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Nr. 189.
Sonntag» 15. Nugust.
1915.
! ■ — Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblalts. ! - ^
rf DOS TtlNlch^N." «Nachdruck verboten.)
Erzählung von Horst Bodemcr.
Herr Angrabeit saß, »me immer nach dem Mittagessen, in seinem bequemen Lehnstuhl am Fenster uns las seine „Königsberger Zeitung". Ab und zu sah er Über die Brillengläser hinweg nach dem „Spion", dem Spiegel, den man noch in Landstädten findet, in dem man überblicken kann, was draußen auf der Straße vorgeht. Das schwarze Käppchen, um das seine älteste Enkelin in Insterburg einen hellgrünen Efeukranz gestickt, hatte er ins Genick geschoben, ein langer weiß- grauer Bollbart hing ihm fast bis auf sein umfangreiches Bäuchlein herab. Der alte Herr machte den Eindruck, als ob er mit sich und der Welt höchst zufrieden sei. Und dazu hatte er allen Grund. Fünfunddreitzig Jahre war er Böttchermeister gewesen, hatte es als Müßiger und tüchtiger Mann vorwärts gebracht, vor vier Jahren hatte er das Geschäft seinem Sühne übergeben, am Jnsterburger Tore liegt es, Chatte sich das kleine Häuschen hier an der Bahnihofsstraße gekauft, das Erdgeschoß bewohnte er mit seiner Frau, das einzige Stockwerk war an den Herrn Leutnant Klovenich vermietet, der pünktlich an jedem Ersten ides Quartals mittags antrat und die Miete in Gestalt eines Lchecks bezahlte, dabei nie vergaß, seiner Frau Wirtin eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Entweder er brachte Ihr einen großen Kasten ausgezeichnetes Konfekt mit. wie cs in der kleinen ostpreußischen Stadt überhaupt nicht zu haben war, oder schöne Batisttaschentücher mit groß vingesticktem Monogramm, einmal war es sogar wundervoller, schwarzer Seidenstoff zu einem ganzen Kleide gewesen. Dafür hielt ihm aber auch seine Hauswirtin die Wohnung in tadellos-"- Ordnung, täglich wischte sie selbst Staub, sah seine ' bwäsche und das Bettzeug durch und nahm grundsätzlich kein Geld dafür. Das heißt, der Herr Leutnant bezahlte aber auch eine lehr anständige Miete. Selbstverständlich war es, daß der jjvnge Offizier, wenn er den Scheck und das Geschenk brachte, bet seinen Wirtsleuten eine ordentliche „Stange" ausgezeichneten Wacholderschnaps trank und Lin gutes halbes Stündchen sitzen blieb. Er kam überhaupt öfters einmal runter. Der Herr Leutnant war pnders wie die Herrschaften hier, wahrscheinlich, weil er vom Rheine stammte. Dort sind die Leute lustiger, redseliger als in Ostpreußen. Herr Angrabeit »rußte Vas aus seiner Hondwerksbnrschenzeit, da mar er bis an den Rhein gekommen, nach Mainz und Wiesbaden, Düsseldorf aber, woher der Leutnant stammte, kannte er nicht. Der hatte auch nicht bei den „Dusterkosaken", wie inan das Ulanenregiment hier an der russischen Grenze nannte, eintreten wollen, sondern bei den Kre- Felder Husaren, aber der Kaiser wollte iihn aus dem Kadettenkorps hierher als Fähnrich überweisen lassen. Und es gefiel dem Herrn Leutnant anscheinend in Ost- Preußen sehr gut. Und ganz prachtvoll hatte er seine Wohnung oben eingerichtet. Jedes Möbelstück war gediegene Eiche. Das heißt, seine unverheiratete Tante, Fräulein Klothilde Würmeling, hatte ihm die Wohnungseinrichtung geschenkt. Wenn Herr Angrabeit an
die kleine Dame mit den grauen Ningellocken, der spitzen Nase und dem großen Mund nur dachte, mußte er schmunzeln. Jedes Jahr kam sie einmal zu Besuch mit zehn Gepäckstücken, wollte acht Tage bleiben, und dann wurden doch drei Wochen draus. So etwas von Lebhaftigkeit gab es nicht gleich wieder auf der Welt. Die Herrn Leutnants hatten erst große Augen gemacht und die Mundwinkel hängen lassen, als sie zum ersten Male mit ihrem Neffen durch die Stadt gegangen war. Aber bald hatte sich das Blättchen gewendet, sie schwärmten durch die Bank für „Tantchen", -denn jeden Abend war etwas los mrd sie natürlich der Mittelpunkt. Und immer ging sie in Samt und Seide. Aber trotzdem wohnte sie nicht im ersten Hotel der Stadt, tm „König von Preußen", sondern bei ihrem Neffen. Vier Raume waren oben ja vollständig eingerichtet, dazu kam noch die Schrank- und Satt-elkammer und ein Badezimmer. Und eine Hauswirtin war vorhanden, wie umn sie so leicht nicht wiederfinden konnte. Ja,- Herr Angrabeit war mit seiner Eheliebsten sehr zufrieden, obgleich sie gar nicht von hier, sondern von Brandenburg cm der Havel stammte, wo er sie auf der Wanderschaft kennen gelernt, als Tochter eines ehrsamen Böttchermeisters, bei dem er nur ein paar Wochen hatte arbeiten wollen, aber es war ein halbes Jahr daraus geworden. . . . Herr Angrabeit nahm seine Zeitung wieder auf, um weiterzulesen. Denn gleich mußte seine Frau ja den Kaffee bringen, draußen hörte er den Omnibus vom „König von Preußen" mit dem klapprigen Schimmel und dem Braunen «davor heranbummeln, der Berliner V-Zug war also schon eingelaufen! Ja, wenn man sich in Gedanken einspinnt! Na, jetzt im Mai stand auch nicht viel in der Zeitung, die Politik fing schon langsam an, in die SaureguEenzeit reinzugleiten. . . Jäh ließ Herr Angrabeit das Blatt wieder fallen. Was war denn -das? Der Omnibus rumpelte nicht an seinem Hause vorbei, nach dem „Spion" sah er, wahrhaftig, er hielt vor seiner Tür. Und die schönen Koffer, die da auf dem Verdeck lagen, die sollte er doch kennen! Da sprang Herr Angrabeit auf aus seinein Lehnsessel, rückte sich das schwarze Käppchen mit der hellgrünen Efeuranke gerade auf seiner Glatze, zog die Weste über sein Bäuchlein herunter und lief hinaus.
Wahrhaftig, da kletterte das kleine KMulein Würme- ling aus dem Omnibus, aber nicht lachend wie sonst, sondern mit todernstem Gesicht. Als das Herr Angrabeit sah, verschlug's ihm einen Augenblick den Atem. Dann aber streckte er die Hand ans, schwenkte mit der andern sein Käppchen und sagte in feinem biederen Ostpreußisch:
„Aber na—in, gnädiges Frarlainchen! So aine Jberraschung! Ja, dann auch mal ärst härzlich willkommen!"
Das kleine Fräulein vergaß dem Dank, es schnappte ein paarmal nach Lust, so heftig, daß die grauen Ringellocken hin und her baumelten und sprudÄte dann in ihrem singenden Rheinisch heraus: - -
