51 . Jahrgang.
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Jüan der französischen Kammer.
Unser Pariser Korrespondent schreibt nnterm '4. Februar: Seitdem die Deputiertenkammer sich seit
14 Tagen fleißig mit dem Staatshaushalt beschäftigt, wird mitunter nützliche und greifbare Arbeit im Palms Bourbon geleistet, lvo man nur Zu oft mit unfruchtbaren Zänkereien die Zeit vertrödelt. Tie Verwvrren- heit der Parteien ist freilich nach wie vor groß und dre Ungleichartigkeit der den sogenannten Block zusammensetzenden Elemente tritt immer mehr zu Tage. Am .19. Januar hatte der frühere Kammerpräsident Paul Deschanel in einer ausgezeichneten Rede auseinander- gesetzt, daß die ministerielle Mchrheit innerlich geteilt sei, wein: sie zunächst auch noch äußerlich Zusammenhalte, und über die meisten Fragen der inneren und äußerem Politik verschiedene Ansichten habe. Die Ereignisse haben ihm seit seiner Rede Recht gegeben. Am 23. Januar kam bei Gelegenheit der Interpellation über die gegen das Heer gerichteteil Bestrebungen die innerhalb des Block» bestehende Mißhelligkeit deutlich zum Ausdruck und nocy schärfer zeigten sich die air demselben vorhandenen Sprünge bei der Beratung über das Knltllsblrdget, über den Botschaftsposten am Vatikan und über die französischen Schulen im Orient. Die in diesen Verhandlungen von der Regierung abgegebenen, wichtigen Erklärungen trugeil übrigens dazu bei, die Risse noch zu erweitern. Behaupten zu wollen, daß der Block noch ebenso unantastbar und unbefieglich dasteht, wie vor ermgen Monaten, hieße also den Tatsachen ins Gesicht schlagen. Die soz,a- Wischen Radikalen versuchen es auch gar nicht, sondern werfeil dein Ministerium- vor, die Zwistigkeiten hervorgerufen, unerhörte Worte ausgesprochen wid senr Pro- gramin verlassen zu haben. Aber die reinen Sozialisten, die sich noch gekränkter fühlen könnten, surd un Gegenteit merkwürdiger Weise duldsamer gegeii Ministerpräsident Combes. Anstatt ihn anzugreifeii, eistschuldigen und verteidigen sie ihn. In allen Polemiken, welche seit der Rede Coinbes über das Kultusbudget die Zeituirgen der äußersten Linken tülleii, siild es die Sozialisteir, welche den größten ministeriellen Eifer entfalten. Mcht aus Gründen der Disziplin, soiidern au» Berechnung unterstützen sie das Kabinett. Sie wissen schr wohl, daß an dem Tage, an welchem das unzusammenhängende Bmrd- i,is über welches sie zeitweilig als Herr uiid Gebieter schalten konnten, aus dem Leim geht, sie auf Kammer und Regierung nicht mehr den gleichen Einfluß üben werden. Jean Jauräs wird nicht wieder zum Vizepräsidenten gewählt werden und seine Freunde dürfen nicht mehr auf das Beamtenhoer zählen, wenn bei legislativen Wahlen
Unterstützung von oben dringend nötig erscheint .. machen die Sozialdemokraten der gegenwärtigen Regierung unerwartete Konzessionen, mit dem Vorbehalt natürlich, daß diese ihnen vergolten werden. Daher be- chränken sie sich darauf, obwohl sie einzelne Mitglieder des Kabinetts von Herzen hassen, gegen dasselbe nur dann zu stimmen, wenn sie wissen, daß dadrirch dessm Existeiiz nicht gefährdet ist. Wie geschickt aber auch ihre Taktik sein mag, so können sie die Ereignisse und die Abstim- mmrgen der Kammer doch nicht nach ihrem Willen lenken. Jaurds, welcher kürzlich die größte Dkühe hatte, die Einigkeit in seiner eigenen Partei notbiirftig herzustellen, kann nicht hoffen, die Einmütigkeit und die Disziplin in einer Kammermehrheit wieder herbeizuführen, von der er sich zu wiederholten Malen im Verlaufe der Budgetberatung getrennt hat. Er kann das Kabinett auch nicht verhindern, sich bald nach der Seite des gemäßigten Finanzmiiriskers Rouvier, bald nach der des radikaler Marineministers Pelletan zu neigen, wie cs Cornbes in den letzten Wochen wiederholt tun mußte. Das Talent des Sozialistenführers ist sicherlich sehr groß, aber er ist nicht der Beherrscher des Parlaments, und gerade weil er diesem seinen Willen bei vielen kurz- licheii Gelegenheiten aufzwingen wollte, stößt er heute auf ernstlicheir Widerspruch.
Wie dem auch sei, die Deputiertenkammer bietet dem Lande ein würdigeres Schauspiel dar, seit sie sich eifrig der Erörterung des Budgets hingibt und für einen Augenblick vergißt, aufreizende Probleme zu behandeln. Sie hat begriffen, daß es jetzt viel mehr darauf ankommt, das Gleichgewicht im Staatshaushalt herzustellen, als Kongregationen aufzulösen. Auch in der Störung dieses Gleichgewichts durch Initiativanträge auf Bewilligung von Krediten, durch ivelche sie in letzter Liiiie fast uniner nur Wahlzwecke verfolgten, zeigte-ii sich die Deputierten Heuer maßvoller als in den Vorjahren. Mast konnte ihnen in dieser Hinsicht sogar Lob spenden, wenn liicht vorgestern die Abgeordneten Zarraut und Vaillant ihren Antrag auf Vermehrung der Weinration der Soldaten — Mehrausgabe 1 200 000 Fres. — und der Fleisch- und Fettportion — Mehrausgabe 5 Millionen Fres. trotz des Widerspruchs des BerichtSrstatters und des Kriegsministers durchgesetzt und so das Budget wiederum und'ohne Zwang ins Schwankeii gebracht hätten, beim die Ernährung des französischeit Soldaten ist besser als die des deutschen. Tie Rede des ehemaligen Minister- präsidenteii Ribot bei der Generaldebatte über das Budget, tu welcher er kluge Anweistingen für eine ver- nünftige Behandlung der Staatsfinanzen gab, machte ersichtlichen Eindruck auf die Kammer, wenn sie sich auch noch nicht entschließen konnte, diesenRatschlägen zu folgen. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Autorität der gemäßigten liberalen Partei, deren Wortführer Ribot war, im Wachsen begriffen ist und daß sie nicht mehr so
völlig w>ie in der letzten Zeit hinter deir Radikalen und Sozialisten ini Schatten steht. Zählt doch diese Gruppe die intelligentesten Köpfe unter sich, um nur Ribot, Rouvier und Msline zu neirnen. Im Interesse Frankreichs liegt es, ivenn die überlauten Stimmen der Radikalen und Sozialisten wenigstens einigermaßen zum Schweigen gebracht werden.
Deutscher Reichstag.
Berlin, S. Februar.
Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung des
Spezial-Etats des Reichskanzlers und der Reichskanzler und des dazu gestellten Antrages Barth-Müller-Sagan auf Revision der Wahlkreis-Einteilung. — Abg. L e d e - bour (Soz.) geht zunächst auf die Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes ein. Seine Freunde seien Gegner- aller Ausnahmegesetze und wünschten deshalb gänzliche Aufhebung des Jesuitengesetzcs. Was die bevorstehen, den Wahlen anlange, so erkläre er, daß seine Fraktion die Vornahme der Wahlen an einem Sonntag beantragen werde. Weiter erörtert Redner die Diätenfragc, wobei er namentlich die Ausführungen des Fürsten Bismarck bekämpft. Tatsache sei cs jedenfalls, daß nachgerade in allen bürgerlichen Parteien es als ein schwerer Nachterl empfunden werde, nicht ohne pekuniäre Rücksicht einen Geeigneten in den Reichstag wählen und die Parole aus- geben zu können: „Fasanenjäger heraus, die rührigeren Elemente hinein". Der gegenwärtige Zwist zwischen Herrn v. Wangenheim und Genossen und dem Reichs- kanzler nebst dem edlen Dulder Podbielski sei nur eine vorübergehende Verstimmung, auf die nichts zu geben sei. Dem Antrag Barth stimmten seine Freunde zu. Alsdann wendet sich Redner gegen die Politik des Reichskanzlers. Die Weltpolitik desselben sei viel zu abenteuerlich und schneidig, wie jetzt wieder in Venezuela. Diese ganze Renommier-Politik sei nur geeignet, den deutschen Handel, die deutsche Schiffahrt aufs schwerste zu schädigen. Die Hans Dampfpolitik auf allen Meeren schaffe im Aus- lande nur Erbitterung. Ebenso schädlich sei unsere überangespannte nationale, richtiger chauvinistische Politik im Jnlande, z. B. die Polenpolitik. Redner verliest die Marienburger Kaiserrede. Ein solcher Aufruf zum Kampf gegen polnischen Übermut, gerichtet auch an englische Offiziere, sei freilich Sache des Geschmacks, ebenso der Ausruf eines preußischen Ministers im Abgeordnetenhäuser „Hie Welfe, hie Waiblingen!" Das sei keine wahrhaft nationale Politik. — Reichskanzler Graf Bülow wendet sich gegen den Vorwurf des Vorredners, er treibe abenteuerliche Politik. Daß das nicht der Fall sei, zeige Samoa und China und auch das Verhalten Deutschlands in Venezuela. Deutschland wolle dort nichts anderes, als Sicherheit, Leben und Eigentum seiner dortigen Lands- leute schützen. Eine große Flotte sei dringend notwendig
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
(39. Fortsetzung.)
Sein niedergeschlagenes Gesicht fing trotzdem an, ihr
ein wenig leid zu tun. . .
„Seien Sie doch nicht so betrübt!" meinte sie tu gutmütigem Ton. „Sie finden hier oben noch hundert Modelle für eines. Warum mutz ich es dein: gerade sein, Sehen Sie, ich brauche Mwechslung. und wer weiß, ob ich nicht später doch noch einnial wieder zu Ihnen komme. Nur müssen Sie nicht verlangen, daß ich jetzt knappe Zeiten mit Ihnen durchmache. Solche Opfersreudrgkert liegt nicht in mir." , ,, ,
Gr blieb noch einen Augenblick unschlüssig stehen. Ihr tröstender Ton schien ihni eine letzte Aussicht zu lassen, aber sie wandte sich gleichmütig ab und begann mit ihrem neuen Bekannten zu plaudern. ^
Da stülpte Engler den Hut auf den Kopf und ver-
ließ das Lokal. ..
Es ging von nun an rapide abwärts mit chm. Dre bittere Notwendigkeit zwang ihn, kleine, eilig hrnge- worfene Pfuschermachwerke herzustellen, und er nrußte noch froh sein, wenn er sie sür ein paar Franken an den
Mairn brachte. . nr .. ,
Früher hatte er dauernd lohirende Aufträge auf Kopieen aus dem Louvremuserrm gehabt und nur ncben- he'- in seinen Mußestunden nach eigenen Entwürfen ge- arbeitet Aber der Ehrgeiz, mit den Modernen gleichen Schritt zu halten, hatte ihn den mäßigen, doch sicheren Erwerb aufgeben lassen, nird der erste kleine Scheinerfolg mit seinem „Frühling" bedeutete zugleich die erste Etappe des Niedergangs in seiner vergeblichen Jagd nach Be- rühmthest. Inzwischen hatten sich die Leute, die ihn früher beschäftigten und weiter empfahlen, an andere gewandt. Er bemühte sich, wieder einen Auftrag zu er- halten, indessen ivar cs ihm nicht rechter Ernst damit, und daß man ihn abwies, gewährte ihm vor sich selbst eine Art EiitschnldigiUig, sich ausschließlich eigner pro- duktiver Tätigkeit zu widmen. Was hatte er, ein
Moderner, auch iioch mit jenen alten Vertretern einer lange verflossenen Kunstperiode zu schaffen! Er grollte ihnen. Sie standen nach seiner Ansicht jedem Fortschritt und jeder freien Entwickeluiig unberechtigt im Wege, beherrschten noch heilte die Ideen der Menschen mit ihren Dogmen. Es war hohe Zeit, daß die Jugend gegen sie Front machte und eigne Pfade ging.
Das fiebernde Verlangen ilach Erfolg verzehrte ihn, und mit verbissenem Neid sah er auf diejenigen, die, wie er sich einredete, ganz ungerechterwcise vom Schicksal begünstigt wlirden. Fast jede Woche ging ein Bildchen aus seinem Atelier hervor, und immer gab er sich der Hoffnung hin, daß irgend- eilt Kenner Gefallen daran finden und einen Liebhaberpreis dafür zahlen werde. Er war liicht in der Lage, gute Modelle nehmen zu können, und arbeitete daher lieber nach der Phantasie oder stellte mühselig aus älteren Skizzen kleine Genrebilder zusammen, die den deutlichen Stempel des Unwahren, nicht Ge- schauten trugen, und liicht einen einzigen künsllerischen Gedanken enthielten, — einerlei, wenn es nur Geld brachte!
Seine Nerven befandeii sich unter diesen Umständen in fortwährender Erregung. Er brauchte Beruhigungs- mittel. Besaß er ein paar Franken, so spielte er in irgend einer Kneipe und trank daneben stark. Das machte ihn am folgenden Tage schlaff und stumpfsinnig. Er fühlte das sehr gut und verwünschte seine Schwäche, unr trotzdem bei der nächsten Gelegenheit das näniliche
zu tun. . ^ .
Jli klaren Momenten kam ihm die Überzeugung, daß er diese Art Leben nicht lange fortführen könne, ohne seine Gesundheit vollständig aufzureibcn, und die Angst vor dem, was ihm bevorstand, wemi er krank wurde und auch nur eine Woche die elende Arbeit aussetzen mußte, trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Niemals aber verließ ihn die Idee, die allmählich zu einer krank- haften wurde, daß nur mit Fanchon das Glück wieder bei ihm einkehren könne. Sie hatte ihm so oft wieder- holt, daß es an ihrer Person hafte, bis der Gedanke zur Suggestion wurde, unter deren Einfluß er stand.
Er begegnete ihr zuweilen auf der Straße. Sie be
diente sich jetzt fast immer eines Fiakers und schien ganz obenauf zu sein, nickte ihm auch stets freundlich zu. Hätte er nur Geld gehabt, sie würde gewiß keine Schwierigkesten gemacht haben, ihm unbefangen wieder Sitzungen zu gewähren.
Hier und da versuchte er, von seinen Bekannten Anleihen zu erlangen, mußte jedoch die Erfahrung machen, daß sich einer nach dem anderen von ihm zurückzog und ihn günsstgsten Falls mit einem Fünffrankenstück und oberflächlichem Bedauern abferstgte. Vielen von ihnen schuldete er schon kleine Beträge, und das Vertrauen zu seinen Fähigkeiten, das ihn früher in augenblicklichen Verlegenheiten leicht ein größeres Darlehen hatten finden lassen', war geschwunden. Wer sich ihm jetzt zugesellte, hatte, wie er selbst, nichts zu verlieren und wenig zu gewinnen; und nach und nach fing er an, den Leuten, mit denen er früher freundschaftlich verkehrte, aus dem Wegs zu gehen. Ein Rest von Schamgefühl in ihm empörts sich 'dagegen, von ihnen hastig mit einer Silbermünze ab- geschüttelt zu werden. Einen jedoch gab es, dm er mehy als alle anderen mied, und das war Ritter.
Die unbeirrte Stetigkeit, mit welcher dieser hier seinm Weg gemacht hatte, und die allgemeine Achtung, die seiner Tätigkeit gezollt wurde, wirktm auf ihn wie der Stachel in einer offenen Wunde. Er wußte, daß Ritter ihn unterstützt haben würde, wenn er sich an ihn gewandt hätte, aber seine unbesiegliche Eitelkeit richtete zwischen ihm und jmem Schranken auf.
Wenn er hin und wieder an Jennh dachte, geschah es in zorniger Bitterkeit. Daß sie ihm einst nahe gestanden, schien so weit zurückzuliegen; ja. es kam ihm vor, als habe er weit mehr Verständnis bei Fanchon ge- funden Er sehnte sich nach ihrem munteren Geplauder. Sie wenigstens hatte an seine künstlerischm Fähigkeiten geglaubt. Und welch heitere Zeiten hatten sie miteinander
gehabt! „ ,
Nachdem cs ihm gelungm war, ihre Wohnung aus- findig zu machen, verbrachte er oft ganze Stunden wartend vor ihrer Tür, lauerte ihr auf. wenn sie aus. ging, und stand mit feinem blassen .bittenden Gesicht da, wenn sie heimkehrte.
