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51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ansgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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°SL *»*«**■>«* ‘Stmitlnn. für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur - (fVmiiUJ „ächsterschcinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. _

59. Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Donnerstag» den 5. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

IHoipgen^usgabe.

SormlpolilLsche Umschau.

— Anfang Februar. —

Im deutschen Reichsamt des Innern soll man gegen­wärtig einen großen sozialreformerischen Eifer entfalten. Manche Arbeiterschutzgesetze sollen erweitert, andere neu ausgearbeitet werden. Eine besondere Bedeutung unter den in Aussicht genommenen neuen Maßregeln besitzt die dem Bundesrat jüngst vorgelegte Novelle zum Kranken­versicherungsgesetz, die jene im sozialen Dasein des Urbeiters oft so schmerzlich empfundene Lücke beseitigt, die Zwischen dem Ende der Kranken- und bettt Beginn der Hnvalidenunterstützung bisher bestand. Die Unhaltbar­keit des jetzigen Zustandes ist so oft klargelegt und auch auf Seiten der Regierung zugegeben, daß die Annahme der Novelle vom Bundesrat und Reichstag lvohl kaum be­zweifelt werden kann. Die Krankenunterstützung soll also künftig auf 26Wochen ausgedehnt und auch die Dauer der Wöchnerinnenunterstützung auf 6 Wochen erhöht werden. Ferner will man iin Interesse der öffentlichen Gesund­heitspflege die Bestimmungen beseitigen, die bisher Ge­schlechtskranke von den Wohltaten der Krankenunter­stützung ausschlossen. Einen sozialreformerischen Aus­druck sollen auch die gutachtlichen Äußerungen finden, die der preußische Handelsminister vor einiger Zeit von den Regierungspräsidenten über die Arbeitszeiten in den Maßgeschäften für Damen- ulld Kinderkleider cinforderte. Stach den Berichten der Gewerbeaufsichtsbeamtcir aus verschiedenen Teilen des Reiches gibt es nämlich auch besonders in diesem Erwerbszweige Arbeitszeiten von übermäßiger Tauer und das Reichsamt des Innern hat daher die Frage angeregt, ob es sich enipfiehlt, die hier eine bestimmte Grenze ziehende Bestimmungen der Ge- lverbeordnung auch auf diese Maßgeschäfte auszudehnen. Ferner will rnan noch dieBeschäftigung voir Arbeiterinnen und Jugendlichen in Meiereien, in Hechelräumen und Gummiwarenfabriken besser regeln, auch soll ein Gesetz­entwurf über die Heimarbeit in der Eigarrenindustrie busgearbeitet werden und besonders will man Bestimmun­gen für einen besseren.Schutz der in den Bleifarben- und Bleizuckersabriken beschäftigten Arbeiter erlassen. Bereits jn der Beratung des Reichstages befindet sich bekanntlich der Gesetzentwurf zum besseren Schutze der in der Phos­phorindustrie tätigen Arbeiter und jene überaus wichtige und vielerörterte Vorlage über die Kinderarbeit in ge­werblichen Betrieben. Mit manchen Lücken dieser un­zweifelhaft Gesetz werdenden Vorlage muß sich der Soziäl- politker aussöhnen in der Erwägung, daß nun einmal Vollkommenes auch in sozialen Dingen schwer erreicht werden kann; aber die Rücksicht auf gewisse, leider seit

langer Zeit tief eingebürgerte Unsitten sollte denn doch nicht größer sein, als das Mitgefühl für die zu schützen­den Kinder und kluge Sorge für die Volksgesundheit. So können wir es nicht verstehen, daß man bei der Be­ratung der Verwendung von Kindern zum Austragen von Waren und Botengängen vom Regierungstisch zu stoppen versuchte mit der Bemerkung, 135 000 Kinder seien in dieser Weise beschäftigt und sie brächten den Eltern einen sehr erwünschten Verdieirst nach Haus. Die große Zahl der in dieser Art beschäftigten Kinder soll diesen Austrag- und Botendienst natiirlich nicht etwa ge­setzlich unantastbar machen, sondern sie gab ja gerade die Veranlassung gegen die schweren Mißstände, die hier herrschen, anzukämpfen. Handelte es sich um einige Dutzende Kinder, nun wohl, das soziale Elend fordert so manches Opfer, auch diese würde abseits vom Strome unserer Sozialgesetzgebung weiter still verkümmern. Aber es handelt sich um 135 000 deutsche Kinder, die nur-im Austrag- und Botendienst beschäftigt und, wie zahllose und gewissenhafte Feststellungen gelehrt haben, vielfach körperlich und sittlich zu Grunde gerichtet werden. Hier mutz die ewige Rücksichtnehmerei denn doch endlich auf­hören; kein Gewerbe ist so wichtig, um seinen Vorteil auf Kosten der Gesundheit deutscher Schulkinder suchen zu dürfen. Auch der „den Eltern sehr erwünschte Verdienst" bedeutet hier gar nichts. Wie steht es denn mit diesem Verdienst eigentlich? Es mag ja sein, daß manches Kind einen guten Pfennig Geld ins Haus brürgt, aber man darf denn doch nicht vergessen, daß bei einenr Verbot oder einer starken gesetzlichen Beschränkung der Kinderarbeit auf diesem Gebiet Raum würde für die Beschäftigung er­wachsener Personen. Ein Berufszweig, der ohne die Ab­rackerung zarter Kinder nicht bestehen kann, besitzt keine Existenzberechtigung. Wer als Sozialpolitiker diesen Grundsatz bei Fragen des Kinderschutzes nicht festhält, der wird immer nur trauriges gesetzgeberisches Flickwerk verrichten. Kinder sollen und können arbeiten, auch außerhalb der Schulzeit, ^aber es ist ein. Unterschied zwischen pädagogisch und körperlich zuträglicher Beschäf­tigung und mitleidloser Verwüstung kindlicher Gesund­heit und Moral durch lange oder ungeeignete Arbeit. Die Möglichkeit der ersteren Beschäftigung soll die Gesetz­gebung als sozial gesund erhalten, die letztere soll sie unter- allen Umständen und ohne jede andere Rücksicht, als jene auf die Gesundheit der Kinder, verhindern. Das ist alles so ganz selbstverständlich, daß gegenteilige Anschauungen stets nachdrücklich zurückzuweisen sind.

Diese Kinderbefchäftigung mit Austrag- und Boten­dienst hat sich namentlich in deutschen Großstädten ent­wickelt, wie aber dort die Gesundheit der Schuljugend be­schaffen ist, das kann man aus dem neuesten Bericht der Berliner Schulärzte über ihre Tätigkeit an den Gemeinde­schulen schließen. Von zehn Schulärzten wurden in einem Jahre 2547 Kinder vor ihrem Eintritt in die Schule

untersucht und 321, also 12 %, mußten als unfähig zu­rückgestellt werden, meistens wegen allgemeiner Körper­schwäche. Die hohen Prozentzahlen der in Großstädten Ausgewachsenen, unter denen die für den Heeresdienst Untauglichen sind, sind bekannt.

Über die gesundheitlichen Zustände der Großstadt­jugend wird man erst dann genauer unterrichtet werden, wenn das Institut der Schulärzte weiter ausgebildet ist, von dem man natürlich ebenso wertvolle Aufschlüsse über die Jugend des flachen Landes und der Klein- undMittel- städte erwarten darf. Der Allgemeiire deutsche Verein sür Schulgesundheitspflege hat im vorigen Frühjahr beschlossen, dahin, zu wirken, daß überall in Deutschland Schulärzte, sowohl auf dem Lande, wie in den Dörfern, angestellt und hygienische Unterweisungen in allenSchulen sür Lehrer und Kinder eingerichtet werden. Der zur Er­reichung dieses Zweckes damals eingesetzte Ausschuß hat jetzt eine Petition an die Einzelregierungen ausgearbeitet, die erkennen läßt, wie man sich die Grundzüge der schul­ärztlichen Tätigkeit etwa denkt. Die Schulärzte sollen alle Schulen und ihre Einrichtungen von Zeit zu Zeit untersuchen und begutachten, sollen die neu in die Schule tretenden Kinder gesundheitlich prüfen und diese Unter­suchung in gewissen Abständen wiederholen, auch sollen sie alle mit der «schule, auch int weiteren Sinne, zu­sammenhängenden hygienischenBestrebungen unterstützen, so namentlich Schulbäder, Kinderpflege aller Art ec.

Soll das Institut der Schulärzte vollen Nutzen bringen, so ist ein reges Zusammenwirken mit der Leh­rerschaft ganz unerläßlich; man wird daher darauf Be­dacht nehmen müssen, das Maß und die Form dieses Zu­sammenwirkens auch gesetzlich oder doch ortsstatutarisch überall festzulegen, um Reibungen zu vermeiden. Von sozialpolitischer Bedeutung ist auch noch der kürzlich dem Bundesrat zugegangene Gesetzentwurf über die kauf­männischen Schiedsgerichte. Ähnlich wie die Gewerbe­gerichte sür Industrie und Handwerk, soll diese neue Ein­richtung die. Rechtsprechung fiir den Kaufmannsstand er- leichtern. Das Schiedsgericht soll zuständig sein für alle Streitigkeiten, die aus dem kaufmännischen Dienst- und Lehrverhältnis fließen, und in allen Gemeinden, die bei der letzten Volkszählung mehr als 20 000 Einwohner zählten, sollen derartige Kaufmannsgerichte errichtet werden. Der Reichstag wird diesen Gesetzentwurf vor- aussichtlich schon in der nächsten Zeit beraten, da die Regierung Wert darauf legen soll, die Neuerung bereits; mit dem 1. April einzuführen. Der Vorsitzende eines! derartigen Gerichtes und seine Stellvertreter sollen nicht aus den selbständigen Kaufleuten, Handlungsgehilfen oder Lehrlingen genommen werden, die Beisitzer müssen jedoch je zur Hälste denr Stande der selbständigen Kauf­leute und der Handlungsgehilfen angehören.

Die preußische Regierung hat den staatlichen Behörden die Förderung der von Privaten ausgehenden Bestre-

Feuilleton.

Betrachtungen Uber das Lästeren.

Von Wilhelm Meyer-Förster.

Ich ging eines Tages in Berlin zu Henckels in der Leipzigerstraße und kaufte mir ein Rasiermesser. Der Verkäufer versicherte, es werde tadellos schneiden und be­dürfe nichts als einer sorgfältigen Behandlung. Man hat dazu einen Streichriemen nötig, der auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite schwarz ist und der seiner­seits ebenfalls aufmerksam — mit Anwendung von Ol — in stand gehalten werden mutz. Vor jedesmaligem Ge­brauch legt man das Messer leicht auf diesen Riemen und fährt mit jeder Seite der Schneide cinigemale die Leder- slächen entlang. Der Verkäufer machte mir das Experi­ment praktisch vor, und cs scheint auch in der Tat nicht schwierig zu sein, das Messer in solcher Weise auf dem Leder zu schärfen — obwohl ich es trotz vieler Versuche nie recht gelernt habe.

Bereits vor einer langen Reihe von Jahren hatte ich ein Rasiermesser im Besitz, ein grotzes, schweres Ding, das aus Shefsicld stammte und mir von einem Onkel sehr frühzeitig — ich glaube bei Gelegenheit der Konfirmation — zum Geschenk gemacht worden war. Es war ziemlich lange bei mir im Gebrauch, mit der Zeit aber wurde es seiner Schärfe nach einem gewöhnlichen Messer so ähnlich, daß es mit dem besten Willen nicht möglich war, den Bart damit abzunehmcn. Man sagte mir dann, es sei not­wendig, ein Rasiermesser von Zeit zu Zeit abziehen zu lassen. Ich wußte nicht, was das bedeutet, und weih es eigentlich auch heute nicht, aber ich brachte das Messer zu jemand bin, der das Abziehen besorgt und fand in der Tat, datz es jetzt für einige Zeit verwendbar war. Es ist bann noch cinigemale abgezogen worden; da aber die Zwischenräume immer kürzer wurden und das Abziehen natürlich nicht unentgeltlich geschieht, so schien es mir, !dah ich im allgemeinen billiger davonkommcn würde, wenn ich wie andere Leute mich in einem Laden rasieren liehe. Ich tat das Messer aus Sheffield in ein Fach meines 'Schreibtisches, ivo es, glaube ich, heute noch liegt.

Eine beträchtlich lange Zeit nahm ich dann regel­mäßig die Dienste des Raseurs in Anspruch, bis einmal irgend jemand mir sagte, oder ich irgendwo las, datz die einzig saubere und bequeme. Art der Barthaltung das Selbstrasieren sei, und wie man bekanntlich Ärgernisse merkwürdig rasch vergißt, so waren mir die Erfahrungen mit dem Sheffielder Messer nur noch so wenig gegen­wärtig, datz ich, wie oben erwähnt, zu I. C. Henckels ging und mir mein zweites Messer anschaffte.

Man glaubt gemeinhin und hört diese Ansicht auch häufig äußern, daß das Selbstrasieren sehr schwierig sei, aber das ist nicht der Fall. Natürlich schneidet man sich in der ersten Zeit hier und da, namentlich unterhalb der Kinnbacken, wo das Auge den Lauf des Messers im Spiegel nicht mehr genau verfolgen kann, aber diese Schnitte sind nicht schmerzhaft und könnten vielleicht gar nicht einmal bemerkt werden, wenn die betreffende Stelle sich nicht rötlich markieren würde. Man mutz nun acht­geben, datz diese kleinen und ganz unbedeutenden Wunden schnell heilen; ist das nicht der Fall, so stößt das Messer bei jedem folgenden Versuch gegen die Narbe, zerteilt sie und öffnet die Stelle von neuem. Das kann auf die Dauer unangenehm werden.

Im übrigen ist das Rasieren keineswegs schwierig, und einzig darauf mutz man bedacht sein, datz man nicht hier und da das Messer zu leicht über die Haut gehen und infolge dessen einzelne Barthaare stehen läßt, weil gerade diese vereinzelt übrig gebliebenen Haare dem Gesicht etwas Groteskes geben und jedem Fachmann anzeigcn, datz hier eine ungeübte Hand gearbeitet hat.

Es würde, wie gesagt, alles gut und schön sein, wenn das Messer selbst nicht so sehr viel Störungen veranlaßte. Man mutz cs stets in einem verschlossenen Kasten be­wahren, weil seine unvergleichliche Schärfe nur zu leicht im Haushalt den einen oder andern veranlaßt, sich dieses Messers immer dann heimlich zu bedienen, wenn ein be­sonders scharfes Instrument zu irgendwelcher häuslichen Verrichtung notwendig erscheint. Rasiermesser sind aber Gegenstände, die mit einer wunderbaren Behutsamkeit behandelt werden müssen, und der geringste Versuch, sie zu irgend welchen anderen Zwecken zu mißbrauchen, endet fast regelmäßig mit der absoluten und für alle Zukunft

unreparierbaren Gebrauchsunfähigkeit. Schließlich kommt noch ein anderes Moment hinzu, aus dem ein beständiger Kampf gegen das Selbstrasieren resultiert, nämlich die jedem Menschen eigene Bequemlichkeit. Man hat dabet allerhand Handgriffe und Verrichtungen auszuführen, die für gewöhnlich allerdings keine besondere Mühe ver­ursachen, gegen die man aber an manchen Tagen einen ganz unbcsieglichen Widerwillen empfindet. Man muh zunächst seinen Rock ausziehen, die Krawatte abbinden und den Halskragen entfernen. Man nimmt den Pinsel zur Hand, fährt damit über ein großes Stück Rasierseife» bringt die so gewonnenen Partikel in einen kleinen NapI und schlägt so lange Seife und Wasser gegen die Wände des Napfes, bis ein ganz dichter und fester Schaum ent- steht. Natürlich macht sich das alles nicht im Handum­drehen. Jetzt geht man ein Stück Papier suchen, auf das man nachher vom Messer aus die abgeschabte Seife über­tragen kann, dann erst beginnt die eigentliche Arbeit. Nach Beendigung dieser erfolgt die Reinigung des Ge­sichts und das Wiederanlegen der Kleidungsstücke. Schließlich hat man den Pinsel auszuwaschen, das Messer abzutrocknen, den Napf zu reinigen und das erwähnte Stück Papier zu entfernen, und wenn alles das geschehen ist und man das Messer wieder unter Verschluß genommen hat, ist die Prozedur beendet. Es bedarf wirklich nicht der Versicherung, datz man nicht an jedem Tage gleich­mäßig zu dem allen aufgelegt ist, und findet man dann bisweilen, z. B. wenn man sich die Haare schneiden läßt, Gelegenheit, zu beobachten, wie leicht und angenehm cs andere Leute haben, die einfach in einen Laden gehen, keine Handbcwcgung tun und sich in aller Ruhe rasieren lassen, so kommt man nach einiger Zeit in die Versuchung» an besonders schlecht gelaunten Tagen das Messer zu Hause in seinem Verschluß zu lassen und es so zu machen» wie alle übrigen. Ist man aber erst einmal von der vor- geschriebencn Linie abgewichen, so wiederholt sich das wenige Tage später von neuem, und nur ganz starke Charaktere sind im stände, der Versuchung dauernd zu widerstehen.

Nach ungefähr einem Jahr legte ich auch das Messer aus Solingen in meinen Schreibtisch neben das Sheffiel­der Messer, von der festen Absicht durchdrungen, in Zu-