WitMener TsMt.
Kl. rvi y a mm ~ —
5». Jahrgang.
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Amrig-n-Annahm- m,
zur
K->. 83.
Berlags.Fernfprecher No. 2883.
Donnerstag» den 19. Februar«
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1883.
Mopgen-flusgabe.
TchiiW KWMm. - Aostlxlstz.
t. Bnöapest, 16. Februar.
Nun ist auch die technische Obstruktion ins ungarische Parlament eingetchrt, und zwar lange noch vor der parlamentarischen Erledigung der Ausgleichsvorlagen. Die Wehrvorlagen, die bekanntlich eine beträchtliche Vermehrung an Geld- und Blutopser sür die Armee bedeuten (in Ungarn allein ist eine Erhöhung des Rekruten- Kontingents um ca. 10 000 Mann geplant), haben dieses seltene Ereignis bewirkt. Sämtliche Oppositionsparteien, die 48er, sowie die Volkspartei und auch die Ugron- Fraktion haben in einer geheimen gemeinsamen Kon- ^renz den Beschluß gefaßt, die verhaßte Wchrvorlage mit allen Mitteln, vornehmlich mit jenen der technisck>en Obstruktion, d. i. die Einbringung aller möglichen Anträge, und ähnlichen Manövern zu bekämpfen und ihre bereits stark _ fadenscheinig gewordene Popularität auf dies« Weise wieder auf den Glanz zu bringen. Herr von Szsll, der auf diesen Zwischenfall nicht gerechnet hatte, ist hierdurch in ernste Bedrängnis geraten. Sein „Freund" Franz Kossuth, der durch seine Intimität mit dem Ministerpräsidenten als Führer der Äußerftlinken stark inVerruf gekommen ist, hat es für klug erachtet, den letzten Sitzungen unter dem Vorwände, dies seiner Gesundheit schuldig zu fein, fern zu bleiben, und die ungarische Volks- Partei, die bish>er unter dem Vorwurf, eine antische Partei zu sein, viel gelitten hat, ergriff begierig die gute Gelegenheit, sich billigen Lorbeer zu verschaffen. Allerdings sind die „Capos" der Volkspartei der Meinung, daß sie, falls einige kleine Konzessionen erreicht sind, sehr leicht im stände sein werden, die Flammen, die sie entfachen geholfen, wieder rasch zu löschen, aber Kenner der Situation, die da wohl wissen, daß sich das ungarische Abgeordnetenhaus an dem Klange der eigenen Rado- inontäten häufig zu berauschen pflegt, sind der Meinung, daß Herr Rakowsky, der Spiritus rector derVolkspartei, viel eher in die Lage des Goetheschen Zauberlehrlings geraten und „die Geister, die er ries, nicht mehr los werden wird". Auch die liberale Partei ist bestürzt darob, daß der nunmchr seit drei Jahren dauernde Siegeslauf Herrn v. Szdlls jäh gehemmt werden könnte und die politisch weniger „Verläßlichen" malen berests die Schreckgebilde der Demission Szdlls oder aber der Auflösung des Hauses an die Wand, während manche Stimmen aus dem liberalen Lager aus dieserObstruktion, biev wie sie behaupten, nur durch die zweideutige Haltung per ehemaligen Naüonal-Partei-Mitglieder möglich ge
worden, die, trotzdem sie jetzt der liberalen Partei angehören, nie aufgehört hätten, nach links hinüberzuschielen. und auch jetzt wieder, bei der Verhandlung der Wehrvorlagen, dem Kabinette mit der Aufrollung ihrer sogenannten nationalen Postulat« ein Bein stellten, eine Purifikation der liberalen Partei erhoffen. Letztere zählen nämlich mit Zuversicht auf die verschiedenartigen Zwischenfälle einer Obstruktions-Kampagne, zu welcher sich, nach ihrer Ansicht, sehr leicht ein Exodus der „Neu- Liberalen" gesellen könnte, der dann die Konzentration der „Alt-Liberalen", d. h. eine neue Erstarkung der liberalen Partei im Gefolge haben wird. Sicher ist, daß die anfangs bei uns unterschätzte Opposition gegen die Militärvorlagen große Dimensionen anzunehmen droht, und daß, wenn erst, was sicher in Aussicht steht, sich auch die Gasse zum Worte meldet, wofür der demokratische Abgeordnete vr. Voczsonyi bereits umfassende Vorbereitungen trifft, die Folgen dieser neuesten Bewegung wohl weitergehende sein könnten, als sich deren Arrangeure heute träumen lassen.
Der Hofklatsch weiß von Differenzen zu berichten, die sich in letzter Zeit zwischen dem Kaiser-König Franz Josef und dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ergeben hätten und die Ursache davon sein sollen, daß der Erzherzog anläßlich des schwur des Hofes in Budapest der ungarischen Hauptstadt fern blieb. Diese Differenzen sollen mit der Affäre der Prinzessin Luise in Verbindung stehen, die gelegentlich des Familienrates in Wien seitens des Erzherzogs eine viel strengere und unversöhnlichere Beurteilung erfuhr, als von Seiten des Monarchen, tvelcher der Prinzessin den Weg zur Rückkehr nicht ganz abschneiden wollte. Der intransigente Standpunkt des sehr frommen Kronprinzen, der auch das Haus Toskana tief verletzt hätte, soll den greisen Herrscher, der Strenge nur mit Selbstüberwindung übt, ernstlich erzürnt haben.
Bildung der Genußfähigkeit.
„Die V o l k s u n t e r h a l t u n g", Zeitschrift für die gesamten Bestrebungen auf dem Gebiete der Bolks- nnterhaltung, herausgegebeu von Raphael Lüwenfcld, Verlag von Hermann Walther, G. m. b. H. in Verlin, bringt in der soeben erschienenen Nummer 1 ihres 5. Jahrgangs einen sehr anregenden Aufsatz von vr. Wilh. Hertz (Hamburg), der, auf praktische Erfahrungen sich gründend, den Verkehr mit jugendlichen Arbeitern behandelt. Besonders beherzigcns- und nachahmenswert scheinen uns folgende Ausführungen:
„Das Volk nimmt nichts an, wobei es irgend welche bevormundende Art spürt. Man mutz sich mit ihm auf eine Stufe stellen. Nicht „Bildung verbreiten" oder
„zur Genutzfähigkeit erziehen" darf die Parole lauten, sondern: „eigenes Kunstleben mitteilen".
Nicht durch Belehrung oder absichtliche Erziehung wirkt man auf die Arbeiter, sondern nur durch Hingabe der ganzen eigenen Persönlichkeit. Was mir selbst schön, groh und herrlich ist, was für mich Leben bedeutet, das mutz ich dem Arbeiter mitteilen und mich dabei ganz auf seinen Standpunkt stellen — dann nimmt er es an. Daß ich dabei in der Auswahl des gebotenen Stoffes sehr vorsichtig und wohlerwogen vorgehe, merkt er nicht. Aber er sieht, daß hinter dieser Mitteilung künstlerischen Lebens der ganze Mensch steht — und nur das wirkt.
Dazu ist dann freilich nötig, daß die Beschäftigung mit dem Arbeiter sich nicht auf ein Gebiet beschränkt. Alles muß da einbezogen werden, denn das, was ich ergreifen will, ist nicht ein einzelnes Empfinden, sondern das ist der ganze Mensch, die Persönlichkeit, der Charakter. Ein persönliches Verhältnis zur Kunst gewinnt der Arbeiter nur durch ein persönliches Verhältnis zu dem, der ihm die Kunst vermittelt. Durch eine lediglich ästhetische Erziehung kann man ihm vielleicht gewisse. Kenntnisse, gewisse formale Anhaltspunkte verschaffen: ein lebendiges Verhältnis zur Kunst weckt man dauch nicht.
Also: stecken wir das Ziel weiter.
Der Verein „Volksheim" in Hamburg, dessen Vorsitzender ich bin und von dessen Ünterhaltungsabenden ich in diesen Blättern schon einmal sprach, hat bisher vier Lehrlingsvereine gegründet, die von 25 bis 120 Mitglieder zählen. Die Jungen stehen im Alter von 14 bis 16 Jahren,- es sind Kaufmanns-, Handwerker- und Fabriklehrlingc, Boten, Läufer und Arbcitsjungen, alle durchaus der Arbcitcrschicht cutstammend. ' Sonntags abends um 7 Uhr versammeln sie sich; es werden Brettspiele gespielt, auch illustrierte Zeitschriften besehen und gelesen,- von 8)4 Uhr ab wird ein ca. % Stunden dauern- der Vortrag lcichtfaßlichen Inhalts gehalten: der Rest des Abends wird mit gemeinsamem Gesang/aber auch mit Rezitationen, Couplets :e., die die Jnugen selbst vortragen, verbracht. Zum erfreulichen Verlauf dieser Abende ist erforderlich, daß eine Persönlichkeit da ist, die sich dem Ganzen und jedem einzelnen mit größter Aufopferung widmet. Dieser „Leiter" muß der vertraute Freund aller dieser jungen Leute werden: und er mutz nebenbei den Takt haben, durch persönlichen Einfluß diese oft schwer zu bändigende Schar im Zaum zu halten; denn natürlich wählen die Mitglieder des Lehrlings- Vereins, die stets mit „meine Herren" und „Sie" ange- redet werden, ihren Vorstand aus sich selbst. Der Einfluß des Leiters ist also ein rein moralischer. Sein Prinzip muß eben sein, den jungen Menschen möglichste Freiheit in ihrem selbst geleiteten Verein zu lassen. Uberiteigt die Mitgliederzahl ein bestimmtes Maß, so muß der Leiter sich durch eine entsprechende Zahl „Helfer* entlasten. ' t
Feuilleton.
Rettung eines Meisterwerks der Antike.
Uber die Wiederherstellung der Bronzestatue des Hermes, die unter den Schätzen vom Meeresgründe aus der bei Cythera versunkenen antiken Trireme aufgc- funden wurde, liegen jetzt interessante genauere Mitteilungen von dem französischen Restaurator Andr6 selbst vor, die erkennen lasten, daß es sich hier um ein Meisterwerk handelt, das von einigen Archäologen für das schön st e erhaltene Originalwerk aus Bronze der griechischen Kunst überhaupt gehalten wird. Als die Überbleibsel des Hermes gefunden wurden, waren sie eine fast formlose Maste: jetzt sind sie aber so geschickt zusammengestellt, datz die Statue vollständig ist. Dem ursprünglichen Material ist dabei nichts Wesentliches hinzugefügt worden. Die Restauration war bas schwierigste Werk dieser Art, das je versucht worden ist. Die Statue ist aus Bronze und muh, auch als sie neu war, sehr leicht gewesen sein. Die alten griechischen Gießer brauchten dieses Metall wegen seines Wertes sehr- sparsam. Als die Statue von den Tauchern auf dem Meeresgrund gefunden wurde, war die formlose Masse mehrere Zoll mit Scemuscheln, Entenmuschcln und kalkigen Niederschlägen bedeckt. Unter diesem Gewicht war nur wenig von der ursprünglichen Bronze, und diese zerbrach, als sie unvorsichtig behandelt wurde. Kopf und Gesicht, die aus etwas dickerem Material als die anderen Körperteile waren, blieben zum Glück intakt, ebenso zum größeren Teil Schultern, Arme nnd Füße. Einem griechischen Chemiker gelang es nach Monaten geduldiger Arbeit, den dünnen Rest des alten Materials von den anhängenben Substanzen zu trennen. Die Restauration der Statue wurde dann M. Andr6 aus Paris übertragen, der ftcb durch seine Restauration des Schatzes von Bos- coreale und der gallisch-römischen Statue von Coligny einen Ruf gemacht hat. Er ist seit 45 Jahren Restaurator; sein Sohn hilft ihm, und in seinen großen Werkstätten beschäftigt er geschulte Leute, die zum Teil schon über 30 Jahre bei ihm arbeiten nnd von ihm selbst angelernt sind. Er ging, da er sich die Schwierigkeit der Aufgabe nicht verhehlte, erst nach vielen Bitten mit seinen drei besten Arbeitern nach Athen, nachdem ihm die griechische
Regierung alle mögliche Hülse zugcsagt hatte. Er beschreibt nun sein so erfolgreiches Verfahren folgendermaßen: „Da die ganze Statue in Stücken war, fing ich an, es von den Füßen aufwärts auf ein Skelett zu setzen. Dieses bestand aus einer starken Centralmetallstütze, die von der Basis des linken Fußes bis zum Scheitel lief; eine ähnliche kürzere Stütze wurde in den rechten Fuß gesetzt und verband sich mit der ersten etwas unterhalb der Mitte. Von den Hüsten bi§ zu den Schultern wurden zwei Seitenstützcn montiert, so daß ich nachher nach Belieben kreisrunde Bänder für die Taille hinzufügen konnte. Der linke Fuß war im schlimmsten Zustand, und nachdem die zerbröckelten Stückchen sorgfältig an die inneren Bänder der Stütze befestigt worden waren, mußte ein Gemisch von Zink und Blei als feste Basis hineingegoffcn werden. Die zerbrochenen Teile um die Taille, auf den Schenkeln und an dem Rücken wurden sorgfältig an inneren Stützbändern angeschraubt und nachher durch eine Schicht Metall verstärkt. Kopf, Brust und Arme wurden von oben durch Stricke gestützt, bis sie an die an der Skelettform befestigten Metallrahmen angeschraubt wurden, über dem Leib und am Rücken fehlten eine Anzahl Stücke, die durch neuen Guß ersetzt werden mußten. Zu diesem Zweck wurden WachSabdrücke genommen und nach ihnen Stücke in einem sehr weichen Metall geformt, das möglichst der Originalkomposition glich. Sie wurden nachher wie die echten Stücke innen angeschraubt und die Ränder sorgfältig in die ursprünglichen Stücke hineingehämmcrt, so daß der Saum fast unmcrklich ist. Wo es nötig war, wurde nachher auch noch der größeren Dicke und Festigkeit wegen geschmolzenes Metall auf die Innenseite gegossen. Zum Glück zeigten einige Teile noch die ursprüngliche Patina, die rch genau nachahmen konnte und zum Schluß dem ganzen gab, so daß sie nun wohl so aussah wie damals, als sie aus den Händen des griechischen Künstlers hcrvorging. Covvadias, der Leiter des athenischen Nationalmuseums, stellte mir alle Instrumente und alles Material, das er liefern konnte, zur Verfügung. Vor der Restauration entstand unter den Archäologen die Frage, wen die Statue barstellen sollte. Die Tatsache, daß die rechte in erhobener Stellung ausgestreckt ist und äugen- scheinlich etwa» Rundes hielt, führte zu zahlreichen Ver- mutungen. Einige nehmen an, es wäre ein Perseus der das Medusenhaupt hielt, andere halten es für einen
Paris oder einen Ball werfenden Ephebos. Aber di ruhige Stellung und der sanfte Blick sprechen gegen bi letztere Annahme. Ich halte die Statue für eineic Hermes der etwas Rundes in der Haiid hielt. Die griechisch! Regierung will alle möglichen Anstrengungen machen um den Gegenstand, den die Statue in der Hand hielt nnederzufinden. Dabei können sich auf dem Meeres boden noch ander- wichtige Überbleibsel finden. Mar hat Teile von wenigstens dreißig bis vierzig Statuer Pfunden. Ein halbes Dutzend ist schon restauriert, ob gleich sie aus Marmor sind und es zuerst fast unmögliä war, eine bestimmte Form zu erkennen. Auch eine groß, Gruppe aus Pferden und Wagen über Lebensgröße if /^anfgebracht worden. Der cytherische Hermes ist sicher lich allen antiken Bronzen überlegen, die in der Neuzer gefunden wurden, und er wird unter ihnen die Stell, Einnehmen, die der Hermes des Praxiteles unter der Marmorstatuen einnimmt. Die Statue ist etwas über Lebensgröße und mißt 1,96 Meter. Der Gesichtsaus- druck, d,e Haltung und Stellung des Körpers und der Glieder sind besonders anmutig und bezaubernd." Prv- fessor Charles Waldstein, der Direktor der amerikanischen archäologischen Schule in Athen, sagte: „Ich halte dü lebensgroße Bronzefigur des Hermes für die schönste alte Bronze, vielleicht sogar für die schönste griechische Statue überhaupt. Sie fordert sofort den Vergleich mit dem Hermes des Praxiteles heraus. Die Ähnlichkeit su- allgemeinen und in allen Einzelheiten ist so groß daß ich beide demselben Meister zuschreibe. Die Figur ruht auf dem linken Bein, das rechte ist zurückgezogen Die rechte Schulter ist vorgeschoben und der rechte Arni erhoben und die Hand ausgestreckt, während der link« 5** 'J nö r ö J e Schulter zurückgezogen sind. Durch dieses Gegenspiel in der Bewegung der Gliedmaßen erhält die Komposition einen wundervollen Rhythmus. Zu der Bewegung des Körpers kommt das leichte Vorwärts- und Abwartsbeugen des Kopfes, der so schön auf dem prächtig modellierten Hals ruht. Der Gcsichtsausdruck ist nach« denklich, eifrig und doch nicht aufgeregt. Die Lippen sind halb geöffnet, die Nasenflügel scheu aus, als ob sie jeden Augenblick vor Erregung beben könnten, die Augen sind klar und aufmerksam nach vorn gerichtet. Ich glaube nicht, daß der Jüngling etwas in der Hand hält; die Geste der Hand ist eine zarte Bewegung, segnend, lobend oder um Aufmerksamkeit bittend "
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