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51 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag S» Pfg. monatlich, durch die Vost S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Samstag» den 7. Februar.

64 . Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Abend-Ausgabe.

Politische Urbersichl.

Die Etatsdebatte hat in dieser Woche in beiden Parlamenten, sowohl im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhanse, eine recht lebhafte Färbung ange­nommen, und die Vertreter der Regierung haben sich hier wie dort zu reger Beteiligung an den Etatsdebatten genötigt gesehen, wobei es auch an mancherlei Über­raschungen nicht gefehlt hat. Die größte Überraschung, 'welche freilich für das hieran am meisten beteiligte 'Centrum keine war, ist die Ankündigung des Reichs­kanzlers Grafen Bülow stber die in Bälde zu erwartende .Aufhebung des §. 2 des Jesuitengesetzes ge­wesen. Der Reichskanzler konnte sich Hierblei darauf be­rufen, daß er mit dieser praktisch verhältnismäßig be­langlosen Maßnahme tnrr einer wiederholten Forderung -des Reichstags nachkom-me. Daß aber diese Erwägung keineswegs allein ausschlaggebend für die Entschlüsse der Regierung ist, beweist die in derselben Reichstags­sitzung abgegebene Erklärung des Reichskanzlers, wonach die Regierung der noch viel häufiger und dringlicher er­hobenen Forderung des Reichstags nach Bewilligung von Diäten zur Zeit noch nicht Nachkommen könne. Immerhin scheint der Reichskanzler selbst eher ein An­hänger als ein Gegner dieser Forderung zu fein, der sich die Regierung auf die Dauer nicht verschließen kann.

Auch bei der Etatsdebatte im preitßischen Abgeordnetetthaus hatten die Regierungs- verfteter tüchtig zu tun, um den mancherlei Anzapfungen und Angriffen aus dem Hause heraus zu begegnen. Die Etatsdebatte im Wgeordnetenhause stand in dieser Woche im -Zeichen der Affären. Da war die Affäre Löhning, die Affäre Willig und die Trakchner Affäre, die sämtlich aus der Volksvertretung heraus zur Sprache gebracht wurden und zu scharfen Kontroversen Anlaß gaben, ohne daß diese Debatten eine völlige Klärung dieser Vorfälle 'herbeiführten. Die vielfach beklagten Mißgriffe und 'Übergriffe der unteren Polizeiorgane war der Bflnister 'von Hammerstein klug genug, von selbst auf das Tapet zu bringen, um so durch seine rückhaltslosen Erklärungen und durch- die Versicherung, daß er diesen Mßständen mit der größten Entschiedenheit zu Leibe gehen werde, den Angriffen aus dem Hause heraus ihre Spitze zu nehmen.

Auch eine Art freies Parlament ist es, was sich zur Zeit in Washington konstiftliert hat, um die heikelste der zur Zeit schwebenden Affären, nämlich bte. venezo­lanische, ihrer Erledigung entgegenzuführen. Aber bisher hapert es mit dieser Verständ-ignngsaktion zwischen dem unterdcß in Washington eingetroffenen Verfteter Deutschlands, dem Freiherrn Speck von Sternburg, imd den Vertretern Englands und Italiens einerseits und

dem Vertreter Venezuelas, dem amerikanischen Gesandter: Boweir, andererseits noch ganz beträchtlich, so daß das Ende dieser Verhandlungen noch nicht abzusehen ist. Die Lage hat sich dadurch erheblich kompliziert, daß nunmehr auch alle anderen Mächte, welche an VenezuÄa Forde- rrmgen haben, ihr Stück von dem ohnehür nicht allzu fetten venezolanischen Speck abschneiden wollen, während die verbündeten Mächte ihrersefts keine Neigung haben, die Kastanien, die sie sich selbst aus dem Feuer geholt haben, den anderen tatenlos dabei stehenden Mächten in den Schoß zu werfen. Das Bild dieser Verständigungs­verhandlungen wechselt Tag für Tag mit kaleidoskopischer Mannigfaltigkeit, und die Nachrichten aus Washington werden fast ebenso oft dementiert wie gemeldet.

Just so wie die Nachrichten aus Marokko. Er liebt mich-, liebt mich nicht! Nach diesem' alten Schema ist in dieser Woche der Nachrichtendienst ans Marokko ein­gerichtet worden. Abdul Aziz siegt, Buhamara siegt, Buhamara ist tot, Buhamara rückt vor, Buhamara ist entflohen, Buhamara ist gefangen, nein, er ist nicht ge­fangen! Das ist die Quintessenz dessen, was wir in dieser Woche aus Marokko erfahren haben. . Man kann sicher sein, daß dieses Nachrichtentohuwabohu sich noch einige Zeit fortsetzen und daß noch geraume Zeit vergehen wird, bis der Kronprätendent zum unwiderruflich letzten Male gefangen oder getötet werden wird.

Das Wort „Alles wiederholt sich nur im Leben", trifft nicht nur aus die Berichterstattung aus Marokko zu, sondern es bewahrheitet sich soeben auch in Frankreich, wo der Abgeordnete Jaurds das Wiederaufleben der schon nahezu vergessenen Dreyfus-Affäre ange­kündigt hat. Es bleibt abzuwarten, was chet dieser An­kündigung herauskomnit. Sonderlich groß ist die Neigung auch bei den republikanischen Parteien nicht, jene Affäre, welche Frankreich in so schwere Irrungen und Wirrungen gerissen hat, wieder aufleben zu lassen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 6. Februar.

Das Haus erledigte zunächst eine Reihe von Rech­nungssachen und setzte dann die Beratung des Spezial- Etats des Reichskanzlers und der Reichskanzlei fort. Abg. R ö s i ck e - Kaiserslautern (Bund der Landwirte) fragt, wann die Vorlage eines vom Reichstag erbetenen Gesetzes, betreffend einheifliche Überwachung des Ver­kehrs mit Nahrungs- und Genußmitteln, zu erwarten sei. Ferner fragt er, wie es sich mit einer Nachricht ver­halte, wonach mit einer Firma in Canada Absckstüsse ge­macht seien über Lieferung konservierten Fleisches für das deutsche Heer und die Marine. Dann erneuert Redner den Vorwurf gegen Direktor v. Körner, im Auswärtigen Amte bei Beratung der Zucker-Konvention irrige An­gaben über die Stellung Englands gemacht zu haben. Entgegen der damaligen Behauptung des Direktors

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

v. Körner lehne jetzt England die Verpflichtung, auch auf Prämienzucker aus seinen eigenen Kolonieen Zu­schlag zu erheben, ab. Ferner müsse er die auffallende Tatsache feststellen, daß mfler der Flagge der Vereinigten Staaten canadischer Weizen bei uns eingeführt worden sei. Da Canada im Zoll differenflert sei, so sei daraus allein für ein Fahr für unsere Reichskaffe ein Verlust von einer halben Million erwachsen. Betreffs Venezuela fordere er die Regierung auf, dort kräftig vorzugehen, ohne Rücksicht ans die Monroe-Doktrin. Redner bemerkt weiter, gestern habe der Reich-skanzler im Landwirtschasts- rat so gesprochen, wie es der Rattenfänger von Hameln nicht besser hätte machen können. Er habe aber eigent­lich nur das gesagt, was vor ihm schon der Ausschuß des Land-wirtschastsrates zur Rechtfertigung seiner Stellung zum Zolltarif gesagt habe. -— Staatssekretär v. Richthofen nimmt den Direktor Körner gegen den vom Vorredner erhobenen Vorwurf in Schutz und erklärt weiter, die Regierung habe die Konvention ratifizicrt, weil auf diese Weise das Detail des Zuckers aus den eigenen Kolonieen Englands offene Frage bleibe und als solche vor das in der Konvention vorgesehene Sch-ieds- gericht habe gebracht werden können. Was Rußland an­lange, so habe Deutschland nicht annehmen können, daß dasselbe der Konvention nicht beitreten werde. Es sei aber doch wohl zu hoffen, daß sich Rußland den Segnun­gen dieser Konvention ans die Tauer nicht verschließen werde. — Staatssekretär P osadowsky findet es unbegreiflich, daß man in Bauernständen so beharrlich Mißtrauen gegen die Regierung säe, als sei die Regierung schlapp und als fehle ihr sogar der gute Wille, der Land­wirtschaft zu helfen. Wegen der Lieferungs-Verträge über canadisches Fleisch habe er sich an die betreffenden Ressorts mit dem Ersuchen um Auskunft gewendet. So­bald diese vorliege, werde er dem Hause davon Mit­teilung machen. Wegen einer einheitlichen Nahrungs- mittel-Kontrolle von Reichs wegen seien kommissarische Verhandlungen eingeleitet. Es hätten sich dabei aber, sofort finanzielle Bedenken seitens der Finanzverwaltung dagegen ergeben, für solche Zwecke besondere Beamte des Reiches anzustellen. Daß große Mengen canadischen Weizens unter amerikanischer Flagge bei uns zu den niedrigen Zollsätzen statt zu den des autonomen Tarifs eingcgangen seien, sei unrichtig. Die Konftoll-Matz- regeln seien sehr sorgsame und würden sorgfältig ge- handhabt. — Abg. H it g (Centrum) rechtfertigt den Standpunkt der Mehrheit des Reichstages in Sachen des Zolltarifs, dessen Zustandekommen der deutschen Land­wirtschaft zum Vorteil gereiche. Redner bringt dann lokale Beschwerden und Wünsche vor aus seinem badischen Wahlkreise, welche sich ans den zollfreien Grmzverkehr mit der Schweiz beziehen. — Abg. v. Kardorff (Reichsp.) stellt nochmals fest, daß er und seine Freunde sich namentlich durch die sozialdemokratische Obstruktion bewogen gesellen hätten, den Zolltarif unter allen Um­ständen durchzusetzen. — Abg. L i e b e r m a n n von

„Ja, wenn das alles wirklich so sein könnte!" stammelte er. „Aber ich glaube uicht daran, habe zu viel Ent­täuschungen durchm-achen müssen."

„Warum nicht? Das läßt sich schon machen. Nur kein trübseliges Gesicht jetzt mehr. Halt! Da ist ein leerer Fiaker! Benutzen wir den, dann sind wir früher; unten."

Sie winkte dem Kutscher eifrig und schwatzte unter­wegs munter drauf los, von seinen Zukunftsplänen und ihrer angenehmen Gegenwart kunterbunt durcheinander.

Engler fühlte eine Art Beklemmung, als er die teppichbelegte Treppe neben der jungen Frau emporstieg und von ihr in den Salon fast hineingeschoben wurde.

„Da!" ries sie fröhlich dem ältlichen, vierschrötigen Mann zu, der ihnen befremdet entgegensah. „Hier ist ein Landsmairn von dir, ein Künstler, nebenher alter Be- kannter von niir. Ich begegnete ihm eben zufällig, und da ich- es mir lebhaft wünsche, gemalt in deinem Arbeits­zimmer über dem Schreibtisch zu hängen, nahm ich Herrn Engler gleich mit mir, um dir Gelegenheit zil geben, das Nähere zu besprechen."

Der Mann hatte ein angenehmes wohlwollendes Ge­sicht und war in sein niedliches Weib offenbar bis über die Ohren verliebt.

Zuerst wollte er milde Einwendungen machen, aber- Bilinska nahm ihn beiseite und flüsterte ihm eindring­lich zu: „Du, er braucht es so notwendig, daß ihn jemand Protegiert, und d» erfüllst mir einen Herzenswunsch. Ich bin noch nie gemalt worden, und das fehlt mir noch zu meinem Glück. Tu brauchst auch nicht eifersüchtig zu sein. Als ich den jungen Menschen kennen lernte, war er mit meiner Studiengenossin verlobt, mit der Jenny, von der ich dir erzählt habe. Bitte, sei lieb! Schlag es mir nicht ab. Sieh nur, wie schlecht und abgehungert ec aussieht!"

Und mit herzigem Schmeicheln rang sie ihm die Zu­stimmung ab, bis er sie scherzend am Ohr zupfte und zu Engler sagte: „Dieses kleine Ding macht mit mir, ivas i es will."

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckomström.

(40. Fortsetzung.)

Sie machte ein ganz entsetztes Gesicht.

„Reden Sie im Ernst?"

„Nach Scherz ist mir wahrhaftig nicht zu Mute. Man kann es mir wohl ansehen, daß ich auf den Hund ge- kommen bin."

„Herrgott! Es geht Ihnen also schleckt?"

„So schlecht, wie es einem Menschen überhaupt nur gehen kann."

Mit der ehemaligen kleinen Studeiflin ging das gute Kerz durch. Er hatte ihr immer so gut gefallen. Sie 'überlegte schnell.

„Kann man denn nichts für Sie tun?"

Er zuckte die Achseln.

„Können Sie nur zur Berühmtheit verhelfen? Können Sie mir Aufträge verschaffen? Vermutlich nicht. Also was fragen Sie noch!"

„Vielleicht könnte ich das doch!" rief sie sehr sicher, im Bewußtsein soliden Reichtum hinter sich zu haben. „Wissen Sie was? Kommen Sie gleich mit mir hinab. Wir wohnen Rue Tilsit, haben ein großes Quartier, wir sind nämlich Protzen." — Sie lachte lustig. — „Aber mein Mann ist die Herzensgüte selbst. Ich wollte zwar hier oben eine alte Bekannte besuchen, gebe dos nun jedoch auf. Sie frübstücken mit uns —"

„In dem Auszug? Unmöglich!"

„Gerade so! Es patzt zu einem Genie, ein wenig verbummelt ouszusehen."

„Halten Sie mich für ein Genie? Sie wären die erste, die das täte."

„Na wenn Sie's nicht sind, so muß man es die Leute doch glauben machen. Tie Menschen glauben ja alles, was man ihnen so recht nachdrücklich souffliert, voraus­gesetzt, daß man eine Stellung hat. Und wenn wir auch nur eine Stellung in industriellen Kreisen haben, so ist

die doch nicht zu verachten, weil die Industrie nun mal das GÄd zusammenzukratzen versteht. Sehen Sie, ich habe schon etwas von der Protzenfrau an mir."

„Sie sind sehr freundlich. Ich fürchte jedoch, Ihre gütigen Bemühungen werden erfolglos sein. Ich bin eben ein Pechvogel."

„Was?! Junger Mann, Sie unterschätzen meinen Einfluß." — Bilinska-Müller reckte sich mit komischer Würde. — „Ich wickle meinen Mann um den Finger, und wenn ich sage: „Eduard", — so heißt er nämlich. Gräßlicher Name, nicht wahr? — also wenn ich sage: „Du, ich wünsche mein Bild von diesem hervorragenden Künstler gemalt zu haben!" so geschieht es eben."

„Das wollten Sie wirklich tun?"

„Natürlich. Ich pflege nicht bloß leere Worte zu j machen. Heute treffen Sie außerdem ein paar klobig reiche Knöppe bei uns. Unter uns gesagt langweiliges Volk! Aber eitel! Haben von der Kunst keine blasse Idee. Nun werden wir ihnen zu verstehen geben, daß Sie, ein Liebling der Musen, die Herablassung haben wollen, mich, die Knopffabrikantin Müller, zu porträ­tieren, werden auch einfließen lassen, daß der berühmte Lcbrun ein Bild von Ihrer Hand besitzt, und dann wollen wir mal sehen, ob sie nicht anbeißen."

Er gab ihr stumm die Hand. Es schien ihm noch so undenkbar, daß das Glück ihm endlich einmal wieder eine Chance bieten könne, und zwar von einer Seite her, von der er es am wenigsten erwartet hatte.

Die kleine Frau aber, die selbst so dankbar für die glänzende Wendung war, die ihr Geschick genommen, steigerte sich in ihrer Hcrzensgülc zu iinmer größerem Enthusiasmus.

„Wenn Sie erst ein paar von den Geldsäcken gemalt haben, sind Sie aus den: Gröbsten heraus, veranstalten eine Kollektivausstellung, und wir werden eine neue Be­rühmtheit kreiert haben. So entstehen berühmte Leute! Das Publikum schafft sie sich, und die große Hammel­herde läuft blindlings hinterher, wo einmal die Reklame­trommel gerührt lvird."