si. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PrelS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
LN,OGO Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg.— Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg.» für auswärts 1 Mk.
- - - für Me Adenv-AuSgab« bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zu»
ANsklAkA - Anuttlfink nächstcrscheinendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ___.. , -
N«. «1. Freitag» den «. Februar. 1803.
— m m ™ ^ Kabylmstämme sowie von Norden aus der Gegend süd- llpllv ttl SklUNll.
liw von Melilla beranrückende Kabylen zu Hckfe, so Amv UHU „£tUUUU|tUH ui
Hie Eillslheiüngsslhichi in Htaotto.
Nach längerem Zögern der sich dicht vor den Toren von Fez gegenüberstehenden Heere hat der Sultan einen entscheidlenden Sieg über die Truppen der Aufständischen erfochten. Unsere beistehmde Karte gibt den hier
Kabylenstämme sowie von Norden aus der Gegend süd lich von Melilla heranrückende Kabylm zu Hllfe, so daß Buhamara zum Teil in Flanken und Rücken gefaßt, total geschlagen, sein Heer vernichtet und reiche Kriegsbeute gemacht wurde. ,
Kurz vor dem Angriff ivar die frmizosische imlrta- rische Mssion in Fez eingetrossen, deren Ankunft vielleicht bei den Ereignissen mitgewirkt hat. Sie kam ans weitem Umwege von Tanger her die Küste herab über Rabat und Mekines und ist für den Sultan vermutlich
in Betracht kommenden Kriegsschauplatz des nördlichen iRarocco wieder. , t , r . ~ f
Der Sultan hatte nach seiner Niederlage ber ^asa sich auf Fez zurückgezogen und dort von neuem seine Truppen gesammelt. Lange Zeit hindurch schien seine Lage kritisch, aber es ist ihm, bei der zögernden Kriegs- führmrg auf feindlicher Seite, vielfach unterstützt zumTeil durch Verrat, gelungen, sich nach Befestigung der Stellungen um Fez so lange zu halten, bis er den Thronpraten- deuten mit Aussicht auf Erfolg cmgreifen konnte. Hierbei kamen chm bisher feindlich gesinnte, benachbarte
sehr wertvoll gewesen. Ihre Marschlinie ist in unserer Karte durch eine starke Strichlinie verzeichnet.
Nach dm letzten Nachrichten war das Lager Buha- maras, dessm Gefolge fast gänzlich getötet oder gefangen genommen wurde, am 29. Januar vollständig überrascht worden. Die gesamtm Vorräte und Munition fielen m die Hände der Regierungstruppen, welche auch die rm Gefecht am 3. Dezember verlormen Kanonm wieder erobertm. — Über das Schicksal des Prätendmtm selbst herrscht noch Unklarheit, wie man dmn überhaupt wohl gut tun wird, weitere Einzelmeldungen abzuwarten.
Als ein Werk der erbarmenden Liebe an den Unglück« lichsten unter den Großstadtkindern stellt sich das „Kinderheim" dar. Sein Name läßt aber nur dm einen Zweck, dem es dient, erkennen, während er den anderen nicht zum Ausdruck bringt. Es ist nämlich nicht nur ein Kinderheim in erster Linie für uneheliche Kinder, sondern gleichzeitig eine Zufluchtsstätte für betörte Mädchen, die ihrer Entbindung entgegensehen oder dieselbe kürzlich- Überstunden haben und nun rat- und hilflos mit ihrem« Würmchen dastehen. Oft sind es verwaiste oder von der! Heimat durch das Erwerbsleben entwurzelte, miümter auch von ihren Eltern infolge des Fehltritts verstoßene Mädchen — fast ausnahmslos verlassen von dem, dessm natürliche Pflicht es wäre, für Mutter und Kind zu sorgen. „„ _
Vor 14 Fahren, als die Tätigkeit für diese Ver- lassmen ihre fülle Arbeit begann, waren selbst aufgeklärte Menschenfreunde im Zweifel, ob nicht diese Fürsorge wie „eine Begünstigung des Lasters", wie eine Prämie auf uneheliche Geburtm" wirkm würde, ähnlich dm Findelhäusern alten Stils. Doch ist zwischen Km- derheim und Findelhaus ein Wesensunterschied. Wahrend in diesm letzteren einfach die Kinder aufgmommm wurden, worauf die Mütter sich aller Pflichten gegm die- selben ledig fühlten, stellt die moderneZufluchtsstatte es sich zur vornehmsten Aufgabe, nicht nur für Muttm und Kind eine Zeitlang zu sorgen, sondern auch erzieherisch auf die'Iedige Mutter einzuwirken, in ihr das Gefühl den Mutterliebe zu pflegm und das der Mutterpflicht aus- zubüdm Da die allermeisten der Mädchm durchaus! keine „schlechten Personm", sondem nur schlechtberatene, weiin auch mitunter leichtfertige Mädchen sind, wird dieses Ziel fast ausnahmslos dadurch erreicht, daß sie, geschützt vor Not, einige Monate sich ihrer Klemm an- nehmen können, sie nährm, wartm und pflegen müssen. Geheir die Mädchen dann wieder in Stellung, die ihnen bei guter Führung vom „Heim" vermittelt wird, so ver- bleibm die Kinder, wenn nicht Verwandte sich ihrer an- nehmen, vielfach noch im Kinderheim, mitunter bis zur Ausschulung. Die Verbindung zwischen Mutter und Kind wird während der ganzm Zeit aufrecht erhalten. Die meistm Mädchm werden die sorgsamsten Mutter, die jedem freien Somttag-Ncichmittag ihr Kindchen be- such«!, leichte Vergnügungen meiden und sich gem zu« Zahlung des erforderlichen Kostgeldes bequemen. >
Wie sieht nun das Heim aus, in dem so Großes erreicht wird? Bei dm warmherzigen Bestrebungen Wiesbadener Damen, in der Weltkurstadt auch eine Krippe zu gründen, dürste eine Beschreibung der Einrichtung wohl interessieren. m «
In einem kleinen Gartenhaus, in sehr durstigen und ungeeigneten Räumen ward die Anstalt 1890 ins Leben
Feuilleton.
Klraßenhandel und Ktraßenblmnen.
Von Max Hesdörffer-Berlin.
Der Straßenhandel ist zwar schon ein altes Übel, wer in dm letzten Jahren hat er einen derartigen Umfang angenommen, daß er sich als eine wahre Plage erveist und in den belebtesten Straßen unserer Großstädte, speziell in Berlin, an vielm Stellen ein förmliches Hemm- üß für dm Derkebr wird. Um dieses Übel nach Möglichkeit zu beseitigen, hat das Berliner Polizeipräsidium nmerdings geplant, in 94 Straßm dm Straßenumsatz einzuschränken und in circa zweihundert wetteren Straßenzügen den mit Fuhrwerk betriebmen Handel vollständig zu verbieten, was den Ruin von etwa 15 000 Straßenexistenzen bedeuten wird. In Berlin macht sich hauptsächlich der Straßenhnndel mit Blumm fühlbar, gegen den der Handel mit altm Büchern, jungen Hunden, Streichhölzern, Obst. Sttefelschnüren, Ansichtskartm, Zeittmgm und verschiedenem Schnicksckmack erheblich zvrücktritt. Man rechnet, daß in der Reichshauptstadt mit Blumm, Obst und Gemüse auf den Sttaßen ein jährlicher Umsatz von zehn Millionm Mark erzielt wird, wovon sechs Millionm auf Obst inid Gemüse, vier Mill. auf Blumen entfallen dürften. Gegenwärtig sind alle größerm Städte nicht nur in Deutschland und Österreich, sondem in allen europäischen Ländern mit Straßenhändlern, und oft mit sehr aufdringlichen, reich gesegnet.
Der modeme Straßenhandel ist aus dmr Hausier- handel von anno dazumal hervorgegangm. Heute merkt man in dm Großstädten, abgesehen voii den armen Mausefallm verkaufmdm Slovakenjnngm, die förmliche Sklavm ihrer hartherzigm Meister sind, vonHausier- Handel iiichts inehr. Zmn letztm male machte sich der städüsche Hausierhandel vor etwa acht Jahren geltend, als die Makartbouqnetmanie ihr Ende erreicht hatte und nun Hunderte von Hausierer versuchten, die getrockneten Heubüschel auf dem Wege über d'ie Hintertreppeir an dm
Mann respektive die Frau zu bringm. Unsere Großstädte bietm kein günsüges Arbeitsfeld mehr für den Hausierer, ausgeschlossm höchstms! die Kolporteure mtt ihrm von denKöchinnen gem gekauften Schauerromanen. Haben wir auch noch keine Himmelkratzer wie die New- Uorker, so ragm doch Wohii- und Geschäftshäuser immer höher üi dm Himmel hinein, und es war eine sauere Arbeit für die Herren Hausierer, Haus für Haus trepp- auf, treppab zu laufm und sich dabei so oft abweisen zu lassm. Da sagte schließlich der gesunde Menschenverstand diesm Lmtm, was sollm wir iioch lange vier und fünf Stockwerke hoch in den Häusern umherklettem, da ist es besser, tntr stellen uns auf die Straße und warten, vis die Herrschaften zu uns kommm. ^ t , T , Zur Zeit des blühenden Hausierhandels lag der Straßenhandel noch in den Kinderschuhen und wurde auch ausschließlich von Kindern ausgeübt. Er..storiette hauptsächlich im zeittgen Frühling speziell m Süddeutsch- land, wenn erste Schneeglöckchen und Veilchen draußen blühtm. Die Jugend sammelte diese, band sie zu kleinen Sträußchen zusammen imd bot diese dm Passantm m so hartnäckiger, aufdringlicher Weise an, daß die Beschwer- dm über diese klcinm Geschäftsleute kein Ende nehmen wollten. Jetzt haben die Großen und Alten diesm Er- werbszweig an sich gerissen: die Kleinen sind aufs
Trockene gesetzt imd nur noch zur Weihnachtszeit tretm sie vorübergehend in Aktion, um die von Bttlttern gefer- tigtm Hampelmänner und ähnlichm Kram feil zu bieten. Während der verflossenen Weihnachtszeit itberftteg der Straßenhandel durch Kinder und Erwachsene alles bisher Dagewesene; ein trauriges Zeichen der herrschendm Not und Arbeitslosigkeit! ,
Aber der Straßmhandel ist heute kein Smsonge schüft mehr, er wird das ganze Jahr hindurch, ohne Ruck sicht auf dieWitterung, ausgcübt. Nun ist ja die Ansicht beim Publikum ganz allgemein verbreitet, daß die Männer und Weiber, letztere meist dm höheren Jahrgängen angehörig, die den Straßenhandel ausuben, licht- und arbeitsscheues Gesindel seien. Das trifft aber entschieden nicht zu. Was manche unserer Blumenweiber
vielleicht aus früheren Jahren auf dem Kerbholze haben, gehört der Vergangmheit an, jedenfalls sind sie letzt bs< trebt, sich auf ehrliche Weise zu emährm. Es ist wahr- lich kein Vergniigm, das ganze Jahr hindurch, Tag fuv Tag, vom Morgen bis zum späten Abend, m Sonnenbrand und Winterkälte an einer Straßenecke zu stehen^ den schweren „Bliimmkorb" im Arm, aus Käufer wartend In später Nacht kommm diese Weiber mit meist nur kargem Lohn in der Tasche rmd morgens m allen Frühe sind sie schon wieder munter, um einzukausm. und das Eingekaufte muß dann noch zu klemm Sträußchen appetitlich zusammengestellt werdm. Und das ist ein Kunststück; denn die gekauften Blumen sind meist Jmportblumen aus dem Süden, die man in feinen Blnmmhandlungm nicht mehr verarbeitet. Duft, Frisch« und Formenschönheit fehlen ihnen. Diese Blumm wer- den teils freihändig verkauft, teils versteigert, und zwav nütuiiter viele Waggonladungen an einem Tage. Di« Gauner handhaben beim Einkauf eine eigmarttgs Praxis, den Floristen des Südens um dm Ertrag seiner Arbeit zu bringm; sie machen große Bestellungen unter fingierter Adresse, die Sendungen treffen ein, sind unbestellbar und werdm mm von der Post, die wenigstens ihr Portognthabm herausschlagcn will, als leicht ver- gängliche Ware versteigert. Unter denen, die dann bieten, die sauberm Spankörbe für eine Bagatelle erstehen, befindm sich auch die Herren Gauner. Wo sich beträchtliche, für den Versand arbeitende Blummtteibe- reim befindm, wie Hamburg und Lübeck, da ziehm es die Straßenhändler vor, den Ausschuß dieser Treibereim statt der Jmportblumm abzusetzen.
Vor Jahren, als unsere deutsche Winterblnmentrer- bevei noch wenig entwickelt war, mußten auch die ^znhabev unserer modernen Blumenhandlungen die kurzsüeligm Jrnportblüten verarbeiten. Hmte ist die deutsche Gärt- nerei in der Lage, während des ganzen Winters in dev Hauptsache den Blumenbedarf zu decken. Allerdings sind unsere duftigeir und schäum dmtschen Btt,mm bedmtmd terierer entsprechen aber mich dafür den Anforderungen der Mode; wohingegen die Jmportblumm, abgesehen
