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Beilage Mm Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 69>* Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 11 . Februar. 61. Jahrgang. 1903.

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Es muß ein adliges Element in nnscr Staatsleben, in unsere Regierung, in unsere Volksvertretung und in unsere Presse kommen. Ich denke natürlich nicht an den Adel der Geburt und auch nicht an den Geldadel, nicht an den Adel der Wissenschaft und nicht einmal an den Adel des Genies oder der Begabung. Sondern ich denke an den Adel der Charakters, an den Adel des Willens und der Gesinnung.

Henrik Ibsen

(in einer Rede an die Drontheimer Arbeiter).

(19. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von Cs. Schöyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

Halt! Hört auf! Es ist genug!" Eine Person in der erfien Reihe legt sich vor und will dem Orchester- birigentm die Partitur entreißen, aber dieser gibt ihm Mit dem Laktstock einen harten Schlag über die Hand jund zicht seinen Stuhl weiter zurück. Hetzt bricht der iOrkan los. _ Eine Menge schwarzer Arme erheben sich cheftig in die Luft. Einer der Applaudierenden ist ^wischen^ zwei Herren eingeklemmt, welche pfeifen, er ^wird fast erdrosselt. Man schlägt sich -mit den Fäusten und blankgezogene Messer blitzen in dem gelben Scheine der Gasflamme.

Die vornehmsten Damen im zweiten Rang haben sichtlich vielmehr Vergnügen an dem Volksschauspiel, als an der Oper; sie legen sich vornüber und starren durch Operngläser und Lorgnetten hinab, als ob sie Zeugen eines Stiergefechtes wären.

Die armen Künstler zittern am ganzen Körper; eimge vermögen keinen Laut hervorzubringen, andere singen schreiend und falsch.

Dre Mayorm ging verzweifelt hinter den Kulissen auf und ab. Sie rief Elsa, aber diese konnte sie natürlich sticht hören.

Was soll ich tun? Ich will mein Kind von hier fort haben", sagte sie zum Rezensenten.

An solche Auftritte sind wir gewöhnt", entgegnete dieser ruhig.

Aber gibt es denn keine Polizei in der Stadt?"

Der Rezensyrt zog die Achsel.Die Polizei' kann sich unmöglich in solche Sachen mischen", sagte er.Das IPublikum meint, da es seine Billets bezahlt hat, habe es auch das Reckst, seine Meinung zu äußern."

Als der Vorhang fiel und Elsa abtrat, vermochte sie sich kaum aufrecht zu erhalten. Es mußte ein Bote zu der Apotheke nach einem beruhigenden Mittel geschickt werden.

Der Impresario sichr auf der Bühne auf und ab und rang die Hände. Die Oper mutz zu Ende gesungen -werden, anderfalls bin ich ruiniert für mein ganzes Leben, ich und meine Familie!" schrie er.Hören Sie les alle zu sammen: Wir müssen aushalten!" Signorina iJacobi behauptete, es sei ihr unmöglich fortzufahren, «ber Venturelli drohte und bat, und sie gab endlich nach.

Fm vierten Akt stteg die Wut des Orkans. Man

konnte glauben, man befände sich in einem zoologischen Garten, wo alle die wilden Tiere aus chren Käfigen ausgebrochen wären und um die Wette in allen Tönen brüllten. Es krachte im ganzen Hause. Der Held und die Heldin konnten das große Duett nicht zu Ende singen. Wenn Elsa einige Takte allein sang, applau­dierte man, aber sobald der Tenor einfiel, begann der Lärm von neuem.

Der arme Mann wurde plötzlich von einer unsinnigen Raserei ergriffen. Er war wie ein gepeinigtes Tier, das so lange mit scharfen Piken gestochen worden ist, daß es schließlich die Geduld verliert und sich gegen seine Verfolger kehrt. Er trat bis zur Rampe vor:Sie sind ein gemeinsames Pack! Schurken alle zusammen! Wilde von Abessinien! Villiacchi! Facchini! Brigantini!" rief er dem Publikum zu.Ich habe auf den vornehmsten Theatern gesungen . . ."

Wer seine Stimme wurde überschrieen. Das Orchester erhob sich und verließ den Platz, während die Zuschauer über die Ballustrade sprangen und allerlei Instrumente ergriffen. Trommeln, Violinen und Flöten sümmten nun ein infernalisches Getöse an. Man sprang auf die Bühne, um mit Stöcken und Pistolen den kühnen Sänger zu bedrohen, der es gewagt hatte, die Majestät des Publikums zu verhöhnen.

Da erhob sich der Bürgermeister und gab das Zeichen, daß der Vorhang fallen sollte. Die Vorstellung war end­lich beendigt und die Zuhörer strömte,: hinaus, um dm Kampf auf der Straße und in dm Cafcks fortzusetzm.

Obgleich Elsa die einzige von der Gesellschaft war, welche gefallm hatte, war sie bei weitem nicht in der Stimmung, sich darüber zu frmen.

Wie konnte ich unter all' diesem Lärm singm! Das ist ein reinesWunderwerk!" wiederholte sie immer wieder, währmd die Garderobiere chre Perücke löste und chr Kostüm abuahm.

Die Majorin saß sprachlos mit zusammengefaltetm Händen, gleich einer versteinerten Figur. Vor den Fenstern und drinnen auf der Bühne ertönte noch Geschrei und Lärm; von dem angrmzmdm Garderobmzimmer her hörte man hin und wieder das hysterische Weinm der Signorina Jakobi.

Als Elsa gehen wollte, begegnete ihr der Jrnpresario in der Tür.Ich gratuliere und danke Ihnen, schöne Signorina!" sagte er und küßte ihr beide Hände.Sie sind mein Engel, meine einzige Rettung; Jacobina und der Tenor müssm fort, aber Sie bleibm. Morgen abend haben wir Probe vonNorma"; Sie kennen ja die Rolle?"

Ja. ich hoffe es!" antwortete Elsa und damit trenn­ten sie sich.

IX.

Am nächstm Morgm kam das Hotelmädchm mit zwei Visitenkarten; auf der einm stand:

Georg Bernhard, Impresario.

London. Wim. Madrid. Paris.

Ist es möglich!" rief Elsa, die sich des Namms wieder mtsann.Es war ein bekannter Belgier, dm mit mehreren der vornehmstenSterne" Europas gereist war.Mama, cs ist Georg Bemhard! Kannst Du be- greifm, was er hier in Messina will?"

Er kommt natürlicherweise, um Dich zu engagieren", antwortete die Majorin.

Ersuchen Sie den Herrn in dm Salon einzutreten und zu warten", befahl Elsa, indem sie sich an das Mädchen wandte.

Welchen von dm Herren? Dm Herrn Grafm?"

Dm Grafen? Wer ist das?" Und nun er­innerte Elsa sich, daß sie noch eine andere Karte in der Hand hielt. Sie trug den Ramm des Bürgermeisters. Sagm Sie dem Herrn Grafm, daß ich für dm Augm» blick ihn nicht empfangen kann!"

Aber es ist der vornehmste Mann der Stadt, ein vornehmer prächtiger Kavalier", erwiderte das Mädchen.

Tun Sie, wie ich sagte!" antwortete Elsa unge­duldig.

Das Mädchen verschwand.

Ach, wie sehne ich mich danach, aus dem Räubernest hier herauszukommen!" rief die Majorin.Beelle dich, Kind, nimm deine schönsten.Kleider."

Einige Augenblicke später traten sie in den Salon, wo Georg Bernhard wartete.

Es war ein älterer Herr, mit ausgesuchter Eleganz gekleidet. Das Haar war schneeweiß und sorgfältig frisiert. Es lag ein sarkastischer Zug uv: die kurze Stumpfnase wie in den Mundwinkeln.

Ach endlich gefunden!" rief er lächelnd, indem ec sich erhob und Elsa mit ausgestreckter Hand entgegenglng.

Ich konrme direkt von Paris, um Sie zu fangm. Glauben Sie mir das, mein liebes Fräulein?"

Nun, ich muß es wohl glauben, wmn Sie cs mir sagm! Aber ich kann nicht begreifen . . . ."

Meine letzte Primadonna hat sich zurückgezoge::, wie sie wahrschenllicherweise durch die Zeitung erfahren habm. Nun befand ich mich auf der Jagd nach einem Ersatz und da treffe ich in Paris ihre Lehrerin Mde. Gemain, welche mir erzählte, daß Sie eine Stimme wie eine Nachsigall hätten, wie eine .... Ja ich erinnere mich nicht mehr aller ihrer Vergleiche, aber ihr« Worte machten mich neu- gierig. Kurz, ich erfuhr, daß Sie in Mailand wären, ich reiste dahin, da mußte ich hören, Sie wären nach Sicilim gereist, welch' wahnsinniges Unternehmen! Mais enfin, cs ist nun einmal geschehen."

Aber setzen Sie sich doch", sagte Elsa auf einm Stuhl dmtmd.

Er setzte sich und fuhr fort:

Ich hörte Sie gestern, und ich bin in der Wsicht hier- hergekommen, um mit Ihnen einm Koiürakt auf zehn Jahre, zwanzig Jahre, abzuschließen, ja, auf das ganze Leben selbst, wmn Sie wollm!"

Mit mir? Mit mir?"

Elsa glaubte kaum ihren eigmen Ohren träum zu dürfen.

Ja, sehm Sie mein liebes Fräulein,, Sie besitzm gerade eine Vereinigung von Eigmschafim, die not­wendig ist, um die Welt zu erobem, aber die man so seltm antrifft. Rossini hat gesagt, um ein großer Sänger zu werden, seim drei Dinge erforderlich: Stamme, Stimme und wiederum Sfimme. Sie habm nicht bloß Stimme, sondernd auch eine herrliche Gestalt, ein entzückendes Ge­sicht enfin. Sie sind jung und willensstark, u:id so besitzm Sie ja alles."

(Fortsetzung folgt.)

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