denn „wenn der Frühling auf die Berge steigt" und die Schnee- schmelze beginnt, pflegen die Bergstämme in Macedonien alljährlich ins Tal hinabzusteigen, um die größere Bewegungsfähigkeit, die ihnen der Sommer gewährt, durch das Ausplündern der Talbewohner auszunutzen. Die Einführung der Reformer in Macedonien würde mithin zunächst nur unter militärischer Bedeckung erfolgen können.
Die dritte Frage endlich ist die, ob die Pforte entschlossen ist, diesmal wirklich Ernst mit den Reformen zu machen. Das eine steht fest, das es mit dem guten Willen der Pforte hierbei noch mehr als schwach bestellt ist. Der Muhammedanismus ist nicht nur seiner gangen Art nach an sich gegen jeden Fortschritt, gegen jede Reform, sondern die Türken fürchten, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, daß das Ende dieser Reformaktton leicht mit dem Anfang einer weiteren Abbröckelung vom türkischen Reiche zu- sammen fallen könnte. Man wird deshalb mit einem passiven Widerstand der Türkei rechnen müssen, welcher der illesormaktion noch mannigfache, heute gar nicht zu übersehende Schwierigkeiten und Hindernisse bereiten dürfte.
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hd. Berlin, 20. Februar. Zu den österreichischrussischen Reformvorschlägen wird dem „B. T." aus Wien berichtet, daß an dortiger maßgebender Stelle
nicht daran gedacht wird, von der Türkei für Macedonien die Autonomie zu verlangen. Österreich werde keinesfalls dulden, daß an seiner Grenze ein Groß-Pulgarien erstehe. Sollte der Sultan, nachdem er die Reformen angenommen, dieselben nicht ausftthren, so seien Zwangs- maßregeln gleichwohl nicht in Aussicht genommen. — Dagegen zweifeln, nach dem „Neuen Wiener Tageblatt" das Wrener und Petersburger Kabinett nicht mehr daran, daß der Sultan ohne weiteres die Vorschläge annehmen einzige Gefahr sei eine Aktion öes mace- dänischen Comitäs. Doch würde weder Österreich noch Rußland rm Falle eines Aufstandes intervenieren.
hd. Wien, 19. Februar. Sämtliche Signatarmächte stimmten dem Reformvorschlage Österreichs und Rußlands zu und stellten dessen Unterstützung in Konstan- trnopel in Aussicht.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 19. Februar.
Fortsetzung der Beratung des Etats des NeichsamtI des Innern, Titel Staatssekretär. — Avg. Eickhoff lfreis. Vvlksp.) beschwert sich über das vom Patentamt beliebte Verfahren bei Anmeldung und Eintragung von Warenzeichen. — Abg. Müller-Meiningen lfreis. Volksp.) hält den Erlaß eines Reichs-Wasser- und vor allem eines Neichs-Luft-Gefetzes für dringend geboten. Desgleichen wünscht er ein Kunstschutz-Gesetz und ein Reichs-Theater-Gesetz. Erforderlich sei auch, daß auf Grund des 8 5 des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb der Handel in Kohlen geregelt werde. Redner vclrbreitet sich weiter tiber das Theater-Zensurwefen. Auf diesem Gebiete seien die Mißstänöe schreiende. In Preußen werde die Regierung durch die Handhabung der Zensur geradezu blamiert. Erstaunlich sei bei dem Verbot der Aufführung von Dreyers „Tal des Lebens", daß das Oberverwaltungsgericht das Verbot gebilligt und damit motiviert habe: Gerade jetzt würde mit Rücksicht auf die neuerlichen Vorgänge am sächsischen Hofe eine solche Aufführung besonders bedenklich sein. Diese Vorgänge - (Präsident Graf B a l l e st r e m unterbricht den Redner mit dem Bemerken, daß diese Dinge doch nrchts mit dem Rcichsamt des Innern zu tun hätten.) Redner beleuchtet dann noch das Verbot der Paul Heyseschen „Maria von Magdala" und bezeichnet cs als ein Pharisäertum ohnegleichen, es unsittlich zu finden, wenn rn einem Stück gezeigt werde, wie Jesus auch die große. Sünderin zu sich emporgehoben habe. In Amerika habe ern Parterre von Geistlichen größte Genugtuung bei Aufführung dieses Stückes empfunden. Der Zensor, der solche Stücke verbiete, sei dem Fluch der Lächerlichkeit verfallen. Redner gibt noch einige weitere Zensurstückchen zum Vesten und spricht schließlich die Erwartung aus, daß der Reichskanzler dieses traurige Überbleibsel aus vormärzlicher Zeit durch einen Akt der Gesetzgebung beserttgt und damit zeigt, daß er kein Philister sei. (Vei- fall links.) — Abg. Crüger (freist Volksp.) wünscht
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Scwett.
(9. Fortsetzung.)
So würde er auch heute Gnade finden! dachte er bei sich und wollte eben die elektrische Bahn besteigen, da mit einem Male fiel ihm ein, daß sie ja noch einen Gast zu Hause hatten. Gabrielens Gestalt stand plötzlich vor seinem Auge. Er hatte sie gestern wenig beachtet; jetzt kam ihm plötzlich der wunderbare Wechsel zum Bewußtsein, der sich bei der Begrüßung in ihren Zügen vollzogen hatte. Die ruhige Stirn, den schlichten Scheitel der goldblonden Haare und die gemessene, fast prüde Haltung, die ihn nachher noch geärgert hatte, alles das sah er in dieseni Augenblick vor sich mit einer Genauigkeit, die ihm unbegreiflich war,
„Die echte Kleinstädterin!" sagte er sich. „Und wie sie sich verändert hat seit ihren Kinderjahren!"
Und neben ihr leuchtete eine andere Gestalt auf: die Kunstreiterin mit den krausen schwarzen Haaren und der kecken Nase, wie sic in reizender Lässigkeit den iippigen Leib an ihrem Bett streckte und ihm zulachte mit den brennenden Augen.
Da war doch noch Natur und Ursprünglichkeit! Das war Rasse! Rasse! Ein abscheuliches Wort! Er hatte sich oft genug geärgert, wenn es einer seiner Bekannten einmal auf ein junges Mädchen angewandt hatte. Und heute?
Aber auf Miß Ellida paßte es nun einmal. Das war wirklich unverfälschte Rasse! Nein, nein! Die Lust, zum Essen nach Hause zu fahren, war ihm vergangen. „Schließlich ist man im eigenen Hause nicht mehr heimisch", murmelte er verdrießlich vor sich hin.
Die elektrische Bahn war längst vorübergesaust, er sah, wie die sprühenden Flammen hoch oben über die Leitungs- dräbte zischelten. Langsam schleuderte er dm Weg zu Fuß zurück und kehrte in ein Weinlokal ain Berliner Tor
ein, wo er in einer einsamen Ecke ein nicht mehr warmes
Mittagessen einnahm, das ihm wenig mundete. — — —
Die stillen Abende im Hause Mollinar hatten ein« andere Gestalt bekommen. Gabriele hatte ein eigenes Talent, alles zu beleben und zu erhellen, was mit ihr in Berührung kam. Selbst die schweren Sorgen der altm Frau waren ihrem Frohsinn nicht gewachsm. Sie schlug sie, für Stunden wenigstens, in die Flucht. Nur der Doktor merkte von alledem wenig. Sowie er ins Zimmer trat, wurde Gabriele schweigsam. Sie las dann meist in einem Buche, von dein sie wmig aufsah, oder machte wohl auch eine leichtere schriftliche Ausarbeitung, die ihr ohne Mühe von dm Händen ging.
Fritz fing an, sich im Stillen über sie zu ärgem. Eines Tages war er unvorsichttg genug, seine Stimmung zu äußem. Als sie gerade fleißig arbeitete, neckte er sie mit ihrer Gelehrsamkeit. Sie legte die Feder aus der Hand, schob ihr Buch ein wenig zurück und sagte ohne die leiseste Erregung: „Tu bist seit Jahren Lehrer an der höheren Töchterschule, da wirst du vielleicht etwas parteiisch ur- teilm. Aber kannst du dir nicht vorstellen, daß einem Mädchen die Ausbildung fürs Leben nicht gmügt, die man ihm dort bietet, und auch nicht einmal das Seminar?"
„Ich habe stets zugegeben, daß Eure Erziehung im System besser sein könnte."
„ „Ach", erwiderte sie etwas schneller, „am System liegt es nicht allein. Ein System in einer so persönlichen Sache, wie jede Erziehung ist, wird immer etwas Mangelhaftes bleiben."
„An wem denn liegt es?"
„An uns selber", antwortete sie mit großer Offm- herzigkcit, „an der Frau und chrer geisttgm Trägheit, lind ist das ein Wunder? Seit Jahrhunderten hatte man sie gewöhnt, im Leben nur mechanisch ihre täglichen Pflichtm zu tun. An eins aber dachte sie nicht und ein anderer erst recht nicht: daß sie doch schließlich selber eine Persönlichkeit war."
„Haha", lachte er höhnisch. „Die alte Rebellion. Ich
aber stehe mtt deiner gütigen Erlaubnis noch auf dem unmodernen Standpunkte, daß gerade die Erfüllung der hmsllchen Pflichtm, der Pflichtm als Frau und Mutter der natürlichste und damit der beste Berus für eins Frau ist."
„llnd meinst du, ich stände auf einem anderen? Meinst du, es gäbe auf der großen Welt ein« wirkliche Frau, dis anders urteilt?"
„Uns auf diese unsre höchste Aufgabe besser und ge- wüstenhafter vorbereiten, sofern wir einst zu ihr berufen werden, uns selbständig machen, wenn wir ihr nicht dienen könnm oder vielleicht nicht dienen wollen."
„Und alles das durch ein geistiges Studium?"
„In erster Reihe", erwiderte Gabriele schnell „bringt es uns dazu, selbständig 3 u denken und zu ur- terlm. Oder hältst du das nicht für nötig? Soll sich denn die geistige Entwickelung der Frau lediglich nur auf dw Autorrtat chrer Schulbildung stützen, die sie auf Glaubm und Unglaubm hinnimmt? Willst du es billi- gm, daß sie als Kind, unreif diirch uiid durch, intt den unglaublichsten Träumereim im Herzm in den nüchternen Ernst des Lebens tritt? Soll sie gar an die schwerste Aufgabe, dre einem Mmschm gestellt werden kann an die Erziehung anderer Persönlichkeiten, einmal herantvetm ohne je sich selber erzogm zu haben? Ach/wenn Ihr wüßtet, welch ein nie zu verbesserndes Unalück oft für Haus und Erziehung diese Äußerlichkeit und Nnselbst- ständigkcit der Frau ist, die Ihr für ihrm Vorzug haltet, Ihr würdet anders urteilen."
Gabriele hatte es alles in so ruhiger Weise gesagt Mollinar sah sie einen Augenblick an, ohne zu antworten Zum ersten Male, kam ihin zum Bewußtsein, wie hübsch dnseS Mädchmangesicht war, trotz der leisen Unregel- Mäßigkeiten um Mund und Nase . Und das meiste, was sie da sprach, das war ihm aus der Seele geredet, da8 stimmte ganz mit dm Anschauungen überein, die er in seiner Tätigkeit gewonnen hatte. Und doch freute er sich nicht über diese Harmonie ihrer Ansichten. Im Gegen-
