Beilage mm Wiesbaüener Tagblatt.
Us. 73. Morgen Ausgabe.
Freitag, den 13. Februar.
81. Jahrgang. 1903.
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Lj Q . Eltern dürfen nie erwarten, daß ihre eigenen höchsten £ s Zd-ale auch die der Kinder werden. Aber wa, die Elter» £ * dadurch, daß ste groß und gan» ihren eigenen Idealen nach- L t 1 u', n '- “ e r. m 9 J? en < das ist. di- Kinder zu Idealisten zu machen, fc £ Mleich ste dies oft zu ganz andrem Strande des Gedankens ± J fuhren kann, als den. an dem die Eltern gelandet sind! A f Ellen Key. ^
(21. Fortsetzung.)
Ws Sängerin.
Roman von E. Gchöycn.
Dem Norwegischen nachcrzählt von Emil Jonas.
1 , l)at nichts, der Magistrat hat ihm eine
Unterstützung versprochen, aber er bekommt sie erst, wenn E gruppe zusriedmstellend assortiert ist. Venturelli ist bankerott; _ tn ferner Verzweiftting hat er rnir Ihren Brref gezergt und rch habe versprochen, die Sache zu ordnen. Wahrend er sprach, zog er eine Brieftasche hervor und nahm mn Paket mit Banknoten Herairs. „Sie brauchen nur die Summe zu nennen", sagte er, „aber dann mutz rch Sie daran erinnern, daß Sie in Zukunft nur für mich singeir." Er sprach diese Worte mit einer Betonung, dre Elsas Blut zum Sieden brachte.
. »^bin Kind hat keine Geschäfte mit den Freunden des Jmpresarro antwortete die Majorin schnell. „Rein!" stimm e ^.lsa ihr zu „Und ich fühle mich im höchsten Orad dadurch beleldrgt, daß Sie sich in diese Angelegenheit ermmsiym. Kann Venturelli nicht bezahlen, bin ich mehr al, froh von hier so schnell als möglich fortzukommen." .. Gesicht des Bankiers wurde aschgrau; er steckte
. ^bftasche wieder ein und ergriff seinen Hut. „Adlest,, meme Damen, ich will Sie nickt weiter be- lastigenft mw damft entfernte er sich. „Laß uns ein- packen! rtef dre Majorin entzückt, „der Impresario hat ke-n Geld, heute abend reisen wir nach Neapel." Und sie begannen ihre Sachen zusammenzulegen. Aber wäh- rend sie damit beschäftigt waren, kam Venturelli herein- geslurzi, ohne an oie Tür geklopft zu haben. Er vergaß, den Hut abzunehmen und lief im Zimmer in großer Er- regung hm und her.
„Sie begreifen ja nicht Ihr eigenes Glück!" sagte er. haben den Bürgermeister nicht empfangen wollen. Wissen Sre denn nicht, daß es eine unerhörte Ehre ist, wenn ein Mann in seiner Stellung einen Besuch bei einer Sängerin macht? . . . Ferner haben Sie meinen besten Freund, Signor Mascaroni, beleidigt. Wer jetzt werde ich Ihnen etwas Mitteilen, wovon Sie wahrschein- uch keine Ahnung haben. Sie sind vielleicht naiv genug, sich emzubilden, daß Sie ausschließlich Ihrer Stimme wegen gestern abend verschont wurden. Ich will Ihnen «n wa hren Sachverhalt mitteflen. Es waren die beiden Herren, der Gras und Mascaroni, die für Sie kämpften und denen Sie für alles zu danken haben. Mein Rival, der andere Impresario, wagte nicht. Sie anzugreifen, weil er wußte, daß Sie das Wohlwollen des Bürgermeisters gewonnen hatten, und mit diesem darf er sich nicht er- zumen, da er das Theater zu bekommen hofft, sobald ich
es schließen muß. Die stärksten Stiitzen haben Sie nun von sich gestoßen: ich bin an den Rand des Mgmndes gebracht und Sie selbst — ja treten Sie noch eimnal auf, so werden Sie in demselben Llugenblick ausgezischt, wo Sie nur den Mund öffnen; darauf will ich Sie vor- bereiten. Und Sie konnten eS hier so gut haben, wenn Sie es blos verstanden hätten, sich klug zu benehmen!"
„Bester Signor Venturelli", antwortete Elsa mit einer Ruhe, die ihn in Erstaunen setzte, „Sie wünschten wahrscheinlich am liebsten, von mir befreit zu sein?"
„Ja, reisen Sie, wohin Sie Lust haben", antwortete er grob, „hier haben wir keinen Platz für Sängerinnen, die Weltdamen spielen wollen", und er ettte aus dem Zimmer, ohne sich empfohlen zu haben.
An demselben Wend saßen Elsa und die Majorin cm Bord des Dampfschiffs neben Georg Bernhard. Drinnen im Hafen leuchtete eine doppelte Reihe von Gaslaternen längs der alten Paläste, dre jetzt geschlossen und finster dalagen. Rote, grüne und blaue Flammen schimmerten zwischen dem Himmel und dem Meer in der finsteren Nacht. Es waren die Latemen auf den Schiffen, die sich leise auf den Wellen wiegten.
Als der Wind stärker zu wehen anfing, ging Elsa nach der Kajüte, aber sie lag noch lange wach.
Während der steten Unruhe und Aufregung in Messina hatte sie keinen einzigen Augenblick finden können, sich in ihr Inneres zurückzuziehen. Es gehört zum Kummer wie zur Freude Zeit, aber jetzt, nachdem alles überstanden war, und Bernhard die Sorgen für die Zukunft auf seine starken, erprobten Schultern genommen — jetzt kam eine wohltuende Ruhe über sie.
Zweites Buch.
I.
Georg Bernhard war zwischen den Conlisscn ausgewachsen. Sein Vater, ein Russe, war Orchesterdirigent in Brüssel gewesen, feine Mutter, eine Italienerin, Primadonna an demselben Theater. Als der Sohn vierzehn Jahre alt war, fanden seine Ettern seine Kenntnisse mehr als hinreichend und er verließ die Schule, um seine Mutter auf ihren Kunstreisen zu begleiten. Mit ihr hatte er alle Weltteile durchstreift und war auf diese Weise in den Besitz einer unschätzbaren Kenntnis der Theater-Ver- hältnisse in allen Zonen und bei allen Nattonen gekommen. Zwanzig Jahre alt, debutterte er als Heldentenor in Lissabon, wo er zusammen mit seiner eigenen Mutter auftrat. Aber nach zehn Jahren versagte die Sttmme und er mußte sich damit begnügen, mit den Talenten anderer zu spekulieren, statt mit seinem eigenen. Die Theaterlufi war ihm eine notwendige Lebens- bedingnng geworden; als seine Mutter sich zurückzog, engagierte er eine ihrer Schülerinnen, deren Zukunft er zu der seinen machte.
Er arbeitete mit demselben Eifer für diese junge Sängerin, wie er es für sich selbst getan haben würde und der Erfolg blieb nicht aus. Wer mitten in ihrer Carriere verheiratete sie sich und verließ das Theater. Er entdeckte indes ein anderes Künstlerleben, dem er nicht geringeren Weltruhm gewann. Sie verlor die Sttmme;
dann kam eine dritte, ein Stern ersten Ranges, die fitz gerade jetzt ins Privatleben zurückgezogen hatte.
Aber dadurch, daß Bernhards Namen unzerttenn», bar mtt diesen weltberühmten Größen v-wknüpft schien« war er selbst eine berühmte Persönlichkett geworden, di« nicht minder, wie die Primadonnen selbst, umworben wurde. Künstler aus allen Ländern überhäuften ihn mtt Briefen, worin sie sich erboten, ihm auf welche 93» dingungen auch immer zu folgen, wenn er sie nur unter! seine schützenden Fittiche nehmen wolle. Doch Bernhard arbeitete aus Prinzip nie für mehr als ein Genie, dessen Schicksal er dann ganz zu dem seinen machte. Diese einzige Person mußte ein Glückskind der Natur sein; und ein solches glaubte er in Elsa gesunden zu haben.
„Eine Sängerin muß in die Höhe schießen, wie eins Rakete, mit Krachen und Sprühen, mit Licht und Faroen- geglitzer. Man muß gleichsam überwältigt dastehen und sie mit weit ausgerissenen Angen und aufgesperrtem Munde anstarren, gleichsam verzaubert von dem überraschenden Feuerwerk-" so sprach Bernhard, wäh
rend sie an den: offenen Balkon in einem der deutschen; Hotels an Neapels Golf frühstückten.
„Um die ganze Welt mit einem Schlage zu gewinnen^ muß man sich in ihrem Mttelpunkt befinden und das ist Paris; ich meine nicht, weil die Franzosen sich ans dis Gesangskunst besser als andere Nationen verstehen, aber wo auch immer man sonst auftritt, steht man in der RegÄ nur vor einem Volke. In Wien singt man für dis Österreicher, in Berlin für die Deutschen, in PetersburU für die Russen. Aber in Paris singt man für alle dies« Nationen zugleich; die Frcmdenkolonieen sind dort größer; als an irgend einen: anderen Orte der Welt. Hat man daher Glück in Paris, ist man weltberühmt an einem ein- zigen Tage. Die Zeitungen trag«: den Namen durch di« ganze civilisierte Welt, die Korrespondenzen fliegen mit Schnellzügen fort bis in die äußersten Ecken der Erde und posaunen des Künstters Ruhm aus. Leider ist es vor; der Hand aber völlig unmöglich, Ihnen ein Debüt rry Paris zu verschaffen: die italienische Oper hat eben falliert und wird in den nächsten Tagen geschlossen werden; di« französische Oper aber hat sich zur Regel gemacht, daß' kein Künstler in einer fremden Sprache dort spreche« darf."
„Nun so mag doch Elsa die Rolle auf französisch ein» studieren", schlug die Majorin vor.
„Dazu haben wir im Augenblick keine Zeit", and», wartete er. „Niemand sieht sttenger als die Pariser anf- eine korrekte Aussprache auf der Bühne und es würd« wenigstens zwei Jahre dauern, bis die Dame sich der, richtigen Accent aneignete. Aber die italienische Op« wird sich schon wieder neu konstituieren, und dann ist Stunde gekommen. ES giebt indes einen anderen Ort.' wo auch ganz Europa, während des Winters wenigsten»^ vertreten ist: ich meine Rom. Dorttnüssen wir an setzen."'
An demselben Nachmittag stchr Bernhard nach Ron^' um mit einem Impresario zu sprechen, während die beide« Damen in Neapel blieben.
(Fortsetzung folgt.)
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