jMlup MM JOiesbaüetiet Tllgdllltt.
Uo. 61. Morgen-Ausgabe.
Freitag» den 6. Februar.
31. Jahrgang. 1903.
«t Um im Kampf iim'S Dasein zu siegen, mntz der Mensch 2 entweder viel Verstand oder das .Herz einer Bestie besitzen. L 2 Akaxim Gorki. !-»>
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(15. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Rvman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
Nachdem er wie ein Verzweifelter, die Hand auf dem Herzen und die Augen gen Himmel, gejammert hatte, bewttligte er gleichwohl die freie Reise wie auch achthundert Lire fiir jeden Monat, im Falle ihre Valentine gefallen würde. Der Sekretär ösfnfte ein Packet mit Aktenstücken und begann sofort, die gedruckten Kontrakte auszufüllen. Als das geschehen war, Unterzeichneten beide Teile beide Exemplare und Venturelli versprach, sie von dem bestiminten Tage der Abreise zu benachrichtigen. Die ganze Trupps sollte zu gleicher Zeit reisen, um die Fahrt billiger zu stellen. Auf diese Weise verriet er. daß alle Künstler freie Reise bekamen, was er kurz vorher noch als unerhört bezeichnet batte.
Elsa mußte nun den Theaterschneider aufsuchen. Er empfing sie in einem großen Saale, dessen Wände mit kolorierten 5lupferstichen von Kostümen aus allen Jahrhunderten bedeckt waren. Auf den Regalen zwischen den Fenstern lagen Bücher mit Abbildungen der Hauptfiguren, Choristen und der Coulissen aus den bekannten Opern und Schauspielen. In dem angrenzenden Zimmer prangte eine reiche Sammlung von Waffen und Schmucksachen aus allerart Metall, eingelegt mit unechten Edelsteinen und Juwelen. Der Besitzer zeigte einige Kostümbilder der Valentine, sowie mehrere fertige Kostüme, worunter Elsa wählen konnte. Eine der Näherinnen führte sie dann in ein kleineres Zimmer, um zu probieren und sie beteuerte, daß die Signora vollendet gewachsen, ein wirkliches Modell sei. Alle Mieder müßten eingenäht werden, aber sonst sei nichts einzuwenden. Die Stoffe waren prachtvoll und die Metallsückereien mit großer Kunstfertigkeit ausgeführt. Nachdem Elsa noch Schuhe, seidene Strümpfe und Perrücken gekapft hotte, waren alle Vorbereitungen zur Abreise beendet.
VIII.
Signor Venturelli war bereits mit dem Dmnpfschiff ab gereist, die ganze Truppe sollte mit der Eisenbahn folgen. Eine Masse Menschen bewegte sich im Warte- saal her und hin, Elsa und die Majorin hatten daher keine Ahnung, welche von diesen zu ihrer Gesellschaft ge- hörten. Erst als der Agent mit den Billeten erschien und sie in ein Damen-Coupd führte, stellte er ein Paar der Reisekamerabinnen vor. Es war Signora Jacob: — Soprano legere — mit ihrer Gesellschaftsdame und die Altistio Signora Bartalucci mit ihrer Duenna und Lehrerin. Man begrüßte einander, ordnete das Handgepäck und schaffte Platz für die mitfolgenden Lieblingstiere. Signorina Jacobi hatte einen Vogelbauer mit zwar Kakadus, die beiden anderen Damen eine kleine Meerkatze, die auf Baumwolle in einer Pappschachtel lag, so- wie in einem Korb einen weißen Schoßhund und eine junge Katze. Es war ein Bellen, Jammern, Flüstern und Schnattern, das nicht aufhörte, bis oer Zug sich in Gang setzte.
„Der Diavola von Impresario!" ries die alte Dame aus, welche mit der Altistin, einem ganz jungen, blonden . Mädchen reiste.
„Er sagte, daß wir über Rom und Neapel reisen würden, und nun sehe ich, wrr haben die billigsten Billete und den längsten Weg. Wir sollen am ganzen adriatischen Meerbusen hinab und kommen erst in zwei Tagen nach Messina. Die Kanaille! es ist ihm nicht möglich, ein ein- ziaes wahres Wort zu sprechen!"
~ Ihre junge Freundin flüsterte ihr etwas ins Ohr, dann schwiegen sie beide. Der Sopran und ihre Reisegefährtin sprachen deutsch.
„Ach, die Damen sind Deutsche", sagte die Majorin, freudig überrascht, eine Sprache zu hören, welche sie ver- stand.
„Aus Wien", erklärte d:e Primadonna; „aber wrr haben die letzten zehn Jahre in Italien und Spanien zugebracht. Ich liebe die Südländer. Aber von wo kommen die Damen?"
„Von Stockholm."
„Stockholm? wo liegt das?"
„Ach ja. es ist die Hauptstadt Skandinaviens."
„Min, es liegt in Rußland", beeilte sich ihre Gesellschaftsdame zu erklären.
Die Majorin bekam so Gelegenheit, von ihrem Vater- lande zu erzählen und das Gespräch wurde lebhafter.
Nach Verlauf einer Stunde begamr die Rersegesell»
schasterin der Altsttmme iir der anderen Ecke laut z« schnarchen und es trat ein allgemeines Schwelgen em» Bald schliefen sowohl Menschen als Tiere
Als es am anderen Morgen zu tagen beg ann, komm man einander zum ersten Mal genauer betrachten. DA Sopran, Signorina Jakobi, saß dort, eine üppige unj große Dame, im schwarzen Regenmantel, der um besetzt war. Sie hatte blau-schwarzes krauses Haar, Nase, Augen und Hautfarbe verrieten den mosailchen UrsprmM, Die Gesellschaftsdame war eine grauhaarige, öttM Matrone, die ganz nervös vor Angst zu sem schim, öap Signorina Jakobi frieren oder unbequem sitzen konn«^ Sie tauschten unaufhörlich die Plätze Hier zog es, dort stach die eben ausgehende Sonne ihr m die Augm, dann konnte sie es nicht verttagen, rückwärts zu fahren überall war etwas im Wege. ^ „ . . .
Signorina Jakobi nahm den brertkramprgen, nüt Federn geschmückten Filzhut vom Kopf' schwarzes Haar, wusch dann das Gesicht mit Gold-Crecan und schminkte sich mit einer weißen Flüssigkeit; kippen und Augenbrauen wurden sorgfälttg bemal-.
„Sie scheint sich nicht zu genieren', sagte Elsa auf Schwedisch zu der Majorin. r ,, r . , . ..
Während die Signora ihre Toilette beendete, wandte sich ihre Gesellschaftsdame zur Majorrn. ,.Meme Freundin hatte sich eigentlich zur Primadonna für die Oper in Paris ausgebildet", erzählte sw; ,,chr Bater spielte dort während zwanzig Jahre dre erste Wonne rm Orchester; sie debütierte auch und mit großem Gluck, aver es regten sich soviel Jntriguen und soviel Nero, daß :hr der Direktor endlich zwanzigtausend Franken bot, wenn sie daS Feld räumen wolle. Da Signora ^akob: eins geradezu ungewöhnliche Stiinme besitzt, war sie zu stolz, eine Stellung zu behalten, die man ihr nicht gönnte Ärc reisten deshalb nach Italien und Spanien, und sre sollten nur wissen, tvelche Triumphe sie hier gefeiert HM. Me großen Theater haben sich um sie geschlagen und Wcutr Picena illuminierte die ganze Stadt an ihrem Benefrz- abend; die jungen Herren spannten dre Pferde aus mw zogen selber den Wagen nach dem Hotel- Em Prinz, einer der reichsten Kavaliere in Ancona, ha.ie stch fast ihretwegen erschossen."
„Aber die Waffe, die er gegen sich richtete, war nur eine Eau de Cologne-Flasche in Form omer Pistole, warf die Signora mtt einem munteren Lächeln da- zwischen. (Fortsetzung folgt.)
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