51. Jahrgang.
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U-. 84. *.■ -» Doanerstag, den 19. Februar. 1993.
Abend-Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 18. Februar.
Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung des Reichsamts des Innern, Titel Staatssekretär. — Abg. Crüger (freis. Volksp.) weist nochmals die sozialistischen Angriffe zurück, so weit sie sich beziehen auf seine ueulichen Äußerungen über den 24-stündigen Ruhetag im Gastwirtsgewerbe, sowie auf den Ausschluß der sozialdemokratischen Konsum-Vereine aus dem Genossenschafts- rerbande. — Abg. Schwarze (Zentr.) tritt für Einführung des Befähigungs-Nachweises ein und polemisiert bann kurz gegen die Sozialdemokraten und weiterhin gegen den Bund der Landwirte und dessen agitatorisches Vorgehen in westfälischen Zentrumskreisen. Schließlich bemerkt er noch, daß es sich bei den Wahlen schon zeigen werde, wen die katholischen Arbeiter wählten. (Beifall im Zentrum.) — Abg. Stöcker (wildlib.) verteidigt das Kurrende-Singen gegenüber dem Abg. Zubeil. Daß die Kurrende-Kinder einmal in einem Lokal mit Damenbedienung gesungen hätten, sei richtig. Er, Redner, habe aber sofort darauf gedrungen, daß so etwas nie wieder verkommen dürfe. Neulich sei ihm zugerufen, er nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. (Rufe links: Sehr richtigl) Wenn so etwas außerhalb dieses Hauses passierte, würde man sagen, so betrag»: sich dumme Jungens. Man solle doch an die Aussage des Abg. Bebel im Tausch- Prozeß denken, und lieber von Bebels Meineid sprechen, als von seiner (Stöckers) Wahrheitsliebe. (Große Unruhe links. Abg. Ledebour ruft: Der Redner hat Bebel des Meineids beschuldigt. Der Präsident Graf Ballestrem reagiert nicht daraus.) — Abg. Reitzhaus (Soz.) erwidert dem Abg. Stöcker, ein Mann, dessen Abweichungen von der Wahrheit wiederholt amtlich festgestellt worden seien, sollte sich doch hüten, hier so aufzutreten. Es sei unerhört, daß ein solcher Mann überhaupt noch die Stirn habe, öffentlich aufzutreten. Redner wendet sich dann noch gegen den Abg. Heyl v. Herrnsheim, der kürzlich die „Wormser Zeitung" gemeiner niederträchtiger Verleumdung beschuldigt habe. Das Wormser Blatt habe jetzt den Abg. Heyl v. Herrnsheim aufgcfor- dert, diese Worte außerhalb dieses Hauses zu wiederholen, dann werde sich ja zeigen, wer verleumdet und wer die Wahrheit gesprochen habe. — Abg. Stöcker (wildlib.) bemerkt, Unwahrheit werde ihm niemand nachsagen, es müßten denn schlechte Kerle sein. In dem vom Vorredner angeführten Falle habe sich herausgestellt, daß nicht eine Spur von Vorwurf auf ihm, dem Redner, haften geblieben sei. Herrn Bebel sei von einem Flugblatt und von zwei schweizerischen Blättern Meineid nachgesagt worden. (Ruf links: Das Flugblatt war von Ihrem Freunde Normann-Schumann.) Die öffentliche Gemein
heit, mit der man ihn, den Redner, seit so langen Jahren angreife, datiere seit der Zeit, wo er in das Wespennest der Jnöenschaft hineingegriffen habe. (Gelächter links.) — Abg. W u r m (Soz.) bezeichnet den Mann, auf den sich der Abg. Stöcker beruft (Normann-Schumann), als einen notorischen Lumpen und Schuft, einen notorischen Spitzel, der im Dienste der politischen Polizei bald nach rechts, bald nach links gehe, bald auf die Sozialdemokratie, bald auf den Kaiser schimpfe, einen Mann, der Herrn Stöcker sehr nahe stand und zusammen mit ihm und Waldersee den Scheitcrhaufenbricf verfaßt habe. Redner polemisiert schließlich noch gegen das Zentrum. — Abg. Herzfeld (Soz.) äußert sich über die angekündigte Ausführungs- Verordnung zur Seemanns-Ordnung. — Staatssekretär Posadowsky verbreitet sich gleichfalls über dieselbe, dabei betonend, daß neuere Verträge, welche erst nach dem 1. April abgeschlossen würden, falls sie zu den Bestimmungen der neuen Seemanns-Ordnung im Widerspruch stünden, selbstverständlich ungültig seien. — Abg. L e d e b o u r (Soz.) bemerkt, Herr Stöcker habe Herrn Bebel, über dessen Charakter wohl in diesem Hause kein Zweifel bestehe, des Meineids bezichtigt. (Vizepräsident Graf S t o l b e r g bestreitet dies. Herr Stöcker habe nur gesagt, daß Schweizer Blätter Herrn Bebel des Meineids bezichtigt hätten.) Abg. Ledebour bittet den Präsidenten, das Stenogramm einzusehen. Am Schluffe seiner ersten Rede habe Herr Stöcker wörtlich gesagt: Reden Sie lieber von Herrn Bebels Meineid. (Vizepräsident Graf S t o l - b c r g entgegnet, in seiner zweiten Rede habe dies Herr Stöcker in seinem oben angegebenen Sinne erläutert.) — Abg. L e n z m a n n (freis. Volksp.) behält sich vor, später einmal mit Herrn Stöcker ein Hühnchen zu pflücken. Er werde dann die Christen- und Wahrheitsliebe dieses Herrn illustrieren. — Abg. Stöcker (wildlib.) bemerkt. Meineid sei ihm nur von Lumpen vorgeworfen worden, worauf Abg. Singer (Soz.) ausführt, so oft Herr Stöcker spreche, habe er nur das Gefühl der Lächerlichkeit oder des Mitleides, ja sogar des Ekels. (Unruhe rechts.) Wenn aber Herr Stöcker Herrn Bebel des Meineids beschuldige -(Vizepräsident Büsing unterbricht den
Redner und bemerkt, wenn dies geschehen wäre, würde Herr Stöcker zur Ordnung gerufen worden sein.) Abg. Singer meint, Herr Stöcker hätte zum mindesten offen erklären müssen, daß er Herrn Bebel des Meineids nicht für fähig halte. — Abg. Stöcker (wildlib.) ist zu dieser Erklärung bereit, wenn jene Herren erklären, daß sie auch ihn nicht des Meineids für fähig halten. (Stürmisches Gelächter links.) — Abg. L e n z m a n n (freis. Volksp.) geht auf den bekannten Prozeß Witte ein, um nachzuwcisen, wie überaus schlecht damals Herr Stöcker hinsichtlich seiner Wahrheitsliebe abgeschnitten habe. — Nachdem Abg. Stöcker diesen Ausführungen entgegengetreten, wird die sozialpolitische Erörterung für beendet erklärt. — Uber die sechs Resolutionen soll erst in der dritten Lesung Beschluß gefaßt werden. — Abg. Beck (freis. Volksp.) wünscht internationalen Vogelschutz. —
Staatssekretär Posadowsky hofft, daß dem Reichstag in der nächsten Session eine Vogelschutz-Novelle zu- gehen wird. Auf den Wunsch des Abg. Pachnicke nach einer einheitlichen Verkehrsordnung für Fahrräder und Automobile für das Reich müsse er bemerken, daß Grundsätze für eine solche Verkehrsorönung im Reichsamt des Innern ausgearbeitet seien und den zuständigen Ressorts vorlägen. — Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Beratung. — Schluß 6 Uhr.
Berlin, 18. Februar. Die B u d g e t-K o m m i s s i o n des Reichstags führte heute die gestrigen Erörterungen über die geplante Erhöhung des Gehaltes der Oberstleutnants zu Ende und lehnte dieselbe mit 15 gegen 12 Stimmen ab. Im weiteren Verlauf der heutigen Sitzung gab der Kriegsminister nähere Auskunft über die Verlegung der Husaren von Düsseldorf nach Krefeld, die seiner Zeit in der Presse wegen der bekannten Äußerung des Kaisers zu den Festjungfrauen viel besprochen wurde. Die Verlegung des Regiments sei schon beabsichtigt gewesen, ehe der Kaiser den Scherz mit den Tanzhusaren gemacht habe. Übrigens seien die Krefelder Offiziere fast alle verheiratet. Die Beratung des Militär-Etats wird morgen fortgesetzt.
Preußischer KmrdLag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 18. Februar.
Im Abgeordnetenhause kam heute bei der Weiter- bcratung des Etats der Handels- und Gewcrbeverwal- tung die Frage der Reform des Börsengesetzes zur Erörterung. — Der freisinnige Abg. F u n ck ersuchte den Handelsminister um Auskunft, wie es damit stehe, indem er gleichzeitig auf die nachteiligen Wirkungen hinwies.. welche nach seiner Meinung das bestehende Börscngesetz gezeitigt hat. Als besonders reformbedürftig bezeichncte Redner die Bestimmung, betreffend Nichtanerkennung der Schuldverhältnisse, Verbot des Terminhandels in Getreide und bestimmten Papieren, Stempelabgaben auf Börsengeschäfte, Emissionsstcmpcl und Umsatzstcmpel. Das ganze System der Gesetzgebung ist nach Darstellung des Redners geeignet, nahezu vernichtend für den kleinen Bankierstand zu wirken. — Minister Möller stellte in seiner Erwiderung zunächst fest, daß die Revision Sache der Reichsgcsetzgebung sei und demnach nicht zu seinem Ressort gehöre. Ter jetzige Entwurf sei übrigens fertig- gestellt und würde schon im vorigen Herbst dem Reichstag vorgclegt worden sein, wenn es bei der ganzen Geschäftslage des Hauses möglich gewesen wäre. Auch im gegenwärtigen Augenblicke sei eine Revision des Börsengesetzes nicht angängig. Es müßten ohnehin schon im Reichstag eine Reihe noch weit wichtigerer Vorlagen unter den Tisch fallen. Er für seine Person halte die Revision des Börsengesetzes für durchaus notwendig. Auch die Frage der
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(8. Fortsetzung.)
„Nein, Sie dürfen jetzt nicht gehen, unter keinen Umständen! Sie kommen gewiß wegen der Elli, wie lernt sie denn? Ein Blitzmädel, was? Oder habe ich dem Herrn Doktor zu viel gesagt? Aber daß Sie das Kind nicht reiten sehen wollen! Auf der Diana, ich sage Ihnen, der Gaul ist zweitausend Franken wert, wird deshalb ja auch immer auf dem Zettel genannt, _ was sonst doch nur bei Schulpferden geschieht. Und wie die Elli arbeitet! Unser Stolz! Nicht wahr, Alterchen?"
„Herr Doktor ist wenig mit ihr zufrieden; er kam hierher, um die Stunden aufzugeben!" sagte Frau Koralli jetzt wieder ruhiger und wehrte die Zärtlichkeit ihres Mannes ab.
„Nicht zufrieden mit der Ellida?" Und Herr Koralli sah den Doktor mit den grünen Augen an, als stünde er vor dem Unbegreiflichen. „Nicht zufrieden?" sagte er noch einmal. „Das hat uns noch niemand gesagt, auf Ehre nicht, Herr Mollinar. Aber das kann auch jetzt nur sein, wo wir so viele Proben haben. Die Diarm muß oft bewegt werden, sie ist so bodenscheu. Aber das wird anders werden, verlassen Sie sich darauf, Herr Mollinar. Und von Aufgabe der Stuiwcn kann gar nicht die Rede sein, die Elli würde unglücklich sein. Wo ist sie übrigens geblieben? Sie ging früher aus dem Cirkus, und ich machte nachher noch meinen Frühschoppen, nein, nein, nichts vom Aufgeben! Das müssen Sic ver- .sprechen, das müssen wir begießen! Eher kommen Sie -nicht fort! Ich will gleich in den Keller! Wenn ich nur wüßte, was Sie trinken, es ist alles da!"
Der Doktor suchte ihn zurückzuhaltcn, aber wie ein Aal war der geschmeidige kleine Mann seiner Hand entglitten und zur Tür hinausgegangen. Bon der Küche per drang ein widerlicher (fferuch von angebranutem Fett und Kohl. Fron Koralli entschuldigte sich und eilte an (den Kochherd.
I Der Doktor war allein, allein in dieser Umgebung, die ihm jetzt doppelt trostlos erschien. Das kleine Kind im Nebenzimmer schrie lauter, erfolglos brummte die Alte mit der dünnen, heiseren Stimme eine Art von Schlaflied.
Zigeunerin bin ich und will es bleiben, zum zweiten Male hallte ihm dies Wort durch die Ohren. Da gerade trat Miß Ellida ins Zimmer.
In dem hellen Sonnenlichte, das jetzt durch die Stube schimmerte, sah der Doktor, wie abgetragen ihr kleines Winterjacket war, wie mrch der stolze Hirt mit der roten Feder in dieser Beleuchtung die Spurei: des Alters trug. Und trotz alledem war ihre Erscheinung von einen: Chik und einer Noblesse, die nicht auf die fahrende Artistin schließen ließen. Auch ihr Gesicht erschien ihm in der indiskreten Mittagsbeleuchtung bleicher als sonst, uird um den hübschen Mund fiel ihm ein nrüder Zug auf, der ihn zum erstenmal an das melancholische Gesicht der Mutter erinnerte.
Nun stand Ellida dein Doktor gegenüber, einen kurzen Augenblick unschlüssig, als känchfte sie mit sich selber. Tann trat sie schnell entschlossen auf ihn zu. „Ich komme eben aus Ihrer Wohnung. Herr Doktor."
„Aus meiner Wohnung, zu dieser Ssimde?"
„Ich habe Sie gestern gekränkt. Das tut mir leid. Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Doktor Mollinar."
So einfach hatte sie es gesagt. Ihre Worte wie ihr Gebaren trug»: keine Demut zur Schau, aber in ihrer Sprache wie in dem weichen Ausdruck des flehenden Antlitzes lag ein bestrickender Reiz. „Sind Sie mir noch böse, immer noch, Herr Doktor?"
Und der schlanke Körper näherte sich dem seinen, so daß er seim Berührung und den eigentümlichen Tust ihrer Haare fühlte.
„Und soll ich nie wieder zu Ihnen kommen? Soll eS nun aus sein zwischen UNS beiden, für immer aus, Herr- Doktor Mollinar?"
Der Doktor nahm seine ganze Festigkeit zusammen. „Ja, Fräulein Elli", antwortete er bestimmt/ „unsere bisherigen Stunden haben ihr Ende. Dabei bleibt cs.
Der Zwang ist nichts für Sie. Ich habe es Ihrer Mutter bereits gesagt. Ich kann mein Wort nicht zurücknehmen."
- Er sah, wie verletzt sie jetzt zurückschnellte, wie betroffen und aufs tiefste gekränkt die dunklen Augen zu ihm emporblickten.
Da fuhr er fort, zögernd, fast widerstrebend, als diktiere ihn: eine, fremde Gewalt, das er sagte: „Aber aus soll es deshalb nicht zwischen uns sein. Ich werde Ihnen fortan schöne Bücher geben, solche, die Ihr Herz erfreuen und aus denen Sie zugleich viel lernen können. Und wenn Sie eines zu Hause gelesen haben, und Sie haben Lust, wirklich Lust dazu, dann können Sie zu mir kommen zu irgend einer Stunde, ganz freiwillig, ohne den geringsten Zwanip Tann will ich gern mit Ihnen besprechen, was Sie gelesen haben, und Ihnen erklären, was Sie nicht verstanden haben."
„Und ich darf kommen, ivann ich will und wenn ich einmal müde bin, dann darf ich zu Hause bleib»:?"
Jetzt mußte er lächeli: über die Naivetät, die aus ihren Worten sprach. „Nur wenn Sie wollen", antwortete er.
„Ich danke Ihnen tausendmal! Und ich verspreche Ihnen feierlich, ich will hübsch artig sei,: und von nun an und nienrals mehr Herr Mollinar sagen, sondern immer, nur Herr Doktor und auch den Hut abnehmen in den Stunden, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen ziemt."
Fritz Mollinar fühlte seine beiden Hände ergriffen von zwei warmen Frauenhänden, wie er sie noch nie in den seinen gehalten hatte. Bei der schnellen Bewegung aber war der goldene Schlangenreif, den er so lange nicht gesehen, aus dem Ärmel ihres Jacketts auf das Handgelenk gefallen, und die glühenden Saphire starrten ihn an mit höhneirdem Blick. Doch viel Heller als sie leuchteten ihm zwei lebende Augen entgegen, und aus ihrer Tiefe glitzerte ein solcher Übermut, eine so wilde Lebenslust, daß alle Berst^hung der Welt sich nie treffender wieder- spicgeln konnte als in diesen jubelnden Mädchenaugen.
„Servus, Servus!" ries da eine fröhliche Stimme, und Herr Koralli mit zwei großen, dickbäuchigen Flaschen stand vor ihnen. Miß Ellida aber machte nicht die leisesten
