Beilage jitttt Wiesbadener Tagklatl.
N». 59. Worgen-Ansgakr.
Donnrrstaa. den 5. Februar.
Kl. itfrthvrtrtrttrt. 190B.
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Das Vergnügen der Selbstzufriedenheit hängt in der £ Mehrzahl der Fälle von der Meinung anderer ab. L
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(14. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dcm Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.
Indessen verging die eine Woche nach der anderen, ohne daß Agenten oder Impresari: von sich hören ließen. Um die Miete in dem luxuriösen Hotel bezahlen zu können, mutzten sie so am Essen sparen, daß sie oftmals kaum saft wurden. Sie kauften selbst die notwendigsten Nahrungsmittel ein und speisten auf ihrem Zimmer. Um aber nicht der Geringschätzung der Dienstleute zu verfallen, vergaßen sie nie die abgenagten Fischgräten und Hühnerknochen zu verbergen und am folgenden Morgen ruf ihrem Spaziergang fortzuwerfen. Anfangs lächelten sie über diese zigeunerhafte Lebensweise, aber nach und nach fanden sie es weniger anmsant. Elsa litt unbeschreiblich, daß ihre Pflegemutter auch die unentbehrlichsten Dinge entbehren mußte. Der Schlag, der sie getroffen, hatte zum Teil ihren Ehrgeiz gelähmt, was jetzt ihren Wunsch, vorwärts zu kommen anspornte, war nur der Gedanke an die Dankbarkeit, die sie ihrer Pflegemutter schuldete. Es kam endlich der Tag, wo sie sich von ihren Schmucksachen trennen mußte. Als Elsa an diesem Abend sich zur Ruhe niederlegte, war sie ttefbettübt und bat Gott innig um Hülfe.
Der prachtvollen Domkirche gegenüber liegt Mailands berühmte Gallerte, die in Form eines Riesenkreuzes erbaut ist, mit einem Dach von Kristallscheiben. Auf beiden Setten schimmern die Läden der Diamantenhändler, und des Abends locken die Töne der Musik aus zahlreichen hellerleuchteten Kaffees.
*
Gegen Weihnachten wurde die Theatersaison eröffnet: die Vahnzüge brachten immer neue Künstter.
„Es war gewiß ein Mißgriff, daß wir hierhergereist sind", wiederholte die Majorin jeden Tag. „Auf die Italiener hier ist kein Verlaß. Ich glaube nicht, daß ein einziger von ihnen für Dich etwas tut; wir hätten doch in Frankreich bleiben sollen. Dein Platz ist an der großen Oper in Paris und nirgends sonst."
„Aber, liebe Mama, du kannst wohl begreifen, daß eine Anfängerin nicht auf dem ersten Theater der Welt sofort Primadonna sein kann", antwortete Elsa.
Während der Zeit verbrachten sie den halben Tag damtt, in dem belebten, an architektonischer Schönheit so armen Mättand, wo alles nur Geschäft und Geldgier atmet, umherzuschlendern.
Me Regenzeit kam; die Zimmer waren kalt und feucht und die Feuerung so teuer.
„Ich fange an, diese Stadt zu hassen", rief Elsa eines Tages. „Bleiben wir hier länger, fürchte ich, daß ich meine Stimme verliere."
„Gott behüte dich davor, Kind!" rief die Majorin I erschreckt. „Da ist es am besten, so schnell wie möglich ! von hier fortzukommen,"
Aber eines morgens, als Elsa schweigsam in einer Ecke des Sofas saß, trat der Kellner mit einer Visitenkarte ein; sie griff danach und las: „Carola Venturellr, Impresario, Mailand."
„Endlich!" und sie reichte die Karte der Majorin. „Bitten Sie den Herrn, im Salon zu warten, wir kommen sogleich."
„Her mtt dem blauen Seidenkleid", sagte die Majorin. „Putz' dich so fein, wie du vermagst. Monist der Schlüssel zum Koffer, ich muß mein violettes Sammetkleid mit Weißen Spitzen anzieh-en. Je eleganter, um so besser der Eindruck. Das Talent mutz in einem schönen Rahmen erscheinen."
Beide beeilten sich mit der Tottette. Elsa kräuselte rasch noch ihr Sttrnhaar, die Majorin puderte ihren ganzen Kopf, dann eilten sie die Treppen hinab, um den so lang Erwarteten zu empfangen.
Unten im Salon standen zwei Herren, der eine ganz jung, mager und dunkelhaarig —- das war der Sekretär eines der größeren Agenten. Der andere stellte sich als Signor Venturelli vor, ein korprilenter. gegen fünfzig Jahre alter, kräftig und hochgebauter Mann. Das rotbraune Haar von über das rechte Ohr gekämmt, die Lippen von einem Schnurrbart halb verborgen, waren breit und fleischig: die Augen leuchteten in allen Farben, sie standen selten still, sondern rollten rechts und links in allen Richtungen, nur nicht in der wo die Person stand, mit welcher er sprach. Die Hand, ohne Handschuh, war schlaff und dick.
„Ich habe von der herrlichen Sttmme und der Schönheit der Signora sprechen gchört; mit Rücksicht auf das Letztere kann ich glücklicherweise sofort mich von der Wahrheit überzeugen. Ich komme jetzt, um Ihnen ein Anerbieten zu machen."
„Ich danke", antwortete Elsa, „aber haben Sie die Güte. Platz zu nehmen."
Sie setzten sich.
„Welches Theater haben Sie?"
„Das Viktoria Emmanuele-Theater in Messina."
„Das ist ziemlich weit von hier", sagte Elsa unwillkürlich, „ist es nicht ein geringes Theater?"
„Gering?" toiederholte er und sperrte die Augen vor Entsetzen weit auf. „Das Viktoria Emmanuele-Theater in Messina ist das erste Theater in Europa, meine liebe Signorina. Alle Berühmthetten Italiens haben auf demselben gesungen. Dem Sänger, der dort Glück macht, sicht die Welt offen."
„Ja, es ist ein ausgezeichnetes Theater", stimmte der Sekretär ein, „und Signor Venturellr ist Siciliens erster Impresario."
„Ich habe alle Theater dort gchabt", berichtete der Impresario. „Mein Name ist bekannt von jedem Menschen, vom Prinzen bis zum Eseltreiber. Ich behandle stets das Publikum gut; ich biete stets nur gute Ware, und ich bin von meinen.Künstlern vergöttert, denn es ist noch nie geschehen, daß Carola Venturelli seine Truppe nicht bezahlt habe. Man liebt mich wie einen Freund und Vater."
„lind welche Bedingungen bieten Sie mir?" fragte Elsa, die allein das Wort führen mußte, da die Majorin kein Wort verstand.
„Nun, meine wackere Signorina, ich gebrauche zu» nächst eine Valentine für die „Hugenotten", dann ein«; Norma und wahrscheinlich auch eine Alice. Mehr Operw wird die Gesellschaft wohl kaum. während der vier* Monate geben, während welcher wir arbeiten. Ich komme: daher, um Sie zu fragen, ob Sie diese Rollen übernehmen können?"
„Ja, mit Vergnügen!" antwortete Elsa, „ich habe sie alle sttldiert. Aber wieviel bezahlen Sie?"
„Darüber werden wir schon einig werden. In Anbetracht dessen, daß Signorina Debütantin sind, mutz es schon als ein großer Dienst von mir angesehen werden, wenn ich Ihnen erlaube, in so bedeutenden Partteen aufzutreten. Ich hatte deshalb daran gedacht. Ihnen vorzuschlagen. daß Sie die erste Zeit ohne Honorar singen"
Elsa übersetzte das Ansinnen der Maiorin.
„Niemals, nein!" antwortete diese auf Schwedisch.
„Meine Mutter sagt, daß es unmöglich sei", sagte Elsa, „aber ich kann ja die Valentine singen und wenn ich gefalle, bezahlen Sie mir die nächste Rolle!"
„Veranlasse nur, daß Du das schriftlich bekommst", flüsterte die Majorin Elsa zu, „ich glaube ihm nicht."
„Nun ja! Lassen Sie uns also versuchen", ant- wartete er. „Geht es gut, dann ist es ja unser beider Vorteil, daß Sie da unten bleiben. Ach, schöne Signorina, Sie werden allen unseren jungen Kavalieren die Köpfe verdrehen. Dieses goldige Haar, diese blauen Augen und dann die Figur! Sie gleichen einem stolzen Schwan. Sie sind eine kostbare Perle, die ich entdeckt habe, ein glänzender Stern, der vom Himmel gefallen ist. Sie werden in Messina vergöttert werden, getragm auf den Händen. Ich verspreche Ihnen ein Benefiz, bevor Sie von dort abreisen, und ich werde dafür sorgen, daß Sie wertvolle Geschenke bekommen. Ich werde. selbst mit Ihnen zu allen unseren Prinzen und Millionären fahren. Sie werden einst noch dem Signor Venturelli, der Sie dahingeführt, danken. Sie werden ihn niemals bergeffertl Sehen Sie sich diesen finsteren Himmel hier im Norden an, diese schmutzigen Gassen, Regen und Schnee. Mich friert an Körper und Seele bei dem bloßen Gedanken daran! Da unten haben wir das Meer und die Sonne. Sicilien ist ein Paradies, schöne Signorina — wo die Rosen während des ganzen Winters blühen und die Sonne, Signorina, die Sonne! Sie folgen mir also, dahin?"
Elsa beriet einige Minuten mtt der Majorin und antwortete darauf: „Ja, wenn Sie vorher mit mir Kontrakt, schließen wollen und mir eine bestimmte Gage zusichcrn, sobald ich in meiner ersten Rolle gefalle. Ich muß Sie auch bitten, die Reise für unS beide zu bezahlen."
Der Impresario legte zu Tode erschreckt die Hand» aufs Herz.
„Die Reise bezahlen? Das habe ich nie früher gchörtl Sie müssen ein wenig liebenswürdig«; sein, mein« liebe, schöne Signorina. Ich habe kolossale Ausgaben!"
(Fortsetzung folgt.)
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