Wiksbs-kM Ts
si. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfa., für auswärts 1 Mk.
Anreiqen-Annallme 12, Uhr mittags,,,für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
S ? v » g** nachstcrfchemenden Ausgabe wird kerne Gewahr übernommen, >edoch nach Möglichkeit Sorge getragen. 3 a 8
|t0. 80. Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Dienstag» den 17. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Ute der AnßeOlnnMko«wlssion not tut.
Uns wird aus Posen geschrieben: Dr. v. Wittenburg geht zum 1. April, geht, vielleicht mit dein Titel Exzellenz geziert, ein kranker Mann und ein müder Mann. Ihn hat der traurige Zwiespalt im amtlichen Preußen gefressen, der so viele tüchtige Männer frißt, die gerne etw!as schaffen möchten und doch nicht können, weil oben der kräftige Zug fehlt, der energische Wille, mit Altem, Schädlichem aufzuräumen.
Als die Ansiedelungskommission ins Leben trat, kam sie mit der Aufgabe, aus freie Bauernschaften das Gebäude des Deutschtums zu gründen, in das klassische Land des Großgrundbesitzes und der Leibeigenschaft; der Pole hat nie ein Bauern- unb Bürgertum gekannt. Er kennt nur den gnädigeir Herrn, der auf dem Schlosse thront, um ihn herum das leibeigene Gesinde, ohne Willen und eigene Gedanken, Kanonenfutter für die Schlacht, williges Arbeitstier im Frieden. Wie wenig der Pole das Handwerk kannte, beweist die Tatsache, daß die polnische Sprache für viele Handwerker keine Bezeichnung hat, daß die deutsche Bezeichnung dafür übernommen und polonisiert wurde.
Vor Gründung der Ausiedelungskommission hat allerdings schon ein Zuzug Deutscher nach dem Osten stattgefunden. Nach den Teilungen Polens wurde an deutsche Herren reichlich Land gegeben; aber das waren echte Großgrundbesitzer, eines Geistes mit den polnischen Schlachzizen. Tie Landverteilungen an die großen Herren, die Schaffung von deutschem Großgrundbesitz im eroberten Polen hat cs zu Wege gebracht, daß heute, nach 100 und mehr Jahren, die alten polnischen Bezirke noch keine deutschen Landstriche sind; denn der Deutsche wollte schon vor 100 Jahren kein Leibeigener mehr sein und hat, je älter das abgelaufene neunzehnte Jahrhundert wurde, immer weniger Lust verspürt, dein „gnädigen Herrn" im Osten zu dienen. Immer stärker wurde die deutsche Abwanderung aus dem Osten, sie ergriff selbst alte deutsche Bezirke; das Polentum, das noch für die Wirtschaftsform des Großgrundbesitzes zu haben war, strömte nach.
Tie Ansiedelungskommission kam nun in das klassische Land des Großgrundbesitzes, um da das Dcutschüun zu fördern. Wie sollte das angefangen werden? Deutsche Arbeiter würden, das mußte nran sich, von vornherein sagen, nach denn Osten nicht kommen, um da als Arbeiter auf den großen Gütern zu dienen; Handwerker konnten von den armen Gutsarbeitern nicht leben; man mußte also deutscheBaucrnschaften errichten. DerGroßgrundbesitz
in der Provinz Posen mußte klein geschlagen werden; jeder Großgrundbesitz, ganz gleich, ob in deutschen oder polnischen Händen. Denn in der Provinz Posen und den angrenzenden Gebieten wirkt jeder Großgrundbesitz polonisierend.
Ob die Ansiedelungskommission unter Leitung des Dr. v. Wittenburg nach diesem Grundsätze verfahren ist, wissen wir nicht; das jedoch weiß man, daß von Anbeginn die Ansiedelungskommission mit dem heftigsten Widerstande des Großgrundbesitzes, des deutschen sowohl als des polnischen, zu rechnen gehabt hat. Ja, wenn die Kommission noch polnische Güter anfgekaust hätte, um dieselben bankerotten deutschen Adligen zu billigstem Preise zu geben, dann hätte man sie gepriesen; aber die schönen Herrengüter austeilen, welch schändliches Beginnen! Nicht selten hat man in der Presse gelesen, daß da und dort ein deutsches Rittergut in polnische Hände übergegangen wäre, die Kommission wäre wohl nicht rechtzeitig bei der Hand gewesen, nun, in den meisten Fällen ist die Kommission wohl da gewesen, aber der Besitzer des Gutes hat. einen so horrenden Preis gefordert, daß die Kommission denselben nicht bewillige,! konnte. Hinterher verkaufte dann der deutsche Besitzer an den Polen zu einen, wesentlich niedrigeren Preise.
Den Großgrundbesitz im Osten möglichst erhalten, das ist eben die Politik der Herren dort; deutsche wie polnische Grandseigneurs wissen sehr genau, daß es mit ihrer Macht vorbei ist, wenn sie nicht mehr ihren Landbesitz hinter sich haben, der ihnen einen Sitz im Wgeordneten- hause vielfach bedeutet und bei den Reichstagswahlen eine Verhundertfachung ihrer Stimme, da ihre Untertanen sftmmen müssen, wie sie befehlen. Jeder Herrensitz weniger bedeutet eine Schwächung der ostelbischen Konservativen; deshalb ist ihnen die Bauernpolitik der Ansiedelungs-Kommission ein Greuel.
Deshalb auch finden die Ansiedeluirgsbanern bei den feudalen Aintsvorstehern und Landräten im Osten gar wenig Entgegenkommen. Einmal sind diese Leute, die aus dem. Westen kommen, den Umgang mit feudalen Herren gar nicht gewöhnt und sind so unverschämt, daß sie den hochmächtigen Herrn Amtsvorsteher nicht einmal mit „gnädigster Herr" anredcn, geschweige denn tiefeBer- beugungen machen, wie das der Pole willig tut; zum zweiten verdirbt ja ihre Mehrung den Charakter des Landes als Land des Großgrundbesitzes. Mso den deutschen Bauern recht tüchftg die Hölle heiß gemacht, daß es ihnen nicht zu wohl wird und sie nicht Verwandte und Freunde herbeiziehen.
Wir fassen uns also dahin zusammen, daß der Großgrundbesitz jeder Art im Osten polonisierend wirkt, daß er dem Ansiedelungsgedaukcn feindlich ist und dazu die deutschen Bauern aus dem Westen gar nicht versteht. Und so konnnt es, daß trotz aller gebotenen Vorteile die
Bauern nicht nach Posen gehen, die Ansiedelungskommission Mangel an geeigneten Bewerbern hat. Sollen deutsche Bauern sich im O st e n wohl fühlen, so müssen sie auch in der Verwaltung Z u st ä n d e finden, w i e sie i m deutschen W e st e n herrschen; über die freien deritschen Bauern darf der Landadelige im Osten nicht gesetzt werden. Cr ist für sie nicht der geeignete Amtsvorsteher, nicht der geeignete Distriktskonimissar, nicht der geeignete Landrat; er darf nicht überLeute bestimmen, durch die er seine Lebensinteressen bedroht sieht. Die polnischen Zustände, den Herren Großgrundbesitzer mit dem untertänigsten Gesinde bestehen lassen wollen und die ganze Verwaltung in, Osten, die auf jene Zustände zugeschnitten ist. und auf diese Polackei echt deutsches Leben pfropfen wollen, das ist vergebliches Bemühen- Die ländlichen Verfassungen im Osten, dies ganze feudale System in der Verfassung sagt wohl Polen zu, die nichts anderes seit Jahrhunderten gewöhnt sind, und dabei fett werden, wie wir das sehen; deutsches Leben geht darin unter. Kann man diesen Krebsschaden nicht heilen, dann wird das Deutschtum im Osten elend an ihm dahin- siechen.
So tut denn der Ansiedelungskommission vor allem not ein Mann mit weitem Blick, der deutsches Wesen kenut und geneigt ist, sein Gedeihen auch gegen deutsche Polonisatoren zu fördern, noch mehr not täte dieErlösung vom östlichen Beamtentum, vielmehr von seinem Geiste, Aber wie soll diese Erlösung gebracht werden?
Dr. Crögcr iiber die UerWnlsse des GMmrlsgenmbes.
In der Sitzung des Reichstags vom 9. Februar 1903 hat unser Abgeordneter, Herr Dr. Grüßet, die Verhältnisse im Gastwirtsgewerbc erörtert. Diese Ausführungen dürften für unsere Bevölkerung von großem Interesse sein, weshalb wir sic nachstehend nach dem stenographischen Reichstagsbericht folgen lassen:
„Meine Herren, ich komme nun zu einem anderen Punkte, Ser von einem Vorredner nur gestreift ist, der mich etwas eingehender beschäftigen wird. Das ist die Verordnung, betreffend das Gast, wirtsgcwerbe.
Einer der Herren Vorredner hat bemerkt, die wirtschaftliche» und beruflichen Verhältnisse der Gastwirtsgehilsen wären so traurig, daß auf diesem Gebiete etwas gemacht werden müßte: er begrüßte den ersten Schritt, der geschehen ist, mit Freude und meinte, man müsse nun Erfahrungen sammeln, und wenn sie vor- lägen, könnte man ja in die Revision eintretcn. Meine Herren» es handelt sich hier darum, daß Hunderte und Tausende von Existenzen durch dichc BundeSratSverordnung aufs schwerste geschädigt werden. (Sehr richtig! links.s Ich gedenke nicht etwa hierbei, den Wünschen der Arbeitgeber nach der Richtung das Wort zu reden, daß die Ruhepausen der Gastwirtsgehilsen beschränkt werden sollen. Meine Herren, ich glaube auch, daß unter den Arbeitgebern der Kreis der Personen, die derartige Wünsche
Doktor MoUinar unü seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(6. Fortsetzung.)
Ter verstand heute keinen Spaß. Der fühlte nur, daß seine Stunde, die läilgst erwartete, gekommen sei. „Ich kann solche Entschuldigung nicht gelten lassen, Fräulein Koralli, ein für alle Mal nicht; ich nmß dringend bitten, daß derartiges nicht wieder vorkommt, sonst . . ."
Er vollendete den Satz nicht, aber seine Lippen kniffen sich hart aufeinander. So hatte ihn Miß Ellida nie gesehen, nie gehört. Furcht und Bestürzung zeigte sich auf dem hübschen Antlitz. Ohne eilt Wort zu erwidern, setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz.
Der Doktor war stehen geblieben. „Überhaupt, Fräulein Koralli, habe ich noch einige Wünsche an Sie. Zuerst wäre cs mir lieb, wenn Sie mich nicht immer Herr Mollinar, sondern wie ich es nun einmal gewöhnt bin, Herr Doktor nennen möchten. Ferner möchte ich bitten, daß Sie wenigstens während des Unterrichtes den Hut abnähmen."
Schweigend erhob sich Miß Ellida, schweigend tat sie, wie er befahl. Etwas Mechanisches lag in ihren Bewegungen, als sie langsam den Hut niit der großen roten Feder ablegte.
Jetzt saß sie ilnn wieder gegenüber; der Hut beschattete das Gesichtchen nicht mehr wie sonst; er sah es in seinem ganzen lieblichen Reize. Die schwarzen Haare, die des Abends nach allen Künsten mit der Brennscheere bearbeitet wurden, sielen wirr und ungeordnet ans die gelbliche Stirn bis an die Nasenwurzel herunter; in den iästanienfarbcnen Augen, die _ zwischen den langen Wimpern brannten, lag eine Mischung von Traurigkeit und bitterem Trotz.
Etwas Wildes, Unbezwingbares sprach aus diesen Angen, diesem Antlitz, in dessen südländischen Typus eins nur nicht passen wollte, und ihm vielleicht gerade deshalb einen eigentümlichen Zauber verlieh. Das war das kühne Stumpfnäschen, mit den dünnen, breiten Flügeln, die letzt merkbar bebten.
Er begann mit einigen Fragen aus der Geschichte des
Vaterlandes. Es waren die einfachsten Dinge, auf die er sich stets beschränkte, aber sie antwortete ihm verwirrt und ohne Aufmerksamkeit. Er verließ dies Gebiet und ging zu einigen ebenso leichten Stücken der deutschen Litteratur über — er las mit ihr eine Ballade von Schiller, der sie noch in der letzten Stunde mit Freude zu- aehört hatte. Heute hallten die Worte, wie ein leerer Klang an ihremOhr vorüber. Sie vermied, ihn anzusehen. Sie hörte nicht einmal, was er las und sagte.
Da riß den: Doktor die Geduld. „Fräulein Koralli", sagte er und schloß das Buch, „ich möchte eine Frage an Sic richten. Wozu nehmen Sie eigentlich diese Stunden?"
Die Worten waren ihm nicht leicht geworden. Er hatte schon eine ganze Weile gekämpft, che er sie aus- sprach. Je größer aber feine Verlegenheit war, desto härter und herausfordernder klang seine Frage.
Da erwachte in dem verwöhnten Kinde, das sich schon lange aufs Schwerste gekränkt gefühlt, der ganze rebellische Trotz, den sie bis jetzt in sich verschlossen hatte.
„Warum ich diese Stunden nehme?! Sehr einfach. Weil ich muß. Ja, weil ich muß, Herr Doktor Mollinar. Ich habe ja immer bis setzt gemußt und nie gewollt! O, dieses ewige Miissen! Erst schlug mich der Papa mit der Peitsche, wenn ich nicht wollte, und jetzt, wo ich meine Arbeit lieb habe, wo ich alle meine Zeit für sie brauche, jetzt quält mich die Mama von des Morgens früh bis de§ Abends spät mit dieser schrecklichen Weisheit. Sie ist in ihr groß geworden, jetzt verlangt sie von mir das Gleiche!"
„Also nur weil Sie müssen, Fräulein Koralli, weil Ihre Eltern darauf bestehen, sind Sie zu mir gekommen?"
„Nein", sagte Miß Ellida nach einem kurzen Schweigen, und aus ihren Worten klang eine lebhafte Aufrichtigkeit, nicht immer. „Ich bin manches Mal auch gern gekommen. Wenn Sie ein Gedicht mit mir gelesen babcn, das ich verstand, oder mir manches Schöne erzählt haben aus der Geschichte, dann habe ich mich gefreut und habe auch darüber nachgedacht mehr vielleicht als Sie glauben. Und wenn Sie mit mir sprachen, wie ein anderer Mensch noch nie mit mir gesprochen hat, dann bin ich Ihnen dankbar dafür gewesen, Herr Doktor Mollinar. Aber —"
„Aber?" sagte er schnell, als sie stutzte.
Noch immer zauderte sie, als könnte sie ihm das doch nicht sagen. Dann jedoch erhob sie sich von ihrem Sitz und fuhr nun fort, die dunklen Augen unbeirrt auf ihn geheftet. „Aber sehen Sie, Herr Doktor Mollinar, so manchess, was Sie mich lehren, das verstehe ich doch nicht» trotz aller Ihrer Blühe. Das zu lernen ist mir ein Zwang. Und wenn Sie mich gar tadeln wegen meiner schlechten Manieren, für die ich doch nichts kann. Sie wissen nicht, wie weh mir das tut. Ich habe cs ja längst gemerkt, wie unzufrieden die Madame, Ihre Muter, mit mir ist. Ich weiß es, ja, ich habe cs gefühlt vom ersten Wend an, als wir hier zu Ihnen kamen, daß wir zueinander nicht passen. Sie nicht zu uns und war nicht zu Ihnen! Aber ich lasse mich nicht knechten, auch von Ihnen nicht, Herr Doktor Mollinar! Wir sind eben nur Zigeuner. Und ich will nichts anderes ein. Ich will cs bleiben, wie es nicin Vater ist."
Der Doktor stand^jetzt gleichfalls auf. „Und ich werde der Letzte sein, der Sie daran hindert, Fräulein Koralli. Ich habe Ihnen diesen Unterricht gern gegeben. Jetzt aber, wie Sie mir sagen, daß er Ihnen nichts als ein Zwang gewesen, ist mir meine Zeit zu kostbar geworden. Dies war unsere letzte Stunde! Ich selber werde Ihrer Mutter meine Entscheidung mitteilen."
BUß Ellida entfärbte sich und senkte betroffen das Haupt. „Tie arme Mutter!" sagte sie leise, aber kein Wort weiter und setzte den großen Hut ans die üppigen Haare. An der Tür blieb sie einen Augenblick stehen; dann aber verließ sie mit um so schncllerein Schritt das Zimmer.
Der Doktor war allein. Murrend und grollend ging er in seiner Stube auf und ab. Das war also der Erfolg seines Bemühens, das der Dank, den er geerntet . Ein Zwang waren ihr diese Stunden gewesen, weiter nichts! Und jetzt war die kleine Zigeunerin froh, diesem Zwang entlaufen zu sein.
Und er? Mitten in seiner Wohnung blieb er stehen. „Sei,ehrlich gegen dich selber. Fritz!" murmelte er vor sich hin. „Sollte dieses Mädchen am Ende nicht ganz so im Unrecht sein? Wer war cs, der so oft auf die inoderne Erziehungsweise gescholten hat, auf dieses Außeracht-
