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51 . Jahrgang.
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|b. 66 . Verlags-Fernsprecher No.
Montag» den 9. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe-
Kismarck und Delbrück.
Mt dem am 1. Februar 1903 im 86. Lebensjahr dahingeschiedenen ersten Präsidenten des deutschen Reichskanzleramts, M. Fr. R. Delbrück, ist der zweite verdienstvollste Staatsmann, welcher an der Gründung und am Ausbau des neuen Deutschen Reichs in hervorragendster Weise beteiligt war, dem deutschen Volke entrissen worden. Neben Bismarck, dem Politiker, und Delbrück, dem Volks- -wirt und Verwaltungsmann, stand als dritter größter Mitbegründer des Reiches der Feldherr Moltke und über !diesem Dreigestirn erhob sich als tatkräftigees, weises und ! wohlwollendes Oberhaupt des Reiches der unentbehrliche Monarch Kaiser Wilhelm, der diese drei großen jMänner als treueste Diener frei nebeneinander schassen >und walten und das neue Reich regieren ließ. Die Zeit, sin der die beiden Staatsmänner Bismarck und Delbrück leinträchtig nebeneinander wirkten, waren für beide und auch für Preußen und Deutschland wohl die glücklichste ;Zcit des Keimens und Werdens eines neuen Staats- und !VolkskörPers. Tie politische Kluft, welche den Norden von dem Süden Deutschlands trennte, wurde besonders durch Delbrücks Verdienst überbrückt. Aus dem deutschen Zollverein, welcher als freier innerer Markt und materielles Band die deutschen Stämme auf die Einigung am wirksamsten vorbereitet hatte, wurde zuerst das Zollparlament und dann das Deutsche Reich geschaffen. Der Zollverein mit seiner wirtschaftlich unlösbaren Verenigung der deutschen Stämme im Norden und Süden war die Wiege des Deutschen Reiches, und gerade um die Verwaltung und glückliche Fortentwickelung des Zollvereins und um die liberalen deutschen Handelsverträge mit Frankreich, England, Österreich, Italien und der Schweiz chatte sich Delbrück die größten Verdienste erworben. Delbrück war ihr eigentlicher Schöpfer. Bismarck, dessen ^größtes staatsmännisches Verdienst gerade das Bestreben war, weder Österreich noch den Süden Deutschlands durch Pen unvermeidlich gewordenen Brriderkrieg zu verkleinern und tödlich zu verletzen, sondern vielmehr zu versöhnm, hielt gerade Delbrück für besonders geeignet, nach den Siegen über Frankreich nunmehr mich die Verhandlungen imit Süddeutschland über die politische Einigung mit dem Norddeutschen Bunde zu führen. Delbrück, welcher den Zollverein trotz des liberum veto jedes einzelne,: ae- sieiligten Staates mit kluger Schonung der Selbständigkeit der Einzelstaaten vorwärts gebracht hatte, führte ;auch die Verhandlungen zuerst mit Bayern in München lzu einem glücklichen Ende.
Delbrück erwies sich auch bei dem weiteren volkswirtschaftlichen Ausbau des Deutschen Reiches als bester Berater des eisernen Reichskanzlers. Bismarcks glück
lichste Regierungsperiode war die Zeit von 1866 bis 1876, als er mit Delbrück und mit der dainals größten nationalliberalen Partei alle die großen Gesetze durchführte, welche den Verkehr :,nd das ganze Erwerbsleben des deutschen Volkes im inneren und nach autzei: befreiten durch Einführung der Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, durch das Unterstützungswohnsitzgesetz, durch die Reform des Münz-, Maß- und Gewichtswefens und durch zahlreiche andere Erleichterungen. Bismarck war an, größten, als er im Vollgefühl seiner diplomatischen und politischen Schaffenskraft zugleich demütig blieb und im Parlament neidlos erklären konnte, daß man sich in volkswirtschaftlichen Fragen an Delbrück wenden möge. Als nun aber Delbrück am 25. April 1876 unerwartet auf sein Ansuchen in den Ruhestand trat, erklärte Bismarck, der ihn früher seinen Gneisenau geirannt hatte, u. a.: „Minister Delbrück, wie Ihnen allen bekannt ist, hatte in allen Fällen den Mut seiner Dkeinung und verschwieg sie nicht. Wir sind oft verschiedener Ansicht gewesen, und da es sich meist um Dinge handelte, die er besser verstand als ich, so bin ich sehr oft in der Lage gewesen, seiner besseren Einsicht nachzugeben. Ich habe mit ihm 25 Jahre gemeinschaftlich gearbeitet und 10 Fahre lang im kollegialischen Verhältnis. Er wußte, daß jede, auch die bedeutendste Frage von mir eher vertagt werden würde, als daß ich sie zum Anlaß seines Rücktrittes hätte werden lassen" ec. Bekanntlich war es die Reichseisenbahnfrage, worüber Bismarck und Delbrück damals verschiedener Ansicht waren. Diese politisch immer noch zweifelhafte Frage: „ob die Einzelstaaten auch ihr ganzes Eisenbahnwesen an das Reich abtreten sollen?" war im Jahre 1876 mindestens noch verfrüht. Ter im alten Zollvereinsdienst geschrttte Delbrück hielt dies fiir bedenklich. Bismarck trennte sich von seinem bisher treuesten volkswirtschaftlichen Berater und es scheint fast, als habe Bismarck mit Delbrück auch seinen grtten Stern damals verlöre,:. Er konnte weder die Reichseisenbahnen, noch das Tabaksmonopol durchsetzen. Das Abweichen von Delbrücks Handelspolitik durch den Zolltarifentwurf des Jahres 1879 führte zum Zollkrieg mit Rußland, Spanien und anderen Staaten, dem erst die Caprivischen Handelsverträge ein Ende bereiteten. Über die neueste Wendung der deutschen Zollpolitik wird erst die Zukunft ein unparteiisches Urteil fällen. Jedenfalls war die Zeit von 1866—1876, in welcher Bismarck und Delbrück einmütig zusammenwirkten, diejenige Periode der deutschen Geschichte, in welcher das deutsche Volk die größte volkswirtschaftliche Blüte entfaltete, wo die rascheste Zunahme der Sparkasseneinlagen und die höchste Steigerung der Löhne und die Entfaltung der höchsten produktive,: Tätigkeit, sowie eine seltene Erhöhung des Verbrauchs auch in der Arbeiterklasse statistisch nachweisbar statt- gestruden hat.
Delbrücks Braut war sein Vaterland, solange er organisatorisch wirken konnte. Erst im Jahre 1875 hat
er sich verheiratet und in der Ehe ein glückliches Alter erreicht. Delbrück hat ebenso wie Bismarck bittere Enttäuschungen, aber noch viel größere Erfolge erlebt, und die unparteiische Geschichtschreibung und unverfälschte Statistik wird seine Leistung«: wahrscheinlich höher schätzen als die Gegenwart.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 7. Februar.
Auf der Tagesordnung steht der Spezial-Etat des Reichsamts des Innern, Besoldungstitel: Staatssekretär. Hierzu liegt eine Resolution des Abgeordneten Heyl non Herrnsheim und Genossen vor auf Abänderung der Gewerbeordnung in folgenden Punkten: 1. Die Grenze fiir das Schutzalter, innerhalb dessen die Beschäftigung jugendlicher Personen männlichen Geschlechts in der Fabrik 10 Stunden pro Tag nicht überschreiten darf, vom vollendeten 16. auf das vollendete 18. Lebensjahr zu erhöhen, 2. für Arbeiterinnen über 18 Jahre statt bisher über 16 Jahre das tägliche Arbeits-Maximum von 11 auf 10 Stunden, sowie an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage von 10 auf 8 Stunden herabzusetzen, 3. in einem neuen § 187 a zu bestimmen, daß jugendlichen Arbeitern beiderlei Geschlechts Arbeit nach Hause nicht mitgegeben werden darf. Ausnahmen hiervon sollen vom Bundesrat für bestimmte Zweige der Industrie zugelassen werden können. Ferner liegt noch eine von den Sozialdemokraten Albrecht und Genossen beantragte Resolution vor, welche bezweckt, die Arbeitsaussicht über Einhaltung der Sonntagsruhe und der sonstigen Arbeiterschutz-Vorschriften anderweit zu organisieren. An Stelle der Polizeibehörde und der einzelstaatlichen Aufsichtsbeamten soll eine Reichs-Central-Aufsichtsbehörde treten mit von ihr angestellten Reichsaufsichtsbeamten, letztere nach Jnspektionsbezirken gegliedert. Ferner wünscht die Resolution eine Gesetzesvorlagc behufs eines Maximal-Arbeitstages von vorlänsig 10 Stunden, die später innerhalb gesetzlicher Fristen auf 8 herabzusetzen seien. — Präsident Graf B a l l e st r e m erklärt vor Eintritt in die Tagesordnung, die von ihm im Dezember für notwendig gehaltenen und angeordnetcn Verkchrs- beschränkungen habe er im vorigen Monat suspensiert. Erst im Falle aberinaligen Erfordernisses sollen dieselben wieder in Kraft treten. — Auf Vorschlag des Präsidenten, dem das-Haus zustimmt, soll sich die Debatte beim Titel Staatssekretär zunächst nur auf sozialpolitische Gegenstände erstrecken. — Abg. Trimborn (Eentr.) drückt seine Genugtuung darüber aus, daß es beim Zolltarifgesetz seinen Freunden gelungen sei, eine erste Grundlage für die Witwen- und Waisenversorgung zu schaffen. Weiter drückt er seine Genugtuung aus über alles das, was seit Jahresfrist in sozialpolitischer Hinsicht geschehen, respektive vorbereitet sei. Redner geht dann auf die zur Beratung stehenden Resolutionen ein. Seine Freunde lenkten die Aufmerksamkeit der Negierung hauptsächlich auf den Punkt der Resolution Heyl, der den Fabrik
Dre Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
lSchluß.)
Fünfzehntes Kapitel.
Jenny war allein, und da sie gerade nichts anderes zu tun, hatte, kramte sie in ihrem Schreibtisch und las wieder einmal alte Briefe von den Ihren.
Wie doch jeder aus seiner Eigenart heraus geschrieben hatte!
Der gute Vater! Es war ihr noch jetzt leid, ihm Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben zu Hab«:.
„So sehr uns Deine solide Wahl erfreut, mein Töchterchen", schrieb er damals, „so beklage ich es doch innig, daß Du Dich nicht wenigstens zur Doktordissertation aufgefchwungen hast. Es wäre ^meinem Herzen eine Befriedigung gewesen, wenn Dein Studium einen regelrechte:: Abschluß damit gefunden hätte. Halb- heiten sind mir so in der Seele z:,wider. Mer Du bist glücklich, und das ist die Hauptsache. Wurdest Di: auch der Wissenschaft abtrünnig, so wirst Du Deinem Mann doch treu sein. Wir hören viel Lobenswertes von Hern: Ritter, so daß uns um Deine Zukunft nicht bange ist. Mit unserer Einwilligung hielten lvir daher ja a:rch nicht Zurück, obgleich es mich schmerzt, daß Du ohne uns in Paris zum Traualtar gehen willst. Ritter kann nicht, wie Du uns schreibst, aus seiner Arbeit heraus, und so nüissen wir uns bescheiden. Die gewünschten Papiere, die zu Deiner ehelichen Verbindung notwendig sind, füge sich hier bei. Nur eines möchte ich noch bemerken: ich finde, seit Tu uns verlassen hast, in Deinem Wesen etwas ^Schwankendes, Unsicheres, das mir an meiner energischen, selbständigen Tochter fremd ist. Dreimal in einem Jahr änderte sich die Basis Deines Lebens. Das bekümmert mich. Hoffentlich hast Di: nun den Grund gefunden, der Dein Lebensschifflein fest verankert. Doch ich will nicht schelten, sondern daran denken, daß ich ein alter Mann bin, der längst in den Hafen der Ruhe einlief, und daß
die Jugend nattrrgemäß strebt und irrt. Vielmehr will ich mich des Wiedersehens im nächsten Jahr, das ihr uns in Aussicht stellt, freuen. Und somit Gott befohlen, liebe Tochter. Dein treuer Vater."
Jenny strich nüt liebkoseirden Finger über das Papier hin. Sie kannte ja jede Zeile dieses Schreibens auswendig und las es doch immer wieder gern, mit etwas schlechtem Gewissen und außerordentlich glücklichem Herzen. Und dann lächelte sie und überflog auch zum so und so vielten Mal den Brief der Mutter.
„Ich kann es noch immer nicht fassen, mein Kind, daß Du Dich so weit vom Herkömmlichen loszusagen vermagst, um in einer fremden Stadt, in Abwesenheit Deiner Familie, einen uns fremden Mann zu heiraten. Es will mir nicht in den Kopf und ist mir, schon der hiesigen Bekannten wegen, ein großer Kummer. Wie sie sich darüber aufgeregt haben, kannst Du Dir denken. Schon als Tw vor einem halben Jahr Deine Verlobung mit Engler löstest, konnten sie sich nicht darüber beruhigen, und ich rnußte viele schadenfrohe und hämische Bemerkungen hören. Sie meinten alle. Du würdest auf der Stelle heimkehren, und auch ich erwartete das eigentlich. Nun aber zu dein Wichtigste::, zu Deiner Aussteuer! Ums Himmels willen Jenny, bist Du wirklich so emanzipiert, Dich mit de:: Kleinigkeiten zu begnügen, die Du Dir in Paris anschaffen willst? Ich meine, es ist das Recht jeder Mutter, ihrer Tochter in die Ehe mitzugeben, was sie für gut hält, und man beurteilt die Anständigkeit einer Familie nach der Mitgift der Kinder. Ich sorge nuch entsetzlich, daß Du ganz leichtfertig dabei zu Werke gehst, obgleich Dir eine auskömmliche Summe dazu durch den Bankier angewiesen werden wird. So etwas niinmt man nun heutzutage so leicht, und es kann doch nicht eingehend genug besprochen werden. Auch um Deinen Brautstaat mache ich mir Gedanken. Ich beschwöre Dich, Jenny, nimm wenigstens weiße Seide. So ist es bei uns üblich. Mag es kosten, was es will. Zu meiner Zeit strickten sich die jungen Mädchen ihre Ausstattungsstrümpfe übrigens selbst. Ich fürchte. Du hast Dir auch nicht
einen einzigen gestrickt. Das war nie Deine starke Seite, Nimm Mahagonimöbel: sie sind zwar teuer, aber haltbarer als Nutzbaum. Soll ich Dir Gardinen und Tischwäsche schicken?. Noch ist es Zeit. Wir schreiben natürlich noch zu Deinem Hochzeitstage. Inzwischen leb wohl, mein Sorgenkind. Es grüßt Dich
Deine Dich liebende Mutter."
Der brüderliche Privatdozent hatte nur ganz lakonisch geschrieben: „Wie es scheint, liebst Du den Wechsel,
Schwesterchen. Mer diesmal ist's mir recht: vor allen Dingen recht, daß Du den Gelehrfamkeitsfirlefanz über Bord geworfen hast. Ich habe große Achtung vor meinem künftigen Schwager, der dm Ruf eines tüchtigen Künstlers hat. Muß es denn schon ein Maler sein, so ist miv dieser lieber als der Windhund, mrf den Du zuerst Dein« Augen geworfer: hattest."
Im Moment war der jungen Frau das gute, alte, gelbe Haus mit seinen Bewohnern lebhaft gegenwärtig. Sie empfand fast ein wenig Heimweh danach, gedachte des Tages, an dem sie dort um ihr Recht auf Selbständig- keit gekämpft hatte. Die hatte sie nun freilich endgültig aufgegeben. Diese kleine Häuslichkeit in der Rue Lafayette war ihre Welt, in der sie nnt wohligem Behagen jeden Tag neu empfand, wie gut es sei, sich nicht mehr allein auf dem heißen Pariser Pflaster herumstoßen zu brauchen. Es lebte sich herrlich hier, sobald man die Erfolgsjägere: ausgegeben batte und im sichern Schutz stand, llm keinen Preis hätte sie in die engen, heimischen Verhältnisse zurückkehren mögen; aber einmal wieder da hineinsehn, als Gast, die lieben Ihrigen umarmen, ja, das wäre schön gewesen!
Während sie sich das noch ausmalte und nachdenklich den Kopf in die Hand stützte, kan: ihr Mann heim und rief gut gelaunt: „Was? Trübsal blasen?"
„O nein!" — Sie lachte und sagte dann, was sig gedacht habe.
„Di: verstehst zu leben!" neckte er. „Wenn Du gerade keine andre Unterhaltung hast, schaffst Du Dir schnell ein bißchen Sentimentalität. Geschwind, mach
