51 . Jahrgang.
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'^a. 63. Berlags-Fernsprecher Ro. 2983.
Samstag, den 7. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1903.
H8©r gew »Ausgabe«
Rumänien.
Wie steht es mit Rumänien? Wa§ ist die Wahrheit iüber dieses Land? Gegenwärtig ist wieder einmal eine iwr großen rumänischen Finanzoperationen im Gange, tzn denen das deutsche Kapitol in erster Linie beteiligt tst. Die Ilmwandlung der rumänischen Schatzbonds soll vor sich gehen, unter Führung der Diskontogesellschaft selbstverständlich, nnd die Bedingungen, die dem Staate hier 'gestellt werden, sind derartig, daß das darin ausgedrückte Mißtrauen doppelt mißtrariisch gegen ein Land machen darf, das sich solche Zumutungen gefallen lassen mutz. Auf die Einzelheiten brauchen wir hier nicht einzugehen; es genügt zu sagen, daß die rumänische Konversion nur Schein sein wird. Denn um 176 Millionen Frcs. Schatzscheine enrzulösen, müssen 186 Millionen Frcs. Rente ausgenommen werden! Als vor etwa einem halben Jahre Stimmen laut wurden, die die rumänischen Finanzen in grellen Farben schilderten, setzte man iit Bukarest zahlreiche Federn in Bewegung, die Nachweisen sollten, daß nur blinde Gehässigkeit aus jenen Warnungen spreche. Inzwischen haben die Finanzinstitute, von deren gutem Willen Rumänien abhängt, durch die Bedingungen für die Umwandlung der rumänischen Schatzbonds gezeigt, wie berechtigt das Mißtrauen gewesen ist und bleiben muß. Es trifft sich gut, daß ein gründlicher Kenner der rumänischen Verhältnisse, der volkswirtschaftliche Schrift- steller Hugo Ganz, soeben (im Berliner Verlage von H. S. Hermann) unter dem Titel „Reisestizzen aus Rumänien" die Ergebnisse seines dortigen Aufenthaltes während des Jahres 1902 veröffentlicht. Man bekommt ein daukenswert klares Bild von der: rumänischen Zuständen ans dem reichen Inhalt dieses Buches, das Land und Leute uns plastisch hinstellt, das uns teilnehmen läßt an vertraulichen Gesprächen mit dem Vertreter einer Großmacht, mit dem Ministerpräsidenten Stursza, mit einen: hervorragenden rumänischen Finanzmann. Tie buntschillernde Halbkultur des Landes nnrd vor uns lebendig, entsetzlicher Verfall nnd die hoffnungsreichen Möglichkeiten eines gedeihlichei: Aufschwunges ziehen in anregendem Wechsel vorüber. Von der Schärfe der Beobachtung, von dem Reichtum an Details, die das Buch gewährt, sei hier einiges, gleichsam zur Probe, wieder- gegeben. Hugo Ganz glaubt an dieMöglichkeit, Rumänien wirtschaftlich zu sanieren, aber die Aufgabe dünkt ihm viel schwerer, als sie in Ungarn gewesen ist. „Ter rumänische Bauer ist nicht wie der ungarische ein fleißiger Arbeiter smd sorgsamer Wirt, sondern ein Sklave, der seit Jahr- hunderten daran gewöhnt ist, nur das Notwendigste zu
Feuilleton.
Marokko.
Land- und Volksbilder von Dr. Matthias Korsch.
Im Vordergründe des Tagesinterefses steht gegenwärtig ein Land Nordwest-Afrikas, bas von jeher ein Herd der staatlichen Wirren und .Volksunruhen" und >,Aufstände" war.
Es ist das „Sultanat" oder der „Kaiserstaat" Marokko. Wir wollen in folgender Schilderung dieses Land und seine Bewohner, die heute wieder gegen den öultan rebellieren, kennen lernen.
Marokko ist ungefähr so groß wie Spanian und Italien zusammen. Uber dem Lande breitet sich ein herrlicher Himmel wie ein tiefblauer Riesenbaldachin dus. Sengende Sonnenglut brütet über Marokkos Gefilden un > schasst dort eine gar eigenartige Statur. Anders ist dort in lauen Nächten der Sternenglanz als bei uns. Schwellender, üppiger sind dort die Pflanzengebilöe, die im süßen Schmelz der Farben prangen und in lieblichen, wunderbaren Formen unser Auge entzücken. Aber auch die Bäume unserer Heimat findet man in jenem heißen Lande; besonders sind eS die herrlichen Stein-Eichcnmaldungen, die mit ihrem grünen Schimmer jenen Gegenden ein eigentümliches Kolorit verleihen. Olivcnwalder ziehen sich, allenthalben durch die Landschaft; auch Maisfelder trifft mau fast überall; sie geben den Gefilden ein seltsames Gepräge. Mit Vergnügen ruht des Europäers Auge auf den prächtigen, schlankaufstrebcnden Palmen, die bald in kleinen Wäldchen, bald in kleineren Gruppen oder einzeln stehen. Ihre Fiederblätter gewähren einen schönen Anblick, zumal, wenn sie im Winde bewegt zittern. Südfrüchte aller Art werden in den einzelnen Gegenden gebaut und dann in den Städten zu Markt gebracht; und so hat die Natur dieses Land reichlich mit dem versorgt, was zu des Leibes Bedarf notwendig ist. Aber wie lau kommt dieser reich spendenden Natur der Mensch hier entgegen! Kaum, daß er sich bemüht, die Gaben einzuheimsen, die sie ihm sozusagen in den Schoß wirst. Durchwandern wir Marokko, so stellen sich uns prächtige Naturscencn dar. Uns grüßt
leister:, und die regierende Klasse ist weit entfernt von dem großherzigen Patriotismus der Magyaren, die jede intelligente Kraft willkommen heißen, wenn sie nur mittun will am Ausbau des nationalen Staates; sie ist engherzig und svemüenscheu . . . Die Misere des Landes besteht heute in der Gewissenlosigkeit, mit der die regierende Klasse für ihren legitimen und illegitimen Vorteils sorgt, in dem Zudrang zu allen möglichen Beamtenpositionen und Sinekuren u:st> in der leichtsinnigen Wirtschaft m:t dem vom Auslande geborgten Gelde. Von der: anderthalb Milliarden, die das Land heute schuldet, ist die Hälfte in die Taschen der Unternehmer und Becmsten geriüsclst, für die Bauernschaft aber hat man gar nichts getan. Andere Millionen verfaulen tatsächlich. Man hat einen Centralbahnhof in Bukarest projektiert, die Pläne allein kosteten Hunderttausende, für Expropriationen wurden etwa 10 Millionen ansgegeben; seit zwölf Jahren liegen aber die Pläne wie der expropriierte Grund und Boden unter dem Staube, der schon ein Vermögen m: Zinsen allein gefressen hat. Dreimalhunderttausend Frcs. wur- den vor fünf Jahren für die Pläne eines Parlaments- Palastes verausgabt, von dem derweil tüdyt' mehr die Rede ist. Bukarest mußte eine Fontaine lumineuse haben für eine halbe Million. Die Fontaine verfällt, kein Mensch kümmert sich mehr um sie. Der Bau einer Münz- prägeanstalt kostete circa eine Million, aber die Kupfermünzen werden noch immer im Ausland geprägt. Das Postpalais in Bukarest kostete 8 Millionen, die Beleuchtung und Heizung jährlich 200 000 Frcs. Der gänzlich wertlose St. Georgs-Kanal bei Giurgiu, dessen deutsche Unternehmer in den Bankrott, Wahnsinn und Selbstmord getrieben wurden, hat drei Millionen verschlungen. Man könnte die Liste der Budgetvergeudungen noch um ein Beträchtliches fortsetzen, das Angeführte aber genügt schon, um dar^utun, wie man mit dem geborgten Gelde haust. Doch Ware die Vergeudung im Lande nicht das ärgste. Wem: aber eine weltbekannte Tänzerin in: Auslande von einem Manne, der sich als Patrioten feiern läßt, eine Apanage bezieht, die nicht weit hinter der Civilltste eines mittleren Fürsten zurückbleibt, so spürt das Land schon den Export, umsomehr, als der Fall durchaus nicht ver- enrzelt dasteht. Tie fast durchwegs verkrachten Bojaren haben ihr Geld nicht im Lande verjuckt, sondern nach Paris und Moirte Carlo getragen. Der griechffche Wucherer, der sich ihre Notlage zu Nutze macht, hat aber Vessers zu tun, als sein Geld in die rumänische^Wohl- fahrt hineinzustecken. Das böse Beispiel der Staatswirtschaft wirkt korrumpierend zurück auf die Privatwirtschaft, aus der sie — ein richtiger circulus vitiosus — entstanden. Es gibt keine öffentliche Moral. Ein Colonel, der wegen schlechter Waffenlieferung nach dem Kriege zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, ist heute unbeanstandet Besitzer eines Theaters in
der schneebedeckte Atlas, der in den blauen Himmel hin- cinragt. Vor uns dehnen wildzerklüftete Berge sich auS; auf engen, steilen Pfaden klimmen wir auf den Felsen- Hängen hinauf. Uns begegnen Maultierzügc, die gar langsam und bedächtig hinauf, hinab trotten. Wilde Menschengestalten, halbnackt und mit dunklem Gesicht und blitzenden Augen sprengen auf ihren flinken Rossen an uns vorüber. Eseltreiber ziehen an uns vorüber; es sind verdächtige, zerlumpte Gestalten, denen wir gern answeichcn. Auf unserer Wanderung treffen wir hier und da, mitten in der Wildnis der Bergwelt, auch kleine niedrige SteinhäuSchen, die an den Abhyngen wie Raub- nester kleben. Und in der Tat hält sich bei, an und auf den Bergen mancher verwegene Stamm von Räubern auf. Auch an den Küsten, die meist sandig und öde sind, begegnen wir fragwürdigen Gestalten der verschiedensten „Stämme" des Landes. Das herrschende Element der Bewohner sind die Araber. Sie lieben die Freiheit über alles und mögen sich den Launen und Befehlen dcS Sultans selten oder gar nicht fügen. Zu den von den Ureinwohnern abstammenden Einwohnern des Landes gehören die Berber und die schweifenden Kabylen, die beständig im Aufruhr gegen den Sultan sind. Sie bewohnen die unwegsamen Gebirgsgegenden der Küste und des Atlas, sowie die glntdurchhauchten Wüsten. Die Berber leben meist in Zelten nnd sind kühne Reiter, aber auch in Dörfern findet man sie; sie halten sich, wenn sie nicht auf Raub auS sind, in kleinen SteinhäuSchen auf. Mährend die Araber gastfreundlich sind, meiden die Berber und Kabylen jeden Fremden und sehen ihn nicht gern bei sich.
In den größeren Städten Marokkos treffen sich alle Abarten deS arabischen Menschenschlages, der an im- ponierender, hoheitsvoller Erscheinung, an Adel der GcstchtSbildnng den mongolisch-tatarischen Stamm der Türken weit übertrifft.
Auf Eseln oder Pferden, seltener auf dem Kamel, zieht der ernste Kabyle daher. Airs dem Innern des Landes kommen die braunen Gestalten der Biskris; sic sind in weite Gewänder gehüllt; auch ebenholzschwarze Neger zeigen sich bald da, bald dort.
Am saubersten an Körper und Kleidung hält sich der Araber, zumal der Araber reiner Abstammung. Er windet streifige oder golddurchwirkte Krcpptücher turban-
Bukarest, selbstverständlich auch Großgrundbesitzer . . ." So sieht es in Rumänien aus! Was ist da zu hoffen? Diejenigen Deutschen, die keine rumänischen Papiere haben, sollten sich dessen freue::, und diejenigen, die rumänische Papiere haben, sollten sich beeile::, sie abzustoßen. Man kam: ihneir nichts Besseres raten.
Poofeueit über W amrikanW NrWenWsl.
Von Theodore Roosevelt, der immer mehr der „Mann des Tages" zu werden scheint, veröffentlicht die Zeitschrift „The Iouth's Companion" eine:: mit seinem Namen Unterzeichneten Artikel über „die Präsidentschaft", der um so lebhafteres Interesse erweckt, weil er im Fahre 1900, als der Verfasser noch nicht einmal Vizepräsident war, geschrieben :st und so seine Anschauungen über sein jetziges Amt mit einer Offe:che:t zum Ausdruck bringt, die er heute schwerlich noch zeigen würde. Der Artikel beginnt mit einer Parallele zwischen dm Präsidenten der Vereinigten Staaten und Frankreichs. „Der Präsident der Vereinigten Staaten", schreibt Roosevelt, „nimmt eine Stellung von besonderer Bedeutung ein. In der ganzen Welt gibt es kein anderes Staatsoberhaupt, sicherlich keinen Führer eines Volkes mit freien Einrichtungen, dessen Macht mit seiner verglich«: werden kann. Natürlich hat ein despotischer Monarch noch mehr Macht; aber kein konstitutioneller Herrscher besitzt ebensoviel wie er. In der französischen und in der Schweizer Republik ist derPräsident keine so wichtigePersönlichkeit, wenigstens wenn man ihn mit dem Präsidentei: der amerikanischen Republik vergleicht! . . ." Weiter lobt Roosevelt alle Präsidenten, die Amerika gehabt hat; sie sind alle tugendhafte Bürger gewesen. „Wir haben Präsidenten gehabt, die in gewissen Krisen schwach oder nicht fähig genug ge- wesei: sind. Wir habe:: Präsidenten gehabt, deren Gesamtleistung der Republik wenig ersprießlich gewesen ist. Aber wir haben nie einen Präsidenten gehabt, aus dessen Rechtschaffenheit auch nur der Schatten eines Verdachts siel oder der nicht von dem dringlichen Wunsch beseelt war, so gut zu arbeiten, wie er es für das ganze Volk nur konnte. Die Rechtschaffenheit und die guten Wsichten waren stets Vorhandei:. Wir habe:: bis jetzt auf dem Präsidentensitz nie einen Mann gehabt, der nicht aufrichtig das Gute des Volkes gewünscht hat und dessen persönliche Bestrebungen nicht ganz ehrenhaft warm, wmn man dasselbe auch nicht in demselben Maße von gewissen Bewerbern um die Stellung, wie z. B. Aaron Burr, sagen kann. Die Korruption in dem Sinne, wie ihn das Wort gewöhnlich hat, ist unter unseren Präsidenten völlig unbekannt gewesen, und sie war ungewöhnlich seltm in ihrer Umgebung." Aber auch in dm: Beruf des amerikanischen Präsidenten gibt es Schattenseiten. „Ein
artig um den Fez; oder er schlingt Schnüre von braunem „Kamelgarn" unzählig oft um die blendendweißen Kopftücher. Sein Burnus ist von farbig gestreiftem Stoffe oder von feinem hellen Tuch mit farbiger Seide gestickt. Eine kurze, mit Stickerei bedeckte Jacke, weite Pumphosen von Tuch und die gestickte Gürteltasche, in der kostbare Waffen, Dolche, Messer, kunstvoll eingelegt und ciseliert, stecken, vervollständigen den Anzug. Unscheinbarer, in dunkle Gewandung sind die Juden gekleidet» während die schwarzen und braunen Bewohner des Landes mit der primitivsten Kleidung zufrieden sind. Ein Hemd oder ein Schurz um die Lenden, oder auch sonst ein Stück Zeug — meist ein Lappen — genügt ihnen, ihres Leibes Blöße zu bedecken.
Und wie steht es in Marokko mit den Baulichkeiten der Bewohner in Dorf und Stadt? — Wie das ganze Land, so machen auch die Städte einen gar ernsten Eindruck, man merkt, daß der „Verfall" an allem nagt. Die Städte sind meist von ruinenhaftem Aussehen. Die Gassen sind eng, schmutzig und winklig, die Häuser sind klein und ohne Fenster. Freilich sieht man auch hier und da einzelne recht nette palastähnlichc Bauten. Diese, von den Reichen und Vornehmen bewohnten Häuser öffnen dem Fremden ihre Türen nicht so leicht; deswegen vermag der Europäer auch nicht einen Einblick in das Innere dieser „Paläste" zu tun. Die Wohnungen auf den Dörfern des Landes sind klein, niedrig, unscheinbar und selten sauber.
Eigenartig und intercffant ist des Volkes öffentliche- Leben und Weben in den Städten Marokkos. In den Bazaren, vor den Moscheen, auf den Märkten kann man oft stundenlang Beobachtungen an dem Volksleben anstelle,: und gar manches malerische Bild entwickelt sich vor des Beschauers Blicken, und fortwährend wechselt Scene nur Scene. In den Straßen und auf den Plätzen bemerkt man keine Frauen, höchstens läßt sich eine grellgeputzte Jüdin in ihren Seidcnhosen nnd kurzer Jacke sehen.
An den Vorhöfen der Moscheen knieen die verschiedensten Männergestalten, einzeln und in Gruppen. Mit tiefgebeugtem Oberkörper beten sie oder halten ihre Waschungen an den Brunnen der Moschee. In den Bazaren sehen wir sie nicht nur vor dell verlockend aufgestellten Waren, in den engen Stuben der ü' r ntlichcn Schreiber und Rechtskundigen erholen sie sich Rats.
