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1. Beilage Min Mesdaüener TagülaN.

Uo. 77. Morge«-Aus-ai»e.

Sonntag, den 15. Fedrnar.

51. Jahrgang. 1903.

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®j,ß en finn ist das wohlfeilste Surrogat für den Charakter. Fr. Hebbel.

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(23. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. SchSyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

.Das ist leicht gesagt, mein bestes Fräulein!" ant­wortete er mit unerschütterlicher Ruhe.

kain- Elsa war erregt und nervös. Sie schminkte sich zu wiederholten malen, ohne daß es ihr ge- lang, die rechte Farbe zu treffen. Schließlich mußte Bernhard nnt eigener Hand die Arbeit vollenden. Es gab Nichts, was dieser Mann nicht verstand. Er überrieb chr die Wangen mit Cold Cream und strich dann gelbweise Schmmke darüber. Als diese trocken war, puderte er das

E e Gesicht mit braungelbem Puder. „Dtignon ist stets ßen m freier Luft, daher darf die Haut nicht so hell sein Dann malte er die Augenbrauen schwarz und schte mnen roten Punkt in jeden Augenwinkel. „Das verleiht Glanz und Ausdruck!" Schließlich nahm er eine Hasen- Pfote und tauchte sie in rote Schminke. „Sie haben ein schmales Gesicht, uni es rund zu machen, bedarf es — Und er ließ die Haseirpfote leicht Mer das Ohr und dessen nächste Umgebung gleiten. Dann setzte er ern wenig Rosa unterhalb jeden Auges Weiß Nwcht mager, ror macht voll. Erinnern Sie sich dessen! Deshalb müssen magere Personen die Backenknochm rot, die dicken dagegen weiß schminken. Ja, ja, nun ist es QUsgeMchnet! (Sine kleine italienische Landstreicherin mit schwarzen träumerischen Augen und braungelber KEt. Nun noch rote Pomade auf dm Lippen! Nun sind Sre fertig! Eine prächtige Maske!"

Jetzt setzte das Orchester ein. Die Vorstellung be- gann.

Elsa zitterte am ganzen Körper und preßte die Hände gegen das Herz. Aber als sie mitten unter den Tänzern m dem kurzen, zerfetzten Kleid und den nackten Füßen auf dre Bühne schlüpfte, hatte sie gerade die ängstliche Mene, dre der Charakter der Rolle hier Ordert und die Sympathrem des Publikums flogen ihr im ersten Augen- blicke zn

... Ms Elsa zu singen begann, war ihre Unruhe gänz- Uch verschwunden. Sie lebte so ganz rind gar in der Rolle, daß sre alles andere vergaß. Man applaudierte, Mette, schrie. Glücklicherweise erinnerte sie sich nicht der Existenz der ihr widerwärtigen Clague, — sie hörte nur «n einstimmigen Beifallssturm vom Parterre bis zur Galerie und ihr Herz schwellte vor Freude.

Als sie in die Coulissen zurücktrat, standen die Künstler und Choristen dort in einem dichten Ring zu- Mnmen. Me dicke Italienerin, die Philinens Partie

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sang, hatte den Impresario des Theaters am Arm er­griffen und schrie mit funkelnden Augen:

»Das ist ein Skandal! Eine Jntrigue gegen mich! Hier kommt ein gänzlich unbekanntes Geschöpf und da macht man einen Spektakel, als ob hier von einer Diva ersten Ranges die Rede sei! Bin ich es nicht, die das Theater während vieler Wochen gefüllt hat?"

„Aber was soll ich dabei tun?" antwortete der alte, magere Impresario in voller Verzweiflung.

„Asino! Sie sollen mir eine doppelt so große Claque verschaffen."

Als der Vorhang gefallen war, glich die Bühne einem großen Marktplatz. Die Türm standm für jedm offm, der eintretm wollte. Außer dm Verwandten der Künstler und den dienstbaren Geistern fand sich hier eine ganze Schar von Offizieren, Zeitungsschreibern und Musi­kanten ein, die mit dem Personal plauderten. Die Tänzerinnen waren bereits in rhrem luftigm Kostüme. Elsa beeilte sich, in ihre eigene Garderobe zu gelangm.

Der Beginn des zweiten Aktes verzögerte sich endlos. Da trat Bernhard ein und berichtete, daß die italienische Primadonna gedroht habe, das Theater zu verlassm. Die Eifersüchtige sei in einen Weinkrampf verfallen, weil Elsa sie überstrahlt habe: schließlich sei es denn noch ge­lungen, die Zornige zu besänftigm rmd die Vorstellung könne nun fortgesetzt werdm.

Als Elsa sich in dunkelblauer Pagentracht mit grauem Pelzwerk und mit einem kleinm Barett auf dem Kopf zeigte, rief man von dm erstm Bänkm im Parkett: „Be­zaubernd! O, wie ist sie lieb! graziosa Carina!"

Dieser Akt, der fast ganz Mignon gehört, wurde zu einem Triumph vom erstm Ton bis zum letzten. Man jauchzte vor Entzücken und der Applaus glich dem Brausen von hundert Wasserfällen. Es regnete Bouquets über die Bühne — ein Bombardement von duftmden Blumen. Sie hob, soviel sie zu fassen vermochte, auf und reichte sie dem Livreediener des Theaters, der aus dm Coulissen hervortrat.

Als Elsa in das Hotel zurückkam, hatte Bernhard ein Festmahl in einem der größerm Speisesäle arrangiert. Während der Champagner floß, empfing sie hier warme Danksagungen und liebenswürdige Komplimente von den Vertretem der ganzm römischm Presse. Die Majorin weinte vor Freude und Bernhards Gesicht glänzte wie die Sonne.

„Sie habm gebaltm, was Sie versprochen habm", sagte er, und trank unaufhörlich Elsa zu.

Als die Damm in ihre Zimmer kamen, fanden sie dieselben von Blumen erfüllt.

„Herr Bernhard ist wirklich ein merkwürdiger Mann!" rief die Majorin, „bedmke doch, für alles dies hat er gesorgt! Was ihn das gekostet habm mag!"

Es ging ein Stich durch Elsas Herz.

„Weshalb erinnerst du mich daran", sagte sie in vor- wurfsvollem Tone. „Eine einzige Blume von einem Unbekannten irmrde mir mehr Frmde gebracht habm" — und sie schellte mit ungewöhnlicher Heftigkeit.

Als der Kellner eintrat, befahl sie: „Setzm Sie alle diese Bouquets und Körbe in das Vorzimmer! Ich kann den starken Dust nicht vertragen."

„Du hast da deine eigene Auffassung", sagte die Majorin lächelnd.

„Ich hasse den Humbug!" sagte Elsa mit starkein Nachdruck. Doch ging sie frohm Herzens zu Bett, denn sie fühlte, daß sie das Publikum hingerissen und einm mtschiedmm Sieg gewonnen habe.

Da die italienische Primadonna sich krank gemeldet hatte und in der Eile kein passender Ersatz zu finden war, mußte Mignon bis auf weiteres zurückgestellt werdm. Mer nach Verlauf von zwei Wochm ttat Elsa aufs nms als Selika in der „Afrikanerin" auf.

Derselbe Beifallssturm, derselbe Blummregm. Aus der reichen Menge der Spmdm wählte sie einen Lorbeer­kranz mit Bändern in den schwedischen Farben: sie trug ihn selbst in ihre Garderobe und las auf dem daran be- festtgten Kreuz:

Von einigen Landslmtm und Bewunderern.

Es traten Tränen in ihre Augen. „Ach dies tut mir Wohl, das ist schön!" sagte sie. „Hier haben vielleicht einige arme Künstler ihr sauer erworbenes Geld ge­sammelt, um mir ihre Huldigung darzubringm" — und ihr Blick mhte liebevoll auf den ihr tmeren, wohlbe- kanntm Farben. „Wenn nur Bemhard mich mit seinm Geschenken in Ruhe lassen wollte! Es sind ja dieselben Bänder und Spitzm, die ich am erstm Abend bekam!"

„Nun ja, das gehört so zum Geschäft", tröstete die Majorin.

Elsa wurde bald von ganz Rom vergöttert. Aber gerade als das Entzückm seinen Höhepunkt erreicht hatte und die Besuche und Einladungen sich immer mehr häuftm, als die Dichter sie in bilderreichen Versen be­sangen, während Maler und Bildhauer ihre Züge ver­ewigen wollten — da verschwand sie vom Schauplatz. '

„Wie Raketen in die Höhe steigen, glitzern und dann Plötzlich verschwinden!" sagte Bernhard.

Acht Tage, später befand sich der Impresario mit dm beiden Damm in Österreichs Hauptstadt.

11.

Elsa hatte sich bereits mehrere Wochen in Wim auf- gehalten, ohne daß es Bernhard gelungen war, für sie ein Engagemmt zu erlangen. Sie wohnte in einem Hotel der Kaiserlichen Oper gegenüber, wo sie jedm Tag am Fmster saß und das stattliche Gebäude, das sich gleich ein« uneinnehmbaren Festung erhob, bewunderte.

„Dort komme ich sicherlich nie hinein", sagte sie zur Majorin.

Diese hatte indes das unerschütterlichste Verttaum zu der Klugheit und Findigkeit des Impresario.

„Das geschieht schon! Das wird schon geschehen!" antwortete sie.

„Mer ohne Herrn Bemhard wärm wir beide nie tveitergekommm — das sehe ich jedm Tag, der vergeht, mehr und mehr ein." (Fortsetzung folgt.)

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