51. Jahrgang.
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Jtfl* 77* Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Morgen »Ausgabe.
Politische Ueliersicht.
Die Sensation der verflossenen Woche bildete der Abschluß der Ehetragödie am sächsischen Hofe. In den letzten Tagen hatten sich die Ereignisse, welche den jähen Zusammenbruch der einstmaligen Kronprinzessin von Sachsen herbeiführten, förmlich überstürzt. Die Erkrankung des Prinzen Friedrich Chrisüan ließ in der treulosen Gattin die Mutterliebe wieder aufflammen, aber ihre Bitte, auf wenige Stunden an das Bett des kranken Kindes kommen zu dürfen, wurde abgeschlagen und mußte abgeschlagen werde,:. Sensationell wirkte die Trennung Luisens von Giron, von der man heute noch nicht weiß, ob sie nur eine Utilitätsmaßregel oder einen Bruch, eine vorübergehende oder eine dauernde Trennung bedeutet. Der Trennung von Giron folgte die Aufnahme der Frau Luise von Toskana, wie sie jetzt betitelt ist, in eine Nervenheilanstalt. Und am Mittwoch spielte sich vor dem Ehegericht in Dresden der Schlußakt der Tragödie ab, der in der Scheidung der Ehe des Kronprinzen wegen Ehebruchs seiner Gattin mit Herrn Giron besteht. Die KronPriiMssin Linse von Sachsen gehört nunmehr der Vergangenheit an; welche Zukunft aber der Luise von Toskana bevorsteht, das vermag heute noch niemand zu sagen.
Bildete der Ehescheidungsprozeß des Kronprinzen von Sachsen die Sensation der Woche, so war dereü Politisches Harchtereignis die Generalversammlung des Bundes der Landwirte. Der Verlauf der Generalversammlung bestätigte nicht nur, daß der Bund entschlossen ist, in seiner entschiedmenOpPositton gegen die Handelspolitik der Regierung fortzufahren, sondern nicht minder scharf war auch der Ton, in den: die Führer des Bundes gegen die Parteien zu Felde Zogen, und sogar die konservative Partei bekam ihr Teil hierbei ab. In der Tat nimmt die Auseinandersetzung zwischen den Konservativen und dem Bund der Landwirte trotz der Friedensstiftungsversuche des Herrn v. Köcher ihren Fortgang, wie dies durch den neuerdings erfolgten Austritt des Äbg. v. Roon aus dem Bund der Landwirte dokumentiert worden ist.
Im Reichstage wie im preußischen A b g e - ordnetenhause haben sich unterdeß die bei Ge- .egenheit der Etatsdebatte üblichen Auseiirander- setzungcn in behaglicher Breite fortgesponnen, und insbesondere im Reichstag hat ein ausgedehntes Kolloguium über die Sozialpolitik, wie sie ist und wie sie sein soll, stattgefunden. Der Präsident hat die Parteiführer ge- beten, auf einen beschleunigten Gang der Beratungen zu dringen, denn man will im Reichstage schon in den ersten Tagen d es April Schluß machen, um den Parteien Zeit
Feuilleton.
Berliner Brief.
L»„der ..Saison". — Der „Preffe"-Ball. — Die Kleinstadt Berlin. — Die Weltstadt Berlin. — Nardenkätter. — Die Ttzeater-Zcnsur.
Nun sind wir also mitten in der „Saison"! Die Droschkenkutscher haben gute Tage und die Saalbesitzer >wch bessere, denn die Zahl der großen öffentlichen Bälle und sonstigen Wohltätigkeitsveranstaltungen <die Bälle sind fast sämtlich zu irgend einem wohltätigen Zweck veranstaltet!) ist so groß, daß sie ununterbrochen Arbeit haben. Mit den letzten Bahn- und anderen Fahr-Ge- lcgenheiten sieht man denn die Soliden in Abendmäntcl und Pelze gehüllt, meist müde und mißgelaunt, heimwärts eilen. Der größere Teil der Berliner Ballbc- sucher, wenigstens bei den öffentlichen Bällen, harrt bis in die frühen Morgenstunden aus und im Cafd Bauer kann man morgens zwischen 7 und 8 Uhr die Standhaften mit lärmender Lustigkeit beim Frühtrunk überraschen, — eine bunte Gesellschaft, Damen und Herren der Gesellschaft und Angehörige der Halbwelt, geben sich da auf neutralem Boden ein Rendezvous und jene werfen auf diese, die so oft in ihr Leben verderblich eingrcifen, mit einem Gefühl, das aus Neugier und Feindseligkeit zusammengesetzt ist, prüfende Blicke..... Diese großen öffentlichen Berliner Bälle sind für das Wesen dcS Ber- linertums außerordentlich bezeichnend. Diesem modernen Berliner, dem Sohne eines rastlos arbeitenden Zeitalters, ist die Fähigkeit ruhig-unbefangenen Genießens ganz abhanden gekommen. Er bringt seine Tagessorgen mit in den Ballsaal, und es bedarf erst starker, äußerer Anregungen, bis er anfängt, sich zu „amüsieren". Daher kommt es auch, daß die rechte Stimmung erst so spät, meist erst gegen Mitternacht sich einstellt. Einen Höhepunkt bil- det stets der „P r e s s e - B a l l", den regelmäßig der letzte Samstag des Januar bringt. Bon Jahr zu Jahr wird der Andrang größer, — wie das möglich ist, da die „Philharmonie" nur 2500 Personen faßt und die Billcts immer «ilsverkauft sind, ist ein Geheimnis. Diesmal waren die
Sonntag, den 18. Februar,
zu den Vorbereitungen für die Mitte Juni stattfindenden Neutvahlen zu lassen.
Wir haben den aufrichtigen Wunsch, den alle unsere Leser unterschreiben werden, daß bis dahin auch die leidige Venezuela -Affäre chr seliges Ende gefunden hat. _ Aber wir werden uns hüten, die Regelung der Frage bis zip diesem Termin in Aussicht zu stellen, denn zur Zeit scheinen die Verhandlungen in Washington noch immer im Wendekreis des Krebses zu stehen. Sonderlich gut hat sich der antivenezolanische Dreibund bisher nicht bewährt, und wir wollen nur hoffen, daß sich in diesem Falle/ wenn die Regelung der Venezuela-Frage doch einnral erfolgen wird, das Wort bewährt, daß, was lange dauert, gut wird und daß das Ende das Werk krönt.
Zur Zeit läßt sich über den Stand der Dinge in Venezuela so wenig sagen, wie über den Status guo in Marokko, denn in beiden Fragen scheinen die haufenweise in die Welt gesetzten Nachrichten nur dazu besttmmt zu sein, möglichst schleunigst dementiert zu werden.
Mancherlei Alarmnachrichtcn, die man freilich ebenfalls nicht allzu tragisch zu nehmen braucht, kommen auch wieder auS deni Wetterwinkel Eiiropas, aus dem Balkan, wo es sich besonders in Macedonien verdächtig regt und heftig gärt. ES kann schon sein, daß die Siütasion sich in den macedonischen Bergen mit dem Frühlings- beginn wieder schr kritisch zuspitzen wird, aber wenn man jetzt in B u l g a r i e n so tut, als ob man säbelrasselnd und mobilmachend die macedonische Frage aufrollen will, so wird kein ernsthafter Poliüker in Europa dies bulgarische Maulheldentum ernsthaft nehmen.
Ihren „Balkan", wir meinen chren polffschen Wetterwinkel, haben auch die Engländer, ebenso wie ihre „Vettern", die Amerikaner. Der Wetterwinkel der ersteren ist Süd-Afrika, der der letzteren die Philippinen. Aus Süd-Afrika sind in letzter Zeit Nachrichten gekommen, welche zeigen, daß es mit der „Versöhnung" der Buren schwach bestellt ist. Und auf den P h i l i p p t n e n haben die Amerikaner wieder einmal den letzten Aufftand der Filipinos so gründlich niedergeschlagen, daß sie nun- mehr einige Zeit haben, um sich für die Niederschlagung des nächsten „letzten Aufstandes" nach Kräften vorzubereiten!
Deutsches Deich.
Atavismus in der Wohlfahrtspflege.
Die Wissenschaft nennt MavismuZ die Riickfälligkeit der Natur in längst überwundene Entwickelungsstufen — eine Abnormität, die z. B. bei den einhufigen Pferden und EsAn sich darin zeigt, daß sich miümter zweihufige Nachkonnnen einstellen. Auch auf geistigem Gebiete ist das gleiche Gesetz wirk sam — ein bemerkenswerter Fall
Eintrittskarten bereits zwei Tage vor dem Balltage vergriffen. An sich wäre es ja nun keineswegs wunderbar, daß dieser Presse-Ball eine steigende Anziehungskraft aus- übt, denn für wie viele besitzt es nicht einen starken Reiz, die berühmten Männer der Feder, Künstler und Künstlerinnen auS allen Gebieten der Kunst, Minister und sonstige Würdenträger, Offiziere aller Waffengattungen rc. so nahe und in so großer Zahl vereinigt zu sehen, wohl gar mit ihnen bekannt zu werben! Aber daS merkwürdige ist, daß dieser Preffc-Ball von Jahr zu Jahr seine Physiognomie mehr verliert, so daß er eigentlich jetzt kaum noch eine eigene Physiognomie hat. Nur daS Erscheinen deS Reichskanzlers und einiger Minister gibt Sem Preffe-Ball noch einen einigermaßen eigenartigen Anstrich. Im übrigen gewinnt er mehr und mehr einen spießbürgerlichen Durchschnittscharakter. Woran mag cs nur liegen, daß der frühere Glanz von diesen Veranstaltungen gewichen ist? Die Bühnenkünstler mit den klangvollen Namen, die sich früher gern und zahlreich auf dem Presse-Ball zeigten, sind eS müde geworden, zu ihren sonstigen gesellschaftlichen Verpflichtungen noch die Anstrengung einer Nacht auf dem Prcsse-Ball hinzu zu fügen, zumal sie selbst diese Reklame für ihren Ruf nicht mehr nötig haben, und die jüngeren Künstler von Bedeutung haben meist zu viel zu tun: sie sind eben ein anderes Geschlecht, angestcckt, wie alle anderen, von dem Geiste rastloser Arbeit, der unsere Zeit ergriffen hat. Von den Künstlern und nun gar den Schriftstellern, die ihre Pflicht als Wirte niemals besonders ernst genommen haben, gilt dasselbe in noch höherem Grabe. Die Diplomaten und Minister mögen ihre Gründe für sich haben und mit der ehernen Pforte der Amtsverschwiegenheit verschlossen halten. Nur bei der Marine erfreut sich der Presse-Ball lebhaftester Anerkennung, und sie helfen mit dankenswerter Bereitwilligkeit lebendige und schimmernde Farben in das Bild des Ballsaales bringen. Ein Mittel gäbe cS, rin sehr einfaches, um den Presse-Ball wieder in den Mitelpunkt der gesellschaftlichen Ereignisse zu stellen und ihm den alten Glanz wieder zu geben: wenn es dem Ball-Comitö gelänge, ein Mitglied des k a i s erlich e n H a u s e s, vielleicht gar den K r o n p r i n z e n,
1903.
scheint uns die Gründung einesFindelhauses nach ältestem System in Budapest. Nachdem in allen Ländern längst die Verwerflichkeit der sogenannten Drehlade, in welck^v das Kindlein einfach draußen hineingelegt und drinnen von barmherzigeii Schwestern in Empfang genommen wurde, ohne irgendwelche Nachfrage über die Mutter oder Herkunft, zu begehren, erkannt worden ist, hat die gleiche Einrichtung kürzlich in Budapest, also in einer durchaus modernen Großstadt, seine Wiedergeburt gefeiert und wird hier und da in der Presse als „wirklich humane In- stltution" gefeiert. Ein Blatt schreibt: „Die Wohltätig, keit des menschenfreundlichen Ehepaares Vöcsey hat Budapest um eine wirklich humane Jnstituüon bereichert., Das Ehepaar vermachte viermalhunderttauiend Kronen für die Errichtung eines Findelhauses unter der Haupt- bedmgung, daß in diesem Findelhause nach den Eltern des Findelkindes nicht geforscht werden dürfe und daß hier -re kleinen Findlinge unbemerkt hinterlegt werden tonnen. Unter einer farbigen Lampe befindet sich ein Fenster, das ohne Mühe von draußen geöffnet werden kann und durch welches das Findelkind in dm bereit- stehenden Korb gelegt wird. In dem Moment, in welchem das Kleine hineingelegt wird, setzt sich ein elektrischer Kimgelapparat in Bewegung, welcher der Hausbesorgerin des Asyls und einer barmherzigen Schwffter das Anlangen eines Findlings anzeigt. Die Frauen nehmen das Kind aus dem Korbe und überantworten dasselbe der Wartung einer bereitgehaltcnen Pflegerin. Wie schrr diese Einrichtung einem brennenden Bedürfnisse ent- spricht, beweist der Ilmstand, daß die zwanzig Plätze des ^mdelhauses in kaum vierzehn Tagen vergriffen waren- Das Fenster ist seither geschlossen und wird nicht wieder geöffnet, bis nicht für neue Findlinge Platz geschaffen wird oder bis nicht andere Menschenfreunde oder gar di« Behörden diese menschenfreundliche Stiftung vergrößern und erweitern." Also statt vorwärts zu schreiten zur Errichtung von Zufluchtsstätten für uneheliche oder arm« Wöchnerinnen und von Kinderheimen und Krippen füv deren Kinder, um so die Mädchen zur Erfüllung ihren Alutterpflichten zu erziehen, wie z. B. in Leipzig, schreitet! man rückwärts ins 17. Jahrhundert hinein! Hoffentlich werden sich weder Menschenfreunde und noch viel weniger, Behörden betören lassen, pflichtvergessenen Müttern di« Sorge um ihre Leibesfrucht abziinehmen. Was von etwa 300 Jahren als erklärlicher Ausfluß llberschwäng. sicher Menschenliebe unter gänzlich anderenZeitumständent m Schwung kam, ist heute unbesonnener Hnmanitäts. dufel, der behördlich untersagt werden sollte! P. 8. /
* Rundschau im Reiche. Das Bremische Budget! für 1908 schließt mit einem sofort zu deckenden Fehlbetraa von 1 340 926 Mk. ab, wovon nach Aufzehrung der Überschüsse früherer Jahre noch 845 000 Mk. durch neue Steuern zu decken sind.
auf eine Stunde zum Besuche des Preffe-Ballcs zu be n,cnn stch der Reichskanzler und sein, Minister-Kollegen entschließen könnten, mit ihren Damer auf den Preffe-Ball zu kommen. Es muß jeden Besuche, des Presse-Balls höchlichst verwundern, warum dies, Herren allein erscheinen, und es dürfte sehr schwer fallen erneu stichhaltigen Grund anzuführen, denn eine weniger zweideutige Gesellschaft, so frei von „unsicheren Kantonisten , durfte selten auf einem so großen Ballfest sammenkommen! ... Es fehlt den Berliner Festver. anstaltern noch der Zug ins Große, aus dem Vollen heraus, und ihre Feste lassen uns nie über den Eindruck hin- anskommen, daß Berlin eben noch vor einigen Jahrzehnten eine Kleinstadt war. Freilich, wenn man liest, welche anderen Aufgaben die Köpfe der Berliner beschäftigen, wenn man z. B. die gewaltigen Verkehrsvrojekte betrachtet mit denen sich jetzt der Magistrat und Privat- Gesellschaften tragen, so begreift man, daß das heutige Geschlecht noch mcht gelernt hat, Feste zu veranstalten und ^/^^"dtffcher Maurer die Honneurs zu umchen. Diese Pflicht, dem Fremden die Honneurs der Weltstadt m machen, übernehmen vorläufig noch die Berliner Ber- kehrsemrichtungen, und sie entledigen sich mit ihrem Verkehr von vielen hundert Millionen ihrer Aufgabe aufs würdigste. Aber so sehr sic sich auch beeilen, sie halten mit den Vcdnrflnffen noch nicht Schritt. Und so viel Unternehmungsgeist und Weitblick gerade auf diesem Gebiet bei Behörden und Privaten in Berlin vorhanden ist an ein paar moderne Gedanken, nämlich an die Verlegung des Schnellverkehrs unter die Erde, bezw. über die Erde d. h. an den Gedanken der Schwebebahn, tritt man iü Berlin nur schr langsam und zögernd heran. Und doch liegen hier die einzigen Möglichkeiten, das Problem des Berliner Großstadtverkehrs zu lösen. Die Niveau. Straßenbahn hat die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bereits überschritten. Der richtige Berliner vertraut sich wenn er in den belebten Straßen schnell vom Fleck kom. men will, nicht der „Elektrischen" an, sondern benutzt den plumpen Omnibus, der viel gewandter durch das Gewühl steuert, als die von dem starren Schicncnstrang und der oft gestörten elektrischen Kraft abhängige moderne
