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51 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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U-. 72.

Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Donnerstag» den 12. Februar. N«. -2. 1903.

Abend-Ausgabe.

«emrbW UaWrdcil der Mm I« Dewitz.

Von Adele Schreiber.

Die Schädlichkeit der nächtlichen. Fabrikarbeit für Frauen ist allgemein anerkannt und in den meisten Staaten durch Gesetze eingeschränkt. Leider besteht jedoch allenthalben die .schwerste Gesundheitsgefahr durch die Nachtarbeit der Frau in Werkstätten und im haus­industriellen Betriebe. Die österreichischen Verhältnisse müssen in diesem Punkte als recht ungünstige bezeichnet werden. Es bestehen nicht nur für die Fabrikarbeit zahl­reiche Ausnahmen, die eine Verwendung von über jl6 Jahre alten Arbeiterinnen, in der Zucker- und Konservenfabrikation sogar schon vom 14. Jahre an ge­statten, auch die Allsdehnung der nächtlichen Werkstätten- und Heimarbeit ist überaus groß. Eine kleine Broschüre von Ilse v. Arlt gibt hierüber interessante Daten. Die Nachtarbeit ist teils bedingt durch die Niedrigkeit der -Löhne, die eine Zuhilfenahme der Nachtstunden uner­läßlich machen, teils durch das besondere Merkmal der 'Saisonarbeit, die sich nicht gleichmäßig über das Jahr verteilen läßt, teils auch durch die Abneigung der Unternehmer, ihr Personal ;u vergrößern, was gleich­zeitig größere Räume, mehr Maschinen, eine höhere Regie erfordert. Nächtliche Heimarbeit ist besonders ver­breitet in der Mieder-, Wäsche- und Krawattennäherei, die unter ungünstigen sanitären Bedingungen täglich 14 bis 16 Stunden betrieben wird. Es herrscht viel Zwifchen- meistersystem, das ungünstig aus die Löhne wirkt, und eine starke Lohndrückerei durch die Konkurrenz des platten Landes, wo die Verhältnisse noch schlechter sind wie in der Großstadt. Ae Lehrmädchenzüchterei wird stark betrieben und die Mädchen werdeir vielfach, um jede Kontrolle hintanzuhalten, als Dienstmädchen gemeldet, 'überaus schlecht gestellt sind die jugendlichen Hilfs- vrbeiterinnen in der Handschuhbranche, die in der Saison mitunter bis 2 Uhr nachts oder die ganze Nacht ohne Erhöhung ihres Wochenlohnes, der meist nur 5 bis 8 Mk. beträgt, arbeiten müssen. Viele dieser Mädchen haben zur Saisonzeit überhaupt keine Schlafstätte, sondern schlafen wenige Stunden in den Arbeitsräumen, um dann wieder weiter zu arbeiten. In der Putzmacherei und Federnschmückerei übertrifft die Zahl der Lehr­mädchen die der erwachsenen Arbeiterinnen, auch hier wird monatelang von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts gearbeitet, dabei steht die Entlohnung in keinem Ver­hältnis zur Anstrengung und reicht bei weitein nicht aus. um die Arbeiterinnen während der stillen Zeit zu

versorgen. Zu 12- bis 16-stündiger Arbeit werden auch 14-jährige Mädchen in der Maschinen- und Hand­stickerei gezwungen. Die Notlage der Spitzenklöpplerinnen im Erzgebirge führt dazu, daß nicht nur die Frauen selbst, sondern auch schon Kinder bis zu 16 Stunden an beit Klöppelkissen sitzen. Das augenmörderische Gewerbe der Haarnetzerei, zum großen Teil von Frauen betrieben, wird sogar bis zu 18 Stunden im Tage ausgeübt. In der Glasindustrie finden sich Stundenlöhne von 6 bis 16 Heller, bei denen eine fieberhafte Nachtarbeit entfaltet werden muß. Völlig unregelmäßige Verhältnisse bestehen in der Maßschneiderei, namentlich zur Ballfaison, vor Weihnachten, im Frühjahr und im Herbst.

Vielfach findet auch die Nachtarbeit der Frauen zur Hilfe des Ehemannes statt, so zum Beispiel bei Uniform- schneidcrn und Schustern. Ebenso ziehen im Verkehrs­wesen tätige Arbeiter oft ihre Frauen als Hilfskräfte heran, eine besondere weibliche Nachtarbeit stellt die Tätigkeit der Signalfrauen im Bahndienste dar. Diese Frauen sind weder persönlich angestellt, noch werden sie direkt bezahlt, sondern ihre Leistung wird, bei Besetzung der Stellen durch Verheiratete von den Bahnverwal­tungen stillschweigend vorausgesetzt und durch eine monatliche Zulage für die Weichenwärter entlohnt.

Die Nachtarbeit der Frauen macht sich durch über­aus schwere Gesundheitsschädigungen bemerkbar, sie ist die Ursache, wenn die Überarbeiteten zum Reizmittel des Alkohols greifen, sie führt zur Verwahrlosung des Haus­halts und der Kinder und fordert namentlich unter den Jugendlichen zahlreiche Opfer durch Tuberkulose.

In erster Linie müßte das zu schützende Alter bis zu 18 Jahren hinaufgerückt werden, eine Überwachung der kleingewerblichen Betriebe aufs strengste durchge­führt und mit allen Ausnahmebestimmungen möglichst aufgeräumt werden. Es verbleibt dann freilich immer noch die Ausbeutung der allein tätigen Heimarbeiterinnen, deren Organisation und Hebung eine der schwierigsten und zugleich notwendigsten Aufgaben der Sozialreform darstellt.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 11. Februar.

Präsident Graf Ballestrcm teilt mit: Infolge eines von dem verewigten Staatsministcr Delbrück vor seinem Tode ausgesprochenen Wunsches habe die Witwe des­selben eine Reihe wertvoller Werke staats- und volks­wirtschaftlicher und sonstiger wissenschaftlicher Werke dem Reichstage für seine Bibliothek übereignet. Er habe die Schenkung angenommen und der Gattin des Verewigten seinen verbindlichsten Dank ausgesprochen. — Die Be­ratung des Etats des Reichsamts des Innern: Titel

Staatssekretär, wird fortgesetzt. Zu den bereits vor­liegenden fünf Resolutionen Albrecht, Heyl von Herrns­heim, Rösicke, Gröber und Jäger tritt hente als sechste noch eine solche von Stütze! und Genossen hinzu, die Regierung zu ersuchen, in die Gewerbeordnung die Be­stimmung aufzunehmen, daß für die derselben unter­stellten Betriebe die regelmäßige Blaximal-Arbeitszeit 10 Stunden beträgt. — Abg. Hoch (Soz.j wendet sich gegen die zünftlerische Art von Alittelstands-Rettcrer seitens der Rechten. Davon, daß der Befähigungs-Nach­weis dem Mittelstand helfen könne, sei keine Rede. Das eigentliche Übel, an dem der Mittelstand laboriere, sei und bleibe die großkapitalistische Entwickelung. Graf Posadowski) übersehe bei seiner Arbcitslosen-Statistik ganz, daß vielen von denen, die noch in Arbeit stehen, die Arbeitszeit stark reduziert sei. Für die Arbeiter bleibe das Wichtigste die Koalitionsfreiheit. In der Resolution des Centrums sehe er nichts anderes als ein Wahlmanöver. Bisher seien noch alle Zusagen in Bezug auf Bauarbeiterschutz unerfüllt geblieben. Redner ver­breitet sich über diesen Teil des Arbeiterschutzes sehr ausführlich, hält dann dem Centrum vor, das bißchen Witwen- und Waisenversorgung im Zolltarif-Gesetz sei der reine Hohn, sei nur Sand in die Augen der Arbeiter. Redner gedenkt weiter der Reform des Kranken-Ver- sicherungsgesetzes und geht des weiteren wieder auf die mangelhafte Berichterstattung der Gewerbe-Inspektoren ein, ferner auf die Beschränkung des Koalitionsrechtes! der Arbeiter, da man diese nötige, aus den Gewerk­schaften anszutreten, widrigenfalls sie aus Krieger-Ver­einen, denen sie angehören, ausgeschlossen würden. Redner schließt: Bei dem Zolltarif haben Sie gegen Gesetz und Recht und Billigkeit nur Ihre eigenen Inter­essen im Auge gehabt. — Vizepräsident B ü s i n g : Herr Abgeordneter, ich nehme an, Sie haben nur Per­sonen außerhalb des Reichstages im Auge gehabt. — Redner, fortfahrend: Nein, ich meinte anch Mitglieder dieses Hauses. — Vizepräsident Büsing: Dann rufe ich Sie zur Ordnung. — Staatssekretär Posa- d o w s k y erwidert zunächst dem Abgeordneten Raab: Die See-Berufsgenossenschast habe bereits einen Ent­wurf wegen der Tieflade-Linie ausgcarbeitet. Der­selbe liege jetzt dem Reichs-Vcrsicherungsamte vor und werde in der nächsten Generalversammlung der See- Berufsgenosfenschaft im Mai gründlich erörtert werden. Der Anregung des Abgeordneten Jäger, betreffend Über­sicht über die Gesetzgebungs- und Verwaltungsmatzregeln auf dem Gebiete des Wohnungswesens, werde im nächsten Jahre Folge gegeben werden. Durchaus zu empfehlen sei es, wenn die Kommunen Versuche mit dem Erbbau­recht machen wollten. Herr Hoch möge überzeugt sein, daß es sich bei der Krankenkassen-Novelle um sehr schwierige Fragen gehandelt habe, und wenn die Novelle jetzt aus dem Bunöesrat herausginge und dem Reichstage zu­gehen werde, so sei das schon ein großer Erfolg. Was

Doktor Wollmar und seine Schülerin.

Roman von Arthur Sewett.

(2. Fortsetzung.)

„Mein Mann hatte inir gesagt, ich sollte mir heute bei Ihnen Bescheid holen wegen meiner Tochter."

„Ah, Frau Koralli, ich bitte sehr", und Direktor Wöhrmann wies auf das Sofa, auf dem er nicht alle Mütter Platz nehmen ließ. „Nein, Herr Doktor Mollinar, Sie stören nicht, ich bitte Sie sehr, zu bleiben; die Ange­legenheit geht auch Sie an. — Ja, Ihr Herr Gemahl war gestern bei mir."

„Unsere Bitte wird Ihnen wunderbar erscheinen. Sie mag es auch sein, bei Kunstreitern! Aber ich habe außer einem ganz kleinen nur dies eine Kind, und ich selber habe einmal andere Tage gesehen."

Ohne die geringste Künstelei hatte sie es gesagt, nur der Ton, den sie auf das Wort Kunstreiter legte, klang so ungewollt bitter.

„Ich habe Ihrem Herrn Gemahl versprochen, daß ich mich der Sache annehmen will. Zudem auch mein Freund, der Pastor Bernstoff —"

Ja, er hat uns nie verlassen, wie viel haben wir ihm zu danken, dem einzigen, dein prächtigen Manne!" Und als Frau Koralli das sagte, da sprach aus der ver- schleierten Stimme eine seltsame Wärme, und die Augen leuchteten durch den dichten Schleier hindurch.

„Ja, Sie wissen nicht, Herr Direktor, wie wohl solch ein ernstes gutgemeintes Wort unsereinem tut, der nur dm Cirkusklatsch hört und das leere Geschwätz derer, die dort aus- und entgehen. Pastor Bernstoff ist uns viel 'gewesen, und besonders meiner Tochter."

„Er hat sie längere Zeit unterrichtet?"

„Acht Wochen, Herr Direktor, fast jeden Tag, denn unser Cirkus rüstete sich schon damals zur Abreise. Und nie ist Elli ein solch folgsames Kind gewesen, als während dieser Zeit. Sie ist gut, glauben Sie es mir. Sic be­darf nur des richtigen Einflusses, und der fehlt natürlich."

„Aber sie hat ihre Eltern."

„Ja, Herr Direktor, aber Iwntt Vater und Mutter jeden Vormittag zur Probe gehen und Abend für Abend selber arbeiten müssen!"

„Doch Ihr Gatte sagte nur —"

„Ach, er ist so stolz auf seine Tochter, und ich gönne ihm dies Glück und nehme es ihm nicht. Aber eine Mutter sieht so etwas ganz anders an, und ich habe ja nichts weiter auf der Welt als die Elli."

„So macht Ihnen Ihre Kunst keine Freude?"

„Freude, Herr Direktor, Freude?" Sie sah ihn mit Erstaunen an. „Unsere Arbeit ist sehr nüchtern, sie ist uns Broderwerb wie dem Handwerker sein Tagewerk, und wenn man wie ich seit zwanzig Jahren jeden Mmd arbeiten muß, immer dasselbe Lächeln, und dann so mit einer erwachsenen Tochter rivalisieren und sich nnt ihr in einer Garderobe umkleiden und schmücken und bemalen und so vieles hören und sehen muß, wovor jede Mutter ihr Kind gern bewahrt, sei es auch nur eine Kunstreiterin, eine Freude, Herr Direktor, ist das nicht."

„Und dazu hat Ihr Beruf viele Gefahren."

„Gegen diese stumpft man ab. Wer sein Kind diese halsbrecherischen Künste hat lernen sehen von Anfang bis zu Ende, unter Peitschenhieben oft, der wird hart gegen die Furcht. Zwar für die Elli, für die zittere ich manches Mal, gerade jetzt, sie reitet ein so scheues Pferd. Aber für mich habe ich nie gefürchtet, was sollte ich auch fürchten?"

Eine tiefe Schwermut sprach aus den letzten Woickm. Tie schmale nervöse Hand nestelte an dem einfachen Kleide herum.

„Und Ihre Tochter ist ganz furchtlos?"

„Sie lacht über jede Furcht. Freilich ist sie unter den Reitern geboren und groß geworden. Das ist etwas anderes als bei mir. Das geht ins Blut über und bleibt im Blut."

„Sie liebt also ihren Beruf?"

„Mit Leib und Seele, leider!"

„Sie würden sie gern aus dem Cirkus heraushaben?"

„Mein Letztes würde ich hingeben, gelänge es mir je! Aber da ist wenig Aussicht. Sie hat nichts von mir, alles vom Vater. Und auch der wäre dagegen. Er hat keine Leidenschaft für seine Arbeit, aber sie ist ihm zur Gewohnheit geworden, und ohne den Cirkus könnte er nicht leben, und die Elli erst recht nicht."

„Das wissen Sie ganz genau?"

„Leider, Herr Direktor, ganz genau. Aber mein Möglichstes wenigstens will ich tun. Als ich dieses Kind

gebar, als ich wußte, daß es sein Leben lang dem Cirkus verschrieben war, da gelobte ich mir, daß es in seinem Berufe nicht zur Zigeunerin werden sollte. An seiner Wege mußte mein Mann mir versprechen, daß es er­zogen werden sollte, wie ein anderes Menschenkind. Habs ich es doch an mir selbst erfahren, daß nur eine tüchtig« Mldung den Menschen über das Gemeine hinwegheben kann, das ihm bei uns jeden Tag entgegentritt. Auch bei Elli habe ich es gemerkt, als sie bei Herrn Pastor Bernstoff zum Unterricht ging."

„Und seitdem ist es nicht mehr so gut geblieben, ich meine, Ihre Tochter ist anders geworden?"

„Es liegt in den Verhältnissen", suchte sie zu ent- schuldigen. „S>ie macht es mir schwer mit ihrer Er­ziehung. Sie will nichts gelten lassen, als den Cirkus und ihre Arbeit. Und dann — Sie wissen nicht, wie man das Kind umschmeichelt und verwöhnt. Das gerade ist das Verderbliche für sie. Pastor Bernstoff meinte aber: wenn man ihr jetzt noch einigen Unterricht gäbe, wenn man einen Lehrer für sie gewänne, der —"

„Ich versichere Ihnen, meine liebe Frau Koralli, daß ich tun werde, was in meinen Kräften fielst."

Die Kunstreiterin erhob sich und reichte ihm die Hand., „Ich danke Ihnen, danke Ihnen tausendmal, Herr Direktor. Ach wenn ich Ihnen sagen könnte, welch neuen Mut mir Ihre Güte gibt. Ich war so ängstlich geworden, denn gerade, als ich hier eintrat, Hörste ich ein Wort, das mir schon früher einmal entgegengerufen wurde, und das tat mir weh."

Direktor Wöhrmann runzelte die Stirn und warf einen vorwurfsvollen Blick auf Doktor Mallinar.

Aber der saß ganz ruhig in seinem Seel. Keine Miene hatte sich während des langen Gespräches in seinem Antlitz verändert, und hinter den dicken Brillengläsern blickten die grauen Augen so kalt, daß die Kunstreiterin ihn jetzt, als er sich gleichfalls erhob, nur mit einem scheuen Seitenblick streifte.

Frau Koralli war gegangen, die beiden Herren waren allein. „Was sagen Sie nun, Herr Kollege?"

„Daß Sie mir einen großen Gefallen täten, wenn Sie mir eine Cigarre gäben, aber von den schweren, wenn ich bitten darf."

Der Direktor reichte ihm die Kiste, dann nahm er sich