5*. Jahrgang.
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Uo. 71.
Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Donnerstag, den 12. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
IHorgen»flusgahe.
Der rukMstige deulslh-WreichW Kandels- vertrag Im Wie der Tatsachen.
Gegenüber den berechtigten Befürchtungen, welche die Veröffentlichung des neuen österreichisch-ungarischen Zolltarifes mit seinen starken Erhöhungen für die Erzeug- nisse großer deutscher Exportindustrieen hervorgerusen hat, suchen deutsche hochschutzzöllnerische Blätter, wie die „Deutsche Volkswirtschaftliche Correspondenz", zu beschwichtigen, indem sie darauf Hinweisen, daß die wichtigsten Ausfuhrartikel Deutschlands in Österreich zollfrei sind und bleiben (Steinkohlen, deren Ausfuhr vonDeutsch- land nach Österreich-Ungarn im Jahre 1901 68 Millionen Mark betrug, Coaks 14 Mill., Bücher Karten, Musikalien 35 Mill., Schafwolle 23 Mll., Baurnwolle 15 Mll., Rindshäute 7 Mill., Flachs 4 Mill., rohes Kupfer 4 Mill. Mk.), andere wichtige Zölle nicht erhöht werden (Kämmlinge 4 Mll., Wollgarn 12 Mill., Pelze
4 Mll. Mk.). Diesen Posten von zusammen rund 200 Mill. Mk. stehen nun aber andere gegenüber, Waren im Werte von 85 Mll. Alk., die mit teilweise sehr erheblichen Zollerhöhungen bedacht sind, namentlich Maschinen 18 Mill., grobe Eisenwaren 8 Mill., feiner Eisenguß 3y 2 Mill., Rohzink 5 Mll., Waren aus edlen Metallen
7 Mll., wollene Zeugwaren 4 Mll., lackiertes und gefärbtes Leder 9 Mll., Därme 4 Mll., Anilinfarben
8 Mill., Sämereien 7 Mill., frische Gemüse 5 Mill. M. Die „D. V. C." sieht trotzdem den Unterhandlungen mit großer Zuversicht entgegen, da nach ihrer Meinung „unsre Unterhändler ja in unserem Tarife eine ganz geeignete Waffe haben, um Österreich zu Konzessionen geneigt zu machen." Wie weit ist das richftg mit Rücksicht auf die Wirtschaftslage der beiden Länder? — Zu den wichtigeren Artikeln, die Österreich-Ungarn nach Deutschland ver- kmift, gehören einzelne Rohstoffe, die bisher zollfrei waren und frei bleiben sollen (Braunkohlen 75 MÜ., Steinkohlen 7 Mll., Eisenerze 4 Mll., Kaolin, Feldspat
5 Mll. Mk.). Hier können keine Konzessionen gemacht, kein Druck ausgeübt werden, denn den von der „D. V. C." vorgeschlagenen Kampfzoll auf Braunkohlen werden die Österreicher wohl nicht allzu ernst nehmen. Allerdings hat Österreich auch an einzelnen Jndustrieerzeugnissen ein hohes Interesse, welche mit Zöllen, zum Teil auch mit Erhöhungen im neuen Tarife bedacht sind (z. B. Bier
9 Mill., Handschuhe 7 Mill., Leinengarn 9 Mll., feine Lcderwaren 6 Mll. Mk.). Diese eignen sich aber nur tellweise zu Kompensationen, da verschiedenenJndustrieen, wie der Brauerei und der Lederindustrie, bei der außer- crdentlichen Verteuerung ihrer Rohstoffe durch den neuen
Feuilleton.
picmoircn m Revolution und Kaiserreich.
Wer kennt nicht den eigenen Reiz, der von einem solchen Buche ausgeht, das uns nicht nur die Haupt- und Staatsaktionen mit den Augen eines noch so treuen Geschichtsforschers anschaucn läßt, sondern etwas von der Art hat, mit der wir alles erleben, was unsere eigenste Person angeht. Gewiß gehen hier bisweilen die großen Zusammenhänge verloren, sie sind aber meist aus der Geschichte her bekannt. Dafür suchen wir aber auch die Zeit selbst auf, wir begleiten den Memoirenschreiber in die Häuser der Menschen; in seinen gesellschaftlichen Beziehungen lernen wir einen Mann im Privatzimmer bei einer Tasse Mokka kennen, von dessen erschütternden Taten wir anderswo gehört haben. Wieder gehen wir mit den Soldaten im geschilderten Feldzuge in Reih' und Glied und hören nicht nur, was sie vom Feinde sich erzählen, sondern auch, was sie über das zweite Korps, im Norden oder Süden ausgerüstet, denken. Wir treten ins Leutnantzelt und horchen des jungen Offiziers geheimste Gedanken über seine Vorgesetzten aus, was er an Ort und Stelle sicher nicht einmal seinen Kameraden anvertraut hätte. Ja, wer sich von einer Zeit eine recht greifbare sinnliche und lebensvolle Vorstellung machen will, der muh zu einem Memoirenwerk greifen. Und auch das Volk sollte an dieser Freude des Gelehrten und des Künstlers über die Lebenspfade einer Person in einer Zeit und daraus der richtigen nachschaffenden Anschauung von dieser Zeit sein Teil sich nicht nehmen lassen. In jedem Menschen steckt ja zuletzt ein Stück Künstler, und so weit seine Phantasie schöpferisch ist, das heißt aus Gedanken und Worten sich ein lebendig plastisches Bild zu zaubern weiß, gleicht er dem erhabensten Künstler, der ebenfalls aus solchen sinnlich unsinnlichen Stoffen seine Werke hervorzaubert.
Der erste Band der Memoiren des Generals de Thi6bault ist jetzt in der Memviren-Scrie des Verlags von Robert Lutz (Stuttgart) erschienen und führt unS in bas Zeitalter der französischen Revolution. Dies Buch hat aus den verschiedensten Gründen noch ein er-
Tarif nicht gut eine Verminderung des Zollschutzes gegen früher zugemutet werden kann. In der Hauptsache besteht die Ausfuhr Österreich-Ungarns nach Deutschland aus Erzeugnissen der Land- und Forstwirtschaft (Bau- und Nutzholz 65 Mill., Eier 48 Mll., Gerste 42 Mill., Malz 22 Mll., Rindvieh 46 Mll., Hopfen 12 Mill., Schweinefleisch 9 Mill., Pferde 9 Mill., Butter 8 Mll., Obst 11. Mill., Holzborke, Gerberlohe 6 Mll., lebende Hühner 5 Mill. Mk. :c.). Hier sieht der neue deutsche Tarif bekanntlich überall sehr kräftige Zollerhöhungen vor. Hier ist die Möglichkeit von Kompensationen gegeben, aber auch nur in beschränktem Maße, denn einmal ist durch die Minimalzölle auf Getreide die Untergrenze für Ermäßigung von Gerste, Mälz, Mehl u. dergl. gesetzlich festgelegt, andererseits haben die „führenden Geister" der rechtsstehenden Parteien und des Centrums einschließlich einzelner Nationcllliberaler ebenso oft wie bündig erklärt, daß Handelsverträge, welche ihre Kompensationsobjekte vorwiegend auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Zölle suchen, also den „berechtigten" Interessen der Landwirtschaft nicht entsprechen, auf eine Annahme im Reichstag nicht zu rechnen haben. Wenn also die Neuwahlen des Sonrmers nicht eine erhebliche Verschiebung in der Zusammensetzung des Reichstags oder in der Stellung der Parteien ' zu den Handelsverträgen bringen, so sind die. Aussichten für unsere nach Österreich exportierende Industrie keine günstigen, und inan dürfte sich in dem von uns stets vertretenen Wunsche zusammenfinden, daß weder der deutsche noch der österreichisch-ungarische Tarif Gesetzeskraft erhält.
Deutsches Deich.
* Die vielerörterte« Angriffe der Kieler Polizei find am Donnerstag im Abgeordnetenhause vom Minister des Innern, Freiherrn v. Hammerstein, hinweginterpretiert worden. Mit Bezug auf die Erklärungen des Ministers hat die Redaktion der „Kieler N. Nachr." an Freiherrn v. Hammerstein folgendes Schreiben perichtct: „Ew. Exzellenz haben am Donnerstag, den 5. Februar 1903, im preußischen Abgeordnctenhause Gelegenheit genommen, unter anderem drei Mißgriffe der Kieler königlichen Polizei einer Besprechung zu unterziehen, und sind dabei zum Schlüsse gekommen, daß in einem Fall „garnichts", im zweiten ein „nicht schwerer" und im dritten nur ein „geringer" Fehler der Polizei konstatiert werden könne. Weder die von Ew. Exzellenz gegebene Darstellung der drei Fälle, noch die darauf beruhende Schlußfolgerung entspricht der Wirklichkeit. Sie weicht sogar so erheblich und eklatant davon ab, daß eine Ähnlichkeit zwischen Ihrer Darstellung und dem tatsächlichen Sachverhalt kaum noch herausgefunden werden kann. Da wir nun keinen Augenblick zweifeln, daß Ew. Exzellenz durchaus im guten Glauben und im Vertrauen
höhtes Interesse: Thi6bault hat seine Kindheit am Hofe Friedrichs des Großen verlebt. Er trat somit in die französische Gesellschaft als unbefangener Jüngling ein und wir hören gern seine Schilderungen von dem geistreichen Luxus, der vor 1792 in der Aristokratie in Paris getrieben wurde. Erwarten wir etwa raffinierte Orgien einer dekadenten Genußsucht, so sind wir ganz im Irrtum. Hier wurde geliebelt, hier wurden Bälle auf dem Lande arrangiert, Tees bei literarischen Persönlichkeiten eingenommen, überall mehr oder weniger geistreich geschwatzt, — tont comme chez nous. Nur gesellte sich zu allem jene französische Unbekümmertheit um morgen, jenes in den schönen Tag hinein, leben mit geschloffenen Augen gegen alles Unbequeme, das dem Deutschen fehlt und seinem nutzlosen Umherschlendern in der Welt einen böswilligen Beigeschmack gibt. So nichtsahnend war das lustige Völkchen des sich auf einem bal champ^tre die langweilige Zeit vertreibenden Adels, daß die Nachricht von dem Ausbruch der Revolution unseren Thisbault mitten in solch einem Fest bei Paris antraf. Nur mit Lebensgefahr fuhren nun die Herrchen unter Verkleidung wieder in die Stadt, während sie am Morgen im Galaaufzug das arbeitsame Paris verlaffen hatten. Von nun an war dann aber auch alle Sorglosigkeit verschwunden, mußte doch ThiÄault, der sich in Begeisterung für die gerechten Forderungen des Volkes sogleich der Nationalgarbe angeschloffen hatte, die Gefahr spüren, die schon allein in seinem Adelsnamen lag. Nur die seltsamste Protektion rettete seinen Hals später vor der haarscharfen Schneide der Guillotine.
Ein sehr eingehendes Bild verschafft uns Thiäbault von den Feldzügen in der Champagne, die er als ein junger Offizier mitmachte, der in den meisten militärischen Angelegenheiten seinen Vorgesetzten weit überlegen war. Weiter hören wir von der Laune und Unbeständigkeit der Regierung, von den haltlosen Verleumdungen, die jeden Harmlosen schon morgen den roten Henkern auszuliefern vermochten, in einer Zeit, da ein unreifes Gären an die Stelle einer verschwenderischen und deshalb gegen die Schwachen tyrannischenRegierung getreten war.
Und nun begleiten wir denselben Thiäbault, der die ganze Revolution fast mit den Augen eines Unparteiischen. etwa Goethes, ansay, mit in das Feldlager des
auf Ihnen gewordenen Informationen die Fälle darge» stellt haben, so bleibt für uns nur die Annahme uvrcg, daß Sie das Opfer einer groben Mystifikation geworoen und Ihnen die wahren Tatsachen verschwiegen sind. Weder Ew. Exzellenz selbst, noch den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, noch dem Lande kann damit gedient sein. Die Redaktion der „Kieler Neuesten Nachrichten" hat überdies besonderen Grund, gegen die falsche Darstellung der Mißgriffe der Kieler königlichen Polizei zu protestieren, da sie, wie Ew. Exzellenz wissen, wegen zwei der mitgeteilten Fülle in einen Prozeß verwickelt wurde, der mit ihrer kostenlosen Freisprechung endete. Wir dürfen deshalb von Ew. Exzellenz Loyalität wohl erwarten, daß eine strenge Untersuchung gegen diejenigen eingeleitet wird, welche cs wagten, der Wahrheit widersprechende Mitteilungen über die Kieler Fälle zu machen und Ew. Exzellenz dadurch irre zu leiten. Indem wir uns noch gestatten, einen Ausschnitt aus unserem Blatte vom 8. Februar d. I. zur vorläufigen Orientierung beizufügen, und indem wir ferner bemerken, daß darin bet weitem nicht alle Jrrtümer in Ew. Exzellenz Darstellung berichtigt sind, ersuchen wir Sie, für die Richtigstellung Ihrer Erklärungen Sorge tragen zu wollen." Es kann einem preußischen Minister nicht angenehm sein, in dieser Weise seine amtlichen Darlegungen bemängelt zu sehen. Aber nach der Kritik, welche das Kieler Blatt in seiner Nummer vom 8. Februar an der ministeriellen Erklärung übt, besteht zwischen dieser und den wirklichen Vorgängen ein unüberbrückbarer Gegensatz.
Ausland.
Die Schweizer und die Orden.
n. Bern, 7. Februar.
Zu den stolzesten Prärogativen wahrer Republikaner gehört die „O r d e n s f r e i y e i t" — nicht die von geistlichen Orden, sondern von den in monarchischen Staaten stark begehrten Zierden des Knopfloches und Halses. Aber es gibt auch hier „Larven unter fühlenden Brüsten", die dem Reize eines solchen Schmuckstückes nicht zu widerstehen vermögen und, entgegen dem Wortlaute der Verfassung, sich heimlich mit der verbotenen Frucht schmücken. Sogar die Schweizer haben derartige Sünder in ihren Reihen, wie eine jüngst veranstaltete Untersuchung ergab, nach der 25 Militärpersonen sich im Besitze ausländischer Orden befinden. Der Bundesrat hat daraus keine cause c^lebre gemacht, sondern ist dem Beispiele des Nationalrats gefolgt, der einem Mitglieds der Versammlung, das gleichfalls dem Ordensteufel verfallen war, Amnestie erteilte. Die Presse ist mit dieser Nachsicht keineswegs einverstanden und spricht sehr deutlich ihr Mißfallen über die Zulassung einer offenkundigen Verletzung der Verfassung aus. Nicht nur,diese, sondern auch der „E r n st der republikanischen Gesinnung und
siegesgewissen neuen Sternes am Himmel einer tobenden und doch immer noch schwülen Gewitternacht. Stets ist es sein ruhiges Urteil, seine streng sachliche Schilderung der Menschen und Ereignisse, die uns immer wieder von neuem fesselt, und wir achten das umso mehr, weil wir eben gehört haben, daß dieser Adelige nicht als Emigrant sein Vaterland verließ, als es in Gefahr war, sondern mit dem Bürger Seite an Seite um die neue Ordnung kämpfte, selbst wo er die Ungerechtigkeiten dieses Kampfes am eigenen Leibe erleben mußte.
Von größtem Interesse ist natürlich die Stellung Thiäbaults zu Napoleon selbst. Und gerade hier ist es, wo uns aus den Schilderungen, die erst 1830 nieder- geschrieben sind, ein intimer Duft rvic aus vergilbten Tagebuchblättern entgegenweht. Der erste vorliegende Band reicht erst bis einschließlich zum italienischen Feldzug, und wir dürfen umso gespannter auf den zweiten sein, der die Zeit der Entwicklung zum Kaiserreich und zum Sturz Napoleons zum Hintergrund hat. Ganz aus der Nähe hat Thiäbault die Ernennung des jungen Stabsosiiziers Bonaparte zum stellvertretenden Obergeneral der Truppen miterlebt. Das in Paris zusam- mengezogene Kontingent hatte am 12. Bendämiaire den Bestand des Konvents mit Waffengewalt gegen 32 aufrührerische Bezirke, an deren Spitze die einflußreichsten Männer der Reaktion standen, zu schützen. General Menou hatte, wie es so oft in diesen bewegten Zeiten geschah, die Absichten der Regierung durch lässige Aus- führung fast Hintertrieben. Eine schwerwiegende Nacht im gärenden Paris war ungenützt verstrichen. Am Morgen wollte Thiöbault als Stabsoffizier Menous eine Meldung an ihn ausrichten. Er fragte einen Kameraden, wo er ihn fände. Lassen wir unseren Gewährsmann selbst reden: „Den General Menou?" antwortete mir dieser. „Gott sei Dank, der Verräter befehligt uns nicht mehr: Barras ist unser Obergeneral und Bonaparte sein Stellvertreter." — „Bonaparte?" fragte ich mich. „Wer zum Teufel ist denn das?" Und wenn ich mir jetzt seine schmächtige Gestalt mit dem monumentalen Gesicht ins Gedächtnis zurückrufe, wird cs mir schwer, den kleinen Mann in ihm wiedcrzuerkcnncn, der mir an jenem Morgen einen so unglücklichen Eindruck machte. Die Unordnung seines Anzugs, sein lang hcrabhängendes Haar
