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Wiesbadener Tagblatt.

6*. Jahrgang

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K0. 73. Berlags-Fernfprecher No. 2953. SnMStÜg, de« 14 . FedkNar.

Redaktions-Fernsprecher No. S2.

1903 .

Morgen-Ausgabe.

fit «ÄiiIiWn Arbeiter in Irantrciiti.

Unser Pariser Korrespondent schreibt: Die Be­ratung des Staatshaushalts, welche gegenwärtig in der Deputiertenkanrmer vor sich geht, bildet wie immer die Gelegenheit, um die verschiedensten Gegenstände, die oft mit dem Budget mir in sehr losem Zusammenhang stehen, aus das Tapet zu bringen. So widmete sich in diesen Tagen die Klammer einer weitschweifigen Erörterung der verwickelten und heiklen Frage der in Frankreich beschäf­tigten fremden Arbeiter. Die meisten Redner, welche das Wort ergriffen, um Maßregeln gegen die ausländischen Arbeiter zu verlangen, schienen nicht zu wissen, daß in -allen Handelsverträgen eine Klausel besteht, welche unter­lagt, die fremden Arbeiter mit anderen Abgaben zu be­legen als die einheimischen. Das ist die erste und recht bedeutende Schwierigkeit, an die kein Mensch gedacht hat. Glücklicherweise wurde die Angelegenheit an eine Kom­mission verwiesen, die sie nun gründlicher und mit besserer Sachkenntnis behandeln kann als das Plenum, das bei diesem Anlaß sich gewöhnlich unfruchtbaren patriotischen und politischen Demonstrationen hingibt. Anstatt sich rein praktisch mit der Frage zu befassen, hat man sie auch diesmal wieder auf das zollpolitische Gebiet hinüber- gespielt und die von L^on Sah und anderen aufgestellte freihändlerische These aufgegriffen, daß das Schutzzoll- fystem nur eine Anwendung des Kollektivismus sei und logischer Weise den Arbeitern ein Minimum von Arbeits­lohn gewährleisten müsse, da die Zolltarife den Arbeit­gebern ein Minimum des Verkaufspreises sicherten. Me Schutzzöllner wenden sich natürlich gegen diese Behaup- tung und erklären, daß die Zolltarife keineswegs ein Minimum des Verkaufspreises garmrtieren, sondern lediglich den Arbeitgebern die Gleichheit in dem wirtschaft­lichen Kampfe zwischen ihnen und den ausländischen Kon­kurrenten verschaffen, indem sie letztere zwingen, beim Eintritt ihrer Waren in Frankreich eine Taxe zu be­zahlen, die den Vorteilen gleichkommt, die sie hinsichtlich des Preises der Rohstoffe, der Arbeitskräfte, der Steuern u. s. w. den französischen Produzenten gegenüber ge­nießen. Wenn die Gleichheit unter dieser Form herge­stellt ist, tritt die freie Konkurrenz wieder in alle ihre Rechte. Auch unter schutzzöllnerischem Regime kann sie sich frei betätigen und ihrer Tendenz, die Preise zu er­niedrigen, nachgeheu, was ihr oft in einer Weise gelingt, daß die Zölle fast immer nur einen Teil des erhofften Ertrages und mitunter gar nichts ergeben. Mt solchen und ähnlichen Einwendungen wehren die Schutzzöllner die Annahme ab, ihr System müsse einen Minimalpreis in sich schließen, der nur in der Einbildung derjenigen lebe, die nichts von den Bewegungen des Marktes und

Feuilleton.

Das Glück.

Ein seltsam schillerndes Wort! Hängt an ihm nicht die ganze Illusion unserer Väter und die elende Ent­täuschung eines wirklichen Daseins, das innner wieder mit dem gleichen Hasten nach Gütern des Lebens ange­füllt, mit der gleichen Grausamkeit eines Tantalibenschick­sals vergeblich nach Ruhe und Erfüllung strebt. So und anders möchte wohl mancher zetern, wenn man dem Nichtsahnenden das Wort plötzlich auf seinem Lebens­wege zur Beantwortung vorlegt. In der Tat sind alle Jahrhunderte vor uns fleißig daran gewesen, solche Ab­straktionen zu verpersönlichen, ihnen einen Inhalt zu geben, der trotz allem sogleich wieder auseinanderfließt. Und gerade deren Verstandesgaben am wenigsten dazu geeignet scheinen, sind nie satt gervorbeu, über die letzten Dinge zu sprechen, als ständen sie mit ihnen auf du und du. Zuletzt flüchtete man sich denn immer wieder mit dem Wort Glück in andere gleich blasenhafte, wie etwa Schicksal und Gerechtigkeit. Und dann kommen die Neunmal- weisen auf Idealismus und Realismus zu sprechen, be­wahren sich den ersteren für ihre Teeabende, den anderen fürs Leben auf und denken in ihrer allzu menschlichen Gedankenglückseligkeit nicht einmal daran, daß die Dinge selbst, also daS Leben, sowie alles Reale, das uns begegnet, doch nie von seiner Idee, damit nicht von seinem Ideal, zu trennen ist und nicht von Schicksal, nicht von Gerechtigkeit und wie die schönen Namen noch I alle heißen mögen. Nur ein krankes oder sehr schwaches Hirn betrachtet hier einzeln, was zusammcngehört. Aber das haben die Philosophen und Dichter aller Zeiten zu stände gebracht mit ihrer Mathematik und ihren Sym- bolen, die beide gleich schädlich für schwache Magen sind.

Es ist ja längst bekannt, daß eine Bewegung in unserer Zeit im Gange ist, die dem Volke alle diese Mystifikationen unserer Väter wieder gegenständlicher machen will, die dem Volk Anschauungsunterricht gibt, anstatt die Moral tu inhaltlosen Phrasen zu verzapfen. „Die ethische

den Schwankungen der Knrse verständen. Trotzdem ziehe die Industrie und der Handel oft den größten Rftchen aus den Zolltarifen und dies namentlich in den Zeiten eurer Krisis, wo sie die gänzliche Lahmlegung des einheimischen Handels verhinderten und den Arbeitgebern erlaubten, die Arbeit und die Löhne aufrecht zu erhalten. Daher müsse man behaupten, daß die Zölle sowohl den Arbeit­gebern als -nehmen, zu statten kämen. Aber, wirft man von der anderen Seite ein, weim die Zölle im Interesse der französischen Arbeiter eingerichtet sind, warum läßt man ihre Vorteile auch den ausländischen Arbeitern zu gute kommen, die den iirländischen das Brot vor der Nase wegschnappen?

Tie Frage der fremden Arbeiter, die man im Parla­ment mit der Zollpolitik verquickt hat, zeigt im Grunde nur wenig Berührungspunkte mit derselben und will für sich allein geprüft sein. Wgesehen von den verworrenen Debatten in der Deputiertenkammer läuft doch die ganze Frage darauf hinaus, ob Frankreich genügende ein­heimische Arbeitskräfte zur Bewältigung der industriellen und landwirtschaftlichen Arbeiten zu Gebote stehen. Dies muß schlechterdings verneint werden. Die geringe Be­völkerungszunahme zwingt dazu, in verschiedenen Land­strichen die einheimischen Arbeitskräfte durch fremde zu vervollständigen. So kann der Norden nicht mehr der Belgier, der Süden'nicht mehr der Italiener entbehren. Die französischen Arbeiter, die politisch im Durchschnitt geschulter sein dürften als ihre deutschen Kameraden, sehen die Notwendigkeit der Verwendung fremder Kräfte auch meist ein. Sie beklagen sich hauptsächlich darüber, daß die Fremden als halbe Nomaden ins Land kommen, ihre Familien in der Heimat lassen und auf diese Weise einer Menge Ausgaben, wie Familienwohnung, Steuern u. s. w. entgehen, denen der französische Arbeiter unter­worfen ist. Wenn die Arbeitsperiode vorüber ist, kehren die fremden Elemente in ihr Vaterland zurück und ver­zehren dort den größten Teil ihres Verdienstes. In diesen Beschwerden der angesessenen Arbeitsbevölkerung liegt sicherlich manch Körnlein Wahrhest und hier ist der Punkt, wo der Gesetzgeber einsetzen könnte, um durch eine irgendwie gestaltete Kompensationstaxe die fluktuierende Arbeitermasse mit der seßhaften auf gleiche Stufe zu stellen, ohne die völkerrechtlichen Verträge zu verletzen. Tunlich ist es ferner, die Verwendung von Ausländern im staatlichen, depärtementalen und kommunalen Be- trieb zu beschränken. Ganz untunlich dürfte es aber sein, diejenigen Arbeitgeber mit namhaften Steuern zu be­lasten, die über eine gewisse Anzahl fremder Arbeiter beschäftigen.

Nur mit großer Mühe wird es gelingen, die be­sprochene Frage zu lösen. Wenn sie, obwohl seit laugen Jahren im Parlament verhandelt, bisher unerledigt ge- blieben ist, so trägt die Hauptschuld daran unstveittg der Umstand, daß die Mgeordneten sie immer für eine be­queme Gelegenheit zu Patrioftschen und nationalistischen

Kultur'", auch in unserer Stadt, hat wieder in diesem Winter ihren Wirkungskreis erweitert. Vorgestern nun unternahm es Herr I)r. P e n z i g, der Redakteur desBer- cinsorgans, in dankenswerter Weise, diesen moralischen Unterricht auf die allgemeinen Vorstellungen von dem Worte „Glück" zu erstrecken. Die sehr zahlreich erschiene­nen Zuhörer haben jedenfalls diese oder jene Korrektur ihres Glücksbegriffcs mit nach Hause genommen. Ihn abzurunden, zu einer gängigen Münze zu machen, die jeder in seiner Hand drehen kann, ohne daß ihr Wert sich verändert, war natürlich auch hier unmöglich. Aber einige wesentliche Unterschiede in unserer Anschauung und der unserer Eltern sind allein schon aufklärend genug. Viele, viele Gedichte sagen es, und die gängige christliche Anschauung predigt dasselbe, daß das Glück außer unS liegt und man fügt, gewitzt durch das sogenannte Unglück, hinzu: es ist aber ein heikles Geschenk, um das man sich am besten nicht kümmert, und wenn ich eS gar erjagen will, ist es immer wo anders. DaS Christentum zieht daraus sogleich eine Morallehre: Strebe niemals nach dem Glück und du wirst eS haben. Aber was nützen uns alle diese Paradoxa, die recht begriffen, ja stets der Wahr­heit nahe kommen. Wer bürgt aber dafür, daß sie recht begriffen werden. Lauern wir ihm daher lieber einmal in unserem wirklichen Leben auf, diesem Salamander. Und da ergibt sich denn in der Tat, daß eS Glück im Sinne von Erfüllung aller Wünsche garnicht gibt, vielmehr scheint daS Leben selbst ja einzig in dem Streben nach niederen oder höhere,: Wünschen zu bestehen, Idealen, , wie die Menschen so drollig sagen. Also ist es wohl zuletzt , das Leben selbst einzig und allein, in dem der gegenständ­liche und daher einzig diskutierbare Begriff von Glück vollkommen aufgeht. Und hier geht es wie bei allen echten Wahrheiten: die Bestätigungen häufen sich bei näherem Hinschauen bis ins Unendliche. Bewußte Lebcnsbetäti- gung ist dann unser Gefühl von dem Glück. So wenig man also das Leben einzuschränken im stände ist, viel­mehr cs oft in seiner scheinbaren menschlich kleinen Ver­neinung noch am stärksten in Aktion treten sieht, so wenig ist auch das Glück zu bannen. Aber das sich bisher die wenigsten dessen bewußt wurden, das gab den Anlaß,

Reden ansahen nnd vergaßen, daß es sich ausschließlich um ein nationalökonomisches Problem handelt. Wir fürchten, daß die Angelegenheit nicht so bald beendigt sein und je mehr man Zeit im nutzlosen Parteigezank verstreichen läßt, desto heftiger und dringlicher an die Regierung herantreten wird. Denn die ziemlich stationäre Bevölkerungsziffer Frankreichs — der Angelpunkt, um den sich alles drehen müßte, den die Parlamentspolitiker aber fortgesetzt vernachlässigen — verlangt gebieterisch eine gerechte Lösung derselben.

Preußischer FandLag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 12. Februar.

Im Abgeordnetenhause stand heute auf der Tages­ordnung folgende nationallibcrale Interpellation: „Welche Stellung nimmt die Königliche Staatsregicrung zu dem in weilen Kreisen von Handel und Industrie be­kundeten Verlangen nach Aufhebung der Gerichtsferien ein? Erkennt dieselbe es als ein Bedürfnis an, daß diejenigen Civilprozesse, welche der Eile bedürfen und nach ihrer Sach-- und Rechtslage ohne Schwierigkeiten alsbald erledigt werden können, gleichwohl aber nach der bisherigen Gerichtspraxis nicht als Feriensache behandelt werden, auch innerhalb der Gerichtsferien zur Verhand­lung und Entscheidung kommen? Ist die Königliche Staatsregicrung bereit, darauf hinzuwirkcn, daß im Wege der Reichsgesetzgebung diesem Bedürfnis Rechnung getragen wird?" Begründet wurde die Interpellation durch den Abg. Hirsch (Essen), der besonders das In­teresse der Industrie an einer schleunigen und ununter­brochenen Durchführung der Prozesse betonte. In seiner Beantwortung der Interpellation erklärte Justizminister Schönstedt, er stehe auch heute noch einer Beseitigung der Gerichtsferien ablehnend gegenüber. Auf seine Anfrage hin hätten sich sämtliche Oberlandesgerichte und Anwaltskammern gegen die Aufhebung der Gerichts­ferien ausgesprochen, weil die Vorteile durch die Nach­teile weit überwogcn würden. Die Gerichtsferien be­ständen in allen Kulturländern, auch in Österreich, wo sie sogar erst auf Betreiben der Volksvertretung einge­führt worden seien. Allerdings seien sie ursprünglich im Interesse der Landwirtschaft eingeführt worden, die gerade während der Erntezeit das Bedürfnis der Ruhe habe, aber auch für alle anderen Kreise der Bevölkerung bestehe das lebhafteste Bedürfnis nach einer Zeit der Ruhe im Hochsommer. Mit dem zunehmenden Wohl­stände, der fortschreitenden Entwickelung des Verkehrs werde sich dieses Bedürfnis immer noch verstärken und in weitere Kreise verbreiten. Die meisten Richter seien wirtschaftlich nicht in der Lage, etwa im Winter nach dem Süden zu gehen. Es würden doch säst alle für dieselben Monate, nämlich die Reisezeit im Hochsommer, ihren Urlaub nachsuchen. Die Besorgung von Vertretern der Rechter würde ja Sorge der Gerichte sein, aber die Ver-

es zu leugnen, nach dem alten Sprichwort: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". Oder doch heiß? — Wirklich ist ja auch das Jagen nach einem Glück, also nach einem Lebensbewutztsein, so alt wie alles Leben selbst. Und nun müssen wir uns dieses Bewußtsein einmal näher ansehen. Es ist entwickelungsfühig wie das Leben selbst, und von dem dumpfen Bewußtsein eines Halbaffen, von seiner Gier nach Futter und Fortpflanzung bis zu dem eines guten Bürgers, in dem schon in der rechten Bescheidung allenthalben so eine Art von Glückserkenntnis in der Ar­beit zur Wunscherfüllung liegt, ist ein gewaltiger Schritt. Aber diese Glückscrkennung gleicht doch noch verteufelt einer Unglücksgewißhcit und das ganze Bewußtsein eines solchen Lebens ist weiter noch als vom Instinkt des Tiers, daS sich auch schon bisweilen bescheiden lernt, von dem seelischen Bewußtsein entfernt, dem unsere Zeit entgegen» schreitet, und das bisher alle wirklich großen, freien Geister von der Masic und ihrem Lebensglück unterschied. Es ist wohl kaum richtig, hier plötzlich aus dem Egoismus einen Altruismus erwachsen zu sehen, so kehren sich die Dinge selbst nicht um, eher schon ihre Wirkungen. Und das Wort Altruismus hat in der christlichen Vorstellung der Menge einen so scharf umgrenzten Inhalt, daß ein kluger Sozialismus, wenigstens vorerst noch, sich hüten sollte, eS anzuwcnden. Auch scheint mir hier Ursache und Wirkung verwechselt. Goethe hat gewiß nicht einem her­kömmlichen Altruismus gehuldigt. Auch der zweite Teil des „Faust" ist doch nur das Wirken einer gewaltigen und weisen Persönlichkeit für das Allgemeinwohl. Also sagen wir, die Wirkung alles seelischen Erlebens ist unbegrenzt und kann sich von gesunden und starken Naturen, leider auch von kranken, auf andere übertragen.

Es entdecken nun die jetzt letzten Menschen mit diesem zweiten Bewußtsein ihrer Seele von sich selbst, mit diesem Glück in der eigenen Brust — hier sehen wir, wie oft man dem richtigen Begriff zu allen Zeiten nahe gekommen ist — Geheimnisse in ihrem Innern, die ver­mutlich all das in sich bergen, was wir in kindlichem Spiel den Göttern a n a ch t e t e n , mit denen wir die Welt bevölkerten: ulid um dem Unerkannten Namen und Gestalt zu geben, die unserer Vorstellungskraft