Beilage zum Wiesbadener Tagblalt.
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N». 81. Uiorgerr Ausgabe.
WittVoch^ den 18. Februar.
31. A rhrgaug. 1903.
Nicht was ich habe, sondern war ich schaffe, ist ^
mein Reich. ' ’ Th. Carlyle.
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t.25. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. EchSye«.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.
.Nein, so etwaZ hätte ich mir nie träumen lassen", wiederholte Bernhard an jedem Tag. In der Millionenstadt, wo alles, was bertchmt ist, sich im Frühling ver- ammelt, wo die raffinierteste Kunst aus allen Ländern um Lorbeer und Gold kämpft, dort wurde die schwedische Nachtigall, wie die Zeitungen sie stets nannten, nach Verlauf weniger Wochen der Wgott der Saison.
Aber der Impresario des Theaters war ein übel berüchtigter Spekulant, der nur seine zwei oder drei vornehmsten Künstler bezahlte, während die anderen sich mst der Ehre, neben diesen singen zu dürfen, begnügen mußten. Eines Abends, als Elsa als Margarähe im „Faust" auftrat, war sie über den langen Zwischenakt erstaunt.^ Plötzlich hörte man verdächtigen Lärm und die Majorin eilte hmaus, um zu sehen, was es gäbe. Me Choristen und di« Maschinenarbeiter — schwarz wie die Schornsteinfeger — drängten einander, um bis an die Rampe zu kommen. Anfangs war es unmöglich zu unterscheiden, was sie riefen und schrieen. Sie sah nur, daß der Vorhang aufgezogen und das ganze Orchester verschwunden war.
„Keiner ist von ihnen bezahlt worden", berichtete eine jrmge Tänzerin; „der Impresario hat uns betrogen", riefen andere, „lvir frieren und Hungen:!"
Die Zuschauer fühlten Mitleid mit den Betrogenen. Ein Regen von Kupfermünzen ging über die Bühne nieder. Choristen, Tänzerinnen und Arbeiter warfen sich übereinander und schlugen sich wie reißende Wölfe um das Geld; einige der Männer sprangen sogar ins Orchester hinab, um die Kupfermünzen aufzufangen.
Die Logen standen bald leer, denn die vornehme Welt in England verabscheut alle derartigen Auftritte. Aber oben auf der Galerie blieb man, um derbe Witzworte auf die Bühne hinabzurufen. Einige junge Burschen sümmten einen Gassenhauer an und das Schreien der» stumntte erst, als die Polizei eindrang und die Plätze räumte.
Bernhard war in hohem Grade erbittert über den Schluß des Theaters; aber Elsa dachte weniger an sich selbst, als an die armen Menschen, die aus Spanien. Italien und anderen Ländern hierhergelockt waren. Die Zeitungen behaupteten, es sei das wahnwitzige „Sternen"- System, welches überall in Privattheatern daS Geschäft ruiniere. Me berühmten Künstler forderten so unerhörte Summen, daß es immöglich fei, die anderen zu bezahlen.
„Und ich bekomme nicht mehr, als ich gerade brauche, um mich kleiden zu können, während mein Impresario die ganze Einnahme air sich nimmt", dachte Elsa mit einem Seufzer, beim es schnitt ihr ins Herz, daß sie hilflos der Not anderer zusehen sollte.
Einige Tage nach der Katastrophe bekam sie einen Brief von Lord Lionel Churchill, er schrieb, daß er im
„Standard" von ihren Triumphen gelesen habe und daß es ihm außerordentlich leid tue, rächt Gelegenheit gehabt zu haben, sie in London zu hören. Er müsse gerade jetzt nach Cannes reisen, um seine Mutter zu holen, die den Winter dort zugebracht habe. Er schloß mit . den freundlichsten Grüßen an Elsas Mutter, sowie an ihren Verlobten. Sie antwortete, daß ihre Verlobung mit Bergström vor langer Zeit schon aufgehoben sei. Auch ie drückte die Hoffnung aus, chn bald einmal wiederzu- ehen. Aber als der Brief abgesandt war, war auch Lord Lionel vergesien.
Nach der Londoner Saison trat Elsa in Brüssel, in Haag und in St. Petersburg auf. Darauf kam sie im Oktober nach Berlin. Hier mutzten die Proben mehrere Wochen lang verschoben werden, weil der Tenor stets krank wurde, so off er mit ihr singen sollte. Dieser Tenor war ein Vetter der allmächtigen Sängerin — ein ziemlich verdächtiger Umstand. Schließlich machte die Rolle einem anderen übertragen werden und nunmehr konnte Elsa auftreten.
Das deutsche Volk hat wanne Empfindungen für echte Mrrsik, hier durfte diese stets sicher sein, verstanden zu werden. Daher erntete auch der schwedische Gast die unmittelbare, warme Huldigung des Augenblicks. Sie hatte einen großer: Erfolg.
Aber der Verfall des Publikums vennochte doch nicht zu verhindern, daß die Presse am anderen Tage sehr ge- teilter Meinung war. Einer der Kritiker beschuldigte sie der vornehmen Kälte, ein anderer der italienischen Effekt- hascherei. Aber Bernhard erfuhr bald, daß der eine dieser unzufriedenen Herren die Rolle mit den jungen Schülern durchgehe, die auf der Königlichen Oper debütieren sollten, während der andere sich um den vakanten Regisseurplatz bewarb. Sie waren also beide von dem Generalintendanten abhängig und die Veranlassung ihres strengen Urteils leicht zu erraten.
König Wilhelm war fast jeden Abend im Theater an- wesend und war der erste, der applaudierte, sobald Elsa gesungen hatte.
*
Nach dem Besuch in Berlin reiste man nach Amerika, um „Gold zu graben". Fünf Jahre verbrachte Elsa mit Reisen und Singen und Singen und Reisen. Ihr Leben teilte sich zwischen dem Theater und der Eisenbahn. Sie trat in allen größeren Städten im Norden und im Süden, im Osten und im Westen, von New-Aork und Boston bis Rio de Janeiro und Buenos Aires auf. Sie kam als eine europäische Berühmtheit und selbst wenn ihre Sfimme nicht den verführerischen Wohllaut, ihr Vortrag nicht diese Glut und ihr Auftreten so viel jugendliche Anmut gezeigt hätte, würde der Name, den sie sich auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans erworben hatte, schon genügt haben, um sowohl sie AankeeS als die Südameri- kaner nach dem Theater zu locken, wenn sie sang.
Doch Elsa setzte in Amerika dasselbe abgesonderte Privatleben fort, daS sie in Europa geführt hatte. Sie war der wunderbare Vogel in dem goldenen Bcnrer; ihr Impresario hielt sie soviel wie möglich von der Welt fern, sie sollte nur als Künsllerin bekannt sein, — ihr Privat- leben sollte stets ein märchenhafter Zauber umschweben, in der: kein Fremder eindringen durste.
Als Elsa nach Verlauf von sechs Jahren wieder den Fuß auf europäischen Boden setzte, konnte sie ihre Schulden in Stockholm bezahlen und außerdem eine bedeutende Summe fest anlegen.
Sie hatte Paris als Schülerin verlassen und kam nun als „Stern" zurück. Das, was sie hier einst Schweres erlebt, hatte keinen Schatten mehr in ihr zurückgelassen. Das bewegte Leben, der unaufhörliche Wechsel detz Menschen, diese ewige Gemütsbewegung, die Spannung« Angst, Freude hatte nach und nach überwunden, was einst ihre Seele verdunkelt hatte. Sie kam als Siegerin zurück. Man hatte ihrem Talent in allen Sprachen dep Welt gehuldigt.
Millionen Menschenherzen hatten unter dem Eindruck der wunderbaren Zaubermacht ihrer Sfimme höher geschlagen. Und wei:n sie nun in chrer eleganten Wohnung in den Champs Elysees saß, genoß sie die Süße des Sieges und war glücklich.
Ja, Elsa war glücklich.
IV.
Da die französische Oper in Paris eine ansehnlich« Staatsunterstützung erhält, während die italienische Oper von Privatspekulanten aufrecht erhalten werden muß, hat es sich oft für die letztere als unmöglich erwiesen, mit der mächtigen Rivalin zu konkurrieren. Aber nun hafie sich eine neue Gesellschaft gebildet, die den Versuch wagen wollte. Tie besten .Kräfte der italienischen Oper waren beruftn worden, und Elsa wurde als Prunadonna engagiert.
„Eber: bekomme ich ein Telegramm mit der Nachricht, daß der Tenor erkrankt ist", berichtete Bernhard, „jetzt stehen sie sicherlich in Unterhandlung mü Samuel DeSka."
„Samuel Dsska!" rief Elsa in ftoher Überraschung aus. „Ach, wenn ich mit ihm zusammen singen könnte! Es ist die herrlichste Sfimme, die ich jemals gehört habe."
Sie entsann sich so deutlich des Abends in Parrs vor sechs Jahren, als sie ihn in der italienischen Oper singen gehört hatte. Ein ähnliches Entzücken hatte sie seitdem nie wieder erfahren.
„Ich schwärrnte nicht gar sehr für ihn", erwiderte Bernhard. „Er gewinnt das Publikum mit Hülfe einiger Effekte, die eigenfiich nichts mit der Kuilst zu schaffen haben. Er singt langsam und gleichgültig, bis der Augenblick kommt, wo er sein hohes 0 aiibrmgen kann. Tann sammelt er alle Kräfte, wählt eine oder die andere plastische Stellung und hält den Ton so lange, daß man seine gitte Lunge bewundern muß. Das Piiblrkum atmet kaum vor lauter Spanmmg und Staunen. Aber jedenfalls ist er ein Mann, der das Geschäft versteht."
„Mich dünkt, Sie unterschätzen ihn", sagte Elsa. „Meiner Meinung nach ist der größte Sänger derjenige, der am mächtigste: das Herz der Zuhörer ergreifen kann. Welche Mittel dabei zur Anwendung kommen, fit ia gleichgültig, wenn nur das Ziel erreicht wird."
„Ja, Tal Jeder hat seinen eigenen Geschmack , rmrrmelte Bernhard, mtt einem spöttischen Lächeln. Er konnte niemals vertragen, daß Elsa andere rühmte. , So lange ihr Kontrakt dauerte, gab es für ihn nicht einen einzigen anderen .Künstler auf dem ganzen Erdenrund,
Einer der berühmtesten Komponisten Italiens hatte gerade ein neues Werk vollendet; mit demselben sollte die ttalienische Oper eröffnet werden. Der Maestro saß selbst am Piano, welches während der Proben auf der Bühne stand und nahm jede Solopartie mit den auf- treteirden Künstlern durch.
(Fortsetzung folgt.)
