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Sl. Jahrgang
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|lo. 74. Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Freitag» den 13. Februar.
RedaktionS-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abeml-Ausgsbe.
Me mirifs im Ueichslag?
P. Bcwlin, 11. Februar.
Der Senrorenkonvent des Reichstags trat heute vor dem Beginn der Reichstagssitzung zusammen, um über die weiteren gesäsirfttichen Dispositionen im Reichstag zu beraten. Zunächst teilte der .Reichstagspräsident Gras Ballestrem mit, daß nach einer chm zugegangenen, allerdings noch nicht amtlichen Nachricht die Neuwahlen zum Reichstag Mitte Juni statt- frnden würden. Neues bietet diese Mitteilung freilich nicht, denn es ist schon bekannt geworden, daß die Neuwahlen auf den 14., 15. oder 16. Juni gelegt werden dürfteir.
In Anbetracht dessen, daß die Neuwahlen Mitte Juni stattfinden und die Parteien Zeit zu den Wahl- Vorbereitungen Haber: müssen, ist sich der ^oeniorenkonvent darüber schlüssig geworden, daß die Rcichstagssession noch vor Ostern ihr Ende finden muß. Das Osterfest fällt auf den 12. und 13. April; die Reichstagssession wird deshalb, da Gründonnerstag auf den 9. und Char- freitag auf den 10. April fällt, spätestens am Mittwoch, den 8. April, geschlossen werden können, doch wird man die Session voraussichtlich schon mit dem Schluß der vorhergehenden Woche, also Freitag, den 3., oder Samstag, den 4. April, schließen.
Der Reichstag hat mithin nur noch sieben Wochen für seine Arbeit zur Verfügung, so daß nur an die Erledigung der allernotwendigsten Arbeiter: gedacht werden kann. Die Hauptarbeit wird natürlich die Fertigstellung des Etats bilden, und es wurde im Seniorenkonvent betont, daß nur bei der größten Selbstbeschränkung die rechtzeitige Erledigung des Etats, die spätestens bis 1. April erfolgt sein muß, möglich sein wird. Von Seiten der Parteien der Linken wurde im Seniorenkonvent darauf hingewiesen, daß der Reichstag infolge der Diätenlosigkeit bei der Etatsberatung an chronischer Beschlußunfähigkeit laboriere, und daß es infolge dieser Beschlußunfähigkeit ja überhaupt nicht möglich sei, einen Schluß der Erörterung herbeizuführen. Der Reichstags- jpräfident legte den Parteiführern ans Herz, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Zahl der Reden stach Möglichkeit beschränkt und die Dauer der Reden wo- wöglich vermindert werde. Falls diese Mahnung nicht wirken sollte, wird man, um eine möglichst schleunige Erledigung des Etats herbeizuführen, die Sitzungen Nötigenfalls bis sieben Ühr abends ausdehnen.
Außer dem Etat wird die Aufarbeituug des noch vor- handenen Materials nicht besonders viel Zeit in Anspruch nehmen, da ja die wichtigste der noch vom Reichstag zu erledigenden Vorlagen, der Gesetzentwurf über die Rege
lung der gewerblichen Kinderarbeit, in der dritten Lesung voraussichtlich nicht mehr allzu viel Schwierigkeiten machen wird. ^ Von neuen Vorlagen werden dem Reichstag, wie im Seniorenkonvent mitgeteilt wurde, nur noch zwei zugehen, nämlich die vom Reichskanzler angekündigte Abänderung des Wahlreglements für die Wahlen zum Reichstag und die Novelle zum Krankenversicherungsgesetz, deren Inhalt wir unlängst niitgeteilt und besprochen haben.
Was die Abänderung des Wahlreglements betrifft, so wird dieselbe ohne irgend welche Schwierigkeit im Reichstage zur Annahme gelangen und zwar mit überwältigender Majorität, nämlich voraussichtlich mit allen Stimmen gegen die der beiden konservativen Parteien. Die Novelle zum Krankenversicherungs-Gesetz soll den: Reichstag zwar noch zugestellt werden, aber an ihre Erledigung, die ja auch ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen und bei dem vorgerückten Stadium der Session nicht zu erreichen wäre, wird nicht gedacht. Es wird, wie im Seniorenkonvent mitgeteilt wurde, nur geplant, die erste Lesung der Vorlage vorzunehmen, damit die Regierung sich auf diese Weise über die Stellungnahme der Parteien informieren und eventuell Anregungen für die nochmalige Einbringung des Gesetzentwurfes in der nächster: Legislaturperiode erhalten kann.
Weitere Vorlagen werden dem Reichstag, so viel bis jetzt feststeht, nicht mehr zugehen, und in der Tat wifie ihre Erledigung nach Lage der Sache aussichtslos. Die Vorlagen über die Kaufmannsgerichte und die Reform des Militärpensionsgesetzes werden mithin den Reichstag erst in der nächsten Legislaturperiode beschäftigen, ebenso wie dies in Bezug auf die Bauhandwerkervorlage und die Reform des Börsengesetzes schon lange Zeit seststand. Die erste Session der neuen Legislaturperiode ist mithin schon jetzt in ganz erheblicher Weise „erblich belastet". Die Session, welche Anfang April geschlossen werden wird, ist die längste, welche der Reichstag bisher zu verzeichnen hatte, denn sie wurde am 14. November 1900 eröffne:, am 15. Mai 1901 bis zum 26. November 1901 und dann wieder am 12. Juni 1902 bis zum 14. Oktober 19»'2 vertagt, so daß mithin ihre Tauer bei dem Anfang April erfolgenden Schluß 281/2 Monate betragen wird. Für die Vorbereitungen zu den Neuwahlen bleiben den Parteien na4 Schluß des Reichstags mithin noch fast zweiundeinhalb Monate.
Das Ende der „Etjeirrung".
Der Lebens-, Liebes- und Leidensroman der österreichischen Erzherzogin und nachmaligen Kronprinzessin von Sachsen, der in seinem ganzen Aufbau und in seiner sensationellen Entwickelung einem sPannendenKolportage- rcman gleicht, ist in sein viertes Kapitel getreten. Das erste Kapitel des Romans, welches die Überschrift „Am
toskanischen Hofe" trug, wird für die unglückliche Frau vielleicht die schönste, wenn auch in Anbetracht der glücklosen Gegenwart nicht ungetrübte Erinnerung bilden. Das zweite Kapitel des Romans, betitelt „Kronprinzessin, Gattin und Mutter", schien ganz dazu angetan, das letzte Kapitel zu bilden. Aber es kam anders. Melleicht wird manch einer meinen, daß das geflügelte Wort „wo ist die Frau?" hier nicht zutreffe, sondern daß es heißen müsse „wo ist der Mann?", da ja der belgische Sprachlehrer und Windbeutel Herr Giron den Faktor bildet, der in das Leben der Kronprinzessin jäh eingegriffen und die unheilvolle Wendung in ihrem Schicksal verschuldet habe.
Der Psychologe aber wird eine solche Auffassung als vollkommen unberechtigt abweisen. Der Operettenheld Giron, der mit seinem Ehebruch förmlich auf der Gasse prahlte, war nicht der Mann, die geistig weit höher stehende Luise von Toskana zu verführen, wenn sie nicht verführt sein wollte. Der aufgeblasene Giron war nur Amboß, nicht Hammer, er war nicht die Ursache, sondern nur das Mittel, mit dessen Hülfe die allzu leichtblütige, liebesabenteuersüchtige Kronprinzessin das dritte Kapitel ihres Romans, Betitelt „die Geliebte Girons", entrierte.
Jetzt hat das Dresdener Ehegericht gesprochen, und damit ist die ehemalige Kronprinzessin von Sachsen in das vierte Kapitel. ihres Romans getreten, welches die Überschrift trägt: „Luise, die geschiedene Frau." Das
Dresdener Gericht hat die Ehe des Kronprinzen „wegen Ehebruchs der Frau Beklagten mit dem Sprachlehrer Andr6 Giron vom Bande geschieden" und die Frau für den schuldigen Teil erklärt. Die Scheidung vom Bande bedeutet die völlige Scheidung im Gegensatz zur Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft, wie sie die katholisch« Kirche vorschreibt und wie sie aus Rücksicht auf diese auch in das bürgerliche Gesetzbuch ausgenommen ist. So viel man weiß, lautete die Klage des Kronprinzen von Sachsen nur auf Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft, während die Kronprinzessin den weitergehenden Antrag auf Scheidung der Ehe stellte, entsprechend dem 8 1575 des bürgerlicher: Gesetzbuches, der wie folgt lautet: „Der
Ehegatte, der auf Scheidung zu klagen berechtigt ist, kann statt auf Scheidung aus Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft klagen. Beantragt der andere Ehegatte, daß die Ehe, falls die Klage begründet ist, geschieden wird, so ist auf Scheidung zu erkennen."
Das Urteil des Dresdener Gerichtes ist, da der König von Sachsen auf sein Bestätigungsrecht ausdrücklich verzichtet hat, auf Grund des Hausgesetzes mit der Verkündigung alsbald inKraft getreten. Sie ist damit aus der sächsischen Königsfamilie ausgeschieden, ebenso wie sie infolge der früher ergangenen Verfügung des Kmsers Franz Joseph nicht mehr dem österreichischen Herrscherhause angehört. Was die Sorge für die fünf Kmder des Kronprinzen von Sachsen betrifft, so-bestimmt § 1635 des bürgerlichen Gesetzbuches, daß die Sorge für die Kinder, wenn ein Ehegatte allein für schuldig erklärt ist.
Dolttar Wollmar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(3. Fortsetzung.)
vr. Mollinar war in seinen Betrachtungen an dem Berliner Tor angelangt; er wollte eben in die große Promenadenstraße des neuen Stadtteils. einbiegen — richtig — da sprangen sie ihm wiederum in bte Augen, diese Riesenbuchstaben auf rosa Papier, die er jetzt auf dem kurzen Wege bereits zum drittel: male hatte lesen müssen auf jeder möglichen Anschlagsäule, die er doch sonst nicht beachtete: „Cirkus Brotti-Wellhoff. Große
brillante Eröffnungsvorstellung."
Und alle die vielen Namen und Anpreisungen auf dem gewaltigen Zettel tanzten vor seinen Augen auf und nieder und verschwammen dann in Ehrerbietung vor einem, der nun aus dem rosa Papier herauszutreten schien und größer und größer ihm entgegenstarrte und dann ganz nahe ai: ihn herankam wie ein Ungeheuer, das ihn narrte: „Miß Ellida auf ihrer Schimmclstute
Diana, di« größte Parforcereiterin des Kontinents."
„Miß Ellida, die größte Parforcereiterin des Kon- tinents, deine zukünftige Schülerin! Tu bringst es immer weiter in der Kunst der weiblichen Erziehung, wirst am Ende noch Spezialist für Kunstreiterinnen werden, die auch ein bischen höhere Töchterschulbildung haben möchten", murmelte er grimmig vor sich hin und bestieg, um heute etwas schneller an sein Ziel zu komme::, die elektrische Straßenbahn.
Aber siehe, von allen Anschlagsäulen, an welchen d:e Bahn vorübcrflog, stieg der Name auf rosa Papier herab und tanzte und grüßte vor seinen Augen und „Miß Ellida", io klang es ihm entgegen aus dem wachsenden Winde, der durch die kahl gewordenen Bäume der großen Hauptstraße rauschte, aus dem Surren und Zischen des elektrischen Wagens, der ihn bald ans Ziel führte.-
„Guten tag, Mutter!" .--„Guten Tag. Fritz!" — Mutter und Sohn pflegten sich nie weitläufiger zu be-
griißen. Es schien überhaupt zwischen beiden wie ein schweigendes Abkommen, das jedes überflüssige Wort verpönte. Auch jetzt wurde Fritz nicht gefragt, wo er gewesen, ivas er getan und gelassen habe. Die alte Frau, die im altmodischenLehnstuhl an ihrem gewohntenFenster- platz saß, wartttte schwerfällig das Haupt und nickte dem Eintretenden zu. Dann vertiefte sie sich aufs Neue in die Abendzeitung, die ebei: angekommen war. Fritz aber trank seinen Kaffee und las dazu in einem Buche, das er sich mitgebracht hatte.
Das Zimmer, das beiden zur gemeinsamen Etz- und Wohnstube diente, war sehr groß, aber es war zugleich behaglich, was große Zimmer nur selten sind. Seine Ausstattung war alt und einfach, eine besondere Sorgfalt war auf die weiten Wände verwandt worden, an denen fast zu viel Bilder angebracht waren. In eine: Wandnische, dem alten Lehnstuhl der Matrone gegenüber sodaß sie es stets vor Augen hatte, hing eine Photographn in breitem schwarzem Rahmen; ein frischer Kranz von herbstlich gefärbtem Laub umgab sie. Sie stellte einen Geistlichen dar im Talare, die Bibel in den starken Händen haltend, auf dem eckigen Gesicht mit den hohen Backenknochen lag weltentfremdete Strmge; richtend fast blickten die klugen Augen unter den buschigen Brauer: herab, nur um den Mund, der mit den feingeschnittenen Lippen in dieses grobe Antlitz kaum zu passen schien, stahl sich ein lerser Zug von Schwärmerei. Aber auch diese Schwärmerei hatte etwas Herbes, Weltfeindliches. Das war der Mann, dern Frau Mollinar vierzig Jahre ihres Lebens gedient hatte, nicht wie ihrem Gatten, sondern wie ihrem Herrn, zu dem sie jetzt emporblickte wie zu einem Gotte, der Mann, dem zu Liebe sie ihr ganzes Wesen umgebildet hatte. Denn aus dem einst lebhaften, weltliebenden Mädchen war die schweigsame strengdenkende Pfarrfrau geworden, die Mutter, die ihr einziges Kind von früher Jugend an genau nach dem Wesen und den Eigeittümlichkeiten ihres Mannes zu bilden suchte, die an diesem Sohne eins immer noch nicht verschmerzt hatte, daß er nicht ein Pastor geworden wa: wie der selige Vater.
Aber Frau Mollinar war in der Schule ihres Mannes eine verständige Frau geworden. Dieser schmerzlichste Punkt ihres Lebens war einmal zwischen ihr und dem Sohne berührt worden, vor zehn Jahren, als die Entscheidung noch möglich war, dann aber, als sich Fritz ruhig und bestimmt gegen ihren Vorschlag aussprach, nie wieder. Seitdem lebten Mutter und Sohn in einem einzigartigen Verhältnis. Er in Verehrung emporblickend zu der Mutter, deren treuer Kultus mit dem heimgegangerwn Vater sie ihm nur um so ehrerbietiger erscheinen ließ, sie für ihn lebend und sorgend, ihm dienend, wie sie einst seinem Vater gedient hatte, wortkarg und ohne jedes Aufheben, aber mit derselben Aufopferung und Treue.
Die Dämmerung, die in dem Zimmer begonnen, als Fritz eingetreteu war, hatte zugenommen. Die alte Therese, die bereits auf der Landpfarre in Wurow eine lange Reihe von Jahren gedient hatte, brachte die Lampe und einen Brief für die Pastorin, wie sie ihre Herrin immer noch nannte.
Frau Mollinar verließ ihren Platz am Fmster. Fritz stand auf und schob ihr schweigend ihren Lehnstuhl an den Tisch: dann las sie die Aufschrift ihres Briefes.
„Von Gabriele! Endlich einmal! Besinnst du dich noch auf sie?"
„Mutter, welche Frage!" Und kaum war der Name genannt, da stieg vor seinen Augen ein Kinderbild empor aus seiner Jugendzeit: Gabriele Hellwig, die Tochter des Besitzers von Wurow, des Kirchenpetrons seines Vaters, der zugleich dessen treuester Freund gewesen war.
Nach dem frühen Tod der Eltern war die kleine Waise in das Haus des Pastors Mollinar gekominen und dort Jahre lang wie das eigene Kind erzogen worden. Als Student und später als Kandidat hatte er viel mit ihr gespielt und keinen Menschen so lieb gehabt, wie dieses Kind. Lebhaft stand sie jetzt in seiner Erinnerung, wenn sie die goldenen Locken un: den Hals schüttelte, bis aus den Kinderlocken der Zopf des Backfisches wurde und Gabriele in die nahe Stadt zur Erziehung mußte.
Von da ab sah er sie nur noch, wenn sie einmal in ihren Ferien zusaimnen zu Hause waren; dann war der
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