51 . Jahrgang.
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N-. 68.
Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Dienstag, den 10. Februar. Redaktions-Fernsprecher No. 82 . 1903.
Abend-Ausgabe.
Politische Geständnisse.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unterm i{7. Februar:
Was sie ehedem immer aufs entschiedenste bestritten, haben Mr. Chamberlain und Lord Cranborne endlich ringestanden. Nicht nur die Presse anderer Länder, sondern auch einige englische Blätter, die die Wahrheit nicht scheuen, selbst wenn sie „unangenehm" ist, haben ungeachtet aller offiziellen Proteste stets behauptet, daß die Verwüstung, die das britische Heer im Transvaal und in dem ehemaligen Oranjefreistaat anrichtete, ungleich größer war als das über den Gegenstand s. Zt. veröffentlichte Blaubuch die Welt glauben machen wollte. ,Die Jingo-Presse behauptete immer steif und fest, daß wie etwa 600 Farmen, die in jenem Buche, als aus strategischen Gründen niedergebrannt, aufgeführt waren, iden ganzen Umfang des angerichteten Unheils darstellten, und erst als ein Korrespondent der „Daily Mail" aus Südafrika ein wahres Schauergemälde von den fürchterlichen Verheerungen heimsandte, die das „siegreiche" Heer Gei seinen vergeblichen Versuchen anrichtete, die Buren zum bedingungslosen Ergeben zu zwingen, begann die Wahrheit in denjenigen Jingo-Dickschädeln zu dämmern, die sich ihr aus „patriotischen" Gründen nicht absichtlich verschlossen. Mr. Chamberlain sah inzwischen einen kleinen Teil seines Werkes mit den eignen Augen. Viele Hundert Meilen lang war der Weg, den er zurücklegte, und wo er, von den besuchten Städten abgesehen, nichts als rauchgeschwärzte Ruinen erblickte. Wohl oder übel mußte er zugeben, sich das Bild nicht ganz so grauenhaft gedacht zu haben, aber in der ihm eignen plumpen Weise suchte er die Schuld jenem heroischen .Bauernvölkchen aufzuladen, dessen Vertretern er unlängst Vorwürfe machte, weil sie sich England gegenüber nicht dankbar geirug für die der ruinierten und beraubten Nation gemachten Gnadengeschenke erwiesen. Auf eine von dem Rate der Stadt Bloemfontein ihm überreichten Adresse erwiderte er unter anderm: „Die Kriegsver- heerungen sind wider Erwarten große, und wie ich fand, bedeutendere, als man in England ahnt. Wenn die Feindseligkeiten indes nach der Einnahme von Pretoria eingestellt worden wären, hätten die beiden Kolonieen sich neun Zehntel des Schadens erspart." — Warum wurde aber damals nicht Friede geschlossen? Einfach, weil Mr. Chamberlain an jener ruchlosen Bedingung des tönditionslosen Ergebens noch über Jahr und Tag nach jenem Ereignis festhielt. Schließlich mußte er sie ja aber doch aufgeben. Hätte er den Buren nach dem Falle Pretorias die vorjährigen Zugeständnisse gemacht, so würden sie höchst wahrscheinlich ohne weiteres die Waffen ,riedergelegt haben, zwanzigtausend Leichen-
Dlcktor Mollinar und smw Schülerin.
Roman von Arthur Aeroctt.
„Klagen, nichts als Klagen! Bittchriften, nichts als Bittchriften! Ae traurigen Geschäfte — und man beneidet uns noch !" Direktor Wöhrmann tat einen Seufzer, als er diese Worte seines Lieblingsdichters vor sich hinmurmelte. Er schob einen Berg von Akten und Schriften mit der runden Hand von sich und stand einen Augenblick vom Schreibtisch auf.
„lind man beneidet uns noch! Wer hätte es auch besser auf der großen Gotteswelt als solch ein Schulmeister! Der gibt seine paar Stunden wöchentlich, und fcte übrige Zeit ist er vogelfrei. Und dann diese Ferien! Da ruht er aus von diesem anstrengenden Nichtstun und sonnt sich nach Herzenslust. Ja, diese goldenen Ferien, für einen Schuldirektor!"
Und Herr Wöhrmann erstickte einen Fluch, wie er es manches Mal tun mußte in der ersten Klasse seiner Töchterschule, und ging mit schleppendem Schritt durch das Mrektorzimmer, um dessen Behaglichkeit ihn mancher Amtsgcnosse beneidet hätte.
„Da sitze ich nun über Büchern und Papieren tagaus tagein und lese Klagen tiefverletzter Mütter, empörter Vater, daß ihre hochbegabte Tochter sitzen geblieben, lediglich durch die Bosheit des Klassenlehrers, da schreibe ich Stundenpläne, die mir den sicheren Zorn aller meiner Lehrer und Lehrerinnen eintragen, da soll ich mir den Vertreter für den Professor, der in Italien den Winter über Kunststudien macht, und für die erste Lehrerin, die in Paris ihr Französisch auffnscht, aus der Erde stampfen. Das gnädige Ministerium hat nach monatc- langem Hin- und Herschreiben geruht, mir hierin un- umschränkte Vollmacht zu geben."
Das Eintreten des Schuldieners unterbrach seinen Monolog. Er übereicht einen Brief, und der Direktor öffnete ihn sofort:
„Da haben wir's! Richtig wieder Herr Doktor
begängnisse aus den Konzentrationslagern wären vermieden und zahllose Heimstätten nicht in Aschenhaufen verwandelt worden. Nach Mr. Chamberlain sind die Buren an allem Schuld, was ihm aber in Wirklichkeit selbst kein Jingo glauben wird, wie albern er sich auch immer stellen mag. Josef hat sich offenbar in Bloemfontein verplappert, doch dafür ist er auch kein Diplomat, oder wenigstens nur einer der Birminghamer Schule. Vorzuwerfen haben ihm feine Kollegen in dieser Beziehung freilich nichts, denn Lord Cranborne z. B. hat erst neulich wieder die Katze in der ungeschicktesten Weise aus den: Sack gelassen. Gelegentlich einer öffentlichen Rede, bei der ihm die unangenehme Aufgabe zufiel, die Regierung ihres Vorgehens gegen Venezuela wegen zu verteidigen, sagte er, daß wenn England zum „Schutze der südafrikanischen Millionäre" einen großen Krieg mit voller Zustimmung der Station führte, dieselbe doch gewiß nichts dagegen haben könnte, wenn es den Fischern von Trinidad zu Hilfe eilte. Nun fehlte nur noch, daß Mr. Chamberlain einmal bei irgend einer Gelegenheit die s. Zt. unterdrückten Hawksley-Depeschen aus Versehen öffenüich verlese, oder der Geist des Mr. Cecil Rhodos im britischen Kolonialamt zu spuken begänne. Aber einen patriotischen Jingo würde vielleicht selbst das nicht irre an der Gerechtigkeit der Sache Englands in Südafrika machen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 9. Februar.
Nach Erledigung einiger Rechnnngssachen setzt das Haus die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern, Titel Staatssekretär, fort. — Abg. Oertel jkons.) verlangt nicht nur Lohnarbeiter-Schutz, sondern auch Mittelstand-Schutz und vor cillem Schutz des Handwerks. Er und ein Teil seiner Freunde hielten den Befähigungs- Nachweis für das ganze Handwerk für geboten, aber er gebe zu, daß diese Frage strittig sei. Erforderlich sei dagegen der Befähigungs-Nachweis für das Baugewerbe. Warum geschehe hierin noch immer nichts? Zu wünschen sei, daß man die kleinen Mittelstand-Existenzen mehr aufmerksam mache auf die Zulässigkeit der Selbstversicherung im Jnvaliditüts-Versicherungsgesetz. — Staatssekretär Posadowsky teilt mit, daß die Regierung damit beschäftigt sei, die Vorschriften über die Konfektions-Industrie auch auszudehnen auf die Maß-Werkstätten. Die Forderung in der Resolution Heyl, in Bezug auf die jugendlichen Arbeiter die Mitgabe von Arbeit ins Haus zu verbieten, sei undurchführbar, weil unkontrollierbar. (Widerspruch.) Was den Befähigungs- Nachweis für das Baugewerbe anlauge, so seien von der Regierung Fragebogen ausgcsandt worden an die Innungen. Beim Zurückkvmmen dieser Bogen habe sich gezeigt, daß dieselben nach einem Schema beantwortet seien, welches der Jnnnngsverband des deutschen Baugewerbes den Innungen geschickt gehabt habe. (Hört!
Mollinar! Seine unerbittliche Strenge, das arme Kind! Es träumt sogar des Nachts von ihm! Es ist wunderbar, daß gerade die tüchtigsten Lehrer sich der geringsten Gunst bei den Eltern erfreuen! Das wäre nun heute schon die zloeite Klage über Herrn Mollinar! Und dabei schwärmt die ganze erste Klasse für ihn, trotz seiner Strenge! Es ist gut, Heinke, Sie können gehen und die Sachen da gleich mitnehmen!"
Der Schuldiener hatte sich entfernt, und der Direktor war an seinen Schreibtisch zurückgekehrt. Da raschelte und zischelte es mit einem Mal vom Korridor her unten durch die Ritze der Tür hindurch. Das Stück eines größeren, rosafarbenen Papiers wurde auf demFußboden sichtbar, irgend eine Reklame oder Anpreisung, tvie sie ihm oft in sein Amtszimmer geschmuggelt wurden. Und doch erhob sich der Direktor, inmmiten der trockenen Arbeit sehnte sich sein Geist nach irgend einer Abwechselung, war sie auch noch so geringfügig. Er hatte das rosa Papier ganz in das Zimmer gezogen, ein riesiger Zettel lag vor ihm, und er las:
„Cirkus Brotti-Wellhoff. In dem neuerbauten, prächtigen Cirkus vor dem Berliner Tor. Große brillante Eröffnungsvorstellung. Aus dem reichen Programm sind besonders hervorzuheben: zwölf schwarze Araber-
Hengste in Freiheit dressiert, vorgeführt von, Direktor Wellhoff. Miß Amanda, Schulreiterin. Franyois, Clown und Schlangenmensch" :c. :c. Dann aber inmitten eines mächtigen vielverschnörkelten Rahmms, auf den bereits gedruckte Fingerzeige hinwiesen wie auf etwas Hervorragendes: „Auftreten von Miß Ellida Koralli auf ihrer Schimmelstute Diana, die größte Parfocereiterin des Kontinents."
Der Direktor hatte das Haupt in die Hand gestützt. Wo waren die Zeiten geblieben, wo solch ein Zettel mit seinen prahlerischen Ankündigungen ihn wie die Verheißung eines Paradieses anmutete, wo er Abend für Abend um das rohe Leinewandzelt, das vor dem Tore seiner kleinen Vaterstadt für einige Tage ausgeschlagen war, mit schnsuchtshcißem Herzen herumgeschlickjen und
Hort!) Das sei nicht der Zweck der Rückfrage gewesen. Die Zunahme der Unfälle in der Landwirtschaft sei zum großen Teil jedoch dadurch bedingt, daß der Gebrauch der Maschinen in der Landwirtschaft zunehme. Was das Handwerk anlauge, so sei demselben nur dadurch zu helfen, daß man die Bildung der Handwerker hebe, ferner dadurch, daß sich der moderne Handwerker gemeinsam mit seinesgleichen billige Kräfte verschaffe, wie er es z. B. bei den Uhrenfabriken in Genf und bei der Holzbearbeitung in Rotheburg a. d. Tauber gesehen habe. Was den unlauteren Wettbewerb anlange, so könne er, der Staatssekretär, versichern, daß angeorönet sei, das bestehende Gesetz möglichst scharf auszuführen. — Abg. Heyl v. Herrnsheim jnat.-lib.) empfiehlt die von ihm beantragte Resolution nnd polemisiert dann gegen die sozialdemokratische Auffassung, daß die ganze sozialpolitische Gesetzgebung überhaupt nur unmittelbar auf das Drängen der Sozialdemokraten von den bürgerlichen Parteien in die Wege geleitet worden sei. — Abg. C r ü g e r (freis. Volksp.) geht auf die Frage der Arbeits- lvsen-Bersicheruüg stn. Es verbiete sich, dieselbe auf den Gewerkschaften auszubauen, wie dies Abg. Wurm verlangt habe, denn die Gewerkschaften seien eine Kampf- Organisation. Den Befähigungs-Nachweis allgemein einzuführen, gehe keincnfalls an. Redner verbreitet sich dann sehr ausführlich über die bundesrätlichcn Vorschriften wegen der Ruhezeit im Gastwirts-Gewerbe. In allererster Reihe sei die 24-stündige Ruhezeit abänderungsbedürftig. Die Resolution Rösicke sei an sich zu billigen, werde aber überholt durch die Resolution Gröber. Den allgemeinen Maximal-Arbeitstag hielten seine Freunde für undurchführbar. Dagegen stünden sie auf dem Standpunkt, daß der sanitäre Maximal-Arbeits- tag überall da, wo die Verhältnisse in einem Gewerbe dies ratsam erscheinen ließen, durchführbar wäre. Vor allem müsse nach dem Satz: Gleiches Recht für alle, den Arbeitern volles Koalitionsrecht gewährt werden. — Abg. Freiherr v. Nicht Hofen fkons.) erklärt, daß der Antrag v. Heyl die volle Sympathie seiner Freunde habe. — Abg. v. S a l i s ch (kons.) erhebt Bedenken, daß die Genesungsheime zum Teil etwas zu luxuriös ausgestattet würden. — Morgen 1 Uhr: Interpellation Nitzler betreffs Beihilfe an die Kriegs-Veteranen und Fortsetzung der Etats-Beratung. — Schluß 5 % Uhr.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 9. Februar.
Im Abgeorduetenhause wurde heute der Gesetzentwurf, betreffend Erweiterung des Stadtkreises Münster, debattelvs in dritter Lesung angenommen und alsdann die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern beim Ausgabetitel landrätliche Behörden fortgesetzt. — Die dänischen Abgg. Nielsen und Haussen brachten eine Reihe von Beschwerden über Unter-
dem Odysseus kein lLirenengang so süß klingen konnte, tvie ihm die schallende Blechmusik, die aus dem matt- erleuchteten Innern klang, der knatternde Peitschenknall, der -sie begleitete? Ja,wo waren die Zeiten geblieben? Er mochte sie heute kindlich nennen, kindisch vielleicht, schön waren sie doch gewesen. Denn was macht das Schöne dieses Lebens aus? Das bißchen Poesie, das seinen Ernst erhellt, die Träume, die wir träumen in- niitten seiner grauen Alltäglichkeit. Und Poesie und Träume, wo waren die geblieben in seinem einförmigen Leben, seinem nüchternen Beruf, wie schnell war er alt geworden und praktisch und traumlos.
„Cirkus Brotti-Wellhoff", las er noch einmal. Es war kein Cirkus wie dereinst in seiner Vaterstadt — Schmolinsky hieß er — er kannte den Namen noch ganz genau. Es tvar ein bedeutender Cirkus, dem ein Ruf voranging, in manchen seiner Bekanntenkreise freute man fick, auf seinen Besuch. Er begriff diese Freude bereits nicht. Was hätte er jetzt wohl noch in einem Cirkus gesollt? Er hatte Stundenpläne zu machen und Unterricht zu erteilen. Und der Traum der Kindheit war längst verflogen, und eifriger als zuvor arbeitete der Direktor an seinem Schreibtisch.
Da klopfte cs an die Tür. Unwillig fuhr er von seinen Büchern auf. „Die Sprechstunde ist längst vorüber, jetzt wenigstens sollte man mir Ruhe gönnen!"
Aber noch einmal klopfte es, schneller und härter als das erste Mal. Nun, so pocht wenigstens keine Mutter! Und der Direktor rief ein kurzes „Herein!"
Lautlos tvard die Tür geöffnet, ein Herr stand vor ihm, so plötzlich, daß der Direktor nicht begriff, wie er so schnell und leise die beträchtliche Entfernung vom Eingang bis zum Schreibtisch durchmessen hatte, wie ein Pfeil war er durch die große Stube geschnellt. Es war ein kleiner Mann mit einer anffallendbreiten Krawatte, in der eine Shlipsnadel mit einem . mächtigen Stein funkelte, der echt zu sein schien, und mit sehr weiten, grau und schwarz karrierten Beinkleidern, aus denen ein kleiner Fuß in lackierteni Schnürstiefel sich hervorwagte.
