1. Beilage Min Wiestmüener Tagblatt.
Wo. 60 . Morgen-Arrsgabe.
Sonntag, den 8. Februar.
61. Jahrgang. 1903.
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J Glücklichmachcu ist da» höchste Glück. Aber auch dank- £ 5 bar empfangen ist ein Glück. L
« Tb. Fontane. h»
(17. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzühlt von Emil Jonas.
Elsa hatte einige Stunden geschlafen, als sie plötzlich von eineni Geräusch erweckt wurde. Sie starrte erschreckt nach der Türöffnung, in welcher eine brennende Öllampe sichtbar wurde und hinter dieser ein schmutziges, runzeliges Weibergesicht.
„Auf Signorina! hier ist ein Leutnant! ein Kavalier, der unerwartet nach der Stadt gekommen ist. Sie haben sein Zimmer inne!"
Elsa erhob sich schnell und eilte in das angrenzende Zimmer. Den Rest der Nacht brachte sie in dem Bett ihrer Pflegemutter, zu.
Am folgenden Morgen wurde die Reise fortgesetzt; sie ging durch das herrliche Kalabrien mit seinen wunderbar geformten, mit Weingärten bewachsenen Felsen.
Gegm Nachmittag gäangten sie nach Reggio, wo das Dampfschiff wartete, um sie nach Messina hinüber- zufiihrm. ©te Truppe lagerte auf dem Deck, und die Majorin schlug vor Entzücken die Hände zusammen.
„Elsa, sieh', doch umher, Kind, das ist das wahre Paradies!"
Hier gewahrten sie Kalabriens Küste mit den kleinen Fischerdörfern, zwischen welchen hier und dort ein fürstlicher Marmorpalast hervorschimmerte. Dort blaugraue Olivenhaine, gebapet in Sonnenlicht und mitten vor ihnen Sicilien, auf das die Natur alle seine herrlichsten Schätze ausgestreut hatte.
Dort lag Messina in einem halbmondförmigen Zirkel auf dem Abhang der Berge, umringt von einer staken Wache von kegelförmigen Felscnspitzen. Im Hafen war ein ununterbrochenes Gewimmel von Booten und Schiffen, von welchen herab die Flaggen aller Nationen die gelobte Insel der Früchte und des Weines begrüßten.
Welch' Gewirr von Menschen dort unten am Molo! Gruppen von elegant gekleideten Herren, die neugierig auf die sehnsuchtsvoll erwartete Operngesellschaft harrten, sowie eine Menge Träger und Straßenjungen, welche nach einem Verdienst umschauten. Sowie Passagiere ans Land stiegen, wurden sie von der schreienden Menge rnit ausgeftreckten Händen bestürmt. Alle Körbe mit Hüten, Hrmdm, Meerkatzen und Vögeln, sowie anderen Reiseeffekten wurden ihnen förmlich entrissen. Dann fuhr der Omnibus mit ihnen durch eine enge schmutzige Straße und über einen offenen Platz nach dem besten Hotel der Stadt. Dort nahmen die vornehmsten .Künstler Logis, während die übrigen in den verschiedensten Seitengassen verschwanden.
Elsa und die Majorin bekamen zwei hohe und reich- dekorierte Zimmer mit Aussicht auf das gegenüberliegende Theater. Aber sie hörten nur zu bald, daß die Preise noch einmal so teuer seien, als der Impresario ihnen in Mailand angegeben hatte.
Um die Mittagsstunde kamen sie wieder mit dm beiden Wimerinnen zusammen.
Sie traten in einm langen Speisesaal, wo alle Reisen- dm an einem gemeinsamm Tische saßm.
Man sah eine Mmge Offiziere, die hier in Gamison lagen, und Geschäftsleute aus verschiedenen Ländern. Signorina Jakobi war wie zum Feste geschmückt, sie trug ein rotes seidenes Kleid, besetzt mit spanischen Spitzm. Sie wurde sofort mit der ganzm anwesmdm Gesellschaft bekannt und plauderte mit einer Unge- zwungenheit. als ob sie ulte Bekannte wärm. Elsa wiederum fühlte sich sehr ermüdet und öffnete kaum den Mund. Es war in dm Blickm, dem Lächeln und der freien Ausdrucksweise aller dieser Männer etwas, als glaubten sie mit diesm Damen, auf eine ganz andere Weise, als mit Damm ihrer eigenm Gesellschaft, Verkehren zu dürfen. Die Wiener Sängerinnen rechtfertigten übrigms diesm Glaubm vollkommen, aber Elsa fühlte sich peinlich berührt!
Signorina Jakobi klagte während der ganzm Mahl- zeit über das Essm, und da der Wein ihrem Geschmack nicht mtsprach, goß sie dm Inhalt ihres Glases über den Fußboden.
Am untersten Ende des Tisches saß ein junger Offizier mit braunem, spitzm Schnurrbart und ein Paar dunklm, funkelnden Augen. Er saß zu entfemt, um mit dm Damm sprechm zu könnm, aber sein Blick wich nicht von Elsas Gesicht und es wurde ihr schließlich so peinlich, daß sie sich erhob und zum Saal hinausging, gefolgt von ihrer Pflegemutter. „Bellissima", flüsterte der Offizier, als sie an ihni vorbeischritt.
„Ter Unverschämte!" rief Elsa auf Schwedisch. „Es ist das erste und das lcchte Mal, daß wir hier untm essen. Es ist geradezu widerlich mit solchem Pack zusammen am Tisch zu sitzen."
Vor dem Speisesaal befand sich die Garderobe. Hier wartete Signorina Bartoldi, die Pfandleiherin. Sie wohnten in einem kleinm Hotel erzählte sie, und ihre Schülerin habe sich bereits zu Bett gelegt. „Aber ich wollte nur hierher gehm, um Sie zu warum: es ist
Revolution in der Luft. Ich erfuhr es von einem Neffen, der hier Musikalienhändler ist. Wir müssen uns auf die schlimmsten Skandale vorbereitm."
„Aber was in aller Welt ist geschehen?" rief Elsa, ganz erschreckt von der unglückver'heißmdm Mime der Signora.
„Vmturelli hat das Theater dadurch an sich zu reißm gewußt, daß er dm anderm Impresario unterboten hat. Messina pflegt stets hundertwusmd Lire an die Oper auszuzahlm, aber jetzt nach der Cholera-Epidemie ist die Stadt so verarmt, daß der Magistrat nicht mehr als zwanzigtausmd Lire versprechen konnte. Vmturelli ist auf diese Bedingung eingegangen, obgleich er weiß, daß es unmöglich ist, das Unternehmm mit einer so geringen Summe in Gang zu setzen. DaS Ganze ist also ein reiner Schwindel; er wird uns alle bestehlen und schließlich Bankerott machen. Der andere Impresario hat natürlich geschworen, daß die ganze Tmppe ausgepfiffm werden soll; das Publikum ist in zwei Parteim geteilt. Sie können mir glaubm, das wird lustig werden. Aber gute Nacht, meine Damen! Wir treffen uns morgen" — und damit eilte sie in dm Speisesaal, um die Geschichte weiter zu tragen.
Elsa wollte ganz verzweifeln, und als sie die Nachricht der Majorin iibersetzte, behauptete diese, daß sie dm Boden unter ihrm Füßen wanken fühle.
Am nächstm Tage begannm die Proben. Die Bühne war erlmchtet mit zwei Lampm, sonst war e£ im Theater ganz finster. Es herrschte ein unaufhörliches Kommen und Gehm. Die Agmtm hatten die Erlaubnis, dm Probm beizuwohnen, und sie gaben bereits jetzt ihr Urteil ab. Man probierte die „Hugenotten". Signora Jakobi, welckje die Partie der Margarethe von Valois sang, führte ihre Triller mit der überlegenen Ruhe einer Königin, mit der ganzm Sicherheit einer stegesgewohntm Primadonna aus. Aber als sie dis höheren Kordm anschlug, wurde der Ton dünn und farblos.
„Fi done!" rief man untm im Parkett. Man sprach laut, lachte und pfiff: nur Elsa applaudierte man und rief: „Bravissimo, bella Valentina!"
Hierüber wurde die Wienerin so erbittert, daß sie von dem Augmblick an sich absichtlich von Elsa femhielt und kaum grüßte, wenn sie sich begegneten.
Der Tenor war mager, blaß und sah aus, als hätte er die Drüsmkrankheit; die kleine viereckige Nase funkelte rot unter den blauen, wässerigen Augen. Er litt stets an Schnupfen, die Stimme aber war hell und klar, wenn auch nicht ausdauernd, und ohne dramatischen Ausdmck; auch er hörte Äußerungen des Mißfallens, was ihn gegen Elsa sehr aufbrachte. Sie war ja die einzige, welche Beifall gefunden hatte, daher mußten es ihre gutm Frmnde sein, welche die anderm Künstler stürzm wollten, um sie hervorzuhebcn.
Die Bühne selbst war ein gewöhnliches Empfangszimmer. Die vornehmsten Zeitungsredakteure wurdm dm Künstlern vorgestellt; inan ließ sich ^ längs den Coulissm nieder und sprach über alles Mögliche. Ein alter Hutmacher, einige junge Handelskommis und ein stutzerhafter Bankier umringten Elsa und bestürmtm sie mit Schmeicheleien; wohin sie sich wmdete, begegnete sie brennenden Blickm, hörte sie glühmde Worte.
Ter Bankier, Signor Mascaroni, war ein kleiner brünetter Herr von ungefähr, dreißig Jahren. Man sah nickt ein Fältchm, nicht ein Stäubchen an seiner ganzm Person, von den spitzm lackierten Schuhm bis zu dem glänzend pomadisierten Haar. . Die Augen waren zwei kleine mndglänzende Kugeln, in dem Lächeln lag etwas Kaltes, Mephistoähnliches, das sofort abstoßmd wirkte. Er drehte unaufhörlich seinen schwarzen Schnurr- bart, Wohl nur, um die Diamanten^ und die langen Nägel an seinm Fingem zu zeigen. Signor Mascaroni sprach fünf Sprachen, und da er hörte, daß die Majorin nicht italimisch verstehe, sprach er französisch, das er mit derselben Leichtigkeit, wie seine eigme Muttersprache beherrschte. Er kannte alle mropäischm Hauptstädte und die Fraum aller Länder. Das Gespräch berührte nur exotische Gegenstände. Die Pariserin sei kokett gegm den Mann, densie liebe, sie sei Schauspielerin bis zürn letztm Augmblick. Me Engländerin sei emst und lang- weilig. Das dmtsche Weib sei eine merkwürdige Zu- sammmsetzung von Romantik und Prosa, die Töchter Italiens seien fmrig für dm Augenblick, doch sie vergäßen rasch. Ader die skandinavische Frau, ach, das sei sein Ideal; die Vereinigung aller Vollkommenheiten!
(Fortsetzung folgt.)
J. Hertz, «uuWE 20 .
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