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51 . Jahrgang.

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jtO. 78. BerlagS-Fernsprecher No. 2953. Mont«K, tat 16. Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

Abend-Ausgabe.

ffiin Ciide Des Ptntinela-ftrtitfnllts.

Wir haben diesen Artikel mit Vorbedacht nicht „D a s Ende", sondern „E i n Ende" des Venezuela-Streitfalles betitelt, denn von dem Ende sind wir noch immerhin — darüber soll man sich keinen optimistischen Täuschungen hingeben — eine ganze Ecke entfernt. Zwar sind die Friedensprotokolle unterzeichnet, die Blockade aufgehoben und die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und den mit ihm in der Venezuela-Affäre operierenden Mächten einerseits und Venezuela andererseits wieder ausgenommen worden, aber wir haben bisher einmal statt Geld nur Zusagen bekommen, daß es gezahlt werden wird, und zweitens haben wir für einen Teil der deutschen Forderungen noch nicht einmal runde und bindende Zu­sagen.

Wir haben also, wenn wir auch keinen Anlaß zum Trübsalblasen haben, andererseits auch keinen Anlaß, aus Freude über diese Regelung des venezolanischen Konfliktes übermütig zu werden. Ja, wenn man diese Angelegenheit vom rein geschäftlichen Standpunkt be­trachten wollte, dann könnte man zu dem Ergebnis kommen, daß wir ein schlechtes Geschäft gemacht haben, denn wir fürchten, daß in diesem Falle die Prozeßkosten inklusive Zwangsvollstreckungskosten dem Streitobjekt mindestens gleichkommen werden. Aber das Wort, daß die Elle länger als der Kram sei, darf hier trotzdem nicht angewendet werden, denn man kann die Politik nicht nach dem Krämerstandpunkt bemessen.

Me deutsche Regierung hatte sich keineswegs leicht- fertig entschlossen, die Forderungen der deutschen Staats­angehörigen an den venezolanischen Staat zu den ihrigen zu machen, aber das unbotmäßige, völkerrechtswidrige Verhalten der venezolanischen Regierung zwang die deutsche Regierung, die schärfsten Saiten gegen den nicht etwa zahlungsunfähigen, sondern nur böswilligen Schuldner aufzuziehen. Es handelte sich hierbei nicht etwa nur darum, privaten Forderungen zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern zugleich auch darum, andere „Raub- staatcn" von einer ähnlichen völkerrechtswidrigen Taktik abzuschrecken, und es handelte sich endlich vor allem darum, eine gegen das Deutsche Reich verübte Unbot­mäßigkeit zu bestrafen und uns den Respekt zu erzwingen, von dem wir begründeter Weise verlangen können, daß man ihn uns entgegenbringt.

Dieser Hauptzweck des Vorgehens gegen Venezuela ist jedenfalls erreicht worden, und damit wird man zunächst zufrieden sein müssen. Wenn wir nicht mehr und wenn wir nicht alles erreicht haben, so trifft die Schuld hieran nicht die deutsche Regierung, die während des ganzen Verlaufs der venezolanischen Affäre eine an­erkennenswerte taktische Geschicklichkeit an den Dag gelegt

Doktor Mollinar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

(5. Fortsetzung.)

Der Tag, den der Doktor für die erste Unterrichts­stunde festgesetzt hatte, war gekommen. Er erwartete seine Schülerin in seinem Arbeitszimmer. Dieses grenzte an die große Wohnstube, aber es ging nicht wie diese auf die Straße hinaus, sondern eröffncte einen weiten Blick in den Garten. An der Längswand dicht am Fenster stand der große, mit Büchern und Schriften überhäufte Schreibtisch des Doktors, unmittelbar neben diesem, dem Arbeitssessel des Doktors schräg gegenüber, war ein Stuhl gestellt, er war für die Schülerin bestin,mt.

Me ganze Einrichtung und Anordnung dieser Arbeits- stube zeigte trotz des strengen Ernstes Gemütlichkeit und Behaglichkeit. Besonders im Frühling und im Sommer, wenn die großen Fenster den ganzen Tag offen standen und da draußen durch das dichte Laub die Sonnenlichter glitzerten und die Vögel sangen, konnte man sich kein Zimmer denken, das mehr zur Arbeit einlud als dieses.

Doktor Mollinar saß an seinem Schreibtisch: er schien zu arbeiten. Seine Mutter hatte aus einem der beiden Sessel Platz genommen, die dem Schreibtisch gegenüber am Sofatisch standen.

Sie hatte eine neue Haube aufgesetzt, aber das gute Gesicht darunter hatte heute einen feierlichen und miß­vergnügten Zug.

„Es ist vier Uhr vorüber", sagte der Doktor.

„Sie läßt dich warten", entgegnete Frau Mollinar.

Und der Doktor setzte seine Arbeit fort, und Frau Mollinar las in dem dicken Buche, das vor ihr ausge­schlagen war.

Da, ein lautes, energisches Läuten, ein schneller, elasti- scher Schritt über den Korridor, und Miß Ellida trat in das Zimmer. Sofort füllte sich dieses mit dem Dufte von Heliotrop.

hat, sondern die ungünsftgen Umstände, unter denen die beiden anderen mit uns gemeinsam operierenden Mächte, England und Italien, ebenso gelftten haben wie wir. Diese ungünstigenUmstände besmuben in den verworrenen Verhältnissen in Venezuela, in dem mißgünstigen Übel- wollen der Vereinigten Staaten von Amerika und in dem Brotneid der anderen Mächte, welche dein Vorgehen Deutschlands, Englands und Italiens Gewehr bei Fuß zugesckMit hatten, aber nachher, bei der Teilung der Beute, etwas rmiv erklärten: Jetzt wollen wir mitspielen!

Zieht man alle diese Schwierigkeiten, mit denen wir bei dem Vorgehen gegen Venezuela zu rechnen hatten, in Betracht, so wird man bei unbefangener Prüfung der Sachlage zu dem Urtfil kommen müssen, daß die deutsche Regierung so viel erreicht hat, als nach Lage der Sache zu erreichen war. Wir haben zunächst die bevorzugte Be­rücksichtigung der deutschen Forderungen bis zur Höhe von 1 718 818 Bolivares erreicht, von denen 137 800 so­fort und der Rest in Wechseln bis zum 18. Juli dieses Jahres bezahlt werden sollen. Da nun die von der deut­schen Regierung als gerechtfertigt anerkannten Forderun­gen deutscher Staatsangehöriger an Venezuela sich auf mehr als 13 Millionen Bolivares belaufen, so bleiben mithin noch circa 1114 Millionen Bolivares. Über dies« Forderungen soll eine Kommission entscheiden, die aus je einem von der deutschen und der venezolanischen Regie­rung zu ernennenden Mitglieds besteht, und zu der eventuell ein vom Präsidenten Roosevelt zu ernennender Obmann zugezogen werden soll. Indessen hat diese Kommission nicht über dieFrage derHastpflicht, welche von der venezolanischen Regierung anerkannt worden ist, zu entscheiden, sondern nur über das Maß der Schädigung und Entschädigung. Zur Befriedigung dieser Forderun­gen werden vom 1. März cr. ab 30 Prozent der Zoll­einkünste von La Guayra und Puerto Cabello reserviert werden. Me etwa sich hierbei ergebenden Streitfragen, insbesondere die Frage, in wie weit Deutschland, England und Italien hierbei auf eine vorzugsweise Befriedigung ihrer Forderungen gegenüber dm Forderungen der anderm Mächte Anspruch habm, wird jedoch das Haager Schiedsgericht zu mtscheidm habm, so daß mithin noch geraume Zeit vergehen wird und noch manche Schwierig­keiten zu überwindm sein werden, bis wir die Fort­setzung des hmtigm Artikels schreiben können mit der Überschrift: „Das Ende des Bmezuela-Streitsalles."

Dmn leider geht es der Venezuela-Affäre wie der Wurst — sie hat zwei Endm!

*

hd. Berli«, 14. Februar. Rach einer Meldung des „B. L.-A." auS London wurde daS venezolanisch« FriedenSprvtokoll gegm Mitternacht unterzeichnet. Danach wurde die Blockade aufgehoben. — Das britische Protokoll ist, wie aus Washington gemeldet wird, auf mglisch abgefatzt, das italienische auf italimisch und das deutsche auf deutsch und englisch. Bowen Unterzeich­nete sie in Duplikaten für Venezuela, Speck v. Sternburg

„Gutm Tag, Herr Mollinar." Ihr Antlitz war von schneller Bewegung gerötet. Die kleine Hand streckte sich dem Dvktor zum Gruß mtgegm. Über ihren Worten, ihren Bewegungen lag eine Unbesorgtheit, eine Ursprüng­lichkeit, wie sie der Doktor noch nicht bei einer seiner Schülerinnen gesehm hatte.

„?kh, Madame! Gutm Tag!" Jetzt erst schim sie der aktm Dame gewahr zu werden, und dreses Mal war ihr Gruß steif und förmlich. Der Doktor merkte es. Me Verlegmheit, gegen die er bereits von dem Augenblick ihres Eintritts an mit aller Anstrengung gearbeitet hatte, wurde größer. Um so strmger aber schantm die Augen unter dm dicken Brillengläsern auf das hübsche Mädchm.

„Ich bitte, Platz zu nehmm, Fräulein Elli." Und als die Kunstreiterin sich ungeniert auf dm weickien Sessel der erschreckten Frau Mollinar gerade gegenüber setzm wollte, machte er eine gebietmde Handbewegung auf den Stuhl an seinem Schreibtisch zu, und mit kurzen, fast barschen Wortm fuhr er fort: „Dort, wenn ich bitten darf."

„Gut, auch dort, ganz wie Sie befehlen, Herr Mollinar!"

Me Worte Ellidas warm in recht schnippischem Ton gesprochen. Dem Dokt»r paßte es wenig. Auch das er­schien ihm ungehörig, daß Miß Ellida ihr dunkle? Jacket zwar gleich beim Eintritt abgelegt und nachlässig auf das Sofa geworfen hatte, dm Hut mit der aussaüendm roten Feder aber aufbehielt und selbst jetzt, während des Unter­richts, nicht die geringsten Anstalten machte, ihn abzu­nehmen. Er beschloß, ihr das in einer der nächsten Stunden zu sagen. Überhaupt mußte er dem verzogenm Mädchen zeigen, wer der Herr sei! Für heute nur wollte er sich darüber hinwegsetzm.

Er hatte seine vorbereitmdm Fragen abgeschlossen. Das Ergebnis war nicht gerade glänzend gewesen. Aber niemanden berührte daS weniger als Ellida selber. Dmn sie die konfusesten Antworten gab und ihr Lehrer dm

für Deutschland, Herbert für England. Die Nachricht wurde sofort an die Signatarmächte gekabelt, worauf diese Glückwünsch« austauschten. Bowen kabelte die Nachricht an Castro. Das Protokoll stipuliert außer den bereits bekannten Punkten Rückgabe aller gmommenm KriegS- und Handelsschiffe an Venezuela. Das britische Protokoll hat S Artikel, die anderen sind ungefähr ebmso groß. Alle bestimmen die Erneuerung der bestehenden Handels- und Fveundschaftsvertrüge. Eine zweite sofort zu behandelnde Serie von Protokollen spezifiziert bas Verfahren vor dem Haager Schiedsgericht. Die vorzugsweisen Anteile au den Zolleinnahmrn weröm bi§ zur Entscheidung deS Haager Tribunals bei der Bank von England in Caracas deponiert.

M. Caracas, 14. Februar. Ein Telegramm aus Maracaibo berichtet, daß ein geringer Vorrat an Lebensmitteln auS den Bezirken von Anden eingetroffm ist. In verschiedenen Distrikten ist der Mehlpreis auf daS Doppelte gestiegen. In Caracas ist man seit mehre­ren Tagen ohne Brot. Die Regierung stellt eine Besse­rung durch die bevorstehende Aufhebung der Blockade i» Aussicht.

hd. Berlin, 15. Februar. Dem „V. L.-A." wird aus N e w - I o r k telegraphiert: Ein gestern gezeichneter Nachtrag zum Friedensprotokoll besagt, die Einziehung deS Drittels der Zolleinkünfte Venezuelas beginnt am 1. März und die 1. Zahlung davon am 1. April d. I.

hd. Washington, 16. Februar. Die Friedens-Proto­kolle zwischen den Blockademächten und Venezuela sind nunmehr veröffentlicht worden. Jedoch wurde nur das englische Protokoll im vollständigen Wortlaut mitgeteilt.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 14. Februar.

Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung des Etats des Neichsamts des Innern. Titel: Staatssekretär. — Abg. P e u S (Soz.) tritt lebhaft für die Diäten ein. Daß dieselben eine dringende Notwendigkeit seien, beweisen zum Beispiel die heutigen leeren Bänke. Dann geht dev Redner auf die Angriffe über, die in den letztem Tagen gegen seine Partei gerichtet worden seien. Die Sozial­demokraten hätten ein Recht darauf, Republikaner zu sein, und beanspruchen von den Regierungm Achtung auch für dieses ihr Recht. Die Monarchie sei die Krönung deS Klassenstaates, aber nicht etwas Notwendiges. Alles, was bestehe, sei wert, daß e§ zu Grunde gehe. Was die reichen Leute in der sozialdemokratischen Partei anlange, so seien daS doch nur wenige. Bei den meisten sei SchmalhanS Küchenmeister. In seiner Polemik gegen das Centrnm bemerkt der Redner, daß dasselbe früher jedenfalls gegen den Maximal-ArbeitStag gewesen sei. Jetzt finde offen­bar nur ein Wettlauf vor den Wahlen statt. Das Cen­trum wolle jetzt bei den Wählern der Sozialdemokratie den Rang ablaufen. Der einzige bürgerliche Abgeord­nete im Hause, der es ernst meine mit den Rechten der

strengsten Blick aus sie richtete, zuckte sie sehr gleichmäßig die runden, schöngeformten Schultern und machte ein geringschätziges Gesicht.

Jetzt setzte sich der Doktor in Positur, unl seinen Vor­trag zu beginnen, den er sich bereits vor der Stunde zu- recht gelegt hatte. In demselben Augenblick aber schob sie ihren Stuhl mit einem Ruck vorwärts, dicht an den seinen heran. Ihre ganze Gestalt, welche bis dahin die Kante des Schreibtisches verdeckt hatte, war jetzt für ihn sichtbar. Me Kniee hatte sie übereinandergeschlagen. Aus dem kecken Spitzenbesatz des unteren Rockes lugts ein kleines Füßchen hervor, das in einem zierliche,i hell­braunen Lederschuh steckte und jetzt schwingend sich hin und her bewegte, während der andere Fuß leise den Boden klopfte.

Der Doktor hatte seinen Bortrag so ruhig begonnen, aber jetzt verlor er seine Sicherheit. Sie hafte ein« so eigentümliche Art, ihn mit den großen Augen anzusehen! Halb aufmerksam und halb schelmisch war ihr Blick. Ab und zu glitt er auch auf den Erdboden und liebäugelte mit den Füßchen in den Lederschuhen, die ihr Spiel immer ungenierter, aber auch immer anmutiger trieben, als übten sie einen neuen Tanz auf den, Pferde.

Mit unermüdlicher Geschäftigkeit redete er weiter, den Mick unablässig auf die Platte seine? Schreibtisches rmt dem grünen schon etwas schadhaften Tuchüberzug gerichtet, als lese cr dort alles ab, wa? er sagte.

Der Blick seiner Schülerin war ihm erst lässig g«. wesen, jetzt begann er, ihn zu ängstigen. Ach, er merkte garnicht, daß Ellida ihn schon lange nicht mehr ansah. Sie hotte die Augen zwar weit geöffnet, aber ihr Blick war so eigentümlich in da? Weite gerichtet, so leer, so glanzlos. Um die leicht aufgeworfenen Lippen zuckte es einige Male so gewaltsam, so müde dabei. Auch die Füße hatten ihre Arbeit längst eingestellt, schließlich bekam der Stuhl wieder einen Ruck, aber diesmal nach rückwärts, nach der Wand zu, da? Köpfchen mit der roten Hutfeder senkt sich ans die Stuhllehne herab, tiefer und tiefer, und der Doktor sah auf.

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