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Eette S. 7. Februar 1908. Wiesbareue» Lagdlatt (Morgen-Auszabe). Beriag; rra»8S«sse 27. 3*. Jayrzang. 68.

ziemlich trauriges Kennzeichen im Leben einesPräsidenten ist die Schwierigkeit, sich Freunde zu erwerben, weil un­vermeidlich nach Verlauf einer bestimmten Zeit jeder Freund denkt, daß eine Stellung da ist, die er gern haben möchte, und darum bittet; wenn dann der Präsident ab­lehnend antworten muß, hält er sich für beleidigt und verschwindet . . Diese Zeilen sind zwei Jahre vorher geschrieben, che RoosevÄt zur Macht berufen wurde. Jetzt muß er noch ganz andere Leiden kennen. So ist ihm, wie bei dieser Gelegenheit erwähnt wird, erst vor kurzem folgendes Mißgeschick passiert: Einem Blumen­händler in Washington gelang es vor etwa einem halben Jahre, eine prächtigerosa Rose" zu erzeugen, der er den Namen der anmutigen Tochter des Präsidenten gab, was zur größten Freuds des Blumenzüchters im Weißen Hause gut aufgenommen wurde. Aber eines Tages sah man in den Straßen Washingtons prächtige Wagen ver­kehren, die in großen farbigen Buchstaben die Aufschrift: Miß Alice Roosevelt" und in ganz kleinenUnsere neue Rose" trugen, dazu natürlich auch die Adresse des Hauses. Sofort gab es große Aufregung. Roosevelt sagte sich:Man wird nun glauben, daß meine Tochter einen Blumenladen eröffnet hat! . . . Das ist unmöglich!" Der Missetäter wurde gerufen, der Präsident hielt ihm eine kräftige Rede, und die Wagen mußten überstrichen werden. . . . Aber der Blumenzüchter hatte die ge­wünschte Reklame gehabt. Alice Roosevelt fall mit ihren Freundinnen über das Wenteuer gelacht und sich über die unzeitige Reklame nicht aufgeregt haben. Roosevelt beendet seinen Artikel folgendermaßen:Während der Präsident sich im Amt befindet, ist er eher versucht, nicht seine Tugenden, sondern seine Fehler zu übertreiben. Wenn er fortgeht, ist er ein einfacher Bürger wie die ge­wöhnlichen Bürger, und während einer gewissen Zeit wird die Bedeutung der Rolle, die er gespielt hat, nicht anerkannt. Die gute und gerechte Würdigung seines Werkes komnck erst nach mehreren Jahren . . . Zieht man alles in Betracht, so gibt es keine schwierigere und schwerer zu lösende Aufgabe als die dem Präsidenten der Vereinigten Staaten obliegende. Die Arbeit, die er leisten muß, ist schrecklich ; die Sorgen, die diese Arbeit zur Folge haben, sind unablässig und namenlos. Aber wenn der Mensch, am Ende seiner Arbeit angelangt, selbst fühlt, daß er seine Pflicht gut erfüllt, daß er auf hie beste Art die großen Probleme gelöst hat, denen er die Stirn bieten mußte, und daß er den Mechanismus der Regie­rungsmaschine der gewaltigen Republik in guter Ord­nung und in gutem Zustande erhalten hat, dann fühlt er die Befriedigung in dem Bewußtsein, eine der größten Aufgaben der Welt erfüllt zu haben, und dieses einfache Ergebnis ist die schönste aller Belohnungen."

Deutsches Deich.

* deutsche Kvlonieen. Geheimrat Professor Wohlt- mann in Bonn tritt die schon seit einiger Zeit projek­tierte Reise nach den Samoa-Inseln Ende dieses Monats an und beabsichtigt, dort sechs Wochen der Untersuchung der Inseln Upolu und Savoi zu widmen, um die kultur­fähigen Landflachen zu ermitteln und in ihrer Ausdeh­nung festzustellen. Die Reise geschieht auf Beranlaffung des kolonialwirtschaftlichen Comitds im Einvernehmen mit der kaiserlichen Regierung und Unterstützung der deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee­inseln, die auf den Samoa-Inseln umfangreiche Inter­essen und PflanzungSanlagen hat. Die bevorstehende Reise ist die siebte größere Uberseeretse, die Geheimrat Wohltmann zu wissenschaftlichen wie kulturfördernden Zwecken unternimmt. Bei seiner bekannten kolonialen Sachkenntnis darf man seiner Beurteilung der Verhält­nisse auf Samoa mit Spannung entgegensehen.

* Deutsche Flotte. Der Kaiser hat dem Reichstage, wie schon erwähnt, eine von ihm selbst gezeichnete, vom 10. Januar 1803 datierte Schiffstafel geschenkt. Die Tafel stellt dieGegenüberstellung der englischen und deutschen Linienschiffe, Panzerkreuzer und Panzerdeck­kreuzer, geeignet für die Front", dar. In Dienst ge­stellt sind in England 38, in Deutschland 8 Linienschiffe; in England 12, in Deutschland 2 Panzerkreuzer, in Eng­land 66, in Deutschland 12 Panzerdeckkreuzer. In Reserve stellen in England 7, in Deutschland 4 Linien­schiffe; in England 2, in Deutschland 0 Panzerkreuzer; in England 43, in Deutschland 5 Panzerdeckkreuzer, zu­sammen an Linienschiffen in England 42, in Deutsch­land 12, an Panzerkreuzern in England 14, in Deutsch­land 2, an Panzerdeckkreuzern in England 109, in Deutschland 17. Im Bau sind in England 12, in Deutsch­land 6 Linienschiffe; in England 20, in Deutschland 3 Panzerkreuzer; in England 8, in Deutschland 6 Panzer- öeckkreuzer.

Ausland.

Jean Jnnrds.

Kern Ereignis rn Frankreich hat m 'letzter Zeit solch allgerneines Aufsehen erregt, wie die glänzende, form­vollendete Rede des einflußreichen Vizepräsidenten der Deputiertenkammer, Jean Jauräs. Es dürste deshalb von Interesse sein, die allgemeine soziale Weltanschauung Jaurds' kennen zu lernen. Vor kurzem ist ein Werk aus seiner Feder erschienen, das unter dem Titel:Aus

Theorie und Praxis" (Berlin, Verlag der Sozialisüschen Monatshefte) in gemeinverständlicher Sprache die ^Be­schreibung des Sozialismus, seine Auffassung, seine Ddethode und sein Programm am Anfänge des 20. Jahr­hunderts enthält; der Verfasser will darin gut machen, was seine Führer und Vorgänger vor fünfzig Jahren gesündigt hatten, indem sie unsichere und unbestimmte Angaben über das Wesen und die Ziele des Sozialismus machten. Rach seiner Darstellung gebührt Marx der Ruhm, am klarsten und wirksamsten vorgegangen zu sein und mit dem Empirismus in der Arbeiterbewegung und der Utopie in der sozialisüschen Theorie aufgeräumt zu haben. Er war es, welcher den sozialisüschen Gedanken in das Proletarierleben brachte, doch ist Jaurds nicht gleicher Meinung mit Marx, Engels und Lassalle, daß das Proletariat erst durch die absolute Verelendung zur Befreiung gelangen müsse; er weist Engels nach, daß sein BuchDie Lage der arbeitenden Klassen in England" grobe, verhängnisvolle Jrrtümer enthalte. Nach Jaurds wird das Proletariat zur Macht gelangen, durch die methodische und legale Organisation seiner eigenen Kräfte unter dem Gesetz der Demokratie, sowie des allge- meinen Stimmrechts und nicht durch den Zusammen­bruch der kapitalistischen Bourgeoisie; er ist überzeugt, daß das Erstarken des Proletariats die kommunisüsche Ordnung ganz allmählich in unsere Gesellschaft einführen wird. Einige Kapitel beschäfügen sich auch mit Lieb­knecht; trotz großer Bewunderung für dessen unbeugsame Energie findet Jaurds viele Widersprüche in seinem Ge­dankengange, deren Wiedergabe in dem Rahmen einer kurzen Besprechung aber nicht auszuführen ift. _ Die weiteren Kapitel behandeln die Taktik, den Sozialismus und das Leben, sowie hauptsächlich das Wesen des Privateigentums, dem der Verfasser das soziale Eigen­tumsrecht gegenüberstellt; er wünscht für die französi­schen Lohnarbeiter die obligatorische Altersrente, welche unsere Arbeiter schon haben; er nimmt für sie das Recht in Anspruch, daß mittels einer obligatorischen Beitrags- leistung von Arbeitern und Unternehmern eine Pensions- kasse gegründet werde, was wir in unserer Invaliden- Versicherung schon besitzen und setzt dieses soziale Eigen­

tumsrecht dem Privateigentum gegenüber als jurisüsche

und formale Grundlage des ganzen Kvmmunismus. Die letzten Kapitel handeln über Privateigentum und Erb­recht; der Verfasser weist nach, daß der französische code civil nicht davor zurückgeschreckt ist, einen wesent­lichen Test des privaten Eigentums anzugreifen; wohl hat er dafür eine Entschädigung bereit, doch ist dies im Prinzip nichts anderes, als die sozialisüsche Verteilung. Jauräs sicht in den Handels- und noch mehr in den Aktiengesellschaften eine natürliche Entwickelung und Be­freiung des individuellen Eigentums zu Gunsten des kommunistischen Prinzips; nicht durch. Revolution, sondern durch Evolution wird das Proletariat zu seinem Rechte gelangen. Der Verfasser bespricht die wunder­liche Tatsache, daß das persönliche Eigentum nur Per einem Bankerott unter die Gesetze der Denwkratie fällt. Sofort nach Ausbruch des Konkurses bildet sich eins Gläubigerdemokratie. So greift das Gesetz der Majori­tät, das bei den Aktiengesellschaften den Normalzustand bedeutet, beim wirklichen persönlichen Eigentum nur in der Stunde des Zusammenbruches ein. Mag man sich zu der Schrift stellen, wie man will, jedenfalls ist es un- streitig ein großes Verdienst, die soziale Weltanschauung in gemeinverständlicher Weise dem Verständnis der Ge­bildeten und ihrer Poliük nahe gebracht zu haben.

* Schweden und Norwegen. Für die g e w er k s ch afr- liche Bewegung von allergrößter Wichtigkeit ist ei>> gesetzgeberischer Vorschlag, der jetzt an die zweite nor> wegische Kammer gelangt ist. In diesem Gesetzentwurf der Regierung wird derjenige mit Strafe bedroht, der jemand daran zu hindern sucht, irgend einen Berufs­verein zu gründen, daran teil zu nehmen oder durch Arbeitsvcrträge, Reglements und Kontrakte den Bei­tritt untersagt. Nebenher sollen noch Bestimmungen ein­geführt werden, die den Bcrufsvereinigungen, wenn sie sich in eine dazu bestimmte Liste eintragen lassen, gewisse Vorteile sichern, ihnen aber auch verschiedene Verpflich­tungen auferlegen, die nach Ansicht der Gewerkschafts­führer lähmend wirken müssen. Da die Eintragung nun fakultativ sein soll, so bleibt es jeder Organisation über­lassen, fortan als eintragender oder alsfreier" Berufs­verein zu wirken. Jedenfalls aber bedeutet der Ent­wurf eine wichttge Etappe des Fortschritts für die Arbeiterorganisation, weil er den Schutz der Koa­lition bringt.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 7. Februar.

Der städtische Haushaltsplan für 1803/04

gelangt soeben in einem 213 Druckseiten umfaflenden Bande an die Mitglieder der städtischen Körperschaften und die Preffe zur Verteilung. Es ist dies eigentlich erst der von dem Magistrat festgesetzte Entwurf, welcher noch der Zustimmung der Stadtverordnetenversamm­lung bedarf. Nach den Vorbemerkungen dazu hat die abgeschloffene Rechnung für 1901/02 einen verfügbaren Uberschuß von 284 771 Mk. 60 Pf. ergeben, welcher je zu? Hälfte dem Neupflasterungs- und dem Schulhausbam fvnds überwiesen wurde. Das Rechnungsjahr 1902/03' wird ebenfalls einen Uberschuß ergeben, der sich nach einer vorläufigen Übersicht über Einnahmen und Aus­gaben auf 146 931 Mk. berechnet. Bei der Steucrverwal- tung werden 133 000 Mk. Mehreinnahmen erwartet; da­von entfallen 110 000 Mk. auf die Umsatz- und 25 000 Mk. auf die direkte Gemeindesteuer. In dem Voranschlag für 1903 haben höhere Beträge für die allgemeine Ver­waltung und namentlich höhere Beträge an Beamten- pcnsionen vorgesehen werden müssen. Die Einnahmen aus der Grundbesitzvcrwaltung sind gegen das Vorjahr

kauern auf den Polstern, in irgend ein Buch, eine Schriftrolle vertieft, dem Schreiber diktieren sie Verträge, Urkunden, Briefe. In den Kaffeehäusern geht es sehr bunt und lebhaft zu. Mit untergeschlagenen Beinen sitzen hier die Araber umher, plaudern, spielen Schach, horchen dem Erzähler zu und tun Fragen an ihn. Die meisten der einheimischen und fremden Männer sind aber auf den freien Plätzen zu finden. Da hocken die Ver­käufer von Sesamkringeln, Broten und Backwerk längs der Häuser und Mauern, da kommen Wasserträger, den Henkelkrug auf dem Kopfe, zu den öffentlichen Brunnen, da stieben die Leute auseinander, wenn eine Karawane vorüberzieht, überall bilden sich Gruppen von prächtigen Arabergestalten in malerischer Gewandung, um zu feilschen, zu prüfen, zu handeln. Hier handelt es sich um einen gestickten Sattel, dort mustert das scharfe Auge Dolche und Damascenerklingen, dort untersucht ein Araber eine Flinte, die er kaufen möchte. Weiterhin findet man Teppiche, Stoffe zu Kleidern, feine Stickereien aller Art, Gürtel, Ringe, Ketten, Uhren und viele andere Gold- und Silbersachen. Zwischen den gravitätisch daher schreitenden Arabern schlüpfen die gewandten Gestalten der Wüste und der wilden Berge durch, überall beobach­tend und fixierend.

Hier, auf diesen Straßen und Plätzen, lernt der Fremde bas eigentliche orientalische Leb n am besten kennen und verstehen. Hier fühlt man sich in eine Welt versetzt, von der man sonst keine Ahnung hat. Die ver­schiedensten Bölkertypcn treten einem entgegen. Ein Gemisch von Raffen und Stämmen findet sich zusammen. Die Vewohner der Küsten, wie die der Wüste und der Berge, treffen sich hier, und man kann sich bei ihrem Anblick eine Vorstellung machen, welche seltsamen Volks­stämme Marokko in sich birgt. Auch die gegenwärtig im Aufstande gegen den Sultan sich befindenden Stämme derHiainos" zeigen sich gar oft in Marokkos Haupt­stadt. Gegenwärtig freilich meiden sie die Nähe der Hauptstadt; sie wollen vom Sultan nichts wiffen. Jüngst erst wurden die Dörfer derHiainos" von den Truppen des Sultans niebergebrannt. Aber auch andere Stämme halten zu denHiainos", und die Lage dürste für den Sultan noch recht ernst werben. Was die Zukunft für das im Aufruhr sich befindliche Marokko noch im Schoß birgt, kann heute niemand wissen. Nur das steht fest, daß dieses Land Marokko wohl noch nicht sobald aus seinen Wirren herauökommen und noch oft der Herd der Aufstände auch für die fernere Zeit bleiben wird.

Gin ^eformgefängm5.

New-Aork, Januar 1003.

Schon seit langen Jahren beschäftigen sich mehr oder weniger kompetente Persönlichkeiten mit der Frage, ob man die Verbrecher als schändliche Auswüchse der mensch­lichen Gesellschaft betrachten und als solche behandeln solle, oder aber als Kranke, die man durch geeignete Mittel zu heilen versuchen müsse. Der bekannte italieni­sche Gelehrte Lombroso tritt bekanntlich sehr lebhaft für die letztere Ansicht ein und meint, daß besonders jugend­liche Verbrecher keine Strafe erleiden dürfen, sondern nach und nach durch Beobachtung der richtigen Methoden auf den richtigen Weg zurückgebracht werden könnten. Wo dies nicht gelänge, sei eine Art geistiger Störung vorhanden, für die die davon Befallenen aber auch nicht in bisheriger Weise verantwortlich gemacht werden, son­dern eher gleich Irrsinnigen betrachtet werden sollten.

Bon menschenfreundlichen Gesinnungen sind ja der­artige Ideen entschieden diktiert, doch haben sie noch nicht allzu viele Anhänger gefunden, diejenigen, welche dabei vor allen in Frage kommen, die Änderungen in der bis- herigen Behandlung der Verbrecher herbcifüyren könn- ten, haben sich im allgemeinen noch nicht dazu bekehrt. In der alten Welt jedenfalls ist es bis jetzt zu einer prak- tischen Ausführung dieser Ansichten, so viel mir bekannt, nicht gekommen, in den Vereinigten Staaten ist dieselbe in demReformatorium" von Elmira angestrebt. Ob aber erreicht, ist eine andere Frage, denn wenn das HauS sich auch eine Verbesserungsanstalt nennt und das Wort Gefängnis oder Gefangene nie angewendet werben darf, so werden die dahin Gesandten sich doch vollständig als letztere betrachten. Der Zwang und die Freiheitsent­ziehung sind vorhanden und diese sind es doch, die einen Ort zn einem Gefängnis machen.

Die VerbcfferungSanstalt von Elmira ist nur für Männer bestimmt, von denen ca. 1500 dort Aufnahme finden können. DieBewohner" so werden die Ver­urteilten genannt dürfen nicht unter 16 Jahre sein und daS 80ste nicht überschritten haben; nur solche werden hin­gesandt, deren Strafe 20 Jahre nicht übersteigt. Trifft ein neuer Bewohner ein, so findet zuerst die übliche Säuberung desselben statt und dann muß er die Uniform des HauseS anlegen, die in einem schrvarzen Anzug be- steht.

Diese Uniformierung, die die Gefangenen denn es handelt sich hier doch um solche sofort kenntlich macht, widerspricht schon der Idee, daß man es mit Kranken zu tun habe. Allerdings findet, ehe der Ankömmling zu irgend einer Arbeit angehalten wird, eine Untersuchung desselben durch den Arzt statt, und falls dieser der Meinung ist, daß dessen Kräfte für eine anhaltende Be­schäftigung nicht hinreichen, sendet er ihn in die Turn­anstalt. In dieser wird stets eine Temperatur erhalten, die es denBewohnern" auch während des Winters ge­stattet, die Übung nur leicht bekleidet vorzuneymen. Die besten Apparate zur Stärkung der Muskeln werben ihnen hier zur Verfügung gestellt, alle Tage nehmen sie eine Schwimmstunde und werden sie einer Massage unter« worfen.

Findet dann der Arzt, daß die Kräfte des Verurteil­ten genügend gestählt seien, so sendet der Anstaltsleiter nach ihm und fragt ihn, ob er für irgend eine Beschäfti­gung eine besondere Vorliebe habe, oder doch wenigstens, ob er sich eine auszuwählen wünscht. Die verfchtedensten stehen ihm zu Gebote, nicht nur einfacher Handwerker kann er werden, sondern auch Stenographist, Maschinen­schreiber, Setzer re. übrigens werden die von den Be­wohnern der Anstalt hergestellten Arbeiten wieder ver­nichtet, resp. daS Material von neuem benutzt, da dieselbe der Privat-Jndustrie keine Konkurrenz machen will.

Auf diese Weise sucht man aus den Bewohnern der Anstalt wieder nützliche Mitglieder der menschlichen Ge­sellschaft zu machen. Doch auch ihre moralische Erziehung wird angestrebt, und daher leisten sie ihre Arbeit nicht umsonst, und steht- ihnen die erworbene Summe nach eini­ger Zeit zur Verfügung. Wie gesagt, werben die Ver­urteilten bei ihrer Ankunft mit einem schwarzen Anzug bekleidet, an dessen Stelle aber nach 6 Monaten ein blauer tritt, falls sie sich in dieser Zeit gut führen. Mit Erhalt derselben erlangt der Betreffende zugleich das Recht, seine Mahlzeit im Restaurant des Hauscs einzunehmen, dort mit anderen an einem gedeckten Tisch zu sitzen und mit diesen zu plaudern. Für dieses Mahl mutz er aber selbst bezahlen, doch darf er natürlich seinen Verdienst nicht überschreiten. Geschieht dies doch, so wird ihm zu Ge­müt geführt, daß jede 2 Mk., die er der Anstalt schuldet, seinen Aufenthalt daselbst um einen Tag verlängern, und dies hat meist den gewünschten Erfolg.

Bessert sich der Verurteilte nicht, sondern zeigt sich ungeberdig, aufsässig rc., so erleidet er Geldstrafen, die er