st. Jahrgang.
Erscheint kn zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
Abonnenten.
für auswärts 1 Mk.
Anzeige« - Annahme LLMNUKL 7 ^ ~ 8 " * w “ t -
N" 79< ---» Dienstag, den IT. Februar. «. 1903.
fflorgen-flusgabe.
Die Fmmstgzc eine - liinncrfraot.
Mit Rücksicht auf die vor einiger Zeit in Wiesbaden abgehaltene General-Versammlung der deutschen Frauen-Vereine dürfte eine Betrachtung im obigen Sinne wohl zeitgemäß sein.
Es ist eine fast unbegreifliche Erscheinung, daß nur eine äußerst geringe Anzahl einsichtsvoller Männer die Bestrebungen, der kämpfenden Frauen zu fördern suchen, während doch die gesamte Männerwelt an der Ent- Wicklung dieser hochwichtigen Angelegenheit ebenso mteressiert ist, ols die Frau selbst. Ich führe nur des- halb das „eigene Interesse" ins Treffen, weil unsere scgm. bessere Gesellsckfast heute noch nicht — oder auch nicht mehr — ethisch genug empfindet, um sich für eine Sache nur deshalb zu begeistern, weil sie „g e r e ch t" ist.
Niemand wird in Wrede stellen wollen, daß Mann und Weib bestimmt sind, mit und für einander zu leben, noch auch, daß die endliche Vereinigung des Individuums mit seinem Ideal das Ziel seiner intensivsten Bestrebungen ist, noch endlich, daß es die ernste Absicht der gegenseitig Zugeneigten sei, einander fürs Leben und ausschließlich anzugshören. Die wenigen, deren Denkungs- art mit dem Gesagten nicht übereinstimmt, brauchen als seltene Ausnahmen nicht mitgezählt zu werden. Je mehr nun zwei Menschen in jeder Beziehung einander ergänzen, um so harmonischer wird ihr Zusammenleben sein, um aber einander vollkommen ergänzen zu können, bedarf es mehr als der natürlichen, sichtbaren und unsichtbaren Anlagiu, es bedarf dazu eines klaren gegenseitigen Verstehens, das nur durch gleiche Bildung, gleiche Erziehung und — gleiches Recht zu erzielen ist. Zum Beweise des Vorgesagten mögen hier einige Bei- spiele folgen, und wenn in denselben immer nur die Frau als minderwertig figuriert, so geschieht dies nur deshalb, weil ja eben die Notwendigkeit ihrer Reformierung ge- zeigt werden soll.
Wenn eine Frau ihrem Gatten an allgemeiner Bildung, d. h. Wissen, soweit nachsteht, daß sie seiner Jdeenentwicklung verständnislos gegenübersteht — und das ist heute in der sogenannten besseren Gesellschaft doch meist der Fall — so wird dieser dadurch genötigt, sein Weib als minderwertig einzuschätzen und ' dementsprechend zu behandeln, während die Frau — je nach Charakteranlage — diese Überlegenheit als drückende Demütigung empfindet oder auch durch kindischen Trotz und dergleichen auszugleichen sucht. Beide Telle sind sich bald darüber klar, daß sie m dieser Hinsicht nur äußerst geringe Berührungsflächen haben, dem Manne
genügt sehr bald die Unterhaltung derjenigen nicht mehr, deren Besitz ihm noch vor kurzem für alles Ersatz zu breten schien, er wird naturgemäß die nötige geistige Anregung bald außerhalb des Hauses, bei seinen Freunden, in den Klubs und dergleichen suchen. Wer möchte es der Frau verargen, wenn sie nun auch ihrerseits die Unterhalturig dort sucht, wo sie versteht und verstanden wird? Das Fazit aber dieser ungleichen Schulbildung ist die Störung der ehelichen Harmonie, und da diese stets als das schwerste Unglück zu betrachten ist, so bat folgerichtig jeder Mann das allergrößte Interesse, für die gleiche Ausbildung der Frauen mitzuringen, damit es in Zukunft nicht allzuschwer werde, unter denselben gleichwertige Kameraden fürs Leben zu finden.
. Eine ungleiche Erziehung ist für das Eheglück mindestens^ ebenso, ja noch viel gefährlicher als ungleiche Schulbildung. Ten besten Beweis für diese Behauptung liefert uns die Arbeiterklasse; in ihr sind die unglücklichen Ehen viel, viel seltener als in der sogenannten besseren Gesellschaft, weil hier die Eheleute auf gleicher Wissens- und Erziehungsstufe stehen und nichts Fremdes zwischen ihnen liegt; sie verstehen einander ganz, wenn sonst ihre Charaktere zu einander passen.
Freilich trägt zu deren größerem Eheglück noch ein dritter Faktor bedeutend bei, das ist die absolute Unabhängigkeit bei ihrer Wahl von jeder Art Spekulation, bei ihnen ist noch Wirklichkeit, was bei uns „Bessern" leider schon zur Phrase geworden ist: sie heiraten aus Liebe und bauen mit vereinten Kräften ihr Nest.
Während in der Arbeiter- ■ und meist auch in der Handwerkersamilie die Tochter geradeso wie der Sohn notgedrungen für den eigenen Erwerb ihres Lebensunter. Haltes erzogen werden, infolgedessen diese Mädchen — materiell — geradeso unabhängig sind als die Männer, trifft dies in der „besseren" Gesellschaft nur für den Sohn zu, wogegen den Damen die Aufgabe zugewiesen wird, sich auf der Promenade und Lawn-Tennis-Plätzen und in Theatern, Salons rc. bemerkbar zu machen.
Ein herangewachsenes, selbst erwerbendes Mädchen ist den mittellosen Eltern fast immer eine willkommene, materielle Stütze, auf die sie nur ungern verzichten, ja sie sehen mit Angst dem Tage entgegen, an welchem sie ihr eigenes Heim gründet. Wie sicht es nun in dieser Be- ziehung in den meist ebenfalls mittellosen, von der Hand in den Nkund lebenden besseren Famllien aus? Je näher die Tochter ihrem 20. Lebensjahre rückt, um so größer werden die Sorgen der Eltern um deren Zukunft, um so drückender werden die steten Geldopfer, welche nun einmal unvermeidlich sind, wenn man dem Herzens- binde Gelegenheit geben will „dem Glücke die Hand zu bieten", dies aber soll und muß geschehen, auch wenn man dafür zum Pump greifen soll. Glücklich diejenigen Eltern, deren Tochtersegen die Zahl 1 nicht übersteigt.
denn die Sorgen und Lasten wachsen im Verhältnis dev Töchterzahl, deren Mittellosigkeit und obendrein noch dev Vernachlässigung durch Mutter Natur. Gewiß werden viele Eltern diese Sorgen ihren Kindern zu verbergen suchen, allein es wird ihnen dies nur selten gelingen, die Mädchen merken bald, daß sie zu Hause eine „liäbe Last" sind, daß sie auf den Fang geschickt werden und daß es ihre Hauptaufgabe ist, möglichst bald standesgemäß und gut versorgt zu werden, selbst wenn auch anfangs bei dem Geschäfte die Liebe fehlen sollte. Diese gar nicht absolut erforderliche Zutat stellt sich übrigens — wie die Eltern sagen, und die sollten es doch wissen — nachher ganz von selbst ein.
Unter solchen Verhältnissen ist der Heiratskandidat unserer besseren Gesellschaftsklasse heutzutage übel dran, wenigstens in den Fällen, wo derselbe im stände ist, seiner Frau eine gesicherte Existenz zu bieten, gleichviel, ob dies durch eigenen Erwerb oder durch vorhandenes Vermögen geschehe, denn er kann nur mit Vertrauen die Liebesbeteuerungen seiner Braut entgegennehmen, wenn sie ihm im klingenden Spiele mindestens ebenbürüg ist. In allen anderen Fällen muß er fürchten, ein Speku» lations-Objekt zu sein.
Wer also se-ne Kinder, wie überhaupt die ganze Nachwelt von den eben erwähnten schmählichen erniedrigenden Zuständen befreien will, der hat allen Grund die Frauen in chrem Kampfe nach Selbständigkeit und eigener Existenz nach Kräften zu unterstützen.
Zwischen Vorgesetzten und Untergebenen kann von einer wirkliche!: Kameradschaft niemals die Rede sein, schon allein deshalb, weil der eine dem Zwange des anderen unterworfen ist. Die Abhängigkeit duldet keine wahre Freundschaft (? D. R.). Nun sollte man meinen, daß, wenn irgendwo, Frerindschaft und Kameradschaft bei den Eheleuten kulminieren müßten. In Wirklichkeit ist dies auch der aufrichtige Wunsch wenigstens der durch Neigung Verbundenen, allein Staat, Kirche und soziale Erziehung machen die Gattin dem Manne nntertämg; er hat also eine Dienerin in ihr, statt eine Freundin zu haben.
Will aber der Mann eine ebenbürtige Lebens- gefährttn, will er eine würdige Mutter haben, so bleibt ihm nichts arideres übrig, als ein freies, unabhängiges Weib zu schaffen, wenigstens so frei, als er selbst ist. Zum Überfluß mag auch noch darauf hingewiesen sein, daß der Mann auch noch ein sehr gutes Geschäft bei dieser Wandlung machen wird, denn da „gleiche Rechte" unzertrennlich verbunden sind mit den „gleichen Pflichten", so wird er folgerichtig in Zukunft um die Hälfte der Sorgen leichter werden.
Ich könnte mit dem Gesagten abschließen, allein es drängt mich, noch auf ein tief ethisches Moment in der Frauenbewegung hinzuweisen, welches darin besteht, das
Feuilleton.
Geschiedene Fürstinnen.
Von Rolf Crucius.
Die Geschichte ist überaus reich an Fällen, in denen 'das Band der Ehe zwischen Fürsten allmählich gelockert oder zerschnitten wurde. Denn auch die Großen der Erde, die mit einem Winke oft die Geschicke von Millionen lenken — auch sie unterliegen den Wechselfällen, die das Herz oder welterschütternde Ereignisse heraufbeschwören. Eine eigenwillige Laune, vielleicht kokettes Schmollen raunte der Königin Basti ins Ohr, dem Wunsche deS Gatten, der sie seinen versammelten Satrapen zeigen wollte, nicht sofort Folge zu leisten — da riß ihr Ahasver den Purpur von den Schultern und schmückte Esther damit. überhaupt hat gerade das Altertum viele Ehescheidungen zwischen Throngeborenen zu verzeichnen. Eigentlich darf man hierbei kaum von einer Ehescheidung in dem bei uns üblichen Sinne sprechen. Der der Gattin überdrüssige oder durch sie gereizte Herrscher verstieß jene einfach. Sie sank zurück in das Dunkel, auS dem sie emporgestiegen. Meistens durfte sie noch dem Himmel danken, wenn die Katastrophe so friedlich auS- tonte. Begleiter des Sturzes waren fast immer Gift und Dolch. Nur wenn die Verstoßene Tochter einer mächtigen Mannes war oder ein Fürstenkind, ließ sich der Gemahl dazu herbei, sie den Schwiegereltern „kostenlos" zurückzuschicken,- in besonderen Fällen zahlte der Gatte als Pflaster für die Wunde eine Entschädigungssumme.
Die Religion der Liebe, das Christentum mit den streng abgewogenen Pflichten zwischen Mann und Weib, trat siegreich an die Stelle morsch gewordener Bekenntnisse; allein die Ehescheidungen an Fürstenhöfcn hörten darum nimmer auf. Die gewaltigen Geschicke, von denen das germanische Mittelalter geformt ist, kommen nicht zum mindesten ins Rollen durch die blondhaarigen, hoch- gewachsenen Frauen, denen der Gatte die Insignien der fürstlichen Würde entriß. Meist kannten sie weder Träne noch Jammer. Dafür setzten sie sich, wilden Groll im Herzen, an den Webstuhl der Zeit, und die zarten Finger schlugen Fäden, die Rache und Blut bedeuteten, mit
sicherer Fertigkeit ineinander. Drei verheerende Kriege
mußte Karl der Große führen, weil er die Gattinnen, gleichfalls drei an der Zahl, in Schinach und Erniedrigung an das Hoflager der fürstlichen Eltern zurückgesandt hatte. Jedesmal flössen Ströme von Blut auf germanischem Boden. Wer vermag zu ergründen, welche Wendung die Geschichte genommen, wenn der Longo- bardenkönig, dessen Tochter Karls erste Gemahlin war, über diesen, dem er an Macht schwerlich nachstand, den Sieg davongetragen hätte? Denn im Tal des Po erwuchs damals mit starkem Gezweige ein echt germanisches Reich, und Jahrhunderte hindurch hatte die wälschc Axt harte Mühe, vis sie den ihr verhaßten Stamm völlig auSzuroden vermochte. Karl selbst ging leidenschaftlich, unausgesetzt minncbeflissen, die Ehe mit der schönen Ale- mannin Luitgarde ein, während seine drei ersten Gattinnen noch hinter Klostcrmauern am Leben waren. Bekanntlich verbot Karl seinen eigenen Töchtern mit Entschiedenheit, eine Ehe einzugehen.-
Die Kultur nahm zu. Fast an allen Fttrstenhöfen sprießen Ehescheidungen hervor. Heinrich VIII. von England verstößt viermal die ihm angetrauten Ge- mahltnnen. Zwei von diesen, Anna Bouleyn und Katharina Howard, besteigen daS Schafott,- Katharina von Arragonien und Anna von Cleve retteten wohl nur deshalb das Leben, weil sie au§ fürstlichem Geblüte sind. Die fünfte, Jane Scymour, starb eines natürlichen Todes, im Wochenbette, nachdem sie einem Knaben das Leben gegeben. DaS Todesurteil der sechsten, Katharina Parr, war schon unterschrieben,- sie selbst hatte es, während sie ihn auf dem Krankenbette pflegte, mit eigenen Augen gelesen; da rief der Tod den gekrönten Blaubart aus seinem Blutbette.
Geschichtschreiber behaupten, Heinrich VIII. habe nur deshalb die Reformation in England eingeftthrt, weil er sich von Katharina von Arragonien scheiden lassen wollte. Der Papst, der es wohl mit der mächtigen spanischen Dynastie nicht verderben wollte, versagte ihm die Gewähr. Da ward der Tudor, lüstern nach dem Besitz der Anna Bouleyn, rabiat und trat zu dem neuen Glauben über, der die Ehe, weil er sie nicht als Sakrament anerkennt, für lösbar erklärt. Wenig spater dünkt Heinrich von Navarra hinwiederum der Thron von Frankreich eine Messe wert. Im Gemetzel der Bluthoch«
zeit tritt er mit Margarete von Valois vor den Altar und schwört den Glauben ab. Aber die durch Blut gekittete Ehe hatte keinen Bestand. Margarete von Valois war schön, bigott und — lasterhaft. Der Papst löste das Band. Ihre Nachfolgerin auf Frankreichs Thron war Maria von Medici — nicht so lasterhaft vielleicht wie die Tochter der Valois, aber dafür hinreichend ausgestattet mit allen Eigenschaften, die dem frohsinnigen Gatten die Tage verleiden konnten. Man darf wohl behaupten, die Weltgeschichte wurde für ihr gesamtes späteres Gepräge durch die Ehescheidungen auf dem Throne Frankreichs und Englands bestimmt.
In den nächsten Jahrhunderten tritt eine gewisse Stagnation der fürstlichen Ehescheidungen ein. Mau hat das nicht nötig; wenn Monarchen nach Frauenhuld geizen, wiffen sie diese auf andere Weise zu gewinnen. Die Bourbonen in Frankreich haben das Beispiel dafür gegeben, indem sie den Grundsatz aufstellten: „Le sau« des rois ne souille pas" — in gut verständliches Deutsch übersetzt: „ES muß jeder Sterblichen eine Ehre dünken wenn sie einem Manne aus fürstlichem Geblüt zu eigen sein darf." Ludwig XIV., der „Sonnenkönig", läßt vom Parlament die Kinder aus den Verbindungen mit feinen Maitreffen kurzweg für legitim erklären. Sein Beispiel wird überall an den Höfen befolgt. Nur Zar Peter verstoßt noch im Vollgefühl seiner Macht ohne Rücksicht auf Kirche und Verwandtschaft die erste Gattin, um an ihre Stelle die esthische Magd Kathinka, die spätere Kaiserin Katharina I., zu setzen. Höchstens, wo fürstliche Frauen völlig begründeten Anlaß dazu geben, erzwingt der Gatte die Trennung mit den oft so gewichtigen Nachteilen die sie im Gefolge hat. Georg IV. von England aus dem Haufe Hannover — der „erste Gentleman feines Reiches" wie er sich so gern nannte; die Welt und Lord Byron, sein berühmter Gegner, betitelten ihn weit anders — beschuldigt seine Gemahlin Äaroline von Brannschweig öffentlich des Ehebruchs, um damit die erste Scene in dem großen, so unerquicklichen Drama auf die Weltbühne zu bringen. Sie irrt mittellos, die Rache und vielleicht auch andere Leidcnschafteu im Herzen, durch die Lande. Der Gatte verlangt inzwischen eifrig vom Parlament, daß die Ehe getrennt werde, und schürt ein Heer von Zeugen wider sic auf. DaS Parlament weist die Klage zurück. Das hindert jedoch nicht, daß Karoline
