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Beilage nun JUicsbnöcitcr Tngdlatt.

Ua. 75* Morgen Ausgabe.

Samstag, den 14. Februar.

51. Jahrgang. 1903.

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Weise »nd srofee Entschließungen »nd Beschlüsse, wenn die Zeit und ihre Menichen nicht dazu paffe», bringen nicht? hervor, und aus verkehrten uub tadelnswerten entstehen zuweilen niittelbar und zuletzt heilsame Folgen. Diese Wahr­heit macht kleinmütig und beruhigt auch.

Niebnhr.

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(22. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. Gchöyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

_ Es traten nun einige Tage vollständiger Ruhe ein. Elsa fühlte eine wohltätige Erholung. Sie sollte nun­mehr ungestört in der Welt der Schönheit und der Kunst leben, wirken, den Reichtum ihrer Töne, ihr ganzes Innere hinausjubeln über die ganze Welt, die Mensch­heit hoch über das Alltagsleben emporheben; sie sollte die kalten stumpfen Welt-Menschen wecken, — ach, wie herr­lich war ihre Aufgabel Sie ruhte oftmals stundenlang mrsgestreckt auf einem amerikanischen Schaukelstuhl auf dem Balkon. Unter dem Fenster des Hotels war der Promenadenplatz der eleganten Welt und eine dichte Reihe Wagen ^bewegte sich langsam hin und her; Grütze wurden unaufhörlich zwischen den Damen in glänzenden Kleidern und den vorüberreitenden Kavalieren ausgetauscht. Draußen lag das Meer und zitterte in wechselndem Farbenspiel, während es geheimnisvolle Melodieen flüsterte.

Nach Verlauf einer Woche traf ein Telegramm von Bernhard ein. Die Sache war geordnet, ste sollten sofort von Neapel abreisen. Bereits am folgenden Morgen standen sie mif dein Bahnhof in Rom, wo der Impresario ihrer harrte. Er führte sie in eine kleine möblierte Wohnung in der Nähe der St. Peterskirche. „Made- moiselle wird erst in einem Monat auftieten!" berichtete er, „und Sie brauchen daher nicht früher hier anzu­kommen, als etwa eine Woche vorher. Während der nächsten vierzehn Tage bleiben wir hier inkognsto. Da­durch ersparen wir eine ansehnliche Sunnne Geldes."

Elsa mußte nun ihre Lebensweise ganz nach Bern­hards Vorschriften einrichten. Sie ging nie früher als nach zehn Uhr des Vormittags aus, damit der unter den ersten Strahlen der Sonne auffteigende feuchte Dunst der Erde ihrer Stimme nicht schade. Jeden Vormittag sang sie eine halbe Stunde Skalen und ging dann chre Rolle mit Bernhard durch, der sie akkonrpagnierte und chre Bewegungen im Spiegel oberhalb des Pianos verfolgte. Er schrieb ihr jede Miene vor, jedes Lächeln, jeden Wechsel im Lächeln und im Blick.

Dann unternahm man zu Wagen lange Touren nach Monte Mario oder einer der anderen Höhen, wo man ausstieg, um sich zu ergehen.

Elsa erhielt nie Erlaubnis, ihre in Rom weilenden Landsleute aufzusuchen. Man würde sie ersuchen zu singen", erklärte Bernhard, und das gehe unmöglich. Außerdem muß eine Künstlerin privatim'dem isstiblikum so fern wie möglich stehen, gleich der Königin in einer

Märchenwelt. Wa? man von Ihnen zu wissen nötig hat, kann man aus den Zeitungen erfahren.

Für das letztere sorgte Bernhard wie ein Meister. Jeden Morgen kam er zu Elsa mit ein paar Zeitungen, worin sie ihren Namen erwähnt fand. Man berichtete von ihrer Kindheit, wie sie barfuß umhergewandert sei und daheim in Schweden in den Dörfern gesungen habe. Eine vornehme Dame habe sich ihrer angenommen und alle Welt habe ihr schon damals eine glänzende Zukunft prophezeit. Am folgenden Tage las man, daß Ambroise Thomas sie in einem Salon in Paris singen gehört habe; er wäre entzückt gewesen über diese wunderbare Stimme unb habe gesagt, daß „Mignon" geradezu für sie kom­poniert sei. Elsa hatte sich indessen nie unter demselben Dach mit dem berühmten Komponisten befunden. Am dritten Tage berichtete die Zeitung, daß sie im Begriffe gewesen sei, den Vesuv während des letzten Ausbruches zu besteigen. Ein russischer Fürst hätte sie halb tot vom Berge herabgetragen und sie mit Gefahr seines eigenen Lebens gerettet.

An jedem Tage konnte man ähnliche Geschichten lesen, deren Inhalt ebenso neu für die Heldin selbst war wie für das Publikum.

Sie fragte Bernhard, was denn in aller Welt das be­deuten solle? Er meinte lächelnd, daß sei redlich bezahlte Mchterarbeit.

Gleichzeitig glänzte Elsa Wikners Name mit Riesen­buchstaben an allen Straßenecken und ihr Porträt war in jedem Buch- und Musikalienladen ausgestellt.

Acht Tage bevor sie auftreten sollte, bezog sie ein Hotel erster Klasse in einer der vornehmsten Straßen der Stadt und nunmehr wurde es endlich bekannt gegeben, daß die „schwedische Nachtigall" in Rom angekommen sei.

Elsa wurde zu der ersten Probe gerufen, wo sie die Bekanntschaft des italienischen Jmpreiario und des Orchester-Dirigenten machte. Me Künstler hielten sich dagegen in einem gewissen Abstand.

„Sie sind neidisch", flüsterte Bernhard; „sprechen Sie nur bei Leibe nicht mit ihnen! Wenn sie Sie um irgend etwas befragen, ist es nur, um Sie auszuspionieren."

Als sie Mignons große Arie im zweiten Akte zu Ende gesungen hatte, drückte ihr der Orchesterdirigent seine Zufriedenheit aus, während das ganze Orchester sich erhob und applaudierte. Bernhard war sehr aufge- räumt und erwartete die besten Resultate von dem Debüt.

Als sie von der Generalprobe heimkehrten, setzte er sich in Elsas elegantem Salon aufs Sofa und rieb sich die Hände. „Me Blumen sind bestellt, und die Claque ist versammelt: wir werden hundert Mann haben."

„Was?" fragte Elsa überrascht. „Sie denken doch wohl nicht daran, Leute zu bezahlen fürs Applaudieren."

„Gewiß denke ich daran I Es giebt keinen Sänger und keine Sängerin, die ohne Claque berühmt werden. Sie kennen die Welt und das Publikum nicht. ES giebt sehr wenig Menschen, die den Mut haben, in einer großen Versammlung di« ersten zu sein, welche die Hände zum Klatschen erheben, deshalb müssen sie Anführer haben, welck;e den zündenden Funken unter sie werfen. Ist es ein talentloser Künsfler, kann freilich die Claque oft mehr schaden als nützen, weil sie dann Unwillen erweckt; aber singt der Betreffende gut, ist die Claque von unberechen­barem Vorteil. Sie gibt den Zuhörern die rechte An­

leitung, indem sie die Stellen andcntet. wo man am ge­eignetesten seinem Beifall Ausdruck verleihen kann. Di« Claque wirkt wie die schwedischen Tändstickor auf Pulver, Es giebt Städte, wo es ohne eine große Claque für einen dramatischen Künstler unmöglich sein würd«, aufzutreten. In Paris z. B. im Thädtre Frangaise und in der Großen Oper rührt das vornehme Publikum niemals einen Finger. Man plaudert und lacht, während man ent­zückt ist, ■— man gähnt, wenn man sich langweflt. Damit dort der Künstler nicht zu Eis erstarre, bedarf es der Claque, die ihn daran erinnert, daß man ihm zuhört. Hier in Italien sind die Leute wärmer, und doch ist schon hier das feine Publikum zu bequem zu größeren körper­lichen Anstrengungen."

Elsa verhielt sich lange Zeit hindurch schweigend. „Was Sie mir da sagen, beraubt mich meiner ganzen Freude", gestand sie endlich. „Ich las daheim in Schweden einst von den Reisen des Komponisten Felicin David, und ich erinnere mich besonders einer Geschichte, die einen so starken Eindruck auf mich übte, daß ich sie nie wieder vergessen konnte. Er erzählt, daß er sich eine Zeit lang unter den halbwilden Volksstämmen im südlichen Egypten aufgehalten habe. Eines Tages, bei einem großen Volks­fest, kletterte er auf einen riesigen Stein und begann seine Geige zu spielen. Tausende von braunen und schwar­zen Eingeborenen in pstoresken Trachten lagerten unter­halb des Steines; in demselben Augenblick, da er begann, verstummte aller Lärm, es trat vollständige Todesstrlle ein, und plötzlich erhoben sie sich, der eine nach dem anderen, streckten die Arme gen Himmel und warfen sich dann auf die Erde. Sie glaubten, daß die Töne aus emev höheren Welt kämen, daß der Spielmann ein Gott sei und fielen nieder, um ihn anzubeten. — Mese Geschrchts habe ich nie vergessen können", schloß Elsa, „nur hat es stets als mein höchstes Ziel vorgeschwebt, die Herzen mit meinem Gesang zu gewinnen. Ich ziehe es vor, lieber vor zehn Personen zu singen, die Verständnis sur meme Kunst haben und sich sfill verhalten, ohneAusdruck für ihre strm- mung zu finden, als von Tausenden bejubelt zu werden, wenn ich weiß, daß ihr Beifall auf eme erkünstelte Weis«

hervorgerufen wird."

Bwnhard lachte gutmüfig, wie man über ein unver-

ständiges Knd lächelt. . .

„Das ist ja sehr schön gedacht, aber, mein Fraulem, inan darf niemals Idealist sein, das muß man seinen Zuhörern überlassen." ^

„Abscheulich!" rief Elsa, indem sie sich erhob und dis Hände gegen die Ohren preßte.

Da wurde Bernhard sehr ernst. „Eriimern Sie nch. mein Fräulein", sagte er, „daß Sie mit mir daherm über- einciekomnren sind, daß alles Geschäftliche ^von nur bo» stimmt und geordnet werden soll! Mer wenus-ie glauben, einen anderen finden zu können, der Ihnen eine oessers Stütze sein kann, steht es Ihnen iwch frei, sich zuruck-

^^Dsti Majorin beeilte sich, den Frieden wieder herzu- stellen, und Elsa mußte sich darin finden, den Jmpresariq ganz nach seinem Ermessen schalten und walten zu lassen.

„Aber einen Gefallen tun Sie mir", bat sie, „lassen Sie mich nie wieder von Ihren Geschäften hören. Das tötet jeden Funkeii von Inspiration!"

Gothaer Zeuerversicherungsbank aus Gegenseitigkeit.

Im Jahre 1821 errichtet.

Nach dem Rechnungsabschluß der Bank für dal Jahr 1902 beträgt der zur Verteilung kommende llederschuß

75 Prozent

der eingezahlten Prämien.

Die Mitglieder empfangen Ihren Neberschub-Antcll beim nächsten Ablauf der Versicherung (beziehungsweise de« Bcrsicherungsiabres) durch Anrechnung auf die neue Prämie, in den im ß 11 der Satzung dezeichueten Ausnahmefällen aber bar durch die Unterzeichnete Agentur. F126

Wiesbaden, im Februar 1903.

Schmter. Luifcnplatz 1.

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