51 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
Abonnenten.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Arteigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen-Annahme LLLLdW SÄÄ"»!* ~ «‘w**' >»'
Jtfl. 82. Verlags-Fernsprecher No. 2853.
Mittwoch, den 18. Februar.
Redakiions-j^nsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Zur Frage der Kurpfuscherei.
Dr. P. Berlin, 17. Februar.
Im Prozeß Nardenkötter und Genossen (oder, wie der Berliner Volkswitz sagt, Narrenköder und Genossen), der mehrere Wochen hiridurch die Berliner Straskanimer beschäftigt hat, ist heute mittag das Urteil gefällt worden. Wer bedenkt, wie gewissenlos dieser.Heilkünstler, oder richtiger gesagt Unheilkünstler, mit der Gesundheit und mit dem Leben seiner Mitmenschen umgesprungen ist, mrd wer endlich den Umfang der „Heiltätigkeit" des „JnstitutsNardenkötter" kennt, dessenJahreseinnahme weit über 100 000 Mk. betrug, dem wird das Urteil gegen den „unbekannt wohin verzogenen" Nardenkötter und seinen Gehülfen, den praktischen Arzt Dr. Kronheim, als außerordentlich milde erscheinen. Und dies umsomehr, als für den Hauptschuldigen, Herrn Nardenkötter, das Wort gilt, daß die Nürnberger keinen hängten, es sei denn, sie hätten ihn.
Der „Direktor" Nardenkötter, der, wie der Prozeß ergeben hat, das Kurpfuschertum in einem Umfang und mit einer Gewissenlosigkeit betrieben hat, wie man es bisher nicht fiir möglich gehalten hat, ist wegen fortgesetzten Betruges und wegen Vergehen gegen das Gesetz, betreffend den müauteren Wettbewerb, zu 3 Jahren Gefängnis, 3000 Mark Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust, wegen Übertretung der Verordnungen über den Verkehr mit Arzneimitteln und Giften zu 600 Mark Geldstrafe oder 60 Tagen Gefängnis verurteilt worden, während der Adlatus Nardenkötters mit 6 Monaten Gefängnis und einem Jahr Ehrverlust davongekommen ist. Der Gerichtshof hat ür der Begründung des Urtells ausgeführt, daß Nardenkötter ein Kurpfuscher der aller- schlimmsten Sorte gewesen sei, der unglückliche und verschämte Leidende in schamloser Weise gerupft habe; daher sei eine hohe Strafe am Platze gewesen. Was den Angeklagten Dr. .Kronheim betreffe, so sei er zwar nur der Beihülfe zum Betrüge schuldig, aber es sei lein Zweifel, daß ihm alle Requisiten des Betruges, wie er von Nardenkötter fortgesetzt verübt wurde, voll bewußt waren, und daß er in voller Kenntnis der Sachlage die Standes- ehre in Schmutz gezogen habe.
Wenn es auch nicht gerade neu ist, daß das Kurpfuschertum und die Ausbeutung und Schädigung des Publikums, und zwar insbesondere der ärmeren Volksschichten, durch dieses in Deutschland einen außerordentlichen und höchst beklagenswerten Umfang erreicht hat, so hat das jetzt beendigte Prozeßverfahren nach dieser
Richtung hin doch immerhin noch manche interessanten Aufschlüsse ergebe!:. Ist doch bei dieser Gelegenheit die erstaunliche Tatsache bekannt geworden, daß in Berlin nicht weniger als 600 Kurpfuscher „praktizieren", wobei die offiziell nicht bekannten natürlich nicht mitgezählt sind. _ Neu war ferner in diesem Prozeßverfahren, daß sich ein praktischer Arzt so weit erniedrigen konnte, sich zum Gehülfen eines so gewissenlosen Heilschwindlers zu machen. _ Und verblüffend war endlich die Tatsache, daß sich privilegierte Apotheker dazu hergeben konnten, den Handlanger eines solchen Kurpfuschers zu spielen. Was diesen Punkt anbetrifft, so wird der Prozeß Nardenkötter :wch ein Nachspiel haben. Zwar ist der mit ange- klagteApothekerKlesper freigesprochen worden, aber gegen den Besitzer der Berliner Salomo-Apotheke, Henke, ist bereits ein Strafverfahren cingeleitet worden, so daß dem Prozeß Nardenkötter der Prozeß Henke folgen wird.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die Verhandlungen dieses Prozesses die Frage der Kurpfuscherei und ihrer Bekämpfung wieder auf die Tagesordnung bringen. Bekanntlich ist die Kurpfuscherei nicht an sich strafbar, sondern sie kann nur strafrechtlich gefaßt werden, so west sie mit den sonsügen Paragraphen des Strafgesetzbuches (Betrug, Körperverletzung :c.) in Kollision kommt. Es wird voraussichtlich bei dieser Erörterung wieder, wie schon früher, darauf Bezug genommen werden, daß man in Österreich dem .Kurpfuschertum durch das Verbot der ärztlicheir Tätigkeit ohne vorhergehende Approbation durch eine inländische Behörde und durch die Uitter- drückung des Handels mit Heilmitteln ohne staatliche Kontrolle zu Leibe gegangen ist. Aber es ist anderer- seits nicht zu leugnen, daß durch ein solches schematisches Vorgehen leicht die Gerechten mit den Ungerechten getroffen uird beispielsweise viele Vertreter der Naturheilkunde mit den Leisten vom Schlage Nardenkötters in einen Topf geworfen werden könnten.
Neben diese:: Fragen hat der Prozeß auch manche Frage rein juristischer Natur aufs Tapet gebracht. So ist die über Nardenkötter verhängte Geldstrafe von 3000 Mark, die in gar keinen: Verhältnis zu seinen: Vermögen steht, eilte treffende Illustration zu unserem neu- lichen Arttkel, worin wir auseinandersetzten, daß die Gerichts heute bei der Bemessung der Geldstrafe viel zu wenig auf die Vermögens- und Einkommensverhältnisse der zu Verurteilenden Rücksicht nehmen. Und ein ganz analoger Mißstand trat darin hervor, daß das Gericht sich in diesem Falle nrit der unverhältnismäßig geringen Kaution von 1600 Mark begnügte, die so verlockend mäßig war, daß Herr Nardenkötter schleunigst das Weite suchte. Bei der Reform der Strasprozeßordnung wer- den, wie wir schon früher betonten, die Fragen der Bemessung der Geldstrafe und der Sicherheitsleistung eingehend berücksichtigt werden müssen.
Deutscher Nerchstng.
Berlin, 17. Februar.
Tagesordnung: Wahlprüfungen. — Die Wahl des Abg. Faber (nat.-lib.) wird widerspruchslos für gültig erklärt, ebenso die des Abg. Wehl (nat.-lib.). Sodann wird die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern. Titel Staatssekretär, fortgesetzt. — Abg. Sachse (Soz.) bemerkt, daß die christlichen Arbeiter Krupps über die Arbeits-Verhältnisse bei dieser Firma genau ebenso dächten, wie die sozialdemokratischen Arbeiter. Davon konnte man sich durch ein Eingesandt im „Essener Beobachter" überzeugen, in welchem Mitglieder christlicher Gewerkschaften sich darüber beklagten, daß Herr Stütze! cs Herrn Wurm überlassen habe, jene Verhältnisse im Reichstag richtig zu beleuchten. Herr Stütze! habe, so fiihrt Redner aus, den Sozialdemokraten vorgeworsen, daß sie hetzten. Viel hetzerischer seien aber die Herren vom Zentrum und ihre Presse. Habe doch beispielsweise die „Essener Volkszeitung" angeblich 10 Gebote der Sozialdemokraten veröffentlicht, worin es u. a. heiße: Du sollst alles stehlen, du sollst jedes Weib begehren! Ein gemeineres und verleumderischeres Machwerk sei kaum denkbar. Redner bespricht dann noch den Arbeiterschutz in: Bergbau und bezeichnet als unbedingt notwendig im Bergbau den 8- Stunden-Maximal-Arbeitstag. — Sächsischer Geheimrat Dr. Fischer verteidigt zunächst die sächsische Regierung gegen den Vorwurf des Abg. Wurm, niemals ernsthafte Sozialpolitik getrieben zu haben. Unberechtigt sei auch der Vorwurf des Abg. Horn, daß sächsische Unternehmen, z. B. die Aktien-Gesellschaft für Glas-Industrie, ihren Arbeitern das Koalitionsrecht schmälerte. Diese Gesellschaft habe eine Erklärung erlassen, daß sie an so etwas nicht denke, daß es ihr aber auch allerdings nicht einfalle, Arbeiter zu behalten, welche unter ihren Kameraden gegen die Gesellschaft hetzten. — Preußischer Geheimrat Meißner nimmt gleichfalls die preußische Bergbau- Gemeinschaft gegen die Ansicht des Abg. Sachse in Schutz. Nach der vorliegenden Statistik nähmen die Unfälle im Bergbau an Zahl nicht zu, sondern vielmehr ab. — Abg. Schwarz- München (wildlib.) geht auf die Wohnungsfrage ein und erklärt sich dann gegen den Befähigungs- Nachweis. Weiter verbreitet er sich über die Bäckerei- Verordnung. — Abg. S t o ck m a n n (Reichsp.) stimmt der Resolution Jäger bei, betreffend die Wohnungsfrage, und weist hin auf die Frage der Bekämpfung der Trunksucht. Endlich sollte doch einmal das bezügliche Gesetz im Rcichsamt des Innern fertiggestellt werden. Die ländlichen Arbeiter bedürften zur Besserung ihrer Lohn- Verhältnisse des Koalitionsrechtes nicht, denn seit 30 Jahren seien die Löhne auf dem Lande unablässig gestiegen. Sie noch weiter zu erhöhen, sei bet der Lage der Landwirtschaft unmöglich. Schließlich fordert Redner Verallgemeinerung der Bestrafung des Kontraktbrnches
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(7. Fortsetzung.)
Mt kurzem Schmerzgeheul sprang das Tier auf; leuchend zog es den Karren weiter, die Weiber schimpften hinter ihm her, der Lumpensammler pfiff gleichmüttg die gellende Pfeife. Aus einer Speisewirtschaft klang der Lärm hadernder Gäste; die Mittagssonne aber, die in diesem Augenblick einen kurzen Durchbruch auch in diese enge Häuserreihe gewagt hatte, glitzerte über die hohen Mietskasernen wie höhnend dahin und zeigte den starren- dm Schmutz und die klaffenden Risse der lange nicht ge- tünchten Wände ii: chver Naktheit. Das also war die Welt, in welcher der vornehme Herr Koralli wohnte und Miß Ellida, seine Tochter, die größte Parforcereiterin des Konttngents! „Zigeuner sind wir, und ich will nichts anderes sein", hatte sie gestern zu ihm gesagt, und die Worte waren ihm auf dem ganzen Wege nicht aus dem Sinn gekommen.
Die Tagneterstraße wenigstens, in die er jetzt einbog, war breiter und sah etwas freundlicher aus als die Nachbargasse. Ter Lumpensammler schien hier auch bessere Geschäfte zu machen, denn er schäkerte mit einigen häßlichen Frauenzimmern, und der müde Köter hatte sich ein Plätzchen in der spärlichen Sonne ausgesucht und schnarchte dazu. Ja, das Haus, in dem der .Kunstreiter wohnen sollte, war auf der einen Hälfte sogar mit einigen plumpen Stuckornamcnten verziert, für die andere schien dem Erbauer das Geld ausgegangen zu sein, denn hier war die Ornamentierung nach einigen kümmerlichen Ansätzen bald aufgegebei: worden.
Mit seltsamen Empfindungen stteg der Doktor die vier Treppen empor, ein breiter und gefälliger Aufstieg, wie er ihn in dieser Gegend nicht vermutet hätte. Und wahr- hastig, die alte Frau mit dem noch schwarzen Haar und dem aufgedunsenen Gesicht, die ihm jetzt öffnete:ind ihn aus leeren Augen fassungslos anstarrte, sie sah aus wie das rechte alte Zigeunerweib .aus den Märchen und jJugendgeschichten, Nur jeder poetische Nimbus fehlte
ihr, mit dem man solche Gestalten der Kindheit umkleidet.
„Ob eine Familie Koralli hier wohne?" Dreimal schon hatte er gefragt, aber jedes Mal glotzten die leeren Augen ihm nur um so verständnisloser entgegen. Schließlich ließ sie ihn in der offenen Tür stehen, und unverrichteter Sache wollte er eben wieder von dannen gehen, als das laute Rasseln einer Nähmaschine plötzlich verstummte undFrauKoralli in abgetragenem, aber sauberem Kleide an der Tür erschien.
Er merkte sofort, wie wenig angenehm es ihr war, daß er gerade hier sie aufsuchte; sie wußte sich aber zu beherrschen und bat ihn, näher zu treten. —
Man hatte ihn einen Augenblick allein gelassen. Er hatte Zeit, sich umzufehen. Die Wohnung der Kunst- reiter bestand aus zwei Zimmern und einer angrenzenden Küche. Die Zimmer waren groß, quadratförmig und entsetzlich unwohnlich, die Dielen abgetreten, die Wände leer und die billigen Tapeten, obwohl sie noch nicht alt erschienen, an vielen Stellen zerrissen. An der verqualmten Decke warm große, gelblichbraune Feuchtigkeitsflecke sichtbar, und die Luft in dm noch ungeheizten Stuben strömte einen dumpfen muffigen Nässegeruch aus. Die Ausstattuim >var dürftig: ein altmodisches, versessenes Sofa mit geflicktem Kattunüberzug, der von Fettflecken glänzte, ein Tisch mit grauer Wachstuchdecke, einige Stühle mit zerlassenem Rohrgeflecht oder roh aufge- nageltm Holzsitzen, einige alte Spinde oder andere unentbehrliche Stücke.
Nur eine Ecke des großen Zimmers hob sich von der dürftigen Umgebung mit einem Luxus ab, der wunder- lich, fast komisch wirkte. Ein üppiges Bett mit weißem Himmel darüber von gebauschtem Mousselin, zwei Maha- goni-Nippttschchm mit kleinen Kandelabern von unechter Bronze, allerlei Figurm in plumper Ausführung, aber um so bunterm Farben und sonstigein Trödelkram, eine buntgemusterte Chaiselongue schräg gestellt, mit lang- haarigem, weißem Angorafell davor, ihr gegenüber einige gepolsterte Hocker auf kurzem, aber dickem Smyrnateppich. Und alles das abgeschlossen durck: einen japanischen Wand- schirin von verschossener :,nd fadenscheiniger Seide, aber reicher, etwas schwärzlicher Goldstickerei. Es bedurfte
keines Scharfsinns, um hier das kleine Reich der Diva des Cirkus zu vermuten. Welch ein sprechender Gegensatz zu den beiden eisernen Bettstellen im Nebenzimmer, dev mehr als einfachen Schlafstätte der beiden Eltern!
Überhaupt zeigten schon diese Wohnräume von dem Kultus, den man mit Miß Ellida trieb. Wo sich an den kahler: Wänden ein Bild befand, stellte es sie dar als Kind oder als Erwachsene im Reiterkostüm oder im Straßenanzuge. Alle diese Bilder waren von guten Photographen ausgeführt und aufdringlich gerahmt, ja, über den: alten Sofa befand sich sogar eine' Kreidezeichnung von ihr, die nicht ungeschickt gemacht war; hier und da war ihr Konterfei von einem vergilbten Lorbeerkranz eingefaßt, dessen mächtige herabhängende Schleifen in goldenen Letter:: bombastisch ihren Ruhm verkündeten.- Außer diesen Bildern sah er nur noch zwei schlechte Öldrucke aus der Heiligei: Geschichte und einen gemaltem Bibelspruch in abgestoßenem Holzrahmcn.
Frau Koralli war eingetreten und hatte den Doktor auf einen möglichst wenig zerrissenen Rohrstuhl genötigt; sie selbst saß ihm an ihrer Nähmaschine gegenüber. Gleich nach ihre,: ersten Worten merkte er, daß Miß Ellida von dem. was zwischen ihnen vorgefallen war, nichts zu Hause erzählt hatte. Ihm war das wenig angenehm; denn um so schwieriger war seine Aufgabe geworden. Zudem machte ihn diese Umgebung, die Luft, die ihm hier ent- gegenschlug, befangen. Wie anders hatte er sich diesen Besuch vorgestellt! Und Frau Koralli las das Erstaunen auf seinem Anttitz.
„Es ist sehr schwer für uns, in einer fremden Stadt eine Wohnung zu bekommen. Die Leute wollen von den Kunstreitern nichts wissen, sie fürchten vielleicht auch, wir könnten ihnen mit der Miete durchgehen. Und in jedes Haus möchten wir auch nicht ziehen."
„Wäre es da nicht das Einfachste, Sie zögen in ein Hotel, wenigstens für die ersten Tage?"
„Ach, wo denken Sie hin, Herr Doktor, in ein Hotel?, Und wäre es auch das kleinste, es wäre zu teuer für uns."
„Aber bei fünfzehnhundert Franken Monatsgage!"
Da lächelte Frau Koralli sehr wehmütig: „So, das hat Ihnen mein Mann also auch erzählt! Ja, die hohe Gage, das ist so eine Liebhaberei von ihm. Er spielt sc»
