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Wiesbadener Tsgblatt.

S1. Jahrgang

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U0. 76. Verlags-Fernsprecher No. 2953. KllMStag» de« 14 . FedkUlir. Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1803 .

Abend-Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Februar.

Die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern, Titel Staatssekretär, wird fortgesetzt. — Abg. S t o e tz e l lCentr.) tritt den Einwendungen des Abg. Hilbeck gegen den 10-stündigen Maximal-Arbeitstag entgegen. Die An­griffe des Abg. Hoch auf das Centrum seien unberechtigt. Das Centrum sei jedenfalls redlich bestrebt, den sozialen Gedanken öurchzubringen, wogegen die Sozialdemokratie sich stets auf den Boden der reinen Negation gestellt habe. Das Centrum wolle Versöhnung, die Sozialdemokratie wolle nur Kritik üben, Haß säen und Neid wachrufen. — Abg. A l b r e ch t (Soz.) äußert sich abfällig über die so­genannten Wohlfahrts-Einrichtungen und insbesondere jene der Firma Krupp. Diese Wohlfahrts-Einrichtungen seien nur ein Kartenspieler-Kunststückchen. Einer Ver­söhnung werde seine Partei freilich nie beitreten. Dieser Weg sei ihr abgeschnitten, denn zwischen dem Kapital und den Arbeitern gebe es überhaupt keine Versöhnung. Red­ner verbreitet sich weiter über die Relikten-Bersorgung und polemisiert dabei gegen das Centrum, das die Rclik- tenversorgung mit dem Zolltarif geschmückt habe, um den christlichen Arbeitern Sand in die Augen zu streuen. Das sei eine politische Hochstapelei. (Der Präsident ruft den Redner wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung.) Auch gegen den Abg. Stöcker nimmt Redner das Wort. Herrn Stöcker könne man nicht alles glauben. Man wisse ja, daß er es mit der Wahrheit nicht so genau nehme. (Präsi­dent Graf Balle st rem erklärt diese Wendung für un­zulässig, der Redner möge sich mäßigen.) Redner erwähnt noch gegenüber denr Staatssekretär, in Stuttgart auf dem letzten Gewerkschafts-Kongreß seien rote Fahnen ausge­hängt gewesen. Trotzdem hätten Vertreter der württem- bergischen Regierung dem Kongreß beigewohnt. — Württembergischer Präsident v. Schicker widerspricht dem. Die roten Fahnen seien auf Wunsch der Regierung wieder entfernt worden. — Abg. Heyl v. Herrns­heim (nat.-lib.) bezeichnet gegenüber dem Abg. Albrecht die von diesem abfällig kritisierten Wohlfahrts-Einrich­tungen als unerläßlich für die Fabrik-Industrie. Sie seien eine Notwendigkeit für die Arbeiter und Unter­nehmer. Auf Zwischenrufe: Zolltarif und Brotwucher, bemerkt Redner: Der neue Zolltarif habe mit dem Brot­wucher garnichts zu tun. Die Brotpreise seien von den Zöllen ganz unabhängig. Die Unzulänglichkeit des sozialdemokratischen Programms trete am deutlichsten innerhalb der Kommunal-Politik zu Tage und an dieser Kommunal-Politik werde auch die Macht der Sozialdemo­kratie scheitern. Auf die bevorstehenden Wahlen einge­

hend, erklärt Redner, seine Freunde wollten das allge­meine Wahlrecht nicht antasten, im Gegenteil, dasselbe lasse die bestehenden Übel schneller zur Erkennung kom­men und lasse daher eine Heilung der Krankheit eher er­warten. Die Behauptung einer Wormser Zeitung, daß er die Koalitions-Freiheit der Arbeiter in seinen Fabriken bekämpfe, erkläre er für eine gemeine, niederträchtige Verleumdung. — Staatssekretär Posadowsky wendet sich gegen einen Albrechtschen Vorwurf, daß die Regie­rung die hoch-agrarischen Bestrebungen zu sehr begünstige. Die Regierung wahre nur die berechtigten landwirtschaft­lichen Interessen. Was die Sozial-Politik anlange, so habe die Staatsverfassung damit garnichts zu tun. Aber wenn die Sozialdemokraten mit ihren rein sozialpoliti­schen Zielen auch sozial-republikanische Ideen verknüpften — er denke dabei an die Ausstattung der Kongreßsäle mit republikanischen Emblemen — so verhinderten die Sozial­demokraten ja gerade die Erreichung der sozialen Refor­men, welche dieselben für die Arbeiter wünschten. Das Oberhaupt eines nicht-monarchischen Staates habe kürz­lich zu ihm, dem Staatssekretär, in einer Audienz gesagt: die deutsche Sozial-Politik würde Europa revolutionieren im Sinne einer höheren Kultur. — Abg. E ck a r d t (südd. Volksp.) nimmt die Bau-Berufsgenofsenschaft in Schutz gegen den sozialdemokratischen Vorwurf, daß sie nicht ge­nug gegen Unfallverhütung täten. — Abg. A h l w a r d t (Antis.) polemisiert gleichfalls gegen die Sozialdemokraten und gibt weiter als Kern der sozialen Frage an, daß der Macht des Kapitals auch der Arbeiter als Macht gegen­überstehen könne und das könne nur geschehen durch juridische Organisation der Arbeiter. Die Sozialdemo­kraten hätten von wirklicher Wissenschaft gar keine Ahnung. (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) An­gesichts des Kampfes, den die Sozialdemokratie gegen das Kapital proklamiert habe, müsse jeder, der Vater­landsliebe habe, ernsthaft ans Abwehr bedacht sein. Red­ner plädiert noch für einige staatliche Einrichtungen und fordert schließlich die Wähler auf, die Kandidaten zu fragen, ob sie für diese Ziele (z. B. Verstaatlichung des Getreidehandels, staatliche Rentenanstaltcn re.) eintrcten wollten, und wenn die Kandidaten mit Nein antworteten, dann könne er den Wählern nur sagen: Wählt einen Anti­semiten! — Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Beratung.

*

Berlin, 13. Februar. Die Wahlprüfungs- Kommission des Reichstags beschloß, die Wahl des Mg. v. Oldenburg (kons.), der als Nachfolger des Abg. v. Puttkamer-Plauth im Wahlkreise Marienburg-Elbing gewählt worden ist, für ungültig zu erklären.

Die Budget-Kommission des Reichstags be­schäftigte sich heute mit dem Militär-Etat und bewilligte eine Reihe von Titeln. Bei Kapitel 24, welches von der Gelbverpflegung der Truppen handelt, entspann sich eine längere Debatte, die zum Teil für geheim erklärt wurde,

über die Truppen zu Pferde und die Bildung eines Kavallerie-Regiments aus d.nselben in Posen. Trotz­dem der Kriegsminister dringend um Bewilligung der Forderung bat, wurde dieselbe mit drei Stimmen abge­lehnt. Dienstag vormittag wird die Beratung fortgesetzt.

Preußischer Karrdlag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 13. Februar.

Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung des Justiz­etats erklärt Abg. Becker (Centr.), durch die Neuorga­nisation der Gerichtsverfassung seien besonders im Westen viele Gemeinden geschädigt,- die Gerichtstage böten keinen Ersatz für ein nahes Amtsgericht, daher sollte die Justiz­verwaltung die Errichtung neuer Amtsgerichte in Er­wägung ziehen. —Justizminister Schönstedt erwiderte darauf, das Projekt eines neuen Oberlandesgerichts im Westen habe noch keine feste Gestalt angenommen,- er stehe dem vollständig neutral gegenüber. Alle Wünsche auf Errichtung neuer Amtsgerichte ließen sich nicht erfüllen: daß eine so große Zahl von Hülfsrichtern sich in dauern­den Stellungen befinde, halte auch er für einen llbclstand, dem abzuhelfen er bemüht sei. — Ein Regier ungs- kommissar fügte dem noch hinzu, es sei bereits in den letzten 12 Jahren für die Vermehrung der Richterstellen so viel geschehen, daß die Verwaltung angesichts der jetzigen Finanzlage nicht noch weiter gehen könne. — Hierauf brachte der Abg. Eckels (nat.-lib.) den Fall Nardenköttcr zur Sprache, indem er es scharf kritisierte, daß diesem Kurpfuscher die Flucht möglich und die von ihm gestellte Kaution so gering gewesen sei. — Justiz­minister S ch ö n st e d t erwiderte darauf, er wolle nach wie vor auch den Schein vermeiden, als ob er auf Ent­scheidungen eines Gerichtes, auf die er gesetzlich keinen Einfluß habe, auch nur im entferntesten cinwirken wolle. Er könne über den Fall Nardenkötter auch nichts sagen, da er ihn auch nur aus den Zeitungen kenne. Die Er­wägungen des Gerichtes, ob Nardenkötter verhaftet werden müsse ober nicht, könne er nicht beurteilen. Mög- lich sei es, daß die Torheit der Kunden des Pfuschers, der Dummen, die nicht alle werden, dem Gericht als Milde­rungsgrund für Nardenköttcr erschienen sei. Daran, daß die Staatsanwaltschaft nicht schon früher die Verhaf­tung angeordnet habe, sei möglicher Weise in gewissem Sinne er selbst schuld durch seine Verfügungen, in denen er den Beamten die tunlichste Sorgfalt und die reiflichste Erwägung bei solchen Anordnungen zur Pflicht gemacht habe. Sowohl er, wie der Minister des Innern seien durch die Beschwerden im Reichstage über Verhaftungen und Behandlungen von Gefangenen zu einer Reihe von Verfügungen veranlaßt worden, in denen die Fesselung, der Transport von Gefangenen, die Behandlung während

Doktor Mollinar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

<4. Fortsetzung.)

Herr Mollinar hatte nicht den Humor, den ein anderer vielleicht an seiner Stelle gezeigt hätte. „Aber mir kommt es darauf an, mein Herr. Meine Zeit ist sehr gemessen: ich bitte, es ausschließlich mir zu überlassen, wieviel Stunden ich geben kann", sagte er streng und

Der Kunstreiter machte ein verblüfftes Gesicht; das stille Feuer aber m Ellidas Augen leuchtete plötzlich auf.

„Wir wollen gehen, Papa. Wann also wünschen Sie mich, Herr Mollinar?"

„Montag um vier Uhr nachmittags", sagte er kurz.

„Ich danke, ich werde kommen." Sie reichte dem Doktor dieses Mal nicht die Hand. Sie grüßte ihn und feine Mutter nur flüchtig, als sie sich zum Gehen lvandte. Herr Koralli folgte ihr verwundert; er hätte sich gern noch ein wenig ausgesprochen, aber er wagte keinen Widerstand.

In der Tür jedoch drehte er sich noch einmal um. „Hätte ich's beinah' vergessen! Herr Doktor, Madame, Sie gestatten. Zwei Plätze in der Loge, Passepartout, jeden Abend giltig, es wird uns stets eine Ehre sein, wenn Sie kormnen." Dabei griff er in die Brusttaschc. nahm aus dieser ein Kouvert und legte es auf den Trsch.

Doktor Mollinar trat ihm entgegen, sein Antlitz war finster. „Ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich kann von (diesen Karten keinen Gebrauch machen. Ich besuche keinen Cirkus und memo Mutter auch nicht."

„Sie besuchen keinen Cirkus?" fragte Herr Koralli, und ein grmzenloses Erstaunen malte sich auf fernem Antlitz.

„Niemals, mein Herr."

„Auch nicht, wenn Miß Ellida reitet? Oh, Sie wer­den schon kommen."

„Ich bcdaure, ich werde auch dann nicht kommen", sagte der Doktor mit Bestimmtheit.

In diesem Augenblick trat Ellida an den Tisch. „Wir wollen uns dm Herrschaften nicht aufdrängen",, sagte sie mit scharf accentuierter Stimme, und als sie die Karten voni Tisch nahm, da glänzten die Leuchtsaphire von dem weißen Arm dem Doktor feindlich entgegen. „Gutm Abend."

„Servus, meine Herrschastm, Servus!" rief Herr Koralli. Dann »rar das Paar verschwunden.

„Was bedmtet das alles?" fragte Frau Mollinar erst nach einer ganzen Weile, die sie gebraucht hatte, um sich von ihrem Erstaunen zu erholen.

„Das bedmtet, daß mir Direktor Wöhrmann heute dm Unterricht dieser Kunstreiterin übertragen hat."

„Und du hast zugesagt?"

Der Dvktor zuckte die Achseln. „Was sollte ich tun? Der Direktor bestand darauf. Sie ist von einen: Freunde von ihm in Berlin konfirmiert worden und soll nun hier noch etwas weiter gebildet lverden."

„Konfirmiert?! Bon einem Pastor?! Eine Kunst­reiterin?"

„Jawohl, Herrn Pastor Bernstoff in Berlin."

Einen Augenblick schwieg Frau Mollinar. „Das hätte unser Vater nie getan, niemals!" entschied sie dann bestimmt. „Und wo wirst du sie unterrichten?"

„Hier in meinem Zimmer."

„In unser Haus wird sie kommm, in dein Zimmer? Die Person?"

Der Doktor warf durch die dicken Brillmgläser einm fragenden Blick auf seine Mutter. Es klang durch ihre Worte ein leidenschaftlicher Ton, den er lange nicht von ihr gehört hatte.

„Di: kennst sie doch garnicht, Mutter", erwiderte er mit stillem Vorwurf, aber ohne jcdm Erregung.

„Du hast Recht, mein Sohn. Verzeih mir. Wir sollten uns der Verlorenen arn ineisten annehmen, sie brauchen es nötiger als die Gerechten, sagte Dein Vater."

„Zu den Verlormm wird sie sich nicht gern rechnm lassen."

„Aber Fritz, eine Kunstreiterin! Unser Vater suchte sie auch einmal auf, ich weiß es noch genau. Sie hatten int Dorf cir großes Gerüst aufgestellt, und am Abend stürzte ein junges Frauenzimmer. Da ging unser Vater

gleich hin, obwohl sie ihn nicht riefm und die Leute in der Gemeinde sogar Anstoß daran nahmen."

Fritz lächelte. „Nun, Mutter, eine andere Art von Kunstreitern sind diese doch! Wo denkst du hin? Die Mutter soll sogar aus einer vornehmen Familie stammen."

„Die arme Frau! Aber sage Fritz, wenn du dieses Mädchen unterrichtest, dann werde ich wohl dabei sitzen müssen."

„Du dabei sitzen müssen, weshalb?"

„Schon des Geredes wegen, mein Sohn! Denn reden werden die Leute genug über diese Besuche, verlaß dich darauf. Besonders hier in dieser Einsamkeit, wo einer den andern so genau beobachtet."

Ter Doktor wurde nachdenklich. „Du möchtest Recht haben! Du könrest dich mit einem Buche oder einer Handarbeit zu uns setzen."

Damit war das Gespräch beendet. Seit langer Zeit erinnerte sich der Doktor nicht, je so ausführlich mit der Mutter über einen Gegenstand verhandelt zu haben. Um so beharrlicher schwiegen beide den Rest des Abends über. Ter Doktor las in seinem Buche weiter; ab und zu mußte er ganze Abschnitte zum zweiten Male lesen, well er ver- essen hatte, was in ihnen gestanden hatte, und das ver- roß ihn, denir es war ihm lange nicht vorgekommen. Frau Mollinar aber saß ihm gegenüber und arbeitete an ihrem Strickstrumpf. Und lauter als sonst raschelten heute die Nadeln und klapperten einige Male hart und heftig aufeinander, als hätten sie ein Zwiegespräch ge­habt, bei dem die Meinungen sehr zusammenstießen.

Bald nach dein einfachen Abendbrod erhob sich Frau Mollinar nach alter Gewohnheit und ging schlafen. Und nach alter Gewohnheit tat sie es nie, ohne noch einen kurzen Blick in der Fensternische empor zu werfen, als wolle sie von dem Manne dort im Talar den Ilbendsegen sich holen.

„Unser Vater hätte eine Kunstreiterin nicht kon­firmiert, und unterrichtet hätte ec sie auch nicht." Sie hatte es mehr zu fid> selber als zu ihrem Sohne ge- sprachen. Ter aber hatte cs gehört, und es schien ihn zu kränken.

„Gute Nacht, Fritz", sagte Frau Mollinar.